Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Wo sind die Toten?

Von Rolf Wischnath

©Foto: Andreas Olbrich

Die Toten sind mit Christus in Gott verborgen, antwortet der Kolosserbrief (Kol 3,3). Diesen ''Zwischenzustand'' zwischen Tod und Auferstehung können wir nur mit Bildern beschreiben, sagt Wischnath über diesen ''weiten Lebensraum'', in dem ''die Geschichte Gottes mit einem Menschen zur Entwicklung und Vollendung kommt''.

Ein viertel Jahr nach der Beerdigung eines Mannes in den besten Jahren, der ein hoch engagierter Lehrer seiner Schüler war, besuche ich neulich die Witwe und mache mit ihr einen Friedhofsgang. Vor dem schön gepflegten Grab stehen wir, und sie erklärt, wie die Steele aussehen wird, die der Steinmetz bald auf das Grab stellen soll. Auf einmal fragt sie: „Sieht er uns jetzt, wie wir hier stehen?“ – Ein Anderer beklagt den Tod seiner Frau, die sich hat verbrennen lassen, und fragt: "Wie soll Auferstehung praktisch aussehen, wenn doch so viele Verstorbene verbrannt werden? Für mich ist es schwer vorstellbar, wenn ich ihre Urne sehe und daran denke, dass darin ihre Überreste sind."

Kein Friedhofsgang erspart uns solche Fragen. Aber gibt es eine Antwort? Sind unsere Toten vernichtet? Sind sie „ganz tot“, wie eine Lehrmeinung im Protestantismus sagt? Oder leben sie in einer unsterblichen Seele, wie nicht nur die katholische Kirche, sondern auch Johannes Calvin es seit alters lehrt? Oder sind sie im Tod schon „auferstanden“? Und können Sie uns sehen? Aber wie soll ich mir das vorstellen: Völlig tot sein, vernichtet und zerstört? Oder: „auferstanden im Tod“? Oder: Eine Seele ohne einen Leib, einen Menschen, der sich im Tod halbiert in einen sterblichen Leib und eine unsterbliche Seele?

Unsterblich, so sagt es die Bibel, ist Gott allein, denn Er allein ist gut. Darum ist die Lehre von der unsterblichen Seele, die das Gute im Menschen „verkörpert“, so problematisch. Der un­sterbliche, gute Gott aber gedenkt in seiner Güte der sterblichen Menschen. Und er tut das in seiner im gekreuzigten Jesus offenbaren Liebe und Barmherzigkeit, die keinen verloren gibt. Und weil er ihrer so gedenkt, geht der sterbliche Mensch auch in sei­nem Tod Gott nicht verloren, verlöscht er nicht einfach wie das ausgeblasene Licht. Sondern er bleibt – vor Gott und in der Barmherzigkeit Gottes: im Gegenüber zu Gott. Und wem Gott barmherzig ist, der ist nicht dahin. Als sterbliche, vergängliche Menschen bleiben wir in der unsterblichen und unvergänglichen Gottesgemeinschaft. Dahin ist unser irdisches Leben. Aber die Beziehung Gottes zu uns, sein Erbarmen und seine Liebe zu uns, unser „in Chri­stus“ gerettetes Leben - das ist gewiss nicht dahin, weil eben dieser Gott nicht dahin ist. Ein Verstorbener kann deshalb nicht als völlig leibfreier Geist, als völlig ungeschichtlich, als völlig fern von jeder Materialität gedacht werden, wenn ihm auch nicht die Leiblichkeit des irdischen Daseins und dessen Zeitlichkeit zugeschrieben werden können und er auch noch nicht die verheißene Leiblichkeit der großen Verwandlung - der Auferstehung von den Toten - erreicht hat.

"Wo sind die Toten?", fragen wir. Sie sind heimgekehrt zu Gott. "Können wir mit ihnen verbunden bleiben?" Ihr könnt mit Gott verbunden bleiben, bei dem sie sind. „Können sie uns sehen?“ Das glaube ich nicht. Aber ich glaube von den Toten: "Ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus in Gott verborgen"; so sagt es der Apostel einmal über Lebende und Tote im Kolosserbrief (3, 3). Weil unser noch gelebtes Leben und der Toten gestorbenes Leben schon jetzt aufgehoben und bewahrt ist "mit Christus in Gott", darum bleiben Lebende und Tote in ihm verbunden, auch wenn wir uns nicht mehr sehen können. Deswegen kann der gekreuzigte Christus zum Schächer sagen: „Heute (!) wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Das gilt auch von den Toten, deren Leib verbrannt worden ist. Gewiss ist da­rum: Die wir „die Toten“ nennen, sind nicht verloren. Sie sind aber auch noch nicht endgültig gerettet. Denn „die Auferstehung der Toten“, ihre Leib und Seele umfassende Erneuerung und damit die versprochene Erneuerung von Himmel und Erde ist noch nicht geschehen. Die neue Kreatur, der neue Himmel und die neue Erde sind noch nicht da, auch wenn sie in Christus schon unwiderruflich versprochen, ja gegenwärtig sind. Darum steht die letztgültige Errettung und Heimholung der Toten, unser aller Errettung und Heimholung noch aus.

Aber wie soll ich mir das vorstellen, dass „die Toten mit Christus in Gott verborgen“ sind und dass sie - wie wir - auf die endgültige Rettung warten? So mögen wir weiter fragen und merken immer mehr, dass wir hier an die Grenze des Aussagbaren kommen. In Bildern redet die Bibel vom „Zwischenzustand“ zwischen Tod und Auferstehung: vom „Paradies“ oder von „Abrahams Schoß“. Anders als in Bildern geht es nicht. Denn niemand von uns ist bislang auf dieser anderen Seite Gottes gewesen. Ich finde hilfreich, wie es der reformierte Tübinger Theologe Jürgen Moltmann ausgedrückt hat, wenn er von dem „Raum“, in dem die Toten „mit Christus in Gott“ sind, sagt: „Ich stelle mir jenen ‚Zwischenzustand’ als einen weiten Lebensraum vor, in der die Geschichte Gottes mit einem Menschen zur Entwicklung und Vollendung kommt. Ich stelle mir vor, dass wir dann jener Quelle des Lebens nahe kommen, aus der wir hier schon Lebenskraft und Lebensbejahung schöpfen konnten, so dass die Behinderten und Zerstörten jenes Leben leben können, das ihnen bestimmt war, zu dem sie geboren wurden und das ihnen (im Tod) genommen wurde.“ So sind und bleiben die Toten mit uns, die wir noch hier leben, in der gleichen Glaubens- und Hoffnungsgemeinschaft geborgen und darum mit uns auf dem Wege in die endgültige Zukunft Gottes, die mit der künftigen „Auferstehung der Toten“ anheben wird und niemals zu Ende geht.

Prof. Dr. Rolf Wischnath war Generalsuperintendent in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Predigt zum Totensonntag von Rolf Wischnath: Das Gleichnis vom Klavier - über 1. Korinther 15,35-44a >>>


Prof. Dr. Rolf Wischnath
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von Rolf Wischnath

am Gedenktag der Entschlafenen, Totensonntag 21. November 2010
 

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