Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Grethlein: Die eingedampfte Taufe

Früher dauerte die Taufe drei Jahre – heute zehn Minuten

Prof. Dr. Christian Grethlein sprach in der Johannes a Lasco Bibliothek vor der Synode der ErK (Foto: Rieger)

Christian Grethlein mahnt ein Nachdenken über die Taufpraxis auch in reformierten Gemeinden an. Die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche nimmt das ‚Jahr der Taufe‘ zum Anlass und diskutiert über die Bedeutung der Taufe.

Vortrag von Prof. Grethlein zum Download

Christian Grethlein, Professor für Praktische Theologie an der Universität Münster, nahm in einem Vortrag über die „Taufpraxis im Wandel“ vor der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche die typischen Taufen in den Gottesdiensten aufs Korn. Aus dem, was das Fundament eines christlichen Lebens sein solle, sei eine kurz abgehandelte Handlung innerhalb eines ansonsten normalen sonntäglichen Gottesdienstes geworden, so Grethlein.

Aus historischen Zeugnissen wisse man, dass die ersten Christen drei Jahre lang auf die Taufe vorbereitet worden seien. Die Täuflinge hätten sogar mit den Gemeindevorstehern zusammen leben müssen, um alle Facetten des christlichen Lebens kennen zu lernen.

Sehr bald habe sich dann aber die Taufe der Säuglinge durchgesetzt. Diese sei in den ersten Jahrhunderten durch die Presbyter vor Ort vorgenommen worden – wegen der hohen Säuglingssterblichkeit meist in den ersten Stunden oder Tagen eines Neugeborenen. Im ganzen ersten Jahrtausend sei die Taufe selbstverständlich mit einer Abendmahlsfeier verbunden gewesen, bei der auch die Säuglinge Brot und Wein bekommen hätten.

Die Ausbildung und immer stärkere Gewichtung des Bischofsamtes habe die Handauflegung als zentrale rituelle Handlung dem Amtsinhaber vorbehalten. Die Taufe mit Wasser durch die Presbyter habe so den Charakter der Vorläufigkeit erhalten, die durch den alle Jahre durchreisenden Bischof erst bestärkt werden musste. So erkläre sich die bis heute hohe Wertschätzung der Firmung und Konfirmation, die in der Wahrnehmung der Menschen der Taufe den Rang abgelaufen habe.

So sei über die Jahrhunderte eine erhebliche Diskrepanz zwischen der theologischen Bedeutung der Taufe und der Taufpraxis entstanden. „Erklären Sie mal einem Konfirmanden, wie sich zum Beispiel die steilen Thesen des Heidelberger Katechismus in den Fragen 70 bis 74 in zehn Minuten unterbringen lassen“, so Grethlein karikierend.

Insbesondere kritisierte Grethlein die fast ausschließliche Verortung der Taufe im Sonntagsgottesdienst: „Das ist eine Praxis, die es vor 100 Jahren nur als Ausnahme gab.“ Auch in der reformierten Tradition sei das nicht früher verankert, meinte der Münsteraner Taufexperte. Noch 1973 habe eine Umfrage der EKD ergeben, dass ebenso oft in besonderen Gottesdiensten, in Familien und auch in Krankenhäusern getauft worden sei. Heute sei die Taufe am Sonntag dagegen fast der ausschließliche Ort der Taufe.

Mehr interessant als kritisch bewertete Grethlein eine andere Tendenz: Die kleinen Kinder würden immer später getauft, selten mehr bevor sie ein halbes Jahr alt seien. Dafür seien ausschließlich praktische Gründe im Familienleben verantwortlich, die sich um theologische Diskussionen nicht scherten. Die ersten Wochen nach der Geburt habe die Medizin durch die zahlreichen Vorsorgeuntersuchungen die „Führung“ übernommen. So suchten sich die Familien den richtigen Zeitpunkt eben etwas später.

Auch die Zunahme der Erwachsenentaufen und der Taufen in der Konfirmationszeit sei vielfach praktisch begründet. In Ostdeutschland kämen zum Beispiel immer wieder Kinder aus unkirchlichen Elternhäusern mit dem Wunsch getauft zu werden in Gemeinden.

Grethlein nahm auch zu den unterschiedlichen Motiven der Eltern Stellung, die ihre Kinder zur Taufe brächten. Oftmals sei eine Art „Generationenvorsorge“ im Spiel, also dem Kind die Chance zu geben, sich später für den christlichen Glauben auch bewusst zu entscheiden. Auch die Hoffnung auf einen besonderen „Schutz“ des Kindes sollte man nicht kalt als „magisch“ abqualifizieren, so Grethlein. Zweidrittel aller in Interviews befragter Eltern hätten von sich aus den Tod angesprochen als sie zur Taufe befragt worden seien.

Daraus, dass alle Taufmotive dauerhaft seien und in das ganze Leben hinein wirkten, schließt der Praktische Theologe Grethlein, dass die Gemeinden die Tauferinnerung pflegen sollten. Dies könne in vielfältiger Weise geschehen und würde auch zunehmend von Gemeinden als Bereicherung erkannt. Selbst bei Beerdigungen könne die Taufe aufgenommen werden, sei der Tod doch im Sinne des Apostels Paulus (Brief an die Römer 6, 4-6) die Vollendung der Taufe.

Luther wie Calvin hätten die Wirkung der Taufe in das gesamte Leben eines Christenmenschen betont. Dem gelte es in der seelsorgerlichen und gottesdienstlichen Praxis zu entsprechen.

Dem Vortrag schlossen sich lebhafte Diskussionen in Arbeitsgruppen der Synode an. In diesen ging es um verschiedene Aspekte, wie zum Beispiel auch das Patenamt und die Gestaltung der Taufe im Gottesdienst.

Vortrag von Prof. Grethlein zum Download


Georg Rieger, 19. Mai 2011
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