Der Mittelfinger und das Schicksal der Griechen

Einspruch! Mittwochs-Kolumne von Georg Rieger


Trotzdem oft sehenswert: Günther Jauch, ARD, 21.45 Uhr

Jeden Sonntag werden wir erst gut unterhalten und dann für blöd verkauft. Bei Günther Jauch wird nicht miteinander, sondern gegeneinander geredet.

Ja, es wird eines dieser kultur- und medienkritischen Lamentos, die man auch nicht mehr hören kann. Aber ich muss es einfach loswerden.

Da ich zur Tatort-Gemeinde gehöre, stellt sich mir wöchentlich die Sonntagsfrage: Ausmachen oder Jauch gucken. Jedenfalls mal reinschauen, wer so da ist. Und schon ist es wieder um mich geschehen. Ich verbringe eine Stunde damit, mich über nicht gelingende Kommunikation zu ärgern. Dazwischen mal ein paar bedenkenswerte Argumente, vor allem aber das immerwährende Schaulaufen der immergleichen Protagonisten vorhersehbarer Statements.

Wie früher nur in den billigen Nachmittagsshows im Privatfernsehen, werden nun auch bei Jauch und Anne Will die Gäste gleich mit provozierenden Texten aus dem Off vorgestellt, zu denen sie sich dann die passenden Gesichtsausdrücke ausdenken dürfen. Und in diesem Stil geht es dann weiter.

Ein unsägliches Beispiel dieser Talkshow-Kultur war die am letzten Sonntag aus dem Gasometer ausgestrahlte Sendung über die Griechenlandfrage mit dem zugeschalteten griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Natürlich musste der bayerische Finanzminister den Gegenpart übernehmen, weil somit schon klar war, dass mehr Arroganz als Kompetenz ins Spiel kommt. Die Chance, die Situation in Griechenland verständlicher zu machen, wurde auf diese Weise verschenkt. Dafür durften aber Stammtischmeinungen sich bestätigt fühlen.

Der griechische Minister, der mit viel Pathos und Wiederholungen den europäischen Geist beschwor und auch nur wenig zur Verständlichkeit seiner Forderungen und der seiner Regierung beitrug, musste sich schließlich für ein Video rechtfertigen, in dem er angeblich der deutschen Kanzlerin den Stinkefinger gezeigt habe. Die vorerst geleugnete Echtheit dieser Aufnahme wurde inzwischen bestätigt und manche spekulieren schon, ob von dieser Geste von 2010 nicht das Wohl und Wehe der griechischen Regierung abhänge. Tja, im deutschen Fernsehen geht es eben wirklich um das Wesentliche!

Am meisten tun mir die Griechen leid, von denen nicht wenige Deutsch können und das Schmierentheater vielleicht mitbekommen haben und die sich mit ihren Sorgen so richtig verstanden finden müssen. Oh je!

Wie wäre es denn mal mit einer Talk-Runde, in der eine kommunikationsmäßig versiertere Moderatorin oder ein Moderator es sich Woche für Woche zur Aufgabe machen würde, die Gäste zu einem produktiven Diskurs zusammenzubringen? Möglicherweise sogar mit einem Ergebnis? Aber das will ja angeblich niemand sehen. Und warum sollen wir TV-Zuschauer denn auch Menschen erleben, die Lösungen finden? Das könnte uns ja auf die Idee bringen, auch in unserem Leben weniger die Konfrontation und mehr die Verständigung zu suchen.

Je mehr ich solche Verdummung im Fernsehen erlebe, desto mehr treibt es mich auf die Kanzel, um einfach nur loszuwerden, dass es auch anders geht – ja gehen muss, wenn wir uns nicht in Richtung einer irrationalen und daueraggressiven Gesellschaft entwickeln wollen.

Mitteilung

von Wolfhart Koeppen:
"Danke und volle Zustimmung für diesen "Zwischenruf", lieber Georg Rieger. Ein echter Tiefpunkt angeblich seriöser Fernseh-Unterhaltung. Als jemand, der Griechenland und die Griechen seit 4 Jahrzehnten kennt, zeitweilig sogar dort lebt und vor 10 Tagen in Athen gepredigt hat, bin ich (immer wieder) entsetzt über diesen deutschen Mangel an Sensibilität und Solidarität. Natürlich gilt das in diesem Fall auch umgekehrt für Varoufakis und seinen Stinkefinger. Dass die Bereitschaft zum Zuhören und zur Verständigung abnimmt (nach meiner Wahrnehmung übrigens auch in Kirchengemeinden) ist alarmierend. Ich finde: Wir dürfen uns nicht wundern, wenn das irgendwann und irgendwo handgreiflich bzw. militärisch ausgetragen wird".

von Frank Meißburger:
Meine Zustimmung hat der Zwischenruf auch. Als ich Überschrift und ersten Satz gelesen hatte, dachte ich: Meint er den Tatort?!? Schön, dass wir uns verstehen. Zu Günther Jauch kann ich nichts weiter sagen, nach dem Tatort schalte ich immer ins Dritte, da kommen die Sonntagsspiele der Bundesliga, die können kaum schlechter sein. Na gut, ab und zu schalte ich danach auch wieder zurück, meistens reichen ein paar Minuten, um Thema und Stimmung wahrzunehmen und davon genervt zu sein.… - Und ich frage mich, was hat es eigentlich mit der Sendung „Günther Jauch“ auf sich? Ist sie am Ende womöglich nur eine andere Form von Unterhaltung? Immerhin hat die ARD auf diesem Sendeplatz ja vor einigen Jahren die Journalistin Will durch den Showmaster Jauch ersetzt –und mehr als Show soll das Ganze ja wohl auch gar nicht sein, wenn Hillary Clinton zu den Affären ihres Ehemanns befragt wird oder ein griechischer Minister zu einem irgendwann mal gezeigten Stinkefinger und wenn die einschlägigen deutschen Politiker dort ihren üblichen Populismus verbreiten dürfen –und das alles in einem Programm, das den Anspruch hat, „Das Erste“ zu sein … Da gucke ich dann doch lieber, ob es im Zweiten noch einen Krimi gibt oder mache die Kiste einfach mal ganz aus – und wer weiß, vielleicht kommt ja bald das dritte Sonntagsspiel. Vielleicht wird Günther Jauch aber auch bald mal abgelöst - Liebe ARD, wie wäre es mit Thomas Gottschalk an seiner Stelle ?!?