Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Der Genfer Psalter – der Hugenottenpsalter

''Darum, wenn wir gut hier und da gesucht haben, finden wir keine besseren noch geeigneteren Gesänge als die Psalmen Davids'' (Johannes Calvin)

Die Reformatoren wollten – anders als in der katholischen Messe üblich – die Gemeinde der Gläubigen während des Gottesdienstes singen lassen. Dazu griffen sie auf die biblischen Psalmen zurück. Nachgedichtet und vertont wurden die alten Gebete zu populären Liedern - und sind mittlerweile z.T. im world wide web zu hören.

In Frankreich begann der Hofdichter Clément Marot, vielleicht unterstützt von Marguerite d’Angoulême, biblische Psalmen in Versform zu setzen. 1539 übergab Marot König François I. ein Manuskript von 30 in Versform auf Französisch nachgedichteten und in Strophen unterteilten Psalmen. Vertont wurde der Psalmengesang rasch beliebt. Der vom Humanismus und Luthers Ideen beeinflusste Marot floh jedoch 1543 nach Genf zu Calvin.

Calvin hatte bereits 1538 in Strassburg deutschen Psalmengesang kennen gelernt und selbst begonnen, Psalmen in französische Verse zu übertragen. In Strassburg erschien der erste französische Psalter in Versform mit zwölf Psalmen von Marot und sieben von Calvin.

Bei seiner Rückkehr nach Genf führte Calvin den Psalmengesang im Gottesdienst ein. Dazu wurden neue Melodien komponiert und Marot setzte bis zu seinem Tod 1544 49 Psalmen in Versform. Sein Werk führte der französische Humanist und Dichter Théodor Bèze (1519-1616) fort.

1551 erschien der Genfer Psalter mit 49 Psalmen von Marot und 34 von Bèze. Unter dem Titel „Psalmen Davids“ erschien 1562 der erste 150 Psalmen umfassende Genfer Psalter auf Französisch.

Der Erfolg der Psalmen veranlasste viele Musiker, namentlich Claude Goudimel, Claude Lejeune, Paschal de l’Estocart, Philibert Jambe de Fier und Pierre Certon, sie zu einem vier- oder mehrstimmigen Gesang zu harmonisieren.

Die schlichten vierstimmigen Chorsätze Goudimels waren besonders beliebt. So verbreitete sich gegen Calvins ursprüngliche Idee des einstimmigen Gemeindegesangs der mehrstimmige Psalmengesang in reformierten Kirchen.

Im 19. Jahrhundert entstand der Begriff „Hugenottenpsalter“ für das offizielle Genfer Gesangbuch mit 150 Psalmen. Dank Buchdruck wurde diese Kirchenmusik weit verbreitet.

Eine deutsche Übersetzung des Genfer Psalters gab 1573 Ambrosius Lobwasser heraus. Sie war das maßgebliche Gesangbuch der deutschsprachigen reformierten Gemeinden, bis die Psalmdichtung von Matthias Jorissen (1739-1823) sich durchsetzte.

Quellen:
Der Psalmengesang – im virtuellen Museum des französischen Protestantismus

Artikel "Genfer Psalter" in WIKIPEDIA

Weitere Links:
Bicinien zum Genfer Psalter im Notenarchiv von Christoph Dalitz - zur freien Nutzung (auch mit weiteren Links)

Eine Englisch sprachige Homepage zum Genfer Psalter mit Text, Musik und weiteren Links

Ein Text zum Genfer Psalter mit Literaturhinweisen von Andreas Marti (2003)

Der Genfer Psalter von Christof Biebricher, Kirchenmusiker an St. Marien, Göttingen, Göttingen, Februar 2001

Quelle Foto: http://genevanpsalter.redeemer.ca/index.html

Literatur
Der Genfer Psalter und seine Rezeption in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden:
16.-18. Jahrhundert
,
hrsg. v. Eckhard Grunewald, Henning P. Jürgens u. Jan R. Luth,
Niemeyer, Tübingen 2004
ISBN-10: 3484365978
ISBN-13: 9783484365971
124 Euro

Der reformierte Genfer Psalter gehört zu den wirkungsgeschichtlich bedeutendsten Literatur- und Musikwerken des 16. Jahrhunderts. Die Psalmendichtungen des Clément Marot und Théodore de Bèze erfuhren - nicht zuletzt dank der kongenialen Vertonungen - seit Erscheinen der ersten Gesamtausgabe (1562) sowohl in der französischen Originalversion als auch in zahlreichen Übersetzungen europaweite Verbreitung und gewannen vor allem im deutschsprachigen Raum erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der modernen Nationalliteratur. Der Sammelband fasst die Ergebnisse dreier internationaler Tagungen zum Genfer Psalter und seiner Rezeption im 16. bis 18. Jahrhundert zusammen.


Barbara Schenck
  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
In Potsdam haben insbesondere junge Gemeindemitglieder die Psalmen neu entdeckt.

Pastorin Hildegard Rugenstein beschreibt, wie in ihrer Gemeinde die Texte erarbeitet und die Melodien geübt werden und wie der Psalmengesang zu einem Instrument des Gemeindeaufbaus wurde.
Wie es am besten gelingt. Was zu bedenken ist.

Das Psalmensingen im Gottesdienst ist und bleibt eine Herausforderung, aber Üben hilft. Der erste Schritt ist, dass man wirklich in jedem Gottesdienst mindestens einen Psalm singt.
Psalmen singen in reformierten Gemeinden

Wissenswertes zum Genfer Psalter, seiner Geschichte und Lebendigkeit bis heute. Eine Sammlung von Texten und CD-Tipps auf reformiert-info.
 

Nach oben    E-Mail