Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Wolf Krötke: Barmen – Barth – Bonhoeffer

gelesen von Barbara Schenck

Beiträge von Wolf Krötke zu einer zeitgemäßen christozentrischen Theologie, Erträge aus 27 Jahren (1981-2008) Lehrtätigkeit als Dozent am Sprachenkonvikt und Professor für systematische Theologie in Berlin; 21 Texte gegen das Jammern, Ermutigung, aus dem Ja Gottes zu leben.

Die beiden großen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, liest Krötke konträr zu einem Mainstream unter den Theologie Treibenden, die Bonhoeffers Äußerung in den Gefängnisbriefen, Barths Theologie sei zu einer „positivistischen Offenbarungslehre“ geworden, fraglos übernehmen und den protestantischen Märtyrer, gar Heiligen Bonhoeffer gegen den Dogmatiker Barth ausspielen.

Christliches Zeugnis im Angesicht des Atheismus
Bonhoeffers Vorwurf widerlegt der Systematiker u.A. mit einem Verweis auf Barths Verständnis der Zeugenschaft. Christliches Zeugnis erfolgt als ein „Gruß“ an den Nächsten „nur im höchsten Respekt vor der Freiheit der göttlichen Gnade und darum auch im höchsten Respekt vor dem Anderen, der von mir gar nichts, sondern alles von Gott zu erwarten hat“, so Barth in KD I/2,487f. Jeder Mensch wird unter der „Bestimmung“ gesehen, „ein Partner Gottes zu sein“. Dieses „Reden von Gott und Mensch als Partner“ bei Barth sei ein „eindrückliches Beispiel“ für die „lebendige Leistungsfähigkeit“ seiner Theologie (S. 130), unterstreicht Krötke. Ihm gelingt es, das Denken der beiden Theologen Barth und Bonhoeffer, die zu ihren Lebzeiten in einem intensiven Gespräch miteinander standen, konstruktiv in Beziehung zu setzen. Wie fruchtbar dieser Weg ist, zeigt sich bei einem Thema, dem Krötke über die Jahre treu geblieben ist: der christliche Verkündigung im Angesicht des Atheismus.

Wer Anfang der achtziger Jahre im „Westen“ noch gedacht haben sollte, dies sei ein „Ossi-Thema“, ist längst eines besseren belehrt und kann nun von den Erfahrungen und Reflexionen aus dem „Osten“ Deutschlands lernen. „Was der Kirche hier [im Osten] zu schaffen macht, nämlich das zur Selbstverständlichkeit gewordene Leben ohne Gott, ist vielmehr das teils unübersehbare, teils latente Problem aller Kirchen in Deutschland mitten in der und neben der viel beredten ‚Wiederkehr der Religion’.“

Gedankliche Gottlosigkeit und die Gottesgleichgültigkeit unserer Tage
Anders als Barth, der im Atheismus die „gedankliche Gottlosigkeit“ im Blick hatte, stellt Krötke sich der Herausforderung, die die „faktische Gottvergessenheit des Menschen unserer Tage“, die „Gottesgleichgültigkeit“, die selbstverständliche „Religionslosigkeit“ für Theologie und Kirche ist. Dabei ist die in Barths Anthropologie entfaltete ontologische Gott-Bezogenheit des Menschen, die „alle Fähigkeiten des Menschseins in den Dienst der Gestaltung der Welt oder seines Lebens stellt“ (S. 107), der Ausgangspunk, von dem aus Krötke die „atheistische Verwirklichung“ nicht in Frage stellen muss. Dieses Verständnis des Menschen hat Konsequenzen für die kirchliche Praxis. Weder „theologisch noch praktisch“ besteht ein Grund, den Atheisten „erst eines religiösen Verhaltens überführen zu müssen, ehe man ihm überhaupt die Begegnung mit Gott durch die christliche Verkündigung zuzumuten sich getraut.“ (Ebd.) Der missionarischen Herausforderung wiederum stellt Krötke sich mit Hilfe der „nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe“ bei Bonhoeffer.

Mit Bonhoeffer warnt Krötke davor, Gott zum „Lückenbüßer“, zum „Bewältiger von ‚Kontingenzen’“ zu funktionalisieren. Stattdessen lautet die eigentliche Frage: Was hat Christus mit „den nicht an Gott glaubenden Menschen“ zu tun? (S. 500f.) „Religion bleibt eine notwendige Gestalt des christlichen Glaubens. Es erweist sich als vermessen, den Glauben ohne diese religiöse Gestalt haben zu wollen“, ist Wolfgang Huber überzeugt (S. 505). Krötke hingegen erkennt „Kraft und Inspiration“ in der Pointe von Bonhoeffers Überlegungen. Gehört die religionslose Welt zu Christus, ist sie der christlichen Gemeinde „nicht schlechthin eine ihnen fremde, feindliche Welt“ (S. 503). Nun ist die Menschheit befreit zu „echter Weltlichkeit“, zur „mündigen, selbst verantwortlichen Gestaltung des Lebens auf der Erde“. In dem „gemeinsamen Anliegen“, die Welt zu gestalten, sitzen Gläubige und Religionslose „in einem Boot“. Gefragt ist die Kirche, die „nichts für sich will, sondern nur für die Anderen“ (S. 514). Dazu gehört für Christinnen und Christen das Gebet „im Bunde mit Gott“, das Gebet als „Tat“, das Barth der Ethik zugeordnet hat. Nicht im „Jammern“ sollten Christinnen und Christen sich verlieren, sondern sich aufrichten im „stürmischen Gebet“ (KD II/1,575) und Gott „bittend Vorschläge“ machen, „wie die Not zu wenden ist“ (S. 305).

Immer wieder muten Worte aus Krötkes Beiträgen an wie eine gute Predigt (vgl. S. 20):
Das Ja Gottes zu uns „gewöhnt uns das Jammern und die lähmenden Vorurteile über die gegenwärtige Verfassung der Christenheit ab. Es stellt unsere Füße in den ‚weiten Raum’ ( Ps 31,9), den das eine Wort Gottes der Menschheit als Raum versöhnten, befriedeten Menschseins zugedacht hat.
Was bleibt von Barmen? Wir sollten besser fragen, was von uns als Kirche, als Gemeinde, als Christin und Christ bleibt, wenn wir dem einen Wort Gottes, das Jesus Christus heißt, zu entkommen trachten.“

Lebenslauf und weitere Texte von Wolf Krötke auf seiner Homepage:
http://www.wolf-kroetke.de

Texte von Wolf Krötke auf reformiert-info:
Wenn Gott bestritten wird
Der Heilige Geist als Geist Jesu Christi
Predigt zu Jesaja 54, 7-10

Wolf Krötke
Barmen – Barth – Bonhoeffer
Beiträge zu einer zeitgemäßen christozentrischen Theologie

Unio und Confessio 26
Luther-Verlag Bielefeld 2009
ISBN 978 – 3 – 7858 – 0564 – 0
29,90 Euro


Barbara Schenck
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