Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Diakonie (in) der Gemeinde

Gemeinden entdecken eine ihrer ureigensten Aufgaben wieder.

Paul Kluge vertritt in einem Impulsreferat die These, dass Gemeindearbeit in einem viel weiteren Sinn als oft angenommen, diakonische Arbeit ist.

Diakonisches Handeln gehört zu den ureigensten Ämtern der Gemeinde. Heilende Verkündigung und verkündigendes Heilen waren für Jesus eins und untrennbar miteinander verbunden. Doch bereits die Apostel trennten die Aufgaben in so fern, als sie für das verkündigende Heilen geeignete Menschen als Diakone einsetzten, um sich selbst auf die heilende Verkündigung konzentrieren zu können (Apg 6). Luther läutet mit seiner Übersetzung von Apg 6 eine Entwicklung ein, unter der das Miteinander von Kirche und Diakonie bis heute zu leiden hat: Die Apostelgeschichte spricht griechisch von der „diakonia“ der Verkündigung und von der „diakonia“ der Armenfürsorge. Luther übersetzt das erste Diakonia mit „Amt“ der Verkündigung und das zweite mit „Dienst“ der Armenfürsorge...

Gemeindearbeit als diakonische Arbeit

Die gesellschaftliche Entwicklung im Osten bedeutet für diakonische Einrichtungen wie für Kirchengemeinden, sich neben den vermehrt nötigen Einzelfallhilfen verstärkt gesellschaftsdiakonisch zu engagieren. Beides wird auch weitgehend praktiziert, denn ein großer Teil der Aktivitäten (in) einer lebendigen Gemeinde sind diakonische Aktivitäten. Gemeindearbeit ist diakonische Arbeit, wenn und wo sie sich der von individueller und gesellschaftlicher Not betroffenen Menschen an- und auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss nimmt - sie bleibt aber Gemeindearbeit. Und das im doppelten Sinne: Arbeit aus der und durch die Gemeinde - sowie Arbeit an der und für die Gemeinde. Osteuropa- oder Dritte-Welt-Gruppen z. B., die sich um Not leidende Menschen in der Ökumene kümmern, bringen gleichzeitig Anregungen und Leben in ihre eigenen Gemeinden. Der konziliante Prozeß der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist ein im weitesten Sinne diakonischer Prozess, denn es geht um das Leben von Menschen, um das Leben der Menschen in dieser Zeit und Welt: „Arme soll es bei euch überhaupt nicht geben“ (Dt. 15,4).

Diakonie im Neuen Testament

Das viel beschworene Proprium besteht im gelebten Glauben, in der Erfüllung des Doppel- (bzw. Dreifach-)gebots der Liebe also; es besteht in der nicht nur für sich selbst akzeptierten, sondern im Umgang mit anderen praktizierten Rechtfertigung des Menschen.

In der Bibel finden sich drei markante Antworten, was Diakonie ist: Bei Matthäus lese ich von den Werken der Barmherzigkeit. Hier wird aufgezählt, was jeder Mensch einem anderen tun kann: Hungrige speisen, Durstende tränken, Ausländer aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene begleiten. Hier geht es um eine unorganisierte, eine spontane Diakonie.

Die Apostelgeschichte berichtet davon, dass die Prediger der ersten Gemeinde sich schon bald damit überfordert sahen, auch noch für die Versorgung der Armen zuständig zu sein. Also beriet man und beschloss, „Männer voll Geist und Weisheit“, Profis also, für die Sozialarbeit der Gemeinde zu berufen - die Geburtsstunde der institutionalisierten Diakonie. Und selbstverständlich wurden die Berufenen per Handauflegung in ihren Dienst eingeführt.

Dann gibt es drittens noch den barmherzigen Samariter, jenen Mann, der spontan half, wo es nötig war. Und als er seine Möglichkeiten zu helfen ausgeschöpft hatte, überwies er den Leidenden zur weiteren Behandlung in eine stationäre Einrichtung. Hier handelt es sich also um die Zusammenarbeit, um das Miteinander von spontaner Diakonie mit der institutionalisierten Diakonie (in) der Gemeinde.

Beispiele aus der Praxis

In einer konkreten Stadt mit 50.000 Einwohnern gibt es kirchliche Kindergärten, eine Eheberatungs- und eine Suchtberatungsstelle, Diakonie-Sozialstationen, einen Dritte-Welt-Laden, eine Bahnhofsmission, eine Seemannsmission, ein Wohnheim mit Werkstatt für Behinderte, ein Seniorencafé, eine Familienbildungsstätte, ein Altenpflegeheim, Beratungsstellen und gewiss noch manche diakonische Einrichtung mehr.

Und in zwei nahegelegenen Dörfern mit zusammen 500 Gemeindegliedern? Nichts. Jedenfalls nichts Vergleichbares. Nur eine fünftel Gemeindeschwester, mit anderen Gemeinden geteilt. Nur einmal monatlich ein Seniorennachmittag. Ein paar Mütter haben nur einen Spielkreis für Drei- bis Sechsjährige im Gemeinderaum organisiert. Der Frauenkreis besingt nur alle Geburtstagsjubilare ab 70. Im Pfarrbüro steht nur ein Regal mit Dritte-Welt-Waren. Nur ein paar Tippelbrüder finden im Sommer Unterkunft und Arbeit bei ein paar Bauern. Aber sonst? Eigentlich nichts - außer dass nachbarschaftlich Kranke besucht und die pflegenden Angehörigen mal abgelöst werden. Außer dass die Angehörigen eines Verstorbenen selbstverständlich von den Nachbarn umsorgt und begleitet werden. Außer dass eine ältere Frau das behinderte Kind einer Nachbarin für vier Wochen aufnimmt, damit die Mutter in einer Müttergenesungskur wieder Kräfte sammeln kann. Außer dass einer armen Familie mit vielen Kindern Kartoffeln, Obst, Gemüse aus den Gärten gegeben werden. Außer dass mit benachbarten Pfarrhäusern Kinderkleidung und Spielzeug gesammelt, getauscht und an bedürftige Familien verteilt werden. Außer dass Jugendliche zum Muttertag und zum Totensonntag Blumen verkaufen - Erlös für Brot für die Welt. Außer dass Konfirmanden ans Haus gefesselte Alte und Kranke besuchen, um ihnen vom Kassettenrecorder den Sonntagsgottesdienst vorzuspielen. Außer dass die Kirchengemeinde einkommensschwachen Familien zu günstigsten Bedingungen Bauland in Erbpacht zur Verfügung stellt. Außer dass der Gemeindepfarrer öfter im Sozialamt und im Jugendamt ist als im Kirchenamt. Außer sicherlich auch sonst noch mancher diakonischer Aktivität.

(Un-)erfüllte Erwartungen

Innerhalb der gliedkirchlichen Diakonischen Werke gibt es alte und bewährte Einrichtungen und solche, die auf neue Herausforderungen reagieren. Wenn aber die Gemeinden einmal zusammentrügen, was dort alles an diakonischer Arbeit geschieht, wäre das vermutlich weit mehr als das, was die diakonischen Einrichtungen leisten. Denn vieles wird von Gemeindegliedern ganz selbstverständlich getan, es fällt nicht weiter auf, und es wird nicht darüber geredet. Anderes kommt nur gelegentlich vor und wird nicht mitgezählt. Und so kommt es dann zu der Selbsttäuschung: In unseren Gemeinden gibt es kaum Diakonie.

Eine Schwierigkeit ist aber auch zu nennen: Vom Säugling bis zum Hochbetagten im eigenen Ort, im eigenen Land und weltweit warten viele Menschen auf unterschiedlichste Hilfen von der Kirche, von der Kirchengemeinde, von Christen. Und alles ist wichtig. Gleich wichtig sogar. Das kann einen schon lähmen - nach dem Motto: Da komme ich doch nicht gegen an, da brauche ich auch gar nicht erst anzufangen. Aber wo um alles in der Welt steht denn geschrieben, dass gerade wir alle Probleme der Welt lösen müssen? Hat denn Jesus den barmherzigen Samariter gerügt, weil dieser seinen Weg fortsetzen, wieder seinen Geschäften nachgehen wollte und deshalb den Überfallenen in stationäre Pflege gegeben hat - oder hat er ihn gerühmt, weil er das ihm Mögliche an Hilfe geleistet hat?

Es gibt so viele Menschen in Not und Leid, dass man schier verzweifeln könnte, und die Not nimmt trotz aller Hilfe nicht ab. Sie würde aber ohne die Hilfen von Christen, Gemeinden und Kirchen, ohne deren diakonisches Handeln sehr viel größer und härter sein.

Der allgemeine Trend geht heute weg von stationären Einrichtungen. Diese Entwicklung ist aus sozialpolitischer Sicht bedenklich. Es liegen in dieser Entwicklung aber auch Chancen für die Gemeinden, den Gemeindegliedern und auch anderen Menschen Gelegenheiten zu bieten, etwas Sinnvolles und Befriedigendes zu tun. Und was für die eigene Umgebung gilt, trifft in zumindest gleichem Maß für die armen Länder im Süden und im Osten der Welt zu.


Paul Kluge
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