Albrecht Thiel: Erziehung zur Freiheit III

Predigt als Ausdruck von Gottes akkommodierendem Handeln

Calvin predigt das Wort, mit dem Gott in seinem Reden und Handeln sich auf die Ebene der Menschen begibt, sich ihnen akkommodiert. Dabei bleibt das Gefälle von Gott zum Menschen erhalten, das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird in keine Unmittelbarkeit aufgelöst. Exemplarisch zusammengefaßt ist das in Sätzen aus der Predigt über Dtn 33, 3-7[1]: „Halten wir also gut fest, daß die Lehre, die wir von Gott empfangen, ist, als wenn ein König spräche, und wir müssen unter ihm zittern: Daß wir nicht nur wie kleine Kinder sind, die ihre Lektion unter einem Magister aufnehmen, sondern daß Große und Kleine kommen, um zu hören, was Gott ausspricht...“ [2]. Beide Aspekte sind darin enthalten: Zum einen die Inkommensurabilität Gottes, zum anderen die Nähe, in die sich dieser Gott durch sein Reden zu den Menschen begibt[3]. Dem redenden Gott entspricht der hörende Mensch, der das rechte Hören gelernt hat und über das pure Auswendiglernen („nicht nur wie kleine Kinder“) hinausgekommen ist[4].

Was hier in der Predigt stattfinden soll, ist also eine Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit und Widerspenstigkeit in eine geschenkte Freiheit. Der Ort dafür ist die Predigt. Denn dort kann sich die Anrede aktualisieren, dort findet nicht weniger als eine Begegnung mit Gott selber statt. Calvin macht dies in einer Predigt über Dtn 1 mit einem Bild klar: „Die Lehre also, die vorangestellt ist im Namen Gottes, muß auch authentisch sein, als wenn alle Engel des Himmels zu uns herabstiegen, daß Gott selbst seine Majestät vor unseren Augen offenbarte - denn das ist auch damit, daß er unseren Gehorsam erproben will.“ [5].

Drei Bestandteile gehören somit untrennbar zusammen: Hören auf Gottes Wort - die Gegenwart Gottes vermitteln - die Erneuerung von Glaube und Leben.[6][7]. Das gepredigte Wort Gottes hat Richtung und Ziel: „...das Wort Gottes muß unser Leben erneuern...“ [8]. Dies kann der Mensch nicht aus einmaligem Hören heraus. Er braucht dazu den ständigen Zügel, das immer wieder neue Hören auf Gottes Wort. Es ist Calvin bewußt, daß dieser Prozeß nicht durch ein noch so umfassendes Lernen geschehen kann. Daß Gottes Wort bis zum Herzen geht, kann nur Werk des Heiligen Geistes sein. Das Werk des Menschen ist es, Gott darum zu bitten: „Daß wir Gott bitten, daß er zu uns in unserem Innern spricht auf eine geheime Art, daß er macht, daß die Stimme, die in unseren Ohren widerhallt, auch in unsere Gedanken und Gefühle eindringt und daß wir davon lebendig berührt werden.“ [9].

Gemeinde und Predigt

Calvin erwartet viel von seiner Gemeinde: Scharf kritisiert er die, die kommen, „...um irgendwelche verrückte Spekulation zu suchen, um sich daran zu vergnügen - sie sind schuldig, eine so heilige Sache profanisiert zu haben.“ [10]. Nicht der Unterhaltungswert zählt, sondern ob die Menschen von sich aus in die Schule Gottes gehen wollen, d.h. sich unterweisen lassen wollen[11]. Der Begriff „Schule“ ist umfassend gemeint, von der Elementarpädagogik zur Erwachsenenbildung. Das ganze Christenleben wird zum Lernfeld.

Dabei war Genf alles andere als eine Mustergemeinde.  „Mit großer Not findet man von zehn einen, der das Bekenntnis eines kleinen Kindes abzugeben weiß.“ [12]. klagt Calvin. Er stellt eine tiefsitzende Hörunwilligkeit fest: „...wenn man heute zum Volk von Genf redete, wie Mose zum Volk Israel gesprochen hat [...]. Oh welches Murren gäbe es! Und nicht nur Murren, man würde die Zähne fletschen...“[13]. Dabei ist die Stadt nicht vom Prediger besonders schwarz gemalt, sie ist einfach ein Teil der Welt, wie sie von Calvin empfunden wird.

In dieser Situation, daß die Welt durch eine Fülle sich anhäufender Widersprüche sich auf einen Abgrund zubewegt, daß sie sich trotz allem innerweltlichen Optimismus nicht helfen kann, sieht Calvin einen einzigen Weg zum Heil: Daß Gott dieser Welt sein Wort gegeben hat und daß es als ausgelegte Heilige Schrift zu hören ist. Auch der Prediger sieht nicht durch die Widersprüche hindurch, er weiß es in der Welt nicht besser als andere. Er hält sich aber an die Zusage des Schöpfergottes, der auf geheime Weise doch Herr dieses Geschehens bleibt[14]. Dadurch hofft er weiter und hat der Welt mehr zu sagen als andere.

Weil der Kampf um die Richtung dieser Welt geht, darum ist die Predigt des Evangeliums keine harmlose Plauderei.“ [15]. Als Teil der großen Pädagogik Gottes hat der Prediger gegen das Vergessen anzupredigen: „Die Predigt ist da, weil die meisten Menschen vergessen, daß sie nicht sich, sondern Gott gehören.“[16].

Dies geschieht in zwei Formen. Calvin spricht von der „duplex vox“[17]. Die eine ist, „...daß wir die aufbauen, die sich friedlich einrichten...“ [18] Der Prediger geht in diesem Fall die Wege des sich herablassenden Gottes nach, der seinen Kindern noch kein Brot zu essen gibt, wenn sie die harte Kruste noch nicht beißen können[19]. Aber der wahre Hirte hat nicht nur eine Stimme für die zurückbleibenden Schafe, sondern auch „...eine andere Stimme, um gegen die Wölfe und Diebe zu schreien...“ [20]. - diese andere Seite der Predigt ist er ebenso Gott wie seinen Nächsten schuldig.

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[1] Nr.192.

[2] CO 29, 121. Übersetzung durch den Vf.

[3] Das könnte eine sachliche Nähe zu dem von Luther im Kleinen Katechismus entfalteten Denken sein: „Wir sollen Gott fürchten und lieben...“ - mit diesem Satz beginnt Luther die Erklärung des 2.- 10. Gebotes.

[4] Wie dies grundsätzlich gilt, zeigt etwa die beinahe wörtliche Aufnahme von Karl Barth in seiner Definition von Predigt in der „Kirchlichen Dogmatik“ zeigt:: „Verkündigung ist menschliche Rede, in der und durch die Gott selber spricht, wie ein König durch den Mund seines Herolds, und die auch gehört und aufgenommen sein will als Rede, in der und durch die Gott selber spricht...“ (KD I,1, 52).

[5] Aus Predigt Nr.10 (CO 25, 713). Übersetzung durch den Vf.

[6] Auch Exalto betont, daß „...Calvin seinen Ausgangspunkt nicht im Menschen genommen hat, auch nicht im wiedergeborenen Menschen, sondern im Wort...“ (K. Exalto, Een homiletische wegwijzer. In: Transponeren. Homiletische handreiking 1. Ed. C. den Boer, A. van Brummelen, K. Exalto. Kampen 1982, 77ff. S. 98).

[7] Ereignet sich Gottes Gegenwart in seinem Wort und zugleich in dem des Predigers , so ist dies „eine hohe Sicht der Wichtigkeit des Predigens“ (Ronald S. Wallace, Calvin’s Doctrine of the the Word and Sacrament. Edinburgh 1953.  S. 87). Sie liegt aber nicht allein bei Calvin, sondern in der Theologie der Reformationszeit insgesamt. Ein ähnliches Gewicht der Verkündigung kommt z. B. sachlich in der Confessio helvetica posterior (1562) zum Ausdruck: „Praedicatio verbi divini est verbum Dei.“ (Art I,2). Auch für Luther gilt eine solche Ineinssetzung: „Wenn das Wort da ist, so ist nämlich Gott selbst da.“ (WA 16, 388,f., zit. n. Ulrich Asendorf, Die Theologie Martin Luthers nach seinen Predigten. Göttingen 1988. S. 322).

[8] „Il faut [...] que la Parolle de Dieu réforme nostre vie...“ - Predigt Nr.189 (CO 29, 85).

[9] Aus Predigt Nr.175 (CO 28, 625). Übersetzung durch den Vf.

[10] Aus der Predigt über 2. Tim 3, 16-17 vom Juli 1555 (CO 54, 283-296), S.287. Siehe dazu auch Thomas. Parker (wie Anm. 22, S. 12).

[11] Thomas Parker: „...die Bezeichnung bezieht sich weniger auf den Ort, an dem der Unterricht erteilt wird (nämlich die Seiten der Bibel), als auf den Unterricht, der dort erteilt wird.“ (ebd., S. 25).

[12] In der Predigt über 1. Tim 3, 16 vom Januar 1555 (CO 53, 317-330), S.320.

[13] CO 28, 656f. Übersetzung durch den Vf.

[14] „Die Veränderungen und Revolutionen, die man in der Welt sieht, kommen nicht durch Zufall, sondern (...) es ist Gott, der sie so anordnet, und (...) es ist nötig, daß wir erkennen, wenn die Welt so verwirrt ist, daß es einen geheimen Zügel von oben gibt, daß die Dinge niemals so konfus sind, daß sie nicht Gott doch von oben anordnet, wie es ihm gut scheint.“ (48. Hiob-Predigt aus dem Jahr 1554, CO 33, S. 593) Übersetzung durch den Vf.

[15] „La prédication de l’Evangile n’est pas une inoffensive causerie.“ - Richard Stauffer, L’Homilétique de Calvin. In: Interprètes de la Bible. Théologie Historique 57, Paris 1980, 167-181. S. 173.

[16] So Csikesz (wie Anm. 24, S. 270).

[17] So Richard Stauffer (Wie Anm. 53, S. 174).

[18] „...que nous edifions ceux qui se rangent paisiblement...“.- CO 53, 265.

[19] Aus der Predigt über 2. Tim 2, 14-14 von Anfang Juni 1555 (CO 54, 139-152), S. 151.

[20] Ebd.


©Dr. Albrecht Thiel