Die Predigt des Alten Testaments in der christlichen Gemeinde II

Das Neue Testament ist eine Fortschreibung des Alten und keine Abkehr

Tobias Kriener zitiert in seinem Plädoyer für die Gemeinsamkeiten des Alten und des Neuen Testaments unter anderem Calvin mit den Worten: Calvin: "Der Bund mit den Vätern ist im Wesen und in der Sache von dem unsrigen nicht zu unterscheiden, sondern ein und dasselbe."

I. Harnacks Forderung und ihr theologiegeschichtlicher Kontext
Exkurs: Reformierte Tradition und Altes Testament
II. Versuche der Restituierung des Alten Testaments als christlich-kanonischer Schrift
III. Neue Einsichten im Prozeß der Umkehr zu den JüdInnen
IV. Gesichtspunkte zur Predigt alttestamentlicher Texte

Exkurs: Reformierte Tradition und Altes Testament

Kein geringerer als H. Kremers hat gemeint, beobachten zu können, daß "die reformierten Theologen ... ein ungebrocheneres Verhältnis zum Alten Testament" gehabt hätten.[1] An drei Stellen in der reformierten Lehrtradition hat dies besonders Früchte getragen.

In der Christologie wird in reformierter Tradition die Lehre vom triplex munus Christi besonders betont. In der Institutio Calvins findet sich ein Kapitel mit der Überschrift: "Wollen wir wissen, wozu Christus vom Vater gesandt ward und was er uns gebracht hat, so müssen wir vornehmlich sein dreifaches Amt, das prophetische, königliche und priesterliche betrachten."[2] Im Heidelberger Katechismus lautet die Antwort auf Frage 31 "Warum ist er Christus, das ist ein Gesalbter genannt? Darum, daß er von Gott verordnet und mit dem Heiligen Geist gesalbet ist zu unserm obersten Propheten und Lehrer, der uns den heimlichen Rat und Willen Gottes von unserer Erlösung vollkommen offenbart, und zu unserem einigen Hohenpriester, der uns mit dem einigen Opfer seines Leibes erlöset hat und immerdar mit seiner Fürbitte vor dem Vater vertritt, und zu unserem ewigen König, der uns mit seinem Wort und Geist regiert und bei der erworbenen Erlösung schützet und erhält."[3] Der Gewinn der Lehre vom dreifachen Amt Christi liegt darin, daß immerhin zumindest die Erinnerung an die alttestamentliche Kontur der Christologie tradiert worden ist, wenn auch die Tragweite dessen kaum je gesehen wurde.

Zweitens ist hinzuweisen auf den in reformierter Tradition besonders geschätzten tertius usus legis, den usus in renatis. Ihm widmet Calvin in der Institutio selbstredend einen eigenen Abschnitt.[4] Ihm ist es zu verdanken, daß im Heidelberger Katechismus der Dekalog nicht zu Beginn unter der Überschrift "Von des Menschen Elend", sondern eingangs des dritten Teils "Von des Menschen Dankbarkeit" gelehrt wird.[5] Das hatte immerhin die praktische Konse­quenz, daß die Reformierten auch in Bezug auf die ethischen Folgen des Glaubens nicht so "verkrampft" waren, wie weithin die lutherische Orthodoxie.

Das reformierte Schriftverständnis, drittens, wird dadurch geprägt, daß die Gemeinsamkeiten zwischen den Testamenten größer geschrieben werden als die Unterschiede. Im Kapitel "Von der Ähnlichkeit Alten und Neuen Testaments" schreibt Calvin: "Der Bund mit den Vätern ist im Wesen und in der Sache von dem unsrigen nicht zu unterscheiden, sondern ein und dasselbe."[6] Der Heidelberger formuliert in der Antwort auf Frage 19 "Woher weißt du das (nämlich daß Jesus Christus der Erlöser ist)?" ganz lapidar: "Aus dem heiligen Evangelium, welches Gott selbst anfänglich im Paradies hat offenbaret, folgends durch die heiligen Erzväter und Propheten (hat) lassen verkündigen und durch die Opfer und andere Zeremonien des Gesetzes vorgebildet, endlich aber durch seinen eingeliebten Sohn erfüllet."[7] Nach reformierter Auffassung ist das Alte Testament demnach im Vollsinn Evangelium - und das ganz ausdrücklich unter Einschluß nicht nur der ethischen Gebote, sondern expressis verbis - des "Zeremonialgesetzes"! Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müßte sich folglich das Alte Testament in reformierten Gemeinden auch an der "Basis" einer unvergleichlich größeren Beliebtheit erfreuen, als üblicherweise in der bundesdeutschen Volkskirche ...

Worin sich allerdings reformierte Tradition mit lutherischer, katholischer und sonstwie rechtgläubiger christlicher Theologie völlig einig weiß, ist die christologische Interpretation des Alten Testaments. So handelt es sich etwa bei dem Evangelium, das nach Frage 19 des Heidelberger Katechismus bereits im Paradies verkündet worden ist, um Gen. 3,15, was in der Tradition allgemein völlig fraglos auf die Kreuzigung Jesu ausgelegt wird. So finden sich zwar wohl weit mehr alttestamentliche Auslegungen bei reformierten Theologen, doch die materialen Unterschiede sind allenfalls minimal.

Auf den Leuchter gehoben gehört in diesem Zusammenhang noch das Licht eines reformierten Theologen aus dem Bergischen, der in dieser Sache einen besonderen Akzent gesetzt hat: H. F. Kohlbrügge. In seiner kleinen Schrift "Wozu das Alte Testament?" stellt er die These auf: "Daß die Lehre Christi und der Apostel oder das sogenannte 'neue Testament' ganz in dem alten muß gefunden werden, soll sie je annehmbar sein. Daß sie ein jeglicher, der ein Christ sein will, in dem 'alten Testament' nach seinem gesamten Inhalte ... muß nachzuweisen wissen. Daß also alle Vorurteile gegen das 'alte Testament', welche jetzt gang und gäbe sind, dem, der ein Christ heißen will, nicht geziemen; sowohl das Vorurteil, wonach es überhaupt kein Evangelium für uns sein soll, als das, wonach nur hie und da ein Evangelium darin gefunden werden soll."[8] Ausgehend von Act. 17,11 - "(Die Beröenser) durchforschten täglich die Schrift, ob dies ('das Wort' von Paulus und Silas) sich so verhalte." - kehrt Kohlbrügge die übliche hermeneutische Fragerichtung um. Nicht: Was bleibt vom Alten Testament noch als relevant für den christlichen Glauben, sobald an ihm die Meßlatte Jesus Christus angelegt wird? Sondern: Das Alte Testament wird "zum Probirstein der Predigt gemacht, welche sie von den Aposteln hörten".[9] "Es war ihnen (den Evangelisten) also die Schrift Mosis und der Propheten und nicht Jesus selbst noch alles, was mit ihm vorging, die höchste Autorität in der Sache Jesu und diese wieder die höchste Autorität, nur weil sie die Erfüllung dessen war, was sie geschrieben fanden."[10] Kohlbrügge trägt damit dem schlichten historischen Sachverhalt Rechnung, daß den neutestamentlichen Autoren keine fertige Christologie zu Gebote stand, die als hermeneutischer Schlüssel in einer Auseinandersetzung um das Alte Testament hätte dienen können, sondern daß es vielmehr "zur Zeit der ersten Christen keine andere Bibel gab, als eben das jetzt sogenannte 'alte Testament'".[11] Dieses war für sie der hermeneutische Rahmen, der sie im Begreifen aller Phänomene leitete, und natürlich erst recht, wenn es darum ging, die kontingente "Sache Jesu" zu fassen. Darum formuliert Kohlbrügge folgerichtig als hermeneutischen Grundsatz für die Auslegung des Neuen Testaments: "Wer den Büchern Mosis und der Propheten nicht glaubt als einem völlig zuverlässigen Gotteswort, der glaubt auch den Evangelisten nicht, denn sie haben bewiesen, daß sie nichts mehr geglaubt und nichts Anderes, als was sie in jenen Büchern geschrieben fanden."[12]

Auch für Kohlbrügge gilt, was von der reformierten Tradition insgesamt festgestellt wurde: Materialiter unterscheidet sich sein Verständnis des Alten Testaments kaum von dem seiner Vorgänger. Vielmehr dienen ihm seine methodisch so beachtlichen Einsichten eben dazu, in apologetischer Abwehr der historischen Bibelkritik die christologische Interpretation des Alten Testaments zu untermauern.

Immerhin bleibt aber bemerkenswert, wie manche seiner Formulierungen geradezu als Vorgriff anmuten auf das, was hundert Jahre später im beginnenden christlich-jüdischen Dialog begegnet. So etwa seine Erwägungen zu den Bezeichnungen "Altes" und "Neues Testament", die er als unsachgemäß zurückweist und durch die "schriftgemäßen Bezeichnungen: 'Moses und die Propheten'" bzw. "Evangelisten und Apostel" ersetzt.[13] Oder seine Auffassung, "der Unterschied zwischen ihnen (den ersten Christen) und den anderen Juden (!) lag darin, daß sie die Aussprüche dieser Schriften in einem Kinde und in einem Menschen erfüllt fanden",[14] bei ihnen im Übrigen aber weder ein neuer Glaube, noch auch nur eine neue Sprache oder Begrifflichkeit festzustellen seien.

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[1]             Kremers, aaO, 30.

[2]             J. Calvin, Unterricht in der christlichen Religion (Institutio Christianae Religionis), nach der letzten Ausgabe übersetzt und bearbeitet von O. Weber, 21963, 307ff.

[3]             Der Heidelberger Katechismus, hg. von O. Weber, 1978, 26f.

[4]             Calvin, aaO, 213ff.

[5]             Heidelberger Katechismus, aaO, 47ff.; vgl. demgegenüber den Aufbau von Luthers Kleinem Katechismus, in: Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, 21955, 501ff.

[6]             Calvin, aaO, 260.

[7]             Heidelberger Katechismus, aaO, 22.

[8]             H. F. Kohlbrügge, Wozu das Alte Testament? - Anleitung zur richtigen Schätzung der Bücher Mosis und der Propheten. Erster Theil: Das Alte Testament nach seinem wahren Sinne gewürdigt aus den Schriften der Evangelisten und Apostel, 31855, 11.

[9]             Ebd.

[10]          Ebd., 86.

[11]          Ebd., 8.

[12]          Ebd., 85.

[13]          Ebd. 12 - 16; Zitat 16.

[14]          Ebd., 46

 


Tobias Kriener
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