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Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) - Reformierter Kirchenkreis

Fünf von einst über 40 reformierten Gemeinden bilden heute den Reformierten Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Liebfrauenkirche in Halberstadt

In überwiegend konfessionslos und etwa 20 Prozent lutherisch geprägter Umgebung als nach Gottes Wort reformierte Gemeinden mit eigenem Kirchenkreis zu leben, erfordert einen klaren Standpunkt ebenso wie Auskunftsfähigkeit nicht nur der Presbyterien. Eine Existenz als Minderheit im Promille-Bereich aber fördert den Zusammenhalt.

Evangelisch-reformiert in der EKM

Ein Beitrag von Paul Kluge, Pfarrer i.R., Magdeburg

Evangelisch - reformiert?
Das will erklärt sein in der Heimat Luthers, wo man evangelisch mit lutherisch gleichsetzt. Und wo es heute nur noch fünf kleine Gemeinden gibt, die sich an den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin orientieren. Die nicht Luthers Kleinen, sondern den Heidelberger Katechismus kennen. Deren Mitglieder zum Teil durch ihre Namen auffallen: Duvigneau heißen sie und Delorme, Groothuis und Groenewold. Denn ihre Vorfahren kamen als Flüchtlinge aus dem Ausland, aus Frankreich und der Wallonie vor allem.
Das war gegen Ende des 17. Jahrhundert, als Ludwig XIV die Hugenotten zu verfolgen begann. Und der reformierte Kurfürst Wilhelm von Brandenburg, der Große, sie in sein Land einlud. Dafür hatte er gute Gründe: Der Dreißigjährige Krieg und anschließende Pestepidemien hatten das Land entvölkert. Da waren jüngere, gut (aus-)gebildete, risikobereite Menschen gefragt, um Handel und Wandel wieder in Schwung zu bringen.
Und sie kamen zu Tausenden. Erhielten Bleiberecht, Anschubfinanzierung und einige Sonderrechte, „Privilegien“: Eigene Wohnviertel („Colonien“), eigene Verwaltung, eigene Gerichtsbarkeit, eigene Schulen und Kirchen.
Das ging nicht ohne Reibereien mit den Einheimischen. Gelegentlich mussten Truppen zum Schutz der Flüchtlinge eingesetzt werden. Doch als die Einheimischen bei den Fremden Arbeit fanden, Lohn und Brot, änderte sich das. Auch Mischehen förderten die Annäherung. Bald lebten sie friedlich miteinander.

Aus der Geschichte
Im Edikt von Potsdam (1685) waren für das heutige Gebiet Sachsen - Anhalts Städte für die Ansiedelung der Glaubensflüchtlinge genannt. In der vom Kurfürsten gewünschten Reihenfolge waren das die Orte Stendal, Werben, Magdeburg, Halle und Calbe/Saale.
Außer in Werben siedelten sich an allen gewünschten Orten und darüber hinaus auch in Neuhaldensleben, Halberstadt und Burg sowie in dem altmärkischen Dorf Trüstedt Hugenotten und Waldenser an. Ab 1689 kamen dann Glaubensflüchtlinge aus der von Ludwig XIV. überfallenen Pfalz hinzu, die sogenannten Pfälzer. Das waren Franzosen und Wallonen, die entweder nach der Bartholomäusnacht (1572) aus Frankreich oder wegen der Glaubensverfolgung durch Herzog Alba aus den Niederlanden in die reformierte Pfalz geflüchtet waren, und deutsche Reformierte von dort.
Im heutigen Propstsprengel Magdeburg - Halberstadt waren es die deutsch-reformierten Gemeinden in Aken/Elbe (1711); Aschersleben (1699) mit zeitweiligen Filialen in Königsaue und Ermsleben; Burg (1691) mit einer zeitweiligen Filiale in Loburg (vor 1707); Calbe/Saale (1710); Halberstadt (1664) mit zeitweilig bestehenden Filialen auf der Feste Regenstein, in Blankenburg (1762), in Hasserode/Friedrichsthal, in Dalldorf, Hötensleben, Neindorf und Walbeck; Jerichow (1685) mit Filialen in Genthin (vor 1703) sowie in Rathenow und Leopoldsburg (beide gehören heute zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg); Magdeburg (1681) mit zeitweilig bestehenden Filialen in Frohse, Salze, Schönebeck (alle um 1763) und in Hemsdorf (1771); Neuhaldensleben (1770) mit zeitweiliger Filiale in Trüstedt; Ziesar (1691) mit der zeitweiligen Filiale Reesdorf (1743).
In der Altmark entstand die deutsch-reformierte Gemeinde Stendal (Gründung: 1691).
Die deutsch-reformierte Gemeinde Barby wurde 1689 durch Herzog Heinrich von Barby gegründet, der 1688 zum reformierten Bekenntnis übertrat.
Im Bereich des heutigen Propstsprengel Halle – Naumburg entstanden deutsch-reformierte Gemeinden in Halle (1688) mit den zeitweiligen Filialen in Schraplau (1785 – 1869?), Wettin (1703) mit zeitweiligen Filialen in Rothenburg (um 1705), Löbejühn (1703) und Alsleben, Mansfeld (1693) und Gerbstedt (um 1780).
In Kirchenbüchern, aber auch in Telefonbüchern, in Kirchen und an Gebäuden finden sich noch heute Spuren der dort einst beheimateten Evangelisch-reformierten Gemeinden und Menschen. Denn wo immer damals Reformierte siedelten, haben sie „der Stadt Bestes“ gesucht, sich als Unternehmer und Lokalpolitiker für ihren Ort engagiert, vornehmlich im sozialen Bereich.

Lebendige Gemeinden
Die einst 40 Evangelisch-reformierten Gemeinden und Filialgemeinden repräsentierten um 1900 rund 17.500 Gemeindeglieder, 1945 bestanden noch zehn Gemeinden. Zu den heutigen fünf reformierten Gemeinden gehören nur noch etwa 1.500 Mitglieder, allerdings mit steigender Tendenz.
Sie sind als Personalgemeinden organisiert. Das bedeutet oft lange Wege zum Gottesdienst und anderen Gemeindeveranstaltungen, denn die Gemeindeglieder wohnen in der ganzen Stadt verstreut. Wer – auch als Reformierter - zu einer reformierten Gemeinde gehören will, teilt ihr das schriftlich mit. Diese Möglichkeit haben auch Einwohner von Orten ohne Evangelisch-reformierte Gemeinde in der ganzen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
In der „Leuenberger Konkordie“ haben europäische evangelische Kirchen 1973 festgestellt, dass es zwischen ihnen keine kirchentrennenden Unterschiede gibt. Sie haben daher Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft vereinbart, praktizieren seitdem eine „versöhnte Verschiedenheit.“ Die reformierten Gemeinden pflegen mit den anderen Kirchengemeinden am Ort gute Nachbarschaft, machen vieles gemeinsam, was gemeinsam möglich ist.
In Aschersleben, Burg, Halberstadt, Halle und Magdeburg sind Evangelisch-reformierte Gemeinden als etwas andere Gemeinden mit eigener Tradition lebendig. Zu ihren Besonderheiten gehört, dass
die Bibel alleiniger Maßstab kirchlicher Lehre und gemeindlichen Lebens ist;
Altes und Neues Testament als gleichwertig betrachtet werden;
sie das biblische Bilderverbot ernst nehmen;
die Gottesdienste mit schlichter, leicht zugänglicher Liturgie auf die Verkündigung des Wortes Gottes konzentrieren;
das Singen der alttestamentlichen Psalmen große Bedeutung hat und diese Melodien weltweit von allen Reformierten gesungen werden;
die Gemeinden ihre Angelegenheiten weitgehend selbst regeln und das „Wächteramt“ kennen, weshalb sie sich in das einmischen, was in der Gesellschaft geschieht;
ihre Pastorinnen und Pastoren keine Sonderstellung als „Geistliche“ genießen und „Laien“ ihnen gleichrangig sind;
ihre Verfassung presbyterial-synodal ist und Aufgaben nach dem Subsidiaritätsprinzip von „unten“ nach „oben“ delegiert werden.

Die Evangelisch-reformierte Gemeinde in Aschersleben trifft sich im renovierten Gemeinde- und Pfarrhaus im Zentrum der Stadt. Die Aschersleber Douglasstraße erinnert an den aus Schottland gebürtigen Prediger William Douglas, der 1828 die „rote Erde“ an der Staßfurter Höhe als Braunkohle identifizierte und gemeinsam mit seinem Sohn Gustav den Abbau initiierte. Enkel Hugo, Besitzer mehrerer Kaligruben und Landtagsabgeordneter, wurde wegen seines sozialen Engagements geadelt. Bis ins zwanzigste Jahrhundert fanden zahlreiche Aschersleber in der Tuchfabrik Eltze und beim Handschuhmacher Lüders Arbeit.
Im Gemeindehaus zeigt eine Bildergalerie die Portraits aller Predigerinnen und Prediger von der Gründung der Gemeinde 1699 bis in die Gegenwart.
Adresse: Markt 28, 06449 Aschersleben, Tel. 03473-80 28 33

Die Evangelisch-reformierte Gemeinde in Burg zeigt Geschichte und Wirkung der reformierten Stadtbewohner im Hugenottenkabinett. Es ist im reformierten Pfarrhaus untergebracht und als „Kultur- und Forschungsstation“ konzipiert. Da die Gebäude der einstigen Französischen Kolonie fast komplett erhalten sind, kann die Gemeinde neben Ahnenforschern häufig auch Städtebauhistoriker begrüßen.
Die ab 1689 eingewanderten Hugenotten betätigten sich in Ackerbau und Pflanzenzucht (Tabak), das Land gewannen sie durch Trockenlegung stadtnaher Sümpfe. Ab 1725 stellten die Reformierten den Bürgermeister und die Mehrzahl der Stadthonoratioren. Der Engländer Samuel Aston gründete 1836 eine Maschinenbaufirma und eine Eisengießerei.
Adresse: Bruchstr. 4, 39288 Burg, Tel. 03921-22 93

Die Evangelisch-reformierte Gemeinde in Halberstadt feiert Gottesdienste in der romanischen Kirche Unserer Lieben Frauen – einer der Höhepunkte an der Straße der Romanik. Außerdem ist die Gemeinde Trägerin eines Kindergartens und mit der Evangelischen Grundschule eng verbunden. Die ab 1699 in der Stadt siedelnden Flüchtlinge etablierten sich vor allem als Handschuhmacher. 60.000 Paar pro Jahr produzierten sie um 1750, doch im 19. Jahrhundert zerfiel die Französische Kolonie.
Deren heruntergekommene barocke Kirche kaufte der Halberstädter Kommerzialrat Klamroth und schenkte sie 1915 der Stadt, um eine Konzerthalle einzurichten. Sie wurde im Krieg zerstört. Noch heute sind Klamroths in der Gemeinde aktiv, Wiebke Bruhns geb. Klamroth ist als Fernsehjournalistin und Autorin weithin bekannt.
Adresse: Domplatz 46, 38820 Halberstadt, Tel. 03941-2 42 10

Die Evangelisch-reformierte Gemeinde in Halle hatte schon 1577 einen Domprediger, der in seiner erzlutherischen Umgebung reformierte Theologie predigte. Doch erst nach dem Zuzug französischer Flüchtlinge 1681 gründeten diese Manufakturisten und Kaufleute eine reformierte Gemeinde, gleich mit Schule und Kantorei. Seit 1688 finden im Dom reformierte Gottesdienste statt, und Georg Friedrich Händel war dort kurzzeitig Organist. Zahlreiche Lehrer der Franckeschen Stiftung und etliche Hochschullehrer kamen aus der reformierten Gemeinde.
Als die Hallenser Universität ein Lehrstuhl für Reformierte Theologie erhielt, baute die Gemeinde das heute noch bewohnte Studienkonvikt für deutsche und ausländische Studierende.
Adresse: Kleine Klausstr. 6, 06108 Halle, Tel. 0345-20 213 79

Die Evangelisch-reformierte Gemeinde in Magdeburg versammelt sich in der Sakristei der einstigen Augustinerklosterkirche. Im angrenzenden Kloster wohnte Luther, wenn er in Magdeburg war. Diese Kirche bekamen 1694 die aus der Wallonie geflohenen Reformierten übereignet; sie heißt seitdem „Walloner Kirche.“
Seit 1975 dient deren Sakristei als „reformierte Kapelle“ der 1950 vereinigten Deutsch-, Französisch- und Wallonisch-reformierten Gemeinden als Gottesdienstraum.
Zahlreiche Namen von Straßen und Plätzen in der Stadt, Gebäude und Denkmäler erinnern an bedeutende Magdeburger Reformierte. Die 1633 durch Tilly völlig zerstörte Stadt wäre ohne die ausländischen Flüchtlinge wohl nicht neu erblüht.
Adresse: Neustädter Str. 6, 39104 Magdeburg, Tel. 0391-54 340 57

Weitere Informationen zum reformierten Kirchenkreis in der EKM:
- in den zweimaljährlich erscheinenden „Mitteilungen“, hrsg. von Pfr. i.R. Paul Kluge.
Die Ausgabe 2 - 2008 hier als PDF:
Wir Reformierten - Mitteilungen für nach Gottes Wort reformierte Christen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Weitere Ausgaben oder ein kostenloses Abonnement zu bestellen bei Paul Kluge, Kontaktadresse und E-Mail im Impressum (PDF)


Paul Kluge, Pfarrer i. R., Magdeburg
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