IV. Zugabe: Geben, was man nicht hat

Magdalene L. Frettlöh, Der Charme der gerechten Gabe

I. Angabe: Die Rückkehr der milden Gabe
II. Eingabe: Eine kleine Phänomenologie der Gabe
1. Der Geist (in) der Gabe und die freiwillige Verpflichtung zum Geben, Nehmen und Erwidern – Marcel Mauss' Lösung des Rätsels der Gabe 
2. Die Ambivalenz der (milden) Gabe. Zur gegenwärtigen Spendenpraxis
3. Die Gabe, die keine ist – J. Derridas Dekonstruktion der (getauschten) Gabe
4. Vom Geben, das in der Gabe nicht aufgeht - B. Waldenfels' Phänomenologie von Geben und Nehmen
III. Vorgabe, Weitergabe und Rückgabe: Das paulinische Kollektenprojekt
1. "Wir teilen euch die charis Gottes mit ..." - oder: Grazie, der Inbegriff göttlichen und menschlichen Gebens
2. "... auf dass Gleichheit entstehe!" - oder: die Kollekte als diakonia
3. "... und sie sehnen sich nach euch!" - oder: die Kollekte als koinonia
4. "... auch Überfluß für Gott!" - oder: die Kollekte als leitourgia
IV. Zugabe: Geben, was man nicht hat

IV. Zugabe: Geben, was man nicht hat

In seiner theologischen Ethik geht Oswald Bayer davon aus, dass "sich das ganze Feld des Ethischen nicht aus der Güte des kategorischen Imperativs, sondern aus der Güte der kategorischen Gabe"[1] erschließt. Gegenüber einer Begründung der Religion in der Moral, gegenüber einem menschlichen Handeln, das bei sich selbst oder bei der gebotenen Aufgabe anfängt, erinnert O. Bayer daran, dass sich unser Leben und Handeln der elementaren göttlichen Vorgabe verdankt. Nach der Paradieserzählung ist das erste Wort Gottes an den Menschen ein Gabewort: "Von jedem Baum des Gartens darfst du essen, essen!" (Gen 2,16), das seine Wiederaufnahme im Einladungsruf des Abendmahls findet: "Kommt, denn es ist alles bereit, schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist!" Auf die göttliche Vorgabe der Lebensmittel und des Lebensraumes antwortet sachgemäß, wer sich an den gedeckten Tisch setzt, nimmt und ißt und über der Güte der Gaben und des Gebers ins freudige Staunen und Danken gerät.[2]

Auch die Kollekte der korinthischen Gemeinde für die Heiligen in Jerusalem gründet in der göttlichen Vorgabe, in seiner überströmenden charis, die als Ergebnis des zwischengemeindlichen Gebens und Nehmens in Gestalt der eucharistia zu ihm zurückkommt. Gott empfängt in der eu-charistia seine eigene Gabe anmutig wieder. Wie die KorintherInnen mit ihren Spenden geben, was nicht ihnen, sondern Gott gehört, so kann auch die Jerusalemer Gemeinde mit ihren Dankgebeten Gott nichts geben, was er nicht bereits hat. Dies erinnert an jenes außerordentliche Geben in der Phänomenologie B. Waldenfels', bei dem das Geben in der Gabe nicht aufgeht. Von diesem Geben sagt M. Heidegger: "Geben ist nicht nur Weggeben. Ursprünglicher ist das Geben im Sinne des Zugebens. Solches Geben läßt einem anderen das gehören, was als Gehöriges ihm eignet."[3] Die Gegengabe der eucharistia läßt Gott die ihm eigene charis gehören. Wer dankbar ist, gibt zu, dass Gott Grazie hat, gibt ihm seine Grazie zu.

Biblisch-theologisch findet das Geben dessen, was man nicht hat, seinen wohl sprechendsten Ausdruck in einem Dank- und Segensgebet Davids anläßlich einer von ihm initiierten Kollekte, in der es zu unerwartet hohen Spenden für den Tempelbau kommt:

"... und nun, unser Gott, danken wir dir und loben deinen Ehrennamen.
Ja, wer bin ich und wer ist mein Volk, dass wir es vermochten,
auf eine solche Weise freigiebig zu sein?!
Denn von dir ist das alles, und aus deiner Hand haben wir dir gegeben.
Fremde sind wir doch vor deinem Angesicht, Beisassen wie alle unsere Väter,
wie der Schatten sind unsere Tage, unaufhaltsam.
Adonaj, unser Gott, diese ganze Fülle, die wir bereitet haben,
um dir ein Haus zu bauen für deinen heiligen Namen –
aus deiner Hand ist sie, und dir gehört das alles" (1Chr 29,13-16).

"Wir geben dir aus deiner Hand", gibt David unumwunden zu und bringt damit jenes zugebende Geben, das die Gaben dem läßt, dem sie gehören, auf eine fast paradoxe Formulierung, die als der Kernsatz einer biblischen Theologie und Ethik der Gabe gelten kann. 2Kor 8-9 erweisen sich im Abschreiten des Weges, den die charis von Gott (8,1) zu Gott (9,15) nimmt, als eine Explikation dieses einen Satzes am konkreten Beispiel der Jerusalemer Kollekte. Was sich in 1Chr 29,14b in einem einzigen Bekenntnissatz fokussiert, findet in 2Kor 8-9 eine anschauliche argumentative Entfaltung. Das paulinische Kollektenschreiben kann geradezu als eine genuine Inszenierung des davidischen Gebets verstanden werden, findet sich doch eine Mehrzahl von Bezügen zwischen 1Chr 29 und 2Kor 8-9[4]: Wiederholt ist von der Freigebigkeit der Spendenden (V. 5.6.9.14.17) und von der Fülle der Gaben die Rede, die festliche Freude untereinander (V.9.17.22) und Dankbarkeit gegenüber Gott hervorrufen, die ihm hier als Segen (vgl. 2Kor 9,5f.) entgegengebracht wird (V. 10.20). Das Gebeereignis zwischen Gott und den Menschen folgt dabei nicht der Logik von "do ut des", sondern von "damus, quia dedisti". Gott bedarf zu seiner Freigebigkeit unserer Genugtuung nicht. Die göttliche Vorgabe, die wir dankbar und lustvoll gebrauchen und genießen dürfen, gibt uns die Aufgabe, das Überflüssige zu teilen, auf dass auf Erden alle genug haben und – vergnügt sein können. Dabei geht aber die Vorgabe nicht in der Aufgabe auf, sie behält einen Überschuß ihr gegenüber.[5] Wenn wir vom Überfluß zur Genüge geben, braucht es uns nicht zu beunruhigen, dass unsere Gegengaben in jeder Hinsicht hinter der göttlichen Vorgabe herhinken. Das mindert nicht ihren Charme.


[1] Oswald Bayer, Freiheit als Antwort. Zur theologischen Ethik, Tübingen 1995, 16.

[2] Der Einsatz der Ethik bei der kategorischen Gabe Gottes wirft auch ein neues Licht auf das Verständnis der Sünde: "Der Sünder ist in erster Linie ein Kostverächter" (O. Bayer, Freiheit als Antwort, 14).

[3] Martin Heidegger, Der Spruch des Anaximander, in: ders., Holzwege (GA 5), Frankfurt a.M. 1977, 321-373 (Zitat: 356f.).

[4] D. Georgi geht angesichts der auffälligen Übereinstimmungen beider Texte davon aus, dass 1Chr 29 Paulus als Vorlage und Anregung gedient haben muß (Der Armen zu gedenken, 78f.).

[5] Das heißt auch, dass sich die Soteriologie nie ganz auf die Ethik abbilden läßt. Die göttliche Vorgabe, die die menschliche Aufgabe begründet und ermöglicht, bleibt nicht nur vorgängig, sondern uneinholbar.

Quelle: Magdalene L. Frettlöh, Die Charme der gerechten Gabe. Motive einer Theologie und Ethik der Gabe am Beispiel der paulinischen Kollekte für Jerusalem, in: "Leget Anmut an das Geben". Zum Verhältnis von Ökonomie und Theologie, hrsg. von Jürgen Ebach, Hans-Martin Gutmann, Magdalene L. Frettlöh und Michael Weinrich (Jabboq 1), Neukirchen-Vluyn 2001, 105-161.

Auf reformiert-info.de mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks