Brandgeruch

Wie trauert man um eine Kirche? - Mittwochs-Kolumne von Georg Rieger


(Foto: Rieger)

Im Mittelalter sind öfter mal Kirchen abgebrannt. Dass heute so etwas immer noch möglich ist, hätte ich nicht gedacht ...

Die ersten Bilder im Internet muteten unwirklich an. Als ich mich am späten Vormittag an den Ort des Geschehens traute, rauchte es noch an manchen Stellen. Alles war voll Löschschaum, der wie Schnee aussah. Der Blick ins Innere der Kirche war bestürzend: Verkohlte Balken über zusammengekrachten Gerüstteilen, die Sandsteinmauern und Säulen abgeplatzt, die Kanzel geräuchert und voller Schutt.

Zwischen Feuerwehrleuten, die ihre Schläuche einsammelten, Statikern und Versicherungsexperten traf ich Presbyterinnen, unseren Pfarrer und Gemeindemitglieder. Mit Worten konnten wir uns unsere Betroffenheit gegenseitig mitteilen. „Ich konnte es erst gar nicht glauben“, war der dabei am häufigsten zu hörende Satz. Ansonsten wahrten alle die Fassung. Nicht weil uns nicht zum Heulen zumute war. Aber darf man um eine Kirche weinen? Was man doch schon anlässlich des Todes eines Menschen nicht so wirklich hemmungslos tut, darf man das angesichts der Zerstörung eines Gebäudes?

Ich habe von Menschen gehört, die geweint haben. Besonders ältere, bei denen Erinnerungen an die Zeit nach dem Krieg hochkamen. Die Kirche war für viele damals ein zweites Zuhause in der zerbombten Stadt, die Gemeinde eine zweite Familie.

Eine Kirche ist mehr als eine „location“ für Gottesdienste. Sie wächst uns ans Herz, weil wir innerhalb ihrer Mauern Besonderes erlebt haben. Hier sind wir Gott und uns selbst näher. Hier sind wir auch als Gemeinde eine Gemeinschaft.

Die besondere Identifikationskraft von Kirchengebäuden ist bekannt und viel besprochen. Sie setzt auch in diesem Fall enorme Kräfte frei. Dass die Kirche wieder aufgebaut werden soll, das ist in der Gemeinde überhaupt keine Frage.

Insofern ist es auch kein wirklicher Trauerprozess und kein Abschied. Die Kirche wird nie mehr so sein wie früher. Aber sie wird, wenn sie einmal wieder aufgebaut ist, erneut nicht nur ihre Funktion erfüllen, sondern auch wieder ein Identifikationspunkt werden.

Bei den sommerlichen Temperaturen zieht einem der Brandgeruch in die Nase, wenn man sich der Kirche nähert. Dieser Zustand der olfaktorischen Erinnerung wird noch ein bisschen anhalten, da die Aufräumarbeiten noch nicht beginnen können. Aber irgendwann wird es wieder nach Stein und Holz riechen. Und wir werden in St. Martha 2.0 wieder Gott nahe sein und uns selbst und hoffentlich auch uns als Gemeinde*.

*) Im privaten Bereich ist der Hausbau der häufigste Scheidungsgrund.

zur Homepage von St. Martha mit aktuellen Informationen

Beitrag in der ZEIT zum Wiederaufbau der Marthakirche