Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

75 Jahre Theologische Erklärung von Barmen - die erste These entstand in Frankfurt

Von Susanne Bei der Wieden

Foto: Stettin

Eine Einführung zur Barmer Theologischen Erklärung. Kurz und bündig, geschrieben für den Gemeindebrief in Frankfurt/M.

Die evangelische Kirche begeht im Jahr 2009 nicht nur das Calvin- und das Mendelssohnjubiläum, sondern ein weiteres Jubiläum, das im Schatten dieser großen Jubilare fast an uns vorbeigegangen ist: Am 31. Mai, am Pfingstsonntag ist die Theologische Erklärung von Barmen 75 Jahre alt geworden - das zentrale evangelische Bekenntnis aus der Zeit des Dritten Reiches, das in den reformierten und unierten Kirchen bis heute zu den Ordinationsgrundlagen für Pfarrerinnen und Pfarrern gehört und für das reformierte Kirchenverständnis zentralen Stellenwert hat.

Historisch gesehen ist die Barmer Theologische Erklärung eines der wichtigsten Dokumente des Kirchenkampfes im nationalsozialistischen Deutschland. Ihr Text, verfasst von Karl Barth, Hans Christian Asmussen und Thomas Breit, wurde 1934 als „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“ von der ersten evangelischen Bekenntnissynode in Barmen verabschiedet. Seit der Machtübernahme Hitlers hatten die Deutschen Christen innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche eine erhebliche Macht gewonnen. Sie lehrten im Sinne der nationalsozialistischen völkischen Ideologie einen „artgemäßen Christusglauben" und sahen in Rasse, Volkstum und Nation sichtbare göttliche „Lebensordnungen“, die nach ihrem Verständnis auch Grundlage der Kirche sein sollten. Im Widerstand zu dieser Ideologie trafen sich im Mai 1934 in Barmen 139 Kirchenvertreter aus 25 deutschen Landes- und Provinzialkirchen.

"Herr der Kirche ist allein Jesus Christus, und der Grund der Kirche allein der Glaube an ihn" - so könnte man ihr Bekenntnis zugespitzt formulieren, mit dem sie sich auf der Grundlage der Theologie Karl Barths von der Ideologie der Deutschen Christen absetzten und diese als Irrlehre brandmarkten. Leider bleibt die Barmer theologische Erklärung in einer binnenchristlichen Perspektive und lässt ein Wort zur Judenfrage vermissen. Ihr christusbezogenes Kirchenverständnis jedoch wurde die Grundlage für die Bekennende Kirche und den theologischen Widerstand der ihr angehörenden Christen zur Zeit des Nationalsozialismus.

Die Barmer Theologische Erklärung enthält sechs Thesen, die jeweils aus Bibel Bibelwort, Bekenntnis- und Verwerfungssatz bestehen.
Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14, 6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

So lautet die berühmt gewordene erste These, der fünf weitere Thesen folgen, die inhaltlich aus dieser ersten These folgen. Sie ermahnen dazu, das Leben der Christen wie das Leben der Kirche und ihre Ordnung allein auf Jesus Christus auszurichten und widersprechen dem Anspruch eines Staates auf das Leben und den Gehorsam seiner Bürger.

Diese erste These war übrigens innerhalb der beiden evangelischen Konfessionen die umstrittenste, da die lutherischen Theologen daran festhalten wollten, dass Gott sich auch durch die Schöpfung offenbart und aus ihr erkannt werden kann. Durchgesetzt hat sich die reformierte Position um Karl Barth, der diese These übrigens in "Nachtarbeit" formuliert hat, und zwar in Frankfurt, im ehemaligen "Basler Hof" (Foto), wo er auf der Durchreise nach Barmen übernachtet hat.

Die Barmer Theologische Erklärung wurde als grundlegendes Bekenntnis der Kirchen in der Auseinandersetzung mit totalitären Staaten und Regimen immer wieder stark gemacht: In der Südindischen Kirchenunion (Church of South India), im kirchlichen Kampf gegen den Rassismus in Afrika und selbst in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie berief man sich auf sie.

Noch heute zählen die unierten und reformierten Kirchen Deutschlands die Barmer theologische Erklärung zu ihren Bekenntnisgrundlagen. Es gibt aber gelegentlich auch wieder kritische Anfragen an ihren streng christologischen Zuschnitt. Gibt es für die christliche Verkündigung tatsächlich keine Offenbarungsquelle außerhalb Jesu Christi? Wie verhält sich eine Kirche mit einer gewissen geistlichen Hierarchie und einem Bischof zu der von der Barmer Erklärung geforderten Ausrichtung der Kirche auf den einen Herrn Jesus Christus? Und was bedeutet dieses Bekenntnis für unser eigenes Gemeindeverständnis?

Übrigens: Wer die Barmer theologische Erklärung insgesamt nachlesen möchte, kann dies im Gesangbuch (EG) tun.


Pfarrerin Susanne Bei der Wieden, Frankfurt/M.
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Infos und Materialien zum ''Barmer Bekenntnis'' auf einen Blick

24. und 31. August, 7. und 14. September, jeweils 18 bis 19 Uhr, Seminar in der Evangelisch-reformierten Gemeinde, Freiherr-vom-Stein-Straße 8, 60323 Frankfurt

Seminar zum Barmer Bekenntnis unter der Leitung von Pfarrerin Dr. Susanne Bei der Wieden
 

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