Christlicher Fundamentalismus: Die Flucht nach vorn IV/2

4.2 Entlasteter Glaube

©Andreas Olbrich

Von Michael Weinrich

1 Der Fundamentalismus ist eine reale Gefahr
2 Ein unklarer Begriff
3 Der christliche Fundamentalismus aus der neuen Welt
4 Fundamentalistische Tendenzen in der evangelikalen Bewegung
4.1 Das Bekenntnis der Wahrheit
4.2 Entlasteter Glaube
5 Fundamentalismus ist Klerikalismus von unten
6 Das nicht-fundamentalistische ›Fundament‹ des Glaubens

4.2   Entlasteter Glaube

An drei Beispielen möchte ich nun zu zeigen versuchen, daß dem ungeheuren Glaubenspathos, mit dem sich die Bekenntnisbewegung allseits in Szene setzt, bisweilen ein handgreiflicher Kleinglaube entgegensteht, der sich in grundsätzlich gleicher Manier auch im amerikanischen Fundamentalismus findet.

Symptomatisch ist auch hier die Sorge, möglichst konsequent dem allgemeinen Bedürfnis nach vollständiger rationaler Durchdringung unserer Wirklichkeit entgegenzukommen. Der naturwissenschaftlichen Plausibilität wird im Blick auf die Bibel der größtmögliche Vorrang vor dem Glauben eingeräumt, was auch ein bezeichnendes Licht auf das wirft, was man hier unter Glauben zu verstehen geneigt ist.

Insgesamt scheint mir die Tendenz bestimmend zu sein, den Glauben weitestmöglich entweder in rationaler oder aber in praktischer bzw. funktionaler Kontrolle zu halten, daß er für den modernen Menschen schließlich nur noch als ein kleiner und übersichtlicher Schritt erscheint, der im Grunde jedem gutwilligen Menschen zuzumuten ist. Drei Bereiche fundamentalistischen Kleinglaubens möchte ich hervorheben:

4.2.1 Kleingläubiges Verstehen

Während gegen die Volkskirche von seiten der evangelikalen Bewegung immer wieder der Vorwurf erhoben wird, sie passe sich den kirchenfernen säkularisierten Mitgliedern an und biete ein unentschiedenes, diffuses Bild eines beliebigen Religionsmarktes, auf dem sich jeder nach eigenem Gutdünken seine Privatreligion zusammenstellen könne, möchte die evangelikale Bewegung den Glauben allein auf Schrift und Bekenntnis gründen. Gegen die Verkürzungen der historischen Kritik wird für eine ›geistliche Auslegung‹ der Bibel plädiert, die das, »was sie in der Bibel wahrnimmt, im ›Licht der Auferstehung‹ [sieht]«[1], um so das ›unverkürzte Evangelium‹ wahrnehmen zu können. Die Bibel soll gleichsam mit den Augen des Glaubens gelesen werden. Es wird von ›pneumatozentrischer‹ Auslegung gesprochen, die beim Werk des Heiligen Geistes und nicht bei unseren menschlichen Bedingungen einsetzt[2]. Das ist jedenfalls der durchaus begründbare Anspruch, über dessen Konsequenzen sich in ein interessantes theologisches Gespräch eintreten ließe.

Sieht man sich jedoch die Auslegungen an, so kommt es immer wieder vor, daß alle möglichen Argumente – bis hin zu den skurrilsten – aufgeboten werden, um der Vernunft des modernen Menschen ein lückenloses Verstehen zu ermöglichen. Gegen den beklagten Subjektivismus der volkskirchlichen Theologie tritt da plötzlich ein sich rational gebender Objektivismus auf den Plan, der dem naturwissenschaftlich geprägten modernen Menschen mit einer Art Beweis entgegenzukommen versucht, auch wenn dieser Beweis noch so wunderlich ist. In der Manier der rationalistischen Wundererklärungen des 19. Jahrhunderts wird da beispielsweise mitgeteilt:

»Ein Naturwissenschaftler, der etwas weiß von Kernspaltung und Kernumwandlung, wird z.B. über das Umwandlungswunder nicht mehr lächeln, das uns im Johannesevangelium überliefert wird, als Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt, denn das war nichts anderes als eine Kernumwandlung, die heute mit bestimmten Atomen schon möglich ist.«[3]

Um den Naturwissenschaftler zufriedenzustellen, wird hier gleichsam das Wunder geopfert. Nicht der Heilige Geist kommt hier zu Worte, sondern die Verrechnungslogik der Naturwissenschaft, damit ihre Vertreter nun keinen Grund mehr haben mögen zu lächeln. Hier zeigt sich, daß die Kritik an der historisch-kritischen Methode vollkommen ins Leere stößt, denn die Bemühung des naturwissenschaftlichen Beweises ist allemal erbärmlicher und platter als die historische Frage nach der Bedeutung. Immerhin setzte die historische Kritik noch auf den Geist der biblischen Autoren, aber hier ist nun jeder Geist ausgetrieben, und es herrscht die Macht des Wissens. Verräterisch ist eine kleine Wendung in dem zitierten Absatz, die sich allerdings auch in den historisch-kritischen Exegesen noch und noch findet, nämlich der biblische Text sage »nichts anderes als« – also in unserem Beispiel vom Weinwunder zu Kana wird gesagt, es sei »nichts anderes als eine Kernumwandlung gewesen«, so wie sie eben auch sonst vorkomme. Dabei muß der Text als relativ unbeholfen gelten, weil er sich eben nicht selbst in der für den heutigen Menschen nötigen Klarheit zu äußern vermag[4]. Nicht die Besonderheit des Textes wird nacherzählt, sondern der Text wird auf die Ebene dessen herabgezogen, was auch sonst außerhalb des Textes gültig ist. Das, was allgemein gilt, soll – koste es, was es wolle – auch das Besondere der biblischen Botschaft erklären. Dazu ein weiteres von mir bereits an anderer Stelle vorgetragenes Beispiel:

»Die Bibel sagt, Eva sei aus der Rippe Adams geschaffen. In der Biologie, genauer in der genetischen Forschung, ist seit einiger Zeit das sog. Cloning bekannt. Dies ist ein Verfahren, aus Pflanzen und Tierzellen Zwillingsorganismen zu bauen, also nicht durch Zeugung, sondern vegetativ durch Entnahme von Zellen. Bei Salamandern ist die Methode schon mit Erfolg getestet. Z.Zt. arbeitet man mit Kaninchen. Grundlage dafür ist die Erkenntnis, daß jede Zelle mit Ausnahme der Keimzellen den vollen genetischen Code, den vollen Chromosomensatz enthält, der für ein Lebewesen charakteristisch ist. Unter der Voraussetzung, daß bei einem solchen Eingriff auch die Geschlechts­chromosomen (XY-Chromosomen) verändert werden, ist die Erschaffung Evas aus einer Rippenzelle Adams durchaus denkbar.«[5]

Im Hintergrund steht auch wieder dieses »nichts anderes als« – eben nichts anderes als ein gentechnischer Eingriff. Hier tauchen auch wieder die Naturwissenschaften auf, die High-Tech-Welt, von der wir im Zusammenhang mit dem amerikanischen Fundamentalismus bereits gehört haben. Die Möglichkeiten Gottes werden so weit, wie es irgend geht, mit dem erklärt, was auch wir Menschen können. Nicht wir werden mit den Maßstäben Gottes vertraut gemacht, sondern Gott wird in die Koordinaten unserer Maßstäbe eingefügt. Ohne sich davon irritieren zu lassen, daß sich auf diesem Weg ja keine theologisch substantielle Äußerung über die Schöpfung machen läßt, wird die Werkstatt Gottes um der rationalen Plausibilität willen konsequent unseren Produktionsbedingungen unterstellt, auch wenn wir zur Zeit nur mit Kaninchen arbeiten. Der Abstand zwischen Gott und Mensch wird zu einem Abstand des Fortschritts, in dem wir Gott dicht auf den Fersen sind. Gott ist nicht der ganz andere, sondern er ist wie ›du und ich‹, mit unserem Wirklichkeitsmaß zu messen. Und noch erhebender ist die Umkehrung dieser Aussage, denn wir sind wie Gott, zumindest die Gentechniker und Molekularbiologen, denen hier eine kaum versteckte Referenz erwiesen wird. Sie haben keinen Grund mehr für ihr überlegenes Lächeln, weil ihnen gesagt wird, daß Gott ihnen gleich sei; – wie lange aber die übrige Menschheit im Schatten der Errungenschaften der Gentechnik noch einen Grund zum Lachen haben wird, das wird nicht gefragt ...

Diese Art von Erklärungen scheint mir vor allem der Versuch zu sein, den Glauben auszutreiben, denn sie schiebt das Problem des Glaubens auf die Ebene von ›wahrscheinlich‹ und ›unwahrscheinlich‹. Es wird der Anschein erweckt, als hieße Glauben, etwas normalerweise als unwahrscheinlich Eingeschätztes nun doch für wahrscheinlich zu halten. Bei einem solchen Glaubensverständnis wird es dann auch verständlich, daß man versucht, alle Unwahrscheinlichkeiten, soweit es irgend geht, auszuschalten, um den dann noch vom Glauben zu leistenden Sprung möglichst klein zu halten. Der Glaube springt gleichsam ein in den von den Naturwissenschaften gelassenen Rest an Unwahrscheinlichkeit, der nun mit Hilfe des Glaubens akzeptiert wird. In diesem Zusammenhang erscheint er in der Tat in der klassischen Gestalt des Lückenbüßerglaubens.

Dieser digitalisierte Kleinglaube, der sich mit Hilfe einer banalen Ja-Nein-Logik von Fakt zu Fakt durchschlägt, wird in einer synthetisch errichteten Ecke inszeniert, die relativ zuverlässig vor jedem Hauch des Heiligen Geistes geschützt ist, so daß es für mich auch nicht verwunderlich ist, daß dieser fundamentalistische Kleinglaube im Grunde nichts anderes tut, als eben die bestehenden Verhältnisse vor allem da zu stabilisieren, wo sie einer kritischen Diskussion ausgesetzt sind, und das ging bis zur Verteidigung der Apartheids­politik in Südafrika. Diese Art des Denkens und Wahrnehmens ist so weit vom Geist der Bibel entfernt, daß wir den Selbstauslegungskräften der Bibel schon eine ungeheure Erleuchtungskraft zumessen müssen, wenn sie in diese entfernten Winkel noch hineinleuchten sollen. Der unruhige Erklärungsdrang, der mit peinlicher Akribie die Harmonie mit unserem Weltbild herzustellen versucht, ist für mich die methodisierte Aufforderung, nicht auf den Geist Gottes zu hören, weil wir unserem Geist bereits alle Erklärungen zutrauen. Daß dann die Erklärungen so bestürzend kleingeistig sind, zeigt die im Grunde traurige Erbärmlichkeit dieser Hybris.

4.2.2 Ein kleingläubiger Kampf

Über das spezifische Selbstverständnis hinaus, nach dem sich die Bekenntnisbewegung – wie oben ausgeführt wurde – in einen erneuten ›Kirchenkampf‹ gestellt fühlt, hat der Glaubenskampf auch eine Gott rechtfertigende Dimension. In den (rechtgläubigen) Christen offenbart sich gleichsam Gottes Handeln in unserer Welt. An die Stelle des Hörens und der kommunikativen Auseinandersetzung tritt – und das taucht in ähnlicher Verwendung auch im Fundamentalismus immer wieder auf – das Bewußtsein, an keineswegs unentscheidender Stelle am Werke Gottes beteiligt zu sein. Das ist gleichsam die notwendige Konsequenz des Kleinglaubens, wenn man Gott nicht für machtlos erklären will. »Seit den Tagen des Neuen Testaments ist der bekennende Christ in eine Kampfsituation gestellt«[6], in der es um einen »geistlichen Kampf mit den Fürsten und Gewaltigen des Bösen«[7] gehe: »Christsein im Härtetest«[8]. Es kann auch sehr viel bescheidener ausgedrückt werden, doch die Wichtigkeit, die unserem Tun dabei zugemessen wird, ist auch hier unüberhörbar, wenn es etwa heißt, daß die Christen »zu Positionslichtern im eschatologischen Nebel unserer Zeit werden«[9] sollen oder daß wir »schon Pflegegehilfen des großen Arztes sein [dürfen], die seine Mittel reichen und seine Verordnungen ausführen«[10]. Es hört sich so an, als seien die Christen das therapeutische Personal, durch das Gott seine Therapie an dieser Welt vollziehe. Das klingt für mich exakt genauso wie die immer wieder von Vertretern der evangelikalen Bewegung angegriffene Formulierung von Dorothee Sölle, daß Gott keine anderen Hände als unsere habe. Auch hier stellt sich wie oben bei der historischen Kritik eine tiefe Verwandtschaft mit denen heraus, die da so scharf angegriffen werden, nur daß eben nicht einmal von ferne das Niveau der so vernichtend kritisierten Positionen erreicht wird.

Immer wieder wird vom Kampf des Glaubens in den dramatischsten Konstellationen gesprochen. Folgendes Beispiel mag für sich sprechen; es findet sich unter der Überschrift: »Stille Zeit über der Bibel«, und es sollte eigentlich Ex 17, 8-13 ausgelegt werden:

»Man weiß gar nicht mehr, wo und wie wehren, geschweige denn, wie der Situation Herr werden. Die Kampflage ist fast verzweifelt schlimm ... Von einem Punkt aus bringt der Feind, Satan, alle Angriffe zum Stehen. Er hält einen Punkt besetzt, von dem aus er das Kampffeld beherrscht. Von da aus reicht sein Feuer überall hin. Im Krieg gibt es auch solche Punkte, Anhöhen, die das Gebiet ringsum beherrschen. Darum wird jeweilen um diese Punkte gekämpft. Sie müssen besetzt sein, bevor der Kampf auf dem Feld mit Aussicht auf Erfolg aufgenommen werden kann. ... Die Kirche Christi heißt nicht umsonst ›ecclesia militans‹, d.h. ›kämpfende Kirche‹, denn sie wird unfehlbar von den Feinden des Wortes, des Reiches und des Volkes Gottes in ständige Kämpfe verwickelt. Dabei erleidet sie jedoch immer wieder Rückschläge, ja Niederlagen. Weshalb das? Sie kämpft, ohne den strategisch wichtigsten Punkt besetzt zu haben. Das rächt sich bitter. Dieser Punkt muß erobert und gehalten werden – und zwar nicht von einzelnen, sondern von allen, die an Jesus Christus als ihren Erlöser und Herrn glauben. ... Nur im Horchen und Gehorchen gegenüber der obersten Heeresleitung, im Vernehmen und Ausführen der göttlichen Befehle, kann es zu einem echten Sieg kommen. ... Ohne Kampf gibt es keinen Sieg!«[11]

In diesem von schwer erträglichen militaristischen Männerphantasien gespickten Text »Stille Zeit über der Bibel« sind beinahe alle fundamentalistischen Neigungen versammelt, die sich in der evangelikalen Bewegung immer wieder finden. Es geht darum, den strategisch wichtigen Punkt zu besetzen und dann besetzt zu halten, d.h. zu besitzen, um von da aus dann alle zu bekämpfen, die sich ihnen nicht anschließen. Das ist eine mit Worten gemalte Szenerie, von der niemand wünschen kann, daß es einmal nicht nur Worte sind. Es paßt in diesen Zusammenhang, daß auch die Bibel selbst in der Metapher der Munition beschrieben wird:

»Unten im Keller wurden riesige Packen eingelagert. ›Dynamit‹, meinte einer, ›Waffen‹ ein anderer und ›Saatgut aus geprüftem Anbau‹ schließlich ein Dritter. Jeder von ihnen hatte in seiner Weise recht, denn dort stapelten sich zweitausend Bibeln, die der Kirchenvorstand zur Verteilung im ›Jahr mit der Bibel‹ angeschafft hatte. Und die Bibel zeigt ja ihre Sprengkraft als das Wort Gottes, sie erweist sich als das ›Schwert des Geistes‹ – und wieviele Menschen haben hier den ›Samen des ewigen Lebens‹ in unvergleichlicher Keimkraft empfangen.«[12]

Das Pathos des Kampfes und der mit ihm verbundene Verfolgungswahn geht soweit, daß sich diese meist sehr wohlbehüteten Kämpfer plötzlich in ihrem Selbstmitleid »in den Gaskammern unserer Zeit«[13] wiederfinden. Das ist für mich eine entlarvende Entgleisung, denn hier mißt man sich in einem hemmungslosen Vergleich durch Niedertreten aller Geschmacksgrenzen eine Opferrolle zu, durch die alles von menschlicher Inhumanität verursachte Leiden verhöhnt wird[14]. Ich will gar nicht davon sprechen, daß sich in diesem plakativen Selbstzumessen der Opferrolle noch einmal schlagend der Kleinglaube zu Worte meldet, denn allzu deutlich springt die schreckliche Verzerrung der Wahrnehmungsperspektive ins Auge.

Zum Kampf gehört die Strategie, was uns eben eindrücklich in Erinnerung gerufen wurde. Nur ein strategisch raffinierter Kämpfer kann auf die Dauer Erfolg haben. Und so hat sich auch in der Bekenntnisbewegung herumgesprochen, daß ein offen demonstriertes Kampfpathos allgemein nicht mehr freundlich aufgenommen wird. Ohne den Kampf aufzugeben, muß nun die Strategie geändert werden, um das Kämpferische besser zu tarnen. Die neue Parole lautet: »Kampf – Ja, Kampfparolen – Nein!«[15]

»Dem heutigen Zeitgefühl gemäß sprechen wir lieber vom ›Einsetzen für‹ das Evangelium und die Botschaft des Kreuzes Christi. Auch wenn es in theologischen Ohren mißverständlich klingen mag, können wir auch formulieren, daß ›wir uns stark machen‹ für die Botschaft der Auferstehung Christi. Mit Paulus können wir auch sagen, daß wir an der Lehre ›unbeugsam festhalten‹. ... Mit Alarmparolen und Kampfbegriffen müssen wir heute sehr vorsichtig sein. ... Erst müssen wir den Kampf mit den falschen, heute nicht mehr brauchbaren Worten aufnehmen, um den Kampf des Geistes um des Evangeliums willen in richtiger Weise für unsere Zeit führen zu können.«[16]

Auch beim Kampf geht es ähnlich wie beim Verstehen darum, daß vor allem wir die Regie in den Händen behalten – eben deshalb spreche ich vom Kleinglauben. Allerdings handelt es sich wieder um einen recht großspurigen Kleinglauben, der sich deutlich vom Kleinglauben der Jünger Jesu unterscheidet. Es folgt eine dritte und letzte Annäherung.

4.2.3 Der Kleinglaube der Bekehrungsfreiheit

Auf der einen Seite findet sich durchaus verbreitet die Vorstellung von der Selbst­­hingabe an Jesus, von der Unterwerfung und dem Dienst, der zu tun ist, vom unbedingten Gehorsam und der Demut, die dabei zu wahren ist. Gottes Autorität erscheint nicht selten in der Gestalt des Weltenherrschers, dessen Gunst allein durch strikten Gehorsam zu gewinnen sei. Unterstrichen wird diese Einstellung durch eine massive Kritik an der Aufklärung und dem von ihr propagierten Emanzipations- und Freiheitsbewußtsein, das zu einer gotteslästerlichen Selbstverwirklichungsmentalität geführt habe, die nun mehr oder weniger direkt für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht wird. Man kann sich schwerlich des Eindrucks erwehren, daß die Aufklärung und somit die Neuzeit der geschichtliche Sündenfall schlechthin sei, dem mit aller Energie zu widerstehen sei, wenn sich der christliche Glaube nicht in Belanglosigkeit auflösen solle.

Im strikten Gegensatz dazu wird auf der anderen Seite zusammen mit dem ganzen Fundamentalismus kaum ein ›Glaubenssatz‹ so energisch hochgehalten, wie der von der Willens- bzw. Entscheidungsfreiheit für den Glauben[17]. Plötzlich muß da der Mensch für sich selbst die Verantwortung übernehmen, weil er sonst befürchtet, eine Marionette Gottes zu sein. Alle Orientierung im Leben sollen wir Gott überlassen, aber die Entscheidung darüber, wo wir uns orientieren wollen, die soll uns selbst möglich und überlassen bleiben. Der Glaube erscheint plötzlich als ein Angebot Gottes, so als ginge es um eine vom Menschen zu bestätigende und somit erst durch uns zur Geltung zu bringende Wahrheit. Erst durch uns kann diese Wahrheit dann auch zu einer Wirklichkeit werden, so daß wir uns zu entscheiden haben, ob wir uns in den Dienst dieser Verwirklichung der Wahrheit stellen wollen oder nicht. Ist einerseits der Individualismus die Ursache für den zu beklagenden Zerfall aller Ordnungen, so ist er hier nun plötzlich heilsentscheidend. Ganz und gar im Sinne der Neuzeit wird das Individuum zur letzten Instanz unserer Wirklichkeit erhoben. Von ihm hängt ab, was auf dieser Welt geschieht und welchen Einfluß wir Gott auf unsere Wirklichkeit noch zugestehen wollen. Hier geht es wohl um die Sicherung des besonderen Lohnes, der durch Bekennen und Kämpfen angesammelt wurde. Es geht um das Festhalten am Unterschied, für den man sein ganzes Leben investiert. Wenn dieser Unterschied hinfallen sollte, steht das ganze Konstrukt mit all seinem Pathos und Engagement in Frage. Und so öffnet man sich lieber wenigstens einer ›Irrlehre‹ der Aufklärung, als daß man es riskiert, vom Versöhnungshandeln Gottes noch mit bestimmten Überraschungen konfrontiert zu werden. Doch im Grunde fallen an dieser Stelle alle Einwände und Vorwürfe gegen die Aufklärung und ihre Folgen mit einem Handstreich – eben an dem entscheidenden Punkt – in sich selbst zusammen. Die letzte Regie liegt in unserer Hand, und es ist gar nicht so schwer, denn wir müssen uns lediglich für Jesus entscheiden. Es geht sogar zur Probe, denn Jesus läßt sich testen[18]. Zwar wird immer wieder recht dramatisch vom Wagnis des Glaubens gesprochen, aber so riskant geht es dann auch wieder nicht zu, denn wenn die Testergebnisse nicht befriedigend sein sollten, kann man sich ja auch wieder zurückziehen.

Fassen wir die drei Punkte zusammen: Gerade die ausgemachten fundamentalistischen Anteile in der evangelikalen Bewegung, von denen hier die Rede war, zeigen, daß es ganz und gar nicht um einen konservativen Traditionalismus geht, der sich bemüht, das überkommene theologische Erbe zu bewahren. Vielmehr handelt es sich – zumindest im Blick auf die skizzierten Aspekte – um eine höchst moderne Theologie, ja um eine Theologie des ›Zeit­geistes‹, der eben dem modernen Rationalismus der Naturwissenschaften, dem sich durch sein Tun bestätigenden neuzeitlichen Menschen und schließlich dem für sich selbst und sein Geschick frei d.h. voluntaristisch entscheidenden Individuum seine Referenz erweist. Es kann durchaus von einer ›Flucht nach vorn‹ gesprochen werden, von einem rigoristischen Modernitätsschub, der auf das religiöse Selbstsicherungsinteresse des durch die allgemeine Verunsicherung irritierten modernen Menschen setzt. Die ›Flucht nach vorn‹ ist allein darin konservativ, daß sie vor allem den massiven Beharrungskräften und unbelehrbaren Selbstbehauptungsinteressen der ihren Wohlstand verteidigenden modernen Menschen religiösen Schutz gewährt und sich damit auf wirksame Weise daran beteiligt, daß diese Welt möglichst besinnungslos so bleibt, wie sie ist. In etwas paradoxaler Wendung kann von einem ›modernen Antimodernismus‹[19] gesprochen werden. Bei aller prophetischen Attitüde, die man in dieser ›Flucht nach vorn‹ erkennen könnte, erweist sich der Fundamentalismus auch in der Bekenntnisbewegung faktisch als priesterlicher Verwalter des Status quo.

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Die Querverweise auf Literaturangaben in Anmerkungen beziehen sich auf die Zählung im PDF-Dokument.

[1]       Informationsbrief 104 (1984), 17.

[2]       Vgl. dazu M. Weinrich (s. Anm. 1), 69.

[3]       Informationsbrief 82 (1980), 6.

[4]       In der historisch-kritischen Forschung wird immer wieder die vergleichbare Unterstellung ausgesprochen, daß der Text nicht genau das sage, was er meine, so daß erst durch die Auslegung die Aussage des Textes recht zum Vorschein kommen könne.

[5]       Informationsbrief 82 (1980), 6.

[6]       Informationsbrief 57 (1976), 23.

[7]       Informationsbrief 46 (1974), 25.

[8]       So der vielsagende Titel eines Buches von G. Naujokat; besprochen in: Informationsbrief 140 (1990), 38.

[9]       Informationsbrief 40 (1973), 6.

[10]     Informationsbrief 61 (1977), 29.

[11]     Informationsbrief 63 1977), 4ff.

[12]     Informationsbrief 152 (1992), 13.

[13]     Informationsbrief 40 (1973), 6.

[14]     Ähnlich hemmungslos die Gleichsetzung vom Staat legalisierten Abtreibung mit der Endlösung der Judenfrage; vgl. Informationsbrief 142 (1990), 12.

[15]     Informationsbrief 165 (1994), 5.

[16]     Ebd., 4f.

[17]     Die Wuzeln der evangelikalen Verteidignung der Willensfreiheit reichen freilich über den Fundamentalismus hinaus zurück bis in den frühen Pietismus, der eben damit auch seine Neuzeitlichkeit deutlich markiert.

[18]     Vgl. Informationsbrief 31 (1971), 10.

[19]     Die Wendung übernehme ich von G. Küenzlen, Fundamentalismus und die säkulare Kultur der Moderne, in: H. Hemminger (Hg.) (s. Anm. 12), 196-221.


©Professor Dr. Michael Weinrich
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