Calvin und die adeligen Frauen im französischen Protestantismus

Von Rosine Lambin, München

Marguerite d’Angoulême (1492-1549). Die Königin bot Protestanten in Frankreich auf ihrem Hof Schutz, bewahrte dort jedoch eine größere Meinungsfreiheit als Calvin recht war.

''Ich bitte Sie, Herr Calvin, zu Gott zu beten, er möge Ihnen die Wahrheit zeigen …'' schrieb Renée de France am 21. März 1563. Die Prinzessin diskutierte kontrovers theologisch mit dem Reformator, wie mit den (katholischen) Feinden umzugehen sei. Die politisch mächtigen Frauen Frankreichs, mit denen Calvin systematisch Kontakt aufgenommen hatte, trieben die Reformation auf ihre Weise voran. Sie schützten und unterstützten Protestanten, weigerten sich aber, harsch gegen den Katholizismus vorzugehen, und mäßigten die radikale ''Missionsarbeit mancher kalvinistischer Pastoren''. Das machte die Reformation ''lebendig und menschlich''.

1. Die Politik und die Methode Calvins
A. Die Überzeugung Calvins
B. Die Strategie Calvins
2. Die Unabhängigkeit der Frauen
A. Die Freiheit am Hof der Frauen
B. Theologische Argumente gegen Calvin

 

Dr. Rosine Lambin, Calvin und die adeligen Frauen im französischen Protestantismus. Vortrag auf der zweiten Emder Tagung zur Geschichte des reformierten Protestantismus (1999).pdf

Seit der Geburtsstunde der Reformation haben sich viele Frauen aus dem Adel für sie interessiert oder sind ganz zum Protestantismus konvertiert, sie haben die Reformation in Frankreich unterstützt und ihre Entwicklung dort erst ermöglicht. Mehrere der bedeutendsten Reformatoren in Europa standen mit adligen Frauen in Frankreich in Verbindung: Calvin, Beza, Viret, Curione, Capito, Bucer, Bullinger, Farel oder Melanchthon[1]. Die große Rolle, die einige adlige Frauen in Frankreich für die Verbreitung der Reformation gespielt haben, ist schon hinreichend dargestellt worden. Daher wird dieser Beitrag sich ausschließlich mit der Beziehung zwischen Calvin und den adeligen Frauen beschäftigen, weil Calvin eine systematische Politik der Einbeziehung der Frauen betrieben hat, um die Reformation in Frankreich zu verankern. Diese „Frauenpolitik“ Calvins ist aber von der Politik der Frauen selbst zu unterscheiden, da diese oft ihre Unabhängigkeit dem Reformator gegenüber gewahrt haben.

Die Reformation in Frankreich entwickelte sich auf dem Hintergrund eines Geschlechterkampfes[2]. Es gab viele Gräben zwischen den Geschlechtern, insbesondere waren die Frauen von den meisten Vergnügungen und den Kriegen ausgeschlossen. Zum Einen waren die lockeren Sitten des katholischen Frankreichs im XVI. Jh., Trinken und Spiele, die Prostitution, die Vorliebe für Mätressen den Männern vorbehalten. Die reformatorische Sittenzucht schützte die Frauen und lieferte ihnen theologische Argumente für eine moralische Strenge, die mit einer schmucklosen, aber kraftvollen Spiritualität in Verbindung gebracht wurde[3]. Zum Anderen dezimierten die italienischen Kriege (1494-1559) den französischen Adel und die Frauen mußten während dieser Zeit die Führung im Königreich übernehmen[4]. Während die Männer im Krieg waren, schlossen sich kalvinistische Frauen zu Dynastien zusammen: die Familie Bourbon-Vendôme und Bourbon-Montpensier, die Familie Rohan-Soubise und die Familie Châtillon[5]. Die Frauen, die sich für eine Reform der Kirche und dadurch der Gesellschaft interessierten, nutzten ihren neuen Handlungsspielraum, um das Königreich zuerst dem Humanismus, dann der Reformation zu öffnen. In diesem Sinne war die Trennung der Geschlechter im XVI. Jh. ein wesentlicher Faktor für den vermehrten Zulauf zur Reformation in Frankreich.

1. Die Politik und die Methode Calvins

A. Die Überzeugung Calvins

Dank seines politischen Spürsinnes erfasste Calvin sehr früh die Lage in Frankreich mit ihren günstigen Umständen und nahm systematisch Kontakt zu den Frauen auf, die eine politische Macht, ob klein oder groß, in dem Land besaßen. Calvin zählte auf seine Beziehungen zu ihnen, um die Unterstützung des ganzen Adels für die Reformation zu gewinnen. Er war sicher, daß die Aristokratie der Schlüssel zur Bekehrung des Königreichs wäre. Die Entwicklung der Reformation in Frankreich läßt sich in zwei Perioden einteilen: die Periode des Humanismus und gleichzeitig der Verbreitung der Reformation vor dem Ende des Konzils von Trient (1545-1563), in der viele Neuerer immer noch versuchten, die Einheit der Kirche zu retten, und die Periode nach dem Konzil, in der eine Versöhnung nicht mehr denkbar war, der Humanismus sich auflöste und die Verbreitung des Protestantismus anfing zu stagnieren. Während der ersten Periode ließ sich vor den 50iger Jahren eine eindrucksvolle Zahl adliger Frauen von der Notwendigkeit einer Reform der Kirche und während der 50iger Jahre von der Reformation überzeugen. Häufig haben Chronisten aus dem 16. und 17. Jh. den Frauen aus dem Adel Seiten gewidmet, die ihre Unterstützung der Reformation und ihre religiösen Überzeugungen beschreiben[6]. Die berühmte Episode der Festnahme von Protestanten während einer Versammlung in der rue du Faubourg-Saint-Jacques in Paris am 4. September 1557 wird oft von Historikern[7] als typisches Beispiel genannt, um hervorzuheben, wieviele Frauen aus dem Adel die Reformation in ihren Bann zog. 130 Personen, davon 21 adlige Frauen wurden mit ihrem Gefolge verhaftet. Calvin schrieb diesen Frauen, um sie zu ermutigen, als sie im Gefängnis von Châtelet einsaßen[8].

Die Taten mancher adligen Frau der ersten Periode, besonders von Marguerite d’Angoulême (1492-1549), Renée de France (1510-1575), Marguerite de France (1523-1574) oder Anne de Pisseleu (1508-1580) müssen Calvin wahrscheinlich davon überzeugt haben[9], daß sie der Reformation Türen öffnen konnten. Diese Frauen hatten schon seit den ersten Verfolgungen wegen Häresie unter Franz I.[10] Neuerer geschützt und bis zu Hunderten von Flüchtlingen während der ersten Religionskriege in ihren Herrschaftsgebieten aufgenommen[11]. Ohne diesen Schutz hätten die Ideen der Reformation kaum Fuß in Frankreich fassen können. Besonders seit ihrer Heirat mit Henri d’Albret, König von Navarra, 1527, wurden die Staaten von Marguerite d’Angoulême in Béarn ein Zufluchtsort für die, die die neuen Ideen verteidigten[12]. Marguerite empfing in ihrem Gebiet von Berry mehrere Gelehrte, die in Paris verdächtigt wurden, und bot ihnen die Gelegenheit, an der Universität von Bourges zu lehren[13], an der auch lutherische Studenten aus Deutschland Zugang hatten[14]. Calvin selbst studierte in Bourges zwischen 1529 und 1531, wo er Theodor Beza kennenlernte[15]. Außerdem stellte die Königin zum Teil ziemlich suspekte Menschen als Kammerdiener und Sekretäre ein[16], wie Clément Marot (1496-1544) oder Charles Du Moulin (1500-1566)[17], den Renée de France, Marguerite de France und Jeanne d’Albret auch später unter ihren Schutz nahmen. Was Calvin wahrscheinlich auch von der Ernsthaftigkeit dieser Frauen überzeugte, war, daß ihm Marguerite d’Angoulême während eines heftigen Skandals zur Seite stand, den die Rede vom Rektor Nicolas Cop am 1. November 1533 verursacht hatte, die vermutlich von Calvin mitverfaßt worden war. Marguerite d’Angoulême trat für Calvin ein, so daß die gerichtliche Klage gegen ihn zurückgezogen wurde [18]. Calvin erkannte auch, wie er die Frauen der königlichen Familie als Vermittlerinnen zwischen den Protestanten und der königlichen Regierung nutzen konnte: Marguerite d’Angoulême vermittelte zwischen den Neuerern und der königlichen Regierung[19], aber auch den Päpsten ihrer Zeit[20]. 1541 z.B. versuchte sie, als die Regierung Frankreichs die Protestanten seit langem verfolgte, die Verbindung zwischen dem König und Calvin wiederherzustellen: Sie versicherte sogar Calvin, daß der König mit seinen Diensten zufrieden sei [21].
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[1] Nancy Lyman Roelker. Les femmes de la noblesse huguenote au XVIe siècle. Paris 1974 (Société Historique du Protestantisme Français. Actes du colloque: L’Amiral de Coligny et son temps. Paris 24-28 oct. 1972), S. 227-250; Émile G. Léonard. Histoire générale du Protestantisme. Bd. 1 Paris 1961-1964, S. 206-210.

[2] Pierre Tucoo-Chala. Catherine de Bourbon, une calviniste exemplaire. Biarritz 1997, S. XV.

[3] Lucien Romier. Le royaume de Catherine de Médicis. La France à la veille des guerres de religion. Bd. 2 Paris 1922, S. 232.

[4] Z.B. Louise de Savoie und Marguerite d’Angoulême in 1524.

[5] Bourbon-Vendôme u. Bourbon-Montpensier: Jeanne d’Albret, Catherine de Bourbon, Isabeau d’Albret, Françoise de Bourbon. Rohan-Soubise: Michelle de Saubonne, Catherine de Parthenay, Jacqueline de Rohan. Châtillon: Charlotte de Laval, Louise de Montmorency, Madeleine de Mailly, Eléonore de Roye, Charlotte de Roye, comtesse de La Rochefoucault.

[6] Z.B. Claude Haton (1534-ca.1605). Mémoires contenant le récit des évènements accomplis de 1553 à 1582. Bd. 1 Paris 1857, S. 50; Pierre de Bourdeille, abbé et seigneur de Brantôme (ca. 1538-1614). Vie des dames illustres françoises et étrangères. (1. Aufl. 1665). Paris 1928; Pierre de l’Estoile (1546-1611). Journal. 4 Bde. Paris 1943, 1948, 1958, 1960; Jacques Auguste de Thou (1553-1617). Histoire universelle depuis 1543 jusqu’en 1607. Traduite sur l’édition latine de Londres. 16 Bde. Londres 1734; Agrippa d’Aubigné (1552-1630). Histoire universelle. Amsterdam 1626; Mémoire d’Agrippa d’Aubigné à ses filles sur les femmes doctes du siècle, publié par T. Heyer dans Théodore Agrippa d’Aubigné. Genève 1595. In: BSHPF XXI (1872), S. 192-196; Élie Benoist (1640-1728). Histoire de l’Édit de Nantes. 5 Bde. Delft 1695; Jean Le Laboureur (1623-1675). Les Mémoires de messire Michel de Castelnau, seigneur de Mauvissière. Bd. 1 Bruxelles 1731, Buch 3, Kapitel 3; Grandes Chroniques et Annales de Passe-Partout. In: BSHPF LIII (1904), S. 477.

[7] Roelker. (wie Anm. 1), S. 235; Nicolas Weiss. L’assemblée de la rue Saint-Jacques. In: BSHPF LXV (1916), S. 195-235; Émile G. Léonard. Le Protestant français. 2. Aufl. Paris 1955, S. 48 Anm. 1-2.

[8] Guillaume Baum, E. Cunitz u. E. Reuss (Hg.). Johannis Calvini Opera quae extant omnia. Corpus Reformatorum. Bd. 16 Braunschweig 1863-1900, n°2772, Dez. 1557; ebd. Bd. 17, n° 2848, 10. Apr. 1558; Guillaume Baum, E. Cunitz u E. Reuss (Hg.). Histoire ecclésiastique des églises réformées du royaume de France. Bd. 1 Strasbroug 1889, S. 143.

[9] Jules Bonnet (Hg.). Lettres de Jean Calvin recueillies pour la première fois et publiées d'après les manuscrits originaux. Lettres françaises. Bd. 2 o.O. 1854, A la duchesse de Ferrare, 16 Jan. 1561, S. 370; ebd. Bd. 1, A la duchesse de Ferrare 10. Mai 1563, S. 514; Histoire ecclésiastique des églises réformées du royaume de France. Bd. 2 Strasbroug 1841, S. 284.

[10] Besonders nach der Affaire des Placards am 18. Oktober 1534.

[11] Guillaume De Félice. Histoire des Protestants de France. 6. Aufl. Toulouse 1873, S. 41; Henri Strohl. De Marguerite de Navarre à Louise Scheppler. Quelques étapes de l’évolution de la piété protestante en France. Strasbourg 1926, S. 23; James Anderson. Les femmes de la Réformation. Bd. 1 Paris 1865, S. 75, 84; Emmanuel Pierre Rodocanachi. Une protectrice de la Réforme en Italie et en France. Renée de France, duchesse de Ferrare. Paris 1896, S. 206; Émile Doumergue. Jean Calvin. Les hommes et les choses de son temps. Bd. 2 Paris-Lausanne 1899-1927, S. 78; Roelker, S. 243.

[12] Sie empfing unter anderen Lefèvre d’Etaples, Jean Lecomte, Michel d’Arande, Pierre Toussaint, Guillaume Farel, Gérard Roussel und Louis Du Tillet, ein Freund Calvins.

[13] Z.B. Jacques Colin, Jean Chaponneau, Jean de Bournonville, Jean Gamaire, Jacques Amyot.

[14] Anderson (wie Anm. 11), S. 56; Louis Raynal. Histoire du Berry depuis les temps les plus anciens jusqu’en 1789, Bd. 3. Bourges 1846, S. 303; Léonard, S. 14.

[15] Raynal, S. 308; Jean Cadier. Calvin. Sa vie, son œuvre avec un exposé de sa philosophie. Paris 1967, S. 5-6.

[16] Auch Bonaventure Des Périers und Victor Brodeau. Eugène u. Émile Haag. La France Protestante. 1. Aufl. Bd. 7 Paris 1847-1859, S. 236.

[17] Écrivain condamné en 1564 pour son pamphlet: Faict du concile de Trente.

[18] Aimé Louis Herminjard. Correspondance des réformateurs dans les pays de langue française. Bd. 3 Genève u. Paris 1866-1897. 440, S. 114; Pierre Jourda. Marguerite d’Angoulême, duchesse d’Alençon, reine de Navarre (1492-1549). Etude biographique et littéraire. Paris 1930, S. 186 Anm. 90; Anderson, S. 85.

[19] Hauptsächlich ihr Bruder, der König Franz I. und ihr Cousin, der duc connétable Anne de Montmorency (1493-1567).

[20] Leo X. (1513-1521); Adrian VI. (1522-1523); Clemens VII. (1523-1534); Paul III. (1534-1549).

[21] Pierre Jourda. Répertoire analytique et chronologique de la correspondance de Marguerite d’Angoulême (1492-1549). Bd. 21 Paris 1930, 851 A Calvin, La Chaussière, 25. Juli 1541, S. 190.

War Calvin ein Frauenversteher? Oder doch ein Macho?

Klaus Bröhenhorst hat Johannes Calvin getroffen und ihn mit seinen eigenen Zitaten konfrontiert.
, Marie
(1490/95-1561)

Reformierte - feministische - Theologin der ersten Stunde, ehemalige Priorin, Predigerin und Autorin in Straßburg und Genf, im Streit und im Gespräch mit Johannes Calvin - Ein Beitrag von Merete Nielsen, Göttingen
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