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Wer ist dieser Jesus?
Markus 1,16-39. Eine Predigt von Hans Theodor Goebel, Köln
Wer ist dieser? Haben die Menschen gefragt, die Jesus miterlebten. Die Frage reicht bis zu uns. Wir fragen nach dem, der mit Vollmacht die Wahrheit sagt. ''Wer lehrt uns, jetzt die Notwendigkeit aber auch die Chance zu begreifen, Wirtschaftsstrukturen zu zerbrechen und Handelsbedingungen zu ändern …?''
16 Und als er (Jesus) am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, seinen Bruder, wie sie ihre Netze im Meer auswarfen. Denn sie waren Fischer.
17 Und Jesus sagte zu ihnen: Kommt, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
18 Und sogleich verließen sie die Netze und folgten ihm nach.
19 Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze zurechtmachten.
20 Und sogleich rief er sie. Und sie verließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Lohnarbeitern und gingen fort - ihm nach.
21 Und sie kommen hinein nach Kapernaum. Und sogleich am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.
22 Und sie gerieten außer sich über seine Lehre. Denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten.
23 und sogleich war in ihrer Synagoge ein Mensch (gefangen) in einem unreinen Geist. Und der schrie auf
24 und sprach: Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes.
25 Und Jesus herrschte ihn an und sprach: Verstumme und fahre aus ihm aus.
26 Und der unreine Geist riss ihn hin und her und schrie mit lauter Geschrei und fuhr aus ihm aus.
27 Und sie entsetzten sich alle, so dass sie sich untereinander befragten und sprachen: Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht; er gebietet auch den unreinen Geistern und sie gehorchen ihm.
28 Und die Kunde von ihm drang sogleich hinaus ins ganze Umland von Galiläa.
29 Und sogleich gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes.
30 Die Schwiegermutter Simons aber lag danieder und fieberte. Und sogleich sagen sie ihm von ihr.
31 Und er trat hinzu, fasste sie bei der Hand und richtete sie auf. Und das Fieber verließ sie und sie diente ihnen (zu Tisch).
32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und von Dämonen Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er heilte viele Kranke, die mit mancherlei Leiden beladen waren, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden, denn sie kannten ihn.
35 Und früh am Morgen noch ganz in der Nacht stand er auf und ging nach draußen. Und er ging weg an einen einsamen Ort und dort betete er.
36 Simon aber und die mit ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und sie fanden ihn und sagen zu ihm: Alle suchen dich.
38 Und er sagt zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Ortschaften, dass ich auch dort verkündige. Denn dazu bin ich ausgezogen.
39 Und er ging und verkündigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.
Markus 1,16-39
Was ist das? – haben die Menschen gefragt, die Jesus miterlebten. Wer ist dieser?
Die ersten Christen erzählten Geschichten. Von Jesu Verkündigung und von dem, was er tat. Das waren wohl Antworten auf diese Fragen. Aber es waren Geschichten, die dieselben Fragen neu stellen ließen: Was ist das? Und: Wer ist dieser?
Fragen, die sich bis zu uns weiterreichen.
Wie wir gelernt haben, können wir die Geschichten, die die Evangelien von ihm erzählen, nicht als historische Tatsachenberichte lesen. In den Evangelien scheint vielmehr etwas auf, was sich mit historischer Wissenschaft nicht fassen lässt. Und das hat genau mit der Frage zu tun, ja wirft neu die Frage auf: Wer ist dieser Jesus?
Als Predigttext haben wir eben eine Reihe von Geschichten aus dem 1. Kapitel des Markus-Evangeliums gehört. Ich will ihnen jetzt nachgehen.
1.
Die erste Szene zeigt Jesus in Galiläa. Wandernd am See Genezareth. Jesus unterwegs. Auf der Walze. Nicht sesshaft.
Er trifft auf Männer bei der Arbeit. Fischer, denen der See Arbeit und Auskommen gibt. Die Fischerfamilien leben vom See.
Jesus macht wenig Worte. Er ruft die Männer weg: Kommt! Mir nach. Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
Und sie - sagen nichts. Verlassen die Netze, die Boote, den Vater, die Arbeitskollegen. Sogleich. Auf sein Wort hin. Und folgen ihm nach. In ein ungesichertes Leben.
Unübersehbar verschafft sich hier eine Autorität Geltung. Was ist das für eine Autorität?
Dieser Jesus will seinen Weg nicht einsam gehen. Er ruft Menschen, damit sie in seiner Nachfolge auf andere Menschen zugehen. Er geht auf Menschen zu und will sie dabei haben. Als Menschenfischer. Was heißt das? Ist sein Ruf vergangene Geschichte? Oder ruft er auch noch heute – neu – gar uns? Kommt! Folgt mir auf meinem Weg zu den Menschen?
2.
Die nächste Szene zeigt Jesus in der Synagoge von Kapernaum, der Stadt am NW-Strand des Galiläischen Meeres. Die Synagoge war und ist der Ort für die Sabbatversammlung. Hier wird aus der Tora und den Propheten vorgelesen und anschließend drüber gepredigt. Hier in der Synagogengemeinde haben wohl auch frühe Christen gepredigt. Hier hat vor ihnen auch Jesus selbst gepredigt. Er hat das Volk gelehrt, heißt es. Jesus hat in der Synagoge Volksschule gehalten. Wie es auch die Schriftgelehrten taten.
Jesu Lehre aber überwältigte die Menschen, die ihm zuhörten. Brachte sie in Bewegung: Sie gerieten außer sich. Denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hat. Und nicht wie die Schriftgelehrten. – So steht hier zu lesen.
Von dem alten Evangeliumstext gehen meine Gedanken in unsere Zeit. Und mir kommen Fragen:
Wer legt heute in Vollmacht die Bibel aus und das Volk kann bei ihm in die Schule gehen?
Wer kann uns in Vollmacht die Wahrheit sagen über Gott und über uns selbst?
- Die Wahrheit, die anders ist als die Zuflüchte und Ausflüchte, die wir selbst ersehnen und ersinnen und auf die wir uns doch verlassen können und auf die hin wir leben und uns aufs Sterben vorbereiten können.
- Die Wahrheit, die uns in glücklichen Momenten wie auch in Krisenzeiten den Weg ins Leben weist.
- Die Wahrheit, die unser Gewissen und unsern Verstand so überwältigt, dass wir - außer uns geraten: ins Licht des lebendigen Gottes.
Wer lehrt uns in Vollmacht die Nähe und den Willen Gottes?
Auch in den globalen Schwierigkeiten.
Wir hören in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise viele und vielerlei Worte – von Politikern, von Sachverständigen, von Kirchenleuten. Wer aber lehrt die Herrschenden und die Völker unsrer Erde, dass es jetzt nicht darauf ankommt, einfach Geld in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen. Damit er wieder laufe wie zuvor. Denn als man ihn laufen ließ, hat er ja die Krisen produziert und die Armut keineswegs aus der Welt geschafft.
Wer lehrt uns, jetzt die Notwendigkeit aber auch die Chance zu begreifen, Wirtschaftsstrukturen zu zerbrechen und Handelsbedingungen zu ändern, durch die weltweit die armen Länder weiter verelenden, während wir, die reichen Länder, von ihnen profitieren. Wer lehrt uns auch in unserem reichen Land denen gerecht zu werden, die arm und ärmer werden, die nicht mehr auskommen ohne die Tafel und die Suppenküchen und deren Kinder nur reduzierte Bildungschancen haben.
Wer lehrt uns mit dem Problem der Finanzen zugleich das Welternährungsproblem zu lösen und dabei zugleich das Klima in der Luft, im Meer und auf der Erde in Frieden zu lassen?
Wer lehrt uns lokal und global das Wirtschaften und den Umgang mit dem Geld so, dass sich die prophetische Weissagung erfüllt und unser Friede sei wie ein Wasserstrom und unsere Gerechtigkeit wie Meereswellen (Jes 48, 18).
All die Probleme und viele Lösungsansätze kennt man. Vielleicht ist die Menschheit ihrer Probleme heute mehr bewusst als je zuvor und hat ungeheure Möglichkeiten. Aber wer lehrt uns, zusammengehörende Lösungen auch durchzuführen. Wer treibt die bösen Mächte aus, die sie verhindern?
Wer kann heute in Gottes Vollmacht so reden, dass der böse Geist von Egoismus und Ungerechtigkeit, der Menschen besetzt und Strukturen bestimmt, vertrieben werde?
Wird Er, kann Er, der Mann aus Nazareth – durch wessen Stimme auch immer – lösend und befreiend in unsre Not hineinreden?
Können wir von Jesus erwarten, was die Böhmischen Brüder in ihrem Adventslied vor bald 500 Jahren gesungen haben?
Er kommt auch noch heute
und lehret die Leute,
wie sie sich von Sünden
zur Buß sollen wenden,
von Irrtum und Torheit
kehren zu der Wahrheit.
Jesus trifft in der Synagoge auf einen Menschen, der ist, wie es heißt, in einem unreinen Geist. Von ihm besetzt. Ohne eigene Kraft, sich von ihm zu befreien. So ein Besessener ist ein Gefangener in sich selbst. Wo die Evangelien von unreinen Geistern oder Dämonen erzählen, reden sie von Mächten, die Menschen in ihrer Gewalt haben, die machen, dass Menschen sich selbst und anderen fremd werden. Offenkundig wird dabei die Erfahrung von Ohnmacht. Die Besessenen können sich selbst nicht helfen und ihre Nächsten können es auch nicht. Ihr Gefängnis ist von innen und außen dicht verschlossen und kein Schlüssel vorhanden. Bei manchen Krankheiten, bei mancher Sucht ahnen wir vielleicht etwas von solchen Mächten. Auch bei politischer Verblendung oder bei der dem Sog, immer mehr haben zu wollen, ohne es zu brauchen.
Es steckt eine theologische Dimension in den Erzählungen von Jesu Zusammentreffen mit den Geistern, von denen Menschen besessen sind. Der Dämon erkennt in Jesus den Feind:
Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth?
Wer ihn so fragt, will mit ihm unter keinen Umständen zu schaffen haben.
Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
Der Heilige Gottes? So kennt der Dämon Jesus. Aber was besagt das?
Offenbar mischt sich in diesem Jesus der heilige Gott selbst ein und macht - hier in der Synagoge und später an anderen Orten - Menschen frei von Mächten, die sie sich selbst entfremden. Wo Jesus auf Besessene trifft, kämpft Gott mit den Zerstörungsmächten. Jesus und Gott in ihm kämpft um den Menschen, damit der frei sei.
Was ist das? - fragen die Leute in der Synagoge voller Erschrecken. Eine neue Lehre in Vollmacht. Er gebietet auch den Dämonen und sie gehorchen ihm.
Die Dämonen kennen ihn, wissen, wer er ist. Und er gebietet ihnen Stillschweigen und treibt sie aus, nimmt ihnen Recht und Macht über den Menschen.
Wer ist er – dieser Heilige Gottes gegenüber den Mächten des Bösen?
Von dem allen wird im Evangelium mythologisch erzählt. In den Vorstellungen einer vergangenen Welt, die erfüllt ist vom Kampf der guten und bösen Geister und Mächte. So denken wir heute nicht. Ist deswegen überholt, was hier von Gott und Jesus und uns zu hören ist? Es könnte sein, dass in dieser alten Sprache und Vorstellung etwas aufbewahrt ist, das sich unserer Erklärbarkeit und Beherrschbarkeit entzieht – und uns doch auch heute zu schaffen macht.
3.
Der dritte Schauplatz ist ein Privathaus, in das Jesus sich mit den Jüngern begibt. Der Jünger Simon wohnt hier mit seiner Familie. Seine Schwiegermutter liegt fieberkrank danieder. Sie erzählen Jesus von ihr. Und der tritt an ihr Bett, ergreift sie bei der Hand und richtet die Kranke auf. Da weicht das Fieber. Die Frau steht auf und dient dem Besuch zu Tisch. –
Ich habe sie gern – diese ganz unspektakuläre Heilungsgeschichte. Sie zeigt uns den heilenden Jesus bei einer ganz normalen Fieberkrankheit in der Familie.
Dieser Heiland ist sich offenbar nicht zu schade fürs gewöhnliche Leben.
An der Tür zu Simons Haus läuft nach Sonnenuntergang die Bewohnerschaft des ganzen Ortes zusammen. Sie bringen all ihre Kranken und Besessenen zu ihm. Und er heilt viele, die mit vielerlei Leiden beladen sind. Und er treibt viele Dämonen aus.
Viele? Nicht alle?
War in diesem Jesus nicht das Reich Gottes gekommen? Ja, es war nach Jesu eigenem Wort nahe herbeigekommen. Ganz nahe, so dass Kranke gesund und Besessene frei wurden. Und das Reich Gottes war doch noch im Kommen. Schon da und mächtig in Zeichen, die an denen geschahen, die schlecht dran waren. Aber nur Einzelnen wurde geholfen.
Das Reich Gottes für alle ist bis heute immer noch herbeizubeten: Dein Reich komme! Noch immer sind viele schlecht dran und leiden und machen die Erfahrung von Ohnmacht – in Israel, in Gaza, auf der Westbank des Jordan und anderswo.
4.
Der Tag war zu Ende gegangen. Die Nacht hatte sich auf Kapernaum gelegt. Sie ist noch nicht um, da steht Jesus auf. In aller Frühe. Er geht hinaus. Aus dem Haus. Aus der Stadt. An einen einsamen Ort. Bevor er sich wieder den Menschen zuwendet, betet er in der Einsamkeit. Er allein vor seinem himmlischen Vater.
Wir haben gehört, dass Jesus Jünger gerufen hatte, ihm nachzufolgen auf seinem Weg zu den Menschen. Wir lesen im Evangelium auch, dass er seine Jünger das Beten gelehrt hat: So sollt ihr beten: Unser Vater in den Himmeln …
In seinem eigenen Gebet zu seinem Vater im Himmel aber ist Jesus allein und will allein sein. Das wird hier deutlich erzählt.
Wer ist dieser im Gebet einsame Sohn des himmlischen Vaters – der eingeborene, wie er anderswo im Neuen Testament genannt wird? Er, der sich hier dem Volk entzieht und sich auch seinen Jüngern entzieht? Wer ist er?
Alle suchen dich – sagen die Jünger, die ihm nachgegangen sind, ihn gesucht und schließlich gefunden haben.
Er aber sagt: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Ortschaften, dass ich auch dort verkündige. Denn dazu bin ich ausgezogen.
Und so tut er dann auch. In ganz Galiläa. Mal hier, mal da. Als Wanderprediger und Heiland und Befreier unterwegs von Ort zu Ort. Nirgendwo baut er ein Reich auf, keine Kirche, keine festen Strukturen.
Bis sein Weg zuletzt in Jerusalem endet. Auf Golgatha. Ist das sein Ende?
5. (Schluss)
Wer war er – dieser Jesus von Nazareth? Wer ist er?
Wir sind in den evangelischen Geschichten von ihm neu auf Fragen gestoßen.
Antwort kann nur herkommen von ihm selbst – wenn er der lebendige Herr ist. Die Evangelisten wollten seine Stimme sein.
So warten wir auf den, der kommt, warten mit allen in der Synagoge, warten mit allen in der Kirche - für unsere Welt. Amen.
Hans Theodor Goebel,
Predigt über Mk 1,16-39 am 11. Januar 2009 in der Antoniter-Kirche Köln (Gottesdienst nach reformierter Tradition)
Prof. Dr. Hans Theodor Goebel
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Das Markusevangelium - eine reformierte Predigtreihe
Der einfache Gottesdienst - Melanchthon-Akademie Köln Vom 14. Dezember 2008 bis zum 13. Dezember 2009 dreizehn Predigten zu Worten aus dem Evangelium nach Markus. |
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