Je gerechter desto besser

Einspruch! – Mittwochs-Kolumne von Georg Rieger


In diesen Tagen ist viel von Gerechtigkeit die Rede.

So kann es ja nicht weitergehen, dass immer wieder ganze Nationen Opfer falscher Entscheidungen werden! Die Massen ereifern sich, klagen und beten, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahren möge. Denn es ist WM.

Der Schiedsrichter hat es nicht gesehen – wir aber schon. Und das Spiel läuft weiter, trotz dieser falschen Entscheidung. Das ist hart. Das ist sogar eigentlich unerträglich. Es ist zwar „nur“ ein Spiel, aber trotzdem: Dass einer – unterstützt zwar von zwei Handlangern aber letztlich doch alleine – über das Wohl und Wehe und das Weiterkommen einer Nationalmannschaft entscheidet … das öffnet doch der Willkür Tür und Tor!

Apropos Tor. Da ist es ja in Brasilien schon das erste Mal anders. Ob der Ball „drin“ war, entscheidet ein Funksystem. Das bringt mehr Gerechtigkeit. Hoffentlich! Je genauer Entscheidungen getroffen werden können desto besser. Dagegen ist zunächst einmal nichts zu sagen. Und so ist es ja auch sonst im Leben. Technische Möglichkeiten machen es immer leichter, die Schuldigen zu ermitteln und gerecht zu entscheiden. Entsprechend anspruchsvoller wird unser Rechtsempfinden.

Aber es macht sich auch immer mehr das Verlangen danach breit, für alles einen Schuldigen zu finden. Etwas einfach hinnehmen, geht nicht. Schicksal, Pech und Zufall haben ausgedient. Warnhinweise pflastern unser Leben, weil die unsinnigsten Unfälle für Hersteller oder Betreiber rechtliche Konsequenzen haben können.

Ich wünsche mir schon, dass ich manche Dinge einfach hinnehmen könnte. Deshalb bin ich voll der Bewunderung für die Fußballer, die zwar kurz gegen einen ungerechtfertigten Freistoß oder eine Gelbe Karte protestieren, sich aber dann sofort wieder ins Spiel eingliedern und mitspielen als wäre nichts gewesen. Ob die das trainieren?

Um eine ganz andere Art von Gerechtigkeit ging es und geht es den Brasilianern, die für bessere Bildungschancen und gegen die Milliardeninvestitionen in Fußballstadien und andere WM-Infrastruktur protestieren. Von ihrer Wut hört man seit dem Eröffnungsspiel nichts mehr. Wahrscheinlich funktioniert auch hier die FIFA-Zensur (http://blogs.taz.de/latinorama/2014/06/14/indigenen-protest-zum-wm-auftakt-das-foto-des-tages/)

Hoffentlich sind die jedenfalls nicht zur Tagesordnung übergegangen, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen und für ihre Rechte kämpfen. Dass nämlich ein Sport, der sich Fairness auf die Fahnen schreibt, die Gesellschaft spaltet, das kann nicht im Ernst so weiter gehen. Nach dem Spiel muss hier mal nicht einfach vor dem nächsten Spiel sein. Innehalten ist angesagt und etwas ändern.