Kirchengeschichtliche Forschung

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Andreas Flick: Hugenotten

Französisch-reformierte Glaubensflüchtlinge in Deutschland

Briefmarke: 300 Jahre Edikt von Potsdam

1. Hugenotten: Begriff und Definition
2. Die Geschichte der Hugenotten in Frankreich
3. Das internationale und das deutsche Refuge
4. Die Deutsche Hugenotten-Gesellschaft

3. Das internationale und das deutsche Refuge

Die reformierten Kantone der Schweiz, die Vereinigten Niederlande als „Arche des Refuge“[1], Großbritannien, zahlreiche protestantische Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ja selbst Russland, Dänemark und Schweden nahmen in Europa hugenottische Glaubensflüchtlinge auf.

Und über die Mutterstaaten gelangten damals nicht wenige Glaubensflüchtlinge in die Kolonien. So kommt es, dass Hugenotten im Gebiet der heutigen USA, in Kanada und auch in Südafrika und Surinam eine neue Heimat fanden. Noch heute erinnern die Namen zahlreicher südafrikanischer Weingüter am Kap der Guten Hoffnung an ihre hugenottischen Gründer. Und selbst in der osmanischen Stadt Konstantinopel gab es eine französisch-reformierte Gemeinde.[2]

Aktuelle Schätzungen ordnen die hugenottischen Flüchtlinge folgenden heutigen Ländern zu:[3]

Niederlande: ca. 50.000
England: ca. 40.000
Irland: ca. 5.000
Deutschland: ca. 38.000
Schweiz: ca. 20.000
USA: ca. 2.000
Dänemark
und Schweden: ca. 1.500
Kanada: ca. 800
Schottland: ca. 400
Russland: ca. 300
Südafrika: ca. 200
------------------------------------------------

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war zu der Zeit, da die Hugenotten ihre Heimat verließen, kein Zentralstaat wie beispielsweise Frankreich oder England. Im 17. und 18. Jahrhundert war Deutschland ein Konglomerat von über 300 souveränen Herzogtümern, Kurfürstentümern, weiteren weltlichen und geistlichen Fürstentümern, Grafschaften, Stiften und freien Reichsstädten etc.

Die Entscheidung über die Aufnahme von hugenottischen Glaubensflüchtlingen lag nicht in der Hand des katholischen deutschen Kaisers, sondern allein bei den souveränen Fürsten und freien Reichsstädten. Die Rechtsgrundlage für die Ansiedlung stellten Edikte, Privilegien, Konzessionen oder Kapitulationen dar, die von 1554 bis 1732 datiert sind.[4]

Das von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg am 29. Oktober 1685 (alter Zeitrechnung) unterschriebene Edikt von Potsdam ist das bekannteste Aufnahmeedikt innerhalb Deutschlands. Dieses Edikt, zu dessen 300. Jubiläum die Deutsche Bundespost sogar eine Briefmarke herausgab, war zweifellos das Privileg mit der größten Folgewirkung hinsichtlich der Anzahl der Zuwanderer. In vierzehn Artikeln regelte es nicht nur die kirchlich-religiösen, rechtlichen sowie wirtschaftlichen Vergünstigungen für die Réfugiés, sondern gab genaue Anweisungen für die Einreise in seine Länder und die damit verbundenen Unterstützungen.

Freilich war der brandenburgische Kurfürst nicht der erste Souverän, der ein Aufnahmeedikt für die französisch-reformierten Glaubensflüchtlinge erließ. So waren ihm der in Celle regierende Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg und der Landgraf Karl von Hessen-Kassel zuvorgekommen.

Wurde früher bei der Betrachtung der Aufnahme von Hugenotten oft einseitig die religiöse Motivation der einladenden Fürsten gegenüber den wirtschaftlichen Motiven überbetont, so ist das Pendel in der Hugenottenforschung des 20. Jahrhunderts zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen. Nun wurden vielfach ebenso einseitig primär die wirtschaftlichen Motive auf Kosten der religiösen Motive herausgestellt.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen.[5] Denn bei aller berechtigten Kritik an der Überbetonung der religiösen Motive darf auch die religiöse Dimension, das christliche „Mitleiden, welches Wir [Friedrich Wilhelm] mit solchen Unsern, wegen des heiligen Evangelii und dessen reiner Lehre angefochtenen und bedrengten Glaubens-Genossen billig haben müssen“ (Einleitung zum Potsdamer Edikt) nicht außer Acht gelassen werden. Erst recht nicht, wenn der einladende Fürst (wie es beim großen Kurfürsten der Fall ist) ebenfalls ein Anhänger der „Evangelisch-Reformierten Religion“ war.

Immer wieder wird unterstrichen, welchen bedeutenden Beitrag die Hugenotten zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung ihrer Aufnahmeländer geleistet haben. Dabei werden auch hier wiederum der Glaube und die Spiritualität dieser Menschen leider viel zu oft ausgeblendet, obwohl es sich um einen Personenkreis handelte, der um des Glaubens willen seine geliebte französische Heimat verlassen hat.

Aus hugenottischer Sicht war die damalige vom Papsttum geprägte katholische Lehre eine Irrlehre, die nicht mit dem von der Bibel geforderten christlichen Glauben in Einklang zu bringen war. Lieber ließen viele Hugenotten ihren „irdischen“ Besitz in ihrer französischen Heimat zurück, als ihren „himmlischen“ Besitz durch einen Wechsel zur katholischen Kirche zu verlieren.

Aber auch das Verhältnis von Lutheranern und Reformierten war häufig nicht frei von Spannungen. So warnte beispielsweise das lutherische geistliche Ministerium Lübecks angesichts der Ansiedlung von Hugenotten vor dem „calvinistischen Wolf“ und unter dem 2. November 1696 findet sich im Hamburger Diakoniebuch der Französisch-reformierten Gemeinde der Eintrag: „Man hat uns verboten, hier in der Stadt zu predigen.“[6] 

Angesichts des heutigen ökumenischen Miteinanders von Lutheranern, Reformierten und Katholiken dürfen wir diesen tiefen Glaubensgraben nicht übersehen, der damals vor allem Katholiken und Hugenotten trennte. Nur wenn wir uns auch die religiöse Motivation ihres Handelns vor Augen führen, können wir die Kultur, das Denken und die Mentalität der hugenottischen Glaubensflüchtlinge verstehen.

Leider beobachte ich oft, dass sowohl in der historischen wie auch in der genealogischen Forschung diese religiösen Gesichtspunkte zu wenig Beachtung finden.

Die deutsche Hugenottenforschung leidet sowohl innerhalb Deutschlands als auch in der internationalen Wahrnehmung unter einer Dominanz zweier Aufnahmeländer, die zusammen rund 65 % der Flüchtlinge aufnahmen. Wenn das Wort Hugenotten in Verbindung mit Deutschland gebraucht wird, so denkt man unwillkürlich an Brandenburg-Preußen  oder Hessen. Wer weiß schon, dass es beispielsweise auch in Glückstadt, Emden oder Lüneburg eigenständige Französisch-reformierte Gemeinden gab.

Vielerorts bilden gerade in Norddeutschland diese Hugenottengemeinden, die vielfach im 19. Jahrhundert mit den am Ort bestehenden Deutsch-reformierten Gemeinden vereinigt wurden die Wurzeln der heute noch bestehenden Evangelisch-reformierten Gemeinden.[7]

Welche deutsche Territorien nahmen die Hugenotten auf und wie viele siedelten sich dort jeweils an?

Von den rund 38.000 französisch-reformierten Glaubensflüchtlingen gingen
nach Brandenburg-Preußen: ca. 18.000
(um 1700 war jeder fünfte Berliner ein Hugenotte)
nach Hessen-Kassel: ca. 3.800
ins Rhein-Main-Gebiet: ca. 2.500
in die Kurpfalz: ca. 3.400
nach Franken: ca. 3.200
nach Württemberg: ca. 2.400
in die Hansestädte: ca. 1.500
nach Niedersachsen: ca. 1.500
nach Baden-Durlach: ca. 500
nach Kursachsen: ca. 250.
Andere zogen in das Saarland, nach Thüringen, Mecklenburg, Anhalt, Lippe-Detmold, Danzig, Neuwied, Waldeck, ins Bergische Land usw.

Die deutsche Bevölkerung stand der Ansiedlung der Hugenotten, die mitunter als ungeliebte wirtschaftliche Konkurrenten angesehen wurden, häufig ablehnend gegenüber. So wurden die Franzosen beispielsweise in Celle als „Nahrungsstöhrer“[8] bezeichnet und als in Magdeburg einmal drei Hugenottenhäuser in Flammen standen und einige deutsche Feuerwehrleute den Brand löschen wollten, wurden im Volk Stimmen laut, die sagten „Lasset die Franzosen brennen!“ [9]

Doch möchte ich an dieser Stelle betonen, dass nicht alle Franzosen, die sich damals in Deutschland niederließen, Hugenotten waren. Das ist bei der genealogischen Forschung zu beachten. Längst nicht jeder Träger eines französischen Familiennamens ist automatisch ein Nachkomme von französisch-reformierten Glaubensflüchtlingen. Beispielsweise ist der ehemalige saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine im Gegensatz zu dem ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten der DDR Lothar de Maizière kein Hugenottennachkomme.

Dass reformierte wie auch katholische Soldaten über Landesgrenzen hinweg den Kriegsherrn wechselten war im 17. Jahrhundert in Europa die Regel. „Der Degen war damals gerade so vaterlandslos wie die Künste“[10], stellt Henri Tollin zu Recht fest.

Und Franzosen, die sich in dezidiert katholischen Territorien niederließen und deren Namen sogar in katholischen Kirchenbüchern auftauchen, waren natürlich keine Hugenotten. Und selbst hier im protestantischen Norden Deutschlands lebten mitunter französische Reformierte und französische Katholiken durchaus friedvoll nebeneinander, wie es das Beispiel des Celler Hofs belegt. Dort gehörten rund 90 Hugenotten zum Hofstaat Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg und seiner Frau, der Hugenottin Eléonore Desmier d’Olbreuse. Doch sämtliche französischen Schauspieler, Tanzmeister, Köche, ja sogar einige Offiziere, Gärtner, Lakaien und selbst der Kammerdiener der hugenottischen Herzogin waren französische Katholiken.[11]

Ferner ist bei der Erforschung der Familiengeschichte zu beachten, wann die Vorfahren nach Deutschland eingewandert sind. Auch im Zuge der Französischen Revolution flüchteten zahlreiche Franzosen nach Deutschland. Diese werden jedoch nicht als Réfugiés, sondern – wie die aus Salzburg geflohenen Lutheraner – als Emigranten bezeichnet.  Deren Nachkommen sind naturgemäß keine Hugenottennachkommen.[12]

Die Assimilation der Hugenottennachkommen im deutschen Refuge verstärkte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Vielerorts wurden die französisch-reformierten Gemeinden häufig mit den am Ort vorhandenen Deutsch-reformierten Gemeinden zusammengeführt.

Mancherorts, wie z. B. in Hameln im Jahr 1853, erlosch der nur noch glimmende Docht der Hugenottengemeinde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts büßten auch die französisch-reformierten Gemeinden Preußens ihre rechtliche Sonderstellung ein. Auch in Hessen wurden die französischsprachigen Gottesdienste mit Ausnahme von Friedrichsdorf im Taunus und Louisendorf zugunsten deutschsprachiger Predigten aufgegeben. Die Sprache und Lebensweise der Vorfahren war den nachwachsenden Generationen weitgehend fremd geworden.

Doch auch heutzutage existieren immer noch Kirchengemeinden, die sich – trotz zumeist deutschsprachiger Gottesdienste – ganz bewusst als französisch-reformierte Gemeinden verstehen, so z. B. in Hessen die Evangelische Französisch-Reformierte Gemeinde Frankfurt und die Französisch-Reformierte Gemeinde Offenbach. 

Auch in der unierten Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz finden sich Kirchengemeinden, die sich des französisch-reformierten Erbes verpflichtet fühlen, so die Französische Kirche zu Berlin, die Französisch-Reformierte Gemeinde Potsdam, die Französisch-Reformierte Gemeinde Groß Ziethen, Klein Ziethen, Senftenhütte, die Französisch-Reformierte Gemeinde Prenzlau, die Französisch-Reformierte Gemeinde Schwedt/Oder und Umgebung und die Französisch-Reformierte Gemeinde Bergholz und Umgebung. Und in der hessischen Stadt Hanau existiert bis heute die reformierte Wallonisch-Niederländische Gemeinde.

In den zur Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gehörenden ehemaligen Hugenottengemeinden, wo bis heute zwar wunderschöne Hugenottenkirchen erhalten geblieben sind, ist jedoch das reformierte Erbe weitgehend verloren gegangen.

Dagegen sind die Kirchengemeinden, in denen die alten Hugenottengemeinden aufgingen, im Norden Deutschlands, aber auch in Franken, Sachsen und Baden-Württemberg ihrem reformierten Bekenntnis zumeist treu geblieben. Sie gehören heutzutage entweder der landeskirchlichen Evangelisch-reformierten Kirche (Synode evangelisch-reformierter Gemeinden in Bayern und Nordwestdeutschland) oder dem freikirchlichen Bund Evangelisch-reformierter Gemeinden an.

Die Melodien des Hugenottenpsalters sind auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein fester Bestandteil der dortigen evangelisch-reformierten Gottesdienste.[13]  Zahlreiche ehemalige Hugenottengemeinden aus den unterschiedlichsten Gliedkirchen der EKD sind heute zudem Mitglied im Reformierten Bund.

4. Die Deutsche Hugenotten-Gesellschaft

Im ausgehenden 19. Jahrhundert können wir so etwas wie eine Hugenottenrenaissance beobachten. Diese führte einerseits dazu, dass sich manche Hugenottennachkommen eingehender mit der Genealogie ihrer Vorfahren beschäftigten und andererseits international zahlreiche Hugenotten-Gesellschaften mit primär historischen Zielsetzungen entstanden. Man besann sich auf das hugenottische Erbe.

1852 wurde die Sociéte de l’Histoire du Protestantisme Français, 1878 die Commission pour l’Histoire des Eglises Wallones in Leiden, 1881 die Società di Studi in Torre Pellice für die Waldenser in Italien, 1883 die Huguenot Society of America, 1885 die Huguenot Society of London (heute of Great Britain and Ireland) und 1890 der Deutsche Hugenotten-Verein gegründet, der 1998 in Deutsche Hugenotten-Gesellschaft umbenannt wurde.[14]

Aber auch im 20. Jahrhundert wurden noch Hugenotten-Gesellschaften ins Leben gerufen, wie z.B. 1986 die Schweizerische Gesellschaft für Hugenottenforschung.[15] Und seit 1966 besteht in Paris das vom Deutschen Hugenotten-Verein mitbegründete Welt-Hugenotten-Zentrum, das alle drei Jahre an verschiedenen Orten hugenottischer Geschichte in Frankreich Treffen von Hugenottennachkommen aus aller Welt veranstaltet.[16]

Die wichtigsten Aufgaben der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft lauten heutzutage wie folgt[17]:
•          Bewahrung und Förderung der hugenottischen Tradition in Deutschland
•          Erforschung der Geschichte, Theologie und Genealogie der Hugenotten
•          Vertiefung der deutsch-französischen Freundschaft
•          Zusammenarbeit mit hugenottischen Einrichtungen und Gemeinden im In- und Ausland
•          Diakonische Hilfeleistung für Arme und Flüchtlinge
•          Förderung der Verständigung zwischen den Völkern, Rassen und Religionen im Geiste gegenseitiger Achtung und Toleranz.

An diesen Punkten lässt sich ablesen, dass die Genealogie nur einen – wenn auch einen sehr wichtigen Arbeitsbereich – innerhalb der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft ausmacht.

Seit 1989 existiert in einer alten Tabakfabrik im hessischen Weserort Bad Karlshafen das Deutsche Hugenotten-Zentrum. Zum einen beherbergt es auf zwei Etagen das Deutsche Hugenotten-Museum. Dieses dokumentiert die Geschichte der Hugenotten und Waldenser in Frankreich und im deutschen Refuge, wobei Hessen-Kassel, Brandenburg-Preußen und Franken die Schwerpunkte bilden.

Weitere Hugenotten bzw. Waldensermuseen in Deutschland sind unter anderem noch das Hugenottenmuseum im Französischen Dom in Berlin und das Deutsche Waldenser-Museum in Ötisheim-Schönenberg bei Mühlacker.[18]

Zum anderen ist das Deutsche Hugenotten-Zentrum in Bad Karlshafen auch das Domizil der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V. Diese verfügt neben der Geschäftsstelle über eine viele tausend Bände umfassende Spezialbibliothek sowie ein Bildarchiv zur Hugenottenforschung. Ferner befindet sich dort das genealogische Forschungszentrum der Gesellschaft, in dem auch regelmäßige genealogische Fortbildungen für die Vereinsmitglieder organisiert werden.

Dort befassen wir uns nicht nur mit den Hugenotten im engeren Sinn, sondern berücksichtigen auch weitere reformierte Auswanderergruppen, deren Quellen im französischen Staats-, Volks- und Sprachgebiet sowie in dessen kulturellem Ausstrahlungsbereich liegen.

Dazu zählen die bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus den damaligen Spanischen Niederlanden geflüchteten reformierten Wallonen, die aus dem Piemont vertriebenen Waldenser, die Anfang des 18. Jahrhunderts aus dem südfranzösischen Fürstentum Orange ausgewiesenen Orangeois reformierter Konfession und die so genannten „Pfälzer“, die oder deren Vorfahren reformierte Franzosen, Wallonen oder Waldenser waren.[19]  

Zuweilen zählt man sogar die Welsschweizer, die sich in Deutschland häufig den französisch-reformierten Gemeinden angeschlossen haben, die Graubündner oder die Mömpelgarder dazu.[20]

Vorhanden sind in Bad Karlshafen zahlreiche kopierte Kirchenbücher, Kirchenregister und Kolonielisten, Mikrofiches und –filme über hugenottische Einwanderer nach Deutschland, einschließlich der ehemaligen deutschen Ostgebiete. Auch von einzelnen französischen Gemeinden, wie z. B. Metz, liegen die Einträge vor.

Die in Bad Karlshafen einzusehenden Kirchenbücher umfassen einen zeitlichen Rahmen von der Einwanderung der Hugenotten ins deutsche Refuge bis ca. 1830. In Einzelfällen sind jedoch auch duplizierte Kirchenbücher neueren Datums vorhanden. Ergänzt werden die Kirchenregister in Bad Karlshafen durch kirchliche und staatliche Amtsbücher unterschiedlichster Art. Dazu zählen primär die Protokollbücher von Presbyterien Französisch-reformierter Gemeinden oder die wichtigen Frankfurter Distributionslisten.

Letztere sind für die Erforschung der Migrationswege der Hugenotten von sehr großer Bedeutung. Denn sehr viele Réfugiés, die in der bedeutenden Drehscheibe Frankfurt am Main Unterstützung erhielten, wurden dort mit ihren Familienangehörigen namentlich registriert. Ferner stehen im genealogischen Forschungszentrum Personenlisten hugenottischer Kolonien, Schifffahrtslisten, Zusammenstellungen von Einwanderungsgruppen sowie eine beachtliche Sammlung von Stammbäumen und genealogischer Forschungen zur Verfügung. Die Benutzung von Filmgerät und Computer ist nach Anmeldung möglich.

Um den heutigen Anforderungen der genealogischen Forschung nachzukommen, werden die vorhandenen Filme nach und nach abfotografiert und als Bilddateien in den Computer eingegeben. Fachkundige Beratung wird vor Ort erteilt beziehungsweise an Sachbearbeiter für die einzelnen Regionen vermittelt. Dabei möchte ich jedoch nicht verhehlen, dass die große Zunahme an Anfragen in den vergangenen Jahren durchaus ein Problem für unseren ehrenamtlich arbeitenden Verein darstellt.

In den letzten Jahren hat das Genealogie-Team der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft vor allem an der Komplettierung einer hugenottischen Datenbank gearbeitet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind ca. 200.000 Datensätze eingegeben worden.

Es ist inzwischen möglich, mit Hilfe der Eintragungen in der Datenbank zahlreiche Anfragen, die an das genealogische Zentrum in Bad Karlshafen gestellt werden, zu beantworten. Zudem soll diese Datenbank in die neue Museumskonzeption mit eingebunden werden. Allerdings bleibt bei detaillierten Forschungen immer noch viel zu tun, weil eine wie auch immer geartete Vollständigkeit in der Datenbank nicht erreicht werden kann. Deshalb bemühen wir uns, möglichst umfangreiches Quellenmaterial in Bad Karlshafen zusammenzutragen.

Zu den regelmäßigen Veröffentlichungen der Gesellschaft zählt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift HUGENOTTEN, die 1890 begründete wissenschaftliche Buchreihe der Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft sowie die Buchreihe der Tagungsschriften.

Letztere erscheinen anlässlich der alle zwei Jahre stattfindenden Deutschen Hugenotten-Tage, die in Orten stattfinden, in denen einst Hugenotten Aufnahme gefunden hatten. Der Hugenottentag 2007 wurde übrigens in Hamburg veranstaltet und 2009 wird Frankenthal (Pfalz) die gastgebende Stadt sein.


[1]     DESEL, 2004, S. 29.
[2]     Zum internationalen Refuge vgl. insbesondere: Heinz DUCHHARDT (Hg.): Der Exodus der Hugenotten. Die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 als europäisches Ereignis, Köln / Wien 1985; Frédéric HARTWEG und Stefi JERSCH-WENZEL (Hg.): Die Hugenotten und das Refuge: Deutschland und Europa (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 74), Berlin 1990; DESEL, 2004, S. 29-32; GRESCH, 2005, S. 132-171. Zum deutschen Refuge vgl. insbesondere Rudolf von THADDEN / Michelle MAGDELAINE: Die Hugenotten 1685-1985, München 1985; Johannes E. BISCHOFF: Lexikon deutscher Hugenotten-Orte mit Literatur- und Quellen-Nachweisen für ihre evangelisch-reformierten Réfugiés-Gemeinden von Flamen, Franzosen, Waldensern und Wallonen, (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, Bd. 22), Bad Karlshafen 1994; DESEL, 2004, S. 13-25; GRESCH, 2005, S. 82-131; Manuela BÖHM / Jens HÄSELER / Robert VIOLET (Hg.): Hugenotten zwischen Migration und Integration. Neuere Forschungen zum Refuge in Berlin und Brandenburg, Berlin 2005.
[3]     GRESCH, 2005, S. 132-171.
[4]     MOGK, 1996, S. 36.
[5]     Matthias DAHLKE: „Aus gerechtem Mitleiden“? Zu den Motiven des Großen Kurfürsten zum Edikt von Potsdam 1685, in: Hugenotten, 69. Jg. Nr. 3 / 2005, S. 107-129.
[6]     Andreas FLICK:  Die Niederlassung der Hugenotten in Norddeutschland. Ein weithin unbekanntes Kapitel, in: Zeitschrift für Niederdeutsche Familienkunde, 78. Jg., Heft 4 / 4. Quartal 2003,   S. 134 und 144.
[7]     Frauke GEYKEN unter Mitarbeit von Karin Kürten und Burghardt Sonnenburg: 300 Jahre Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Hannover 1703-2003, Hannover 2003.
[8]           Flick, 2003, S. 134.
[9]     Klaus NEUMANN: Hugenotten in Magdeburg 1685-1808, in: Hugenotten, 69. Jg., Nr. 4 2005, S. 163.
[10]   Henri TOLLIN: Die Hugenotten am Hofe zu Lüneburg und das Edikt Georg Wilhelms (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, VII, 2), Magdeburg 1898, S. 14.
[11]   Andreas FLICK: „Der Celler Hof, so sagt man, ist ganz französisch, […], man sieht dort fast keinen Deutschen mehr.“ Hugenotten am Hof und beim Militär Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg, in: Celler Chronik 12. Beiträge zum 300. Todestag Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg (1624-1705), Celle 2005, S. 65-98.
[12]   Thomas HÖPEL / Katharina MIDDELL: Réfugiés und Emigrés. Migration zwischen Frankreich und Deutschland im 18. Jahrhundert (= Comparativ 7. Jg. 1997, Heft 5/6), Leipzig 1997.
[13]         Georg PLASGER: Evangelisch-reformiert. Eine Kirche stellt sich vor, Leer 2003.
[14]   MOGK, 1996, S. 38. Zur Geschichte der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft vgl. Jochen DESEL / Walter MOGK: 100 Jahre Deutscher Hugenotten-Verein 1890-1990, Geschichte – Personen – Dokumente – Bilder (= Tagungsschriften des Deutschen Hugenotten-Vereins, Nr. 10), Bad Karlshafen 1990.
[15]   Simone SAXER: Assemblée constitutive de l’association Suisse pour le refuge Huguenot le 8 novembre 1986 à Berne, in: Bulletin Association Suisse pour l’histoire du refuge Huguenot/Schweizerische Gesellschaft für Hugenottengeschichte, No. 5, Mai 1987, V. Année, S. 11-12.
[16]   DESEL / MOGK, 1995, S. 13.
[17]   Prospekt der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V. (2005).
[18]   Eine Zusammenstellung aller Hugenotten- und Waldenser-Museen mit Adressen findet sich bei Jochen DESEL: Hugenotten-Museen in Europa, in: Hugenotten, 64. Jg., Nr. 3/2000. Themenheft: Hugenotten-Museen, S. 83-90. Speziell zum deutschen Hugenotten-Museum vgl. Jochen DESEL (Hg.) unter Mitwirkung von Andrea Emmel und Renate Rothkegel: Deutsches Hugenotten-Museum Bad Karlshafen, 2. Auflage, Bad Karlshafen 1990.
[19]         GRESCH, S. 29.
[20]   Hans W. WAGNER: Der Hugenottenring, in: Hans W. Wagner (Hg.): Hugenotten in Hamburg Stade und Altona. Tagungsschrift zum deutschen Hugenottentag, Hamburg 23.-26. April 1976, Obersickte / Braunschweig 1976, S. 12-13. / Auch wenn in Deutschland eine eigene Deutsche Waldernservereinigung e. V. mit Sitz in 75443 Ötisheim-Schöneberg existiert, so ist doch ein Platz im Vorstand der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V. mit einem Fachmann für Waldenserfragen besetzt.

Der Beitrag auf reformiert-info ist eine im März 2008 überarbeitete Fassung des Textes: Andreas Flick, Hugenotten: Französisch-reformierte Glaubensflüchtlinge in Deutschland, in: Hugenotten, 70. Jahrgang Nr. 2/2006, 43-59. Dort mit weiteren Bildern.

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