Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Missionarisch Volkskirche sein: Kirchengebäude sollen Gottes Menschenfreundlichkeit predigen

von Ilka Werner

©Foto (Detail): Andreas Olbrich

Überlegungen zur kirchlichen Immobilienplanung unter den Leitmotiven der missionarischen Sendung und der volkskirchlichen Offenheit müssen sich zwei grundlegenden Fragen stellen, so Pfarrerin Ilka Werner: Was predigt das Kirchengebäude? Und: Welche Kraft haben ein Gebäude und seine Lage zur ''Entselbstverständlichung des Lebens'' beizutragen?

„Überlegungen zur Immobilienplanung anhand der Leitvorstellung ‚Missionarisch Volkskirche sein’ der EKiR“

Referat auf der Kreissynode Düsseldorf am 9. April 2011. Von Dr. Ilka Werner, Neuss

(1) Missionarisch Volkskirche sein

Mit ‚Missionarisch Volkskirche sein’ werden zwei bis dahin eher entgegen gesetzte Kirchenbilder zusammengebracht bzw. miteinander ins Spiel gebracht. Anstatt ‚Missionarisch sein’ und ‚Volkskirche sein’ voneinander abzugrenzen, geht es nun darum, auf volkskirchliche Weise missionarisch bzw. auf missionarische Weise volkskirchlich zu sein. Es geht darum, in der Verbindung insgesamt als Kirche mehr Ausstrahlung, Bindekraft und Attraktivität zu entwickeln. Das setzt voraus, dass sich die Stärken von ‚Missionarisch’ und ‚Volkskirche’ verbinden: also die Motivation, auf neue Menschen zuzugehen und die Bereitschaft, sie in ihrer Art von Frömmigkeit zu akzeptieren. (Nebenbei bemerkt: die Schwächen – der selbstgerechte Anspruch an hohe formale Verbindlichkeit christlichen Lebens auf der Seite ‚Missionarisch’ und die Gleichgültigkeit gegenüber jeder erkennbaren Eindeutigkeit christlichen Lebens auf der Seite ‚Volkskirche’ werden kaum verbunden werden können.)

Das Heft von 2010 hat dazu Leitfragen zur Selbstkontrolle formuliert, die den jeweiligen missionarischen und den jeweiligen volkskirchlichen Impuls zusammenhalten.

In der Praxisanleitung ‚Vom offenen Himmel erzählen' >>> wird so formuliert:

„Was bedeutet das (= Missionarisch Volkskirche sein) für unsere konkreten Entscheidungsprozesse?

Gemeinden, Kirchenkreise und deren Ämter, Werke und Einrichtungen werden gebeten, ihre Entscheidungen über Strukturen, Programme und Maßnahmen an dieser Leitvorstellung auszurichten.

Als Hilfestellung/Anregung für jede Entscheidung – sei es nun ein geplantes Projekt in der Kirchengemeinde oder die Frage, ob ein kirchliches Gebäude oder eine kirchliche Einrichtung aufgegeben oder erhalten werden soll – stellt die Leitvorstellung zwei Fragen, die für jede Ebene der EKiR in Zukunft entscheidend sein sollen:

Dient diese Entscheidung der Absicht, auf Menschen zuzugehen, um sie mit dem Evangelium in Kontakt zu bringen, sie zum Glauben einzuladen, ihnen zu dienen und sie zur Umkehr zu einem neuen Leben in Gerechtigkeit und Solidarität zu rufen – oder macht die Entscheidung das schwerer, bzw. unmöglich?

Dient diese Entscheidung der Offenheit für unterschiedliche Frömmigkeitsformen und unterschiedliche Grade der Beteiligung am kirchlichen Leben und hilft sie uns, wichtige Akteure unserer Gesellschaft zu bleiben – oder macht die Entscheidung das schwerer, bzw. unmöglich?"

Im Blick auf jede Entscheidung ist also zu fragen:

Dient diese Entscheidung missionarischer Sendung hin zu den Menschen und der Einladung zum Glauben?

Dient diese Entscheidung volkskirchlicher Offenheit für alle und der Beteiligung der Kirche am öffentlichen Leben?

Eine Frage zur Selbstkontrolle in Sachen Immobilienmanagement könnte so formuliert werden:

Wie unterstützt das Gebäude die klar erkennbare Gestalt von Kirche, und wie unterstützt es die Aktivitäten in der Gemeinde?

Lassen Sie mich das etwas ausführen:

(2) theologische Kirchenbauüberlegungen

Eine evangelische Gemeinde kann sich grundsätzlich überall versammeln und Gottesdienst feiern bzw. ihre übrigen Aktivitäten durchführen. Aus praktischen Gründen braucht sie dazu ein oder mehrere passende Gebäude. Dieser Sachverhalt deutet hin auf ein rein funktionales, dienendes Verständnis der Gebäude einer Kirchengemeinde. Eine evangelische Kirche ist per se kein heiliger Raum, sie wird erst geheiligt durch die darin sich versammelnde Gemeinde, durch die Gottesdienstfeier. Das ist so, damit ist aber noch nicht alles gesagt.

Die Theologie des Kirchenraums verändert sich mit der Theologie überhaupt:

Seit dem 2. Weltkrieg kann man grob drei Phasen beschreiben (vgl. Umbach, Räume, Kap. 6):

- „Der Wiederaufbau vieler zerstörter protestantischer Kirchen erfolgt (...) in vielen Fällen nach dem „Rummelsberger Programm“ (1951), das einen gerichteten Raum vorsieht mit (erhöhtem) Altar an der Stirnseite.“ (292) Dieser deutlich restaurative Bautyp ist von der Gottesdiensttheologie der Michaelsbruderschaft geprägt: hochliturgische Gottesdienste, Stundengebete.

- Mit den 70er Jahren wandelt sich das Bild: „Der „Agora“-Gedanke als „Kirche für andere“ bedient sich (...) multifunktional genutzter Mehrzweckräume, um ein möglichst niedrigschwelliges Angebot für möglichst viele Menschen bereitzustellen. Der „vernünftige Gottesdienst“ (Röm 12) im Alltag der Welt propagiert das „Ende des Kirchenbaus“ (1969), die „menschliche Bedeutung“ des Raumes will seine „Sakralität“ ablösen. Räume werden so als „Instrumente“, nicht mehr als „Symbole“ verstanden.“ (293)

- Seit den 90er Jahren wandelt sich das Bild abermals mit den „Wolfenbütteler Empfehlungen“ (1991), einem Dokument „neu verstandener protestantischer „Sakralität“ im ökumenischen Horizont. Räume der gottesdienstlichen Feier sind Orte und Zeugen früheren und gegenwärtig gelebten Glaubens an die Weltzugewandtheit des heiligen Gottes. (...) Sie bedürfen „der Nutzung, Bewahrung und Pflege durch die Gemeinden und die Gesellschaft, da sie das Eingehen des Ewigen in die Geschichte bezeugen; so sind sie (...) Zeichen für die Zukunft und Symbole für die Gegenwart Gottes – des Heiligen in der Welt.“ (293)

In neuerer Zeit setzt sich also auch im protestantischen Bereich (wieder) die Einsicht durch, dass Kirchen neu als öffentliche Räume begriffen werden müssen. Deutlich wurde das z.B. auf der EKD-Synode 2003 mit dem Thema ‚Der Seele Raum geben – Kirchen als Orte der Besinnung und der Ermutigung’. Fulbert Steffensky hielt ein Referat, in dem er deutlich feststellte: „Ein Kirchenbau ist nie nur, was er ist.“

Halten wir fest:

Ein kirchliches Gebäude vermittelt durch Bauart und Standort etwas - nach außen:

a) etwas über das kirchliche Leben darin: Finanzmittel, Größe der Gemeinde; Aktivitäten, Tradition (alte/neue Gebäude; Marktplatz oder Seitenstraße) etc.

b) etwas über die Botschaft der Kirche im Ganzen: es weist hin auf Transzendenz überhaupt; weist hin auf christlichen Glauben; erinnert an Geschichte des Ortes (Baustil, Anbauten o.ä.)

Ein kirchliches Gebäude vermittelt etwas - nach innen:

a) Stärkung oder Störung der Gottesdienstfeier bzw. der versammelten Gemeinde

b) eine ‚Predigt’ eigener Art neben Musik, Liturgie und Wortverkündigung

Ein Kirchenbau ist nie nur, was er ist –

Darum gilt es also, sich die Zusammenhänge zwischen der theologischen Ausrichtung einer Gemeinde, des Kirchenkreises, und zwar der faktischen und der gewollten, und den Gebäuden, und zwar den vorhandenen und den möglichen, deutlich zu machen.

Die Leitvorstellung dazu soll ‚Missionarisch Volkskirche sein’ sein:

(3) Missionarisch sein: theologische Impulse für Kirchengebäude

Es gilt für eine Kirche, die missionarisch sein will, also auf Menschen zugehen und sie einladen will, die Erkennbarkeit und Symbolkraft von Gebäuden zu stärken bzw. die Gebäude zu stärken, die in hohem Maße symbolisch sind: Das heißt

1. den Hinweis des Gebäudes auf Transzendenz inmitten der Stadt- oder Dorfbebauung ernst zu nehmen bzw. den Hinweis auf das Christentum inmitten anderer religiöser oder religiös aufgeladener Bebauung (Moscheen; Einkaufszentren) als ‚Predigt’ wahrnehmen.

2. die Symbolkraft besonders von Kirchturm, Kreuz und Glocken zu schützen: Was wie eine Kirche aussieht, soll (in der Regel) auch eine Kirche sein. Daraus folgt, mit Umnutzungen vorsichtig zu sein. Auch die Möglichkeit, in stillgelegten Kirchen etwa Columbarien zu schaffen, ist eher sparsam zu nutzen; zugespitzt ausgedrückt: Kirchengebäude sollen auf die lebendige Gemeinde hinweisen, nicht auf Friedhöfe. Umgekehrt bieten auch leerstehende Kirchen symbolisch eine Art ‚Traditionsgarantie’. Hier muss sorgfältig abgewogen werden.

3. die ‚Predigt’ der Kirchengebäude als Gemeinde selbst zu entziffern und zu überprüfen, ob sie die Botschaft ist, die gesagt werden soll. Wo Kirche missionarisch ist, also zum Glauben einlädt und zu einem Leben in Gerechtigkeit und Solidarität ruft, müssen die, die sich rufen lassen, die Inhalte dieses Glaubens und Lebens auch an den Gebäuden merken. Es kann also nötig sein, die Predigt der Gebäude homiletisch zu überarbeiten.
Dazu drei Konkretionen:
a) Ein Kirchengebäude sollte wirklich einladend sein – also die proklamierte Offenheit sollte als ‚Gastfreundschaft’ baulich umgesetzt werden. Das Gebäude kann heutzutage nicht verlangen, dass erst eine Treppe überwunden und eine Klingel gedrückt werden muss; auch eine Überfülle von Verbots- und Hinweisschildern kann jede Einladung sauer werden lassen. Zu beachten ist dazu, welche Milieus überhaupt angesprochen werden können – also welche Leute sich wohlfühlen sollen; dazu gehört auch die ‚offene Kirche’ – also die Gewissheit, dass Kirchen auch außerhalb von Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen Mensch und Gott zusammenbringen können, und die Ermöglichung, dass das passiert.

b) Ein Kirchengebäude sollte Gottes großzügige Menschenfreundlichkeit abbilden – also auch, wenn es klein ist, nicht kleinlich, bzw. auch, wenn die Gemeinde arm ist, nicht ärmlich wirken. Ich halte diesen Punkt gerade in dieser Zeit der Spardebatten für wichtig! Heruntergekommene Kirchengebäude bzw. kirchliche Gebäude können eine verheerende Wirkung haben – darum: nicht erst in Gebäude-Konzepte einsteigen, wenn das Dach einzubrechen droht, sondern schon dann, wenn für vernünftige Renovierungen und ‚Schönheitsreparaturen’ kein Geld mehr da ist. Und: nicht geizig werden; nicht überall die Hand aufhalten (nach innen: PresbyterInnen sollten die Brötchen während der Sitzung nicht bezahlen müssen; nach außen bzw. für Neugierige: Postkarten und Mini-Kirchenführer gratis auslegen...)

c) Ein Kirchengebäude sollte in Material und Gestaltung glaubwürdig sein – also Bewahrung der Schöpfung nicht bloß woanders fordern, sondern in den eigenen Räumen umsetzen. Die billigste Lösung ist darum oft kontraproduktiv und wirkt als mächtige Gegenpredigt.

Diese ‚homiletische Überprüfung’ der Gebäude kann anhand der Gemeinde- und Kirchenkreiskonzeptionen erfolgen – die Schwerpunkte der Arbeit sollten auch von den Kirchen und Gebäuden gepredigt werden.

4. die Gebäude z.B. in einer Stadt nicht nur gemeindebezogen planen. Kirchenfernen, die eingeladen werden sollen/wollen, sind Gemeindegrenzen und Gemeindeeigenheiten oft egal bzw. nicht nachvollziehbar. Also: Gemeindeübergreifend sozialraumbezogen planen.

(4) Volkskirchlich sein: theologische Impulse für Kirchengebäude

Es gilt für eine Kirche, die volkskirchlich organisiert ist und bleiben will, die also verschiedenste Beteiligungsformen schätzt und eine engagierte Akteurin der Gesellschaft ist:

1. die Lage der kirchlichen Gebäude im Stadtteil/ in der Stadt zu reflektieren. Wo haben diese Gebäude eine Funktion für das Gemeinwesen, die auch kommunal wahrgenommen/genutzt wird? Zwei Aspekte (mindestens!) müssen bedacht werden: Die Irritation der Bevölkerung, die ein ‚Rückzug aus der Fläche’ mit sich bringt, und die theologische Überzeugung, ‚bei den Menschen sein zu sollen’; und: die Neigung, der Kirche die Aufgabe zuzuschieben, in problematischen Stadtteilen für Infrastruktur zu sorgen – ohne städtische Unterstützung. (Bsp: Aufforderung an die ev. Kirche, nachdem die Gründung einer Grundschule im Stadtteil X dreimal gescheitert ist: „Bauen Sie doch dort eine evangelische Schule, sie wollen doch immer welche haben...“. Solche ‚Angebote’ müssen sorgfältig geprüft werden: Oft kosten sie nur Geld und Kraft und bringen weder Profil noch Einfluss noch helfen sie den wirklich Bedürftigen)

2. Den Zuschnitt, die angemessene Größe der Gebäude für ‚normale’ Gottesdienste und Veranstaltungen zu überprüfen: Vielerorts lässt sich beobachten, dass die Gemeinde für eine repräsentative, alte Kirche (oft im Innenstadtbereich) zu klein geworden ist. Diese Situation entsteht schleichend, fällt oft lange nicht wirklich auf, legt sich wie Mehltau auf die Gottesdienste. Umbach bemerkt: „Eine Mischung aus Tradition und resigniertem Aufbruch kennzeichnet so manche protestantische Kirche“ (22).
Dazu einige Konkretionen:
a) Die Folge zu kleiner Gemeinden in großen Kirchen ist, dass selbst ein fröhliches Morgenlied an einem Maisonntag klingt wie Buß- und Bettag. Der Gottesdienst ist für LiturgIn und Gemeinde eher anstrengend. Der Raum stärkt die Liturgie nicht, sondern stört und schwächt sie. Man friert in mehrfachem Sinne.

b) Die Folge dieser Entwicklung ist oft die Verwahrlosung des Innenraums: Kanzel und Taufstein werden oft nicht mehr benutzt – das theologische Profil der gottesdienstlichen Stücke verwischt. Hinter dem Altar werden Leiter, Gießkanne und sonstiges abgestellt – weil die Bänke, von denen aus man das sehen könnte, sowieso nie besetzt sind. In den dunklen Nischen neben dem Eingang stehen das ganze Jahr über abgedeckt das Keyboard für Jugendgottesdienste und die Klappstühle für Weihnachten; einzig die Sakristei quillt über von Relikten besserer Tage, das aber so reichlich, dass sie für ihren Zweck nicht mehr nutzbar ist. Sie können die Liste beliebig erweitern. Ich kann auch verstehen, wie es dazu kommt, es ist allzu verständlich: Abbau von Küsterstunden, das Gefühl, für die paar Leute lohnt sich das Aufräumen nicht usw. Aber: das ist nicht volkskirchlich, dass ist unmöglich!

c) Die Folge dieser äußeren Verwahrlosung ist geistliche Verlotterung.

Darum:
Zu große Kirchen können zumindest aufgeräumt werden und zumindest optisch an die Größe der Gemeinde angepasst werden (Bestuhlung; Beleuchtung). Die Möglichkeit eines modernen, kreativen Innenumbaus – der oft auch weitere Nutzungsmöglichkeiten erschließt – zu prüfen lohnt sich.

3. Kirchen sollen Erfahrungsorte des Heiligen sein. Sie dienen – volkskirchlich gesprochen - der ‚Entselbstverständlichung des Lebens’ (Biehl, nach Umbach, Räume, 34): Das, was im Alltag ist, ist nicht alles. Die Begegnung mit dem Nicht-Alltäglichen, dem Heiligen, Gott, entselbstverständlicht das Leben und macht es damit zum Gegenstand von Deutung und Verstehen. Damit das geschieht muss (mindestens) zweierlei stimmen: a) es gibt einen Zusammenhang zwischen der Leiblichkeit des Körpers und der Räumlichkeit eines Gebäudes; wenn der ‚stimmt’, fühlen wir uns wohl. b) das Wohlfühlen in einer Kirche soll sich vom Wohlfühlen in einem Wohnzimmer unterscheiden – Kirche muss als ein ‚besonderer’ Raum gestaltet und erkennbar und gepflegt sein.

Eine Nebenbemerkung: ‚Entselbstverständlichung’ ist das, was ich als ‚Apostolin der Volkskirche’ im Religionsunterricht am Berufskolleg tue: den Schülerinnen und Schülerin vermitteln, dass das, was ist, bzw. das, was Alltag ist, nicht alles ist. Oft gelingt neben der reflexiven Vermittlung im Unterricht in der Schule die Erfahrung davon beim Besuch einer Kirche oder beim Projekttag im Gemeindehaus. Und: auch wenn ich als ‚Missionarin in volkskirchlichen Strukturen’ von der Schule Räume für meine Arbeit gestellt bekomme, lebt meine Arbeit von der Möglichkeit des Rückverweises auf die Predigt der Kirchengebäude: Von dem Turm her, da mitten in der Stadt, komme ich.

Noch eine Nebenbemerkung: Im letzten Sommerurlaub habe ich das Schlachtfeld der ‚Battle of Hastings’ in Südengland angesehen – Sie erinnern sich? Die Invasion Wilhelm des Eroberers auf die Insel 1066 -: heute eine freundliche Hügellandschaft. Am Ausgang sprach uns jemand an: Welches Fleckchen uns am meisten beeindruckt, wo der Ort die stärkste Aura hätte? Es stellte sich heraus, dass der Mann eine kulturwissenschaftliche Doktorarbeit über ‚battle-field-tourism’ schrieb und dazu maßgeblich auf Rudolf Otto, Das Heilige, zurückgriff. Will sagen: Menschen rechnen mit der Macht von besonderen Orten. So schräg das auch manchmal sein mag: Wir haben dazu eine Menge beizutragen und sollten uns mit unseren Kirchen sichtbar einmischen in die Debatten darüber.

Ich fasse zusammen:

Mein theologischer Impuls für Sie zur Immobilienplanung lautet: die Gebäude einer Kirchengemeinde nicht nur funktional begreifen, sondern auch als Räume mit eigener Botschaft und Ausstrahlung: „Ein Kirchenbau ist nie nur, was er ist.“

Der Impuls für ‚missionarisch sein’ lautet: Die ‚Predigt’ der Gebäude hören, analysieren und gegebenenfalls homiletisch bearbeiten.

Der Impuls für ‚Volkskirche sein’ lautet: Die Kraft der Gebäude und ihrer Lage zur Entselbstverständlichung des Lebens überprüfen und stärken.

Wenn es nötig ist, sich von Gebäuden zu trennen: Diese theologischen Impulse zusammen mit all den anderen in die Entscheidungsfindung einbeziehen. Sorgfältig abwägen, welche Folgen welche Lösung heute und für spätere Generationen hat. Und: Als Leitungsgremium Transparenz gewährleisten und Partizipation ermöglichen.

Für die praktische Umsetzung:

(5) die Reichweite theologischer Überlegungen

Vielleicht haben Sie sich viel mehr Entscheidungshilfe gewünscht. Die kann ich Ihnen nicht geben, zum einen, weil ich Ihre Gebäude nur unzureichend kenne; zum anderen aber, weil theologische Impulse oder Kriterien keine trennscharfen Indikatoren für den Erhalt diesen, den Verkauf oder Abriss jenen Gebäudes liefern können. Wir werden Gebäude aufgeben müssen, die nach den oben genannten theologischen Impulsen absolut sinnvoll und geeignet sind, schlicht weil wir die Mittel nicht haben. Die richtigste Theologie würde falsch, würde man allein mit ihrer Hilfe die Begründung dieses Verkaufs oder Abrisses versuchen. Sie würde, mit Karl Barth gesprochen, zur spezifisch christlichen Form der Sünde, der Lüge.

Also bleibt:

- zu fragen: Wie unterstützt das Gebäude die klar erkennbare Gestalt von Kirche, und wie unterstützt es die Aktivitäten in der Gemeinde? Und gegebenenfalls: Welches der Gebäude unterstützt die klar erkennbare Gestalt und Kirche und die Aktivitäten der Gemeinde am meisten? Oder: Welches Gebäude kann am ehesten so umgebaut werden, dass es die klar erkennbare Gestalt von Kirche und die Aktivitäten der Gemeinde bestmöglich unterstützt?

Und dazu:

- übergemeindlich planen, persönliche Wünsche möglichst außen vor lassen

- nicht erst in Finanznot handeln; gelegentliche sachliche Überprüfung der Eignung der Gebäude vornehmen (Stichwort: zu kleine Gemeinde); kein kurzsichtiger Ausbau (etwa eines Gemeindezentrums zur Kirche) ohne mittelfristige, großräumige Planung

- Gebäudestrukturanalysen erstellen

- gelegentlich einen Blick von außen auf die Ausstrahlung der eigenen Gebäude einbeziehen (Wie wirkt das Gebäude eigentlich, wenn man es zum ersten Mal betritt?)

- Fachleute und Künstler um kreative Gestaltungsideen für Umbauten etc. bitten

- Nutzungsmöglichkeiten von Gebäuden vergrößern (Gemeinderaum in die Kirche hineinbauen oder anbauen o.ä.)

- die ‚Predigt’ der eigenen Gebäude homiletisch bearbeiten

- die ‚Entselbstverständlichungskraft’ der eigenen Gebäude stärken

- Qualität vor Quantität stellen: nicht möglichst viele Häuser, sondern möglichst geeignete Häuser; gegebenenfalls: Abrisse, Verkäufe, um einen Neubau zu ermöglichen

- Nachbargemeinden und Kommunen informieren und beteiligen

- Mit dem Erfolg kirchlichen Aufbruchs rechnen, bzw. zukünftige Bedürfnisse mit bedenken

- Mut haben.   

Literatur:
Bauen und Erhalten. Dokumentation der Liegenschaftsverwaltung im Landeskirchenamt, EKiR 2007 (anregende Beispiele!)

Beyer, Franz-Heinrich, Geheiligte Räume. Theologie, Geschichte und Symbolik des Kirchengebäudes, 2008

Husmann, Bärbel, (Hg.), Geheiligte Räume (Arbeitshilfen Gymnasium 13) Religionspädagogisches Institut Loccum, 2007

Kirchliches Immobilienmanagement, KD-Bank

Umbach, Helmut, Heilige Räume – Pforten des Himmels. Vom Umgang der Protestanten mit ihren Kirchen, 2005

und verschiedene Broschüren des Landeskirchen mit Tipps, Erfahrungsberichten und Liturgien zum Download auf den Internetseiten der Kirchen


Dr. Ilka Werner, Berufsschulpfarrerin, Neuss
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