Reformierte: Eine wichtige Farbe in der Kirche

Interview mit Peter Bukowski auf evangelisch.de - ungekürzte Fassung auf reformiert-info

Foto: Billy Alexander / sxc.hu

"Es hat sich in der EKD herumgesprochen, dass eine geprägte Konfessionalität eine Ressource und kein zu überwindendes Übel darstellt." (Peter Bukowski)

>>> Reformierte: Eine wichtige Farbe in der Kirche. Interview mit Peter Bukowski auf evangelisch.de (17. Januar 2012)

Die Fragen an Peter Bukowski stellte K. Rüdiger Durth, Journalist und Theologe in Bonn und Berlin.
Mit freundlicher Genehmigung von K. Rüdiger Durth, Peter Bukowski und evangelisch.de erscheint auf reformiert-info die ungekürzte Fassung des Interviews:


Ziemlich still ist es um die Reformierten innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geworden. Fehlt es den Reformierten an Kraft oder begnügt man sich mit der sprichwörtlichen Rolle des Salzes in der Suppe?

Bukowski: Das Bild vom Salz würde ich in diesem Zusammenhang nicht gebrauchen, denn ich bin nicht so vermessen zu unterstellen, ohne uns wäre der Protestantismus fad. Wohl aber würde der Evangelischen Kirche in Deutschland ohne die Reformierten eine wichtige und belebende Farbe fehlen – als solche werden wir auch von außen wahrgenommen. Und manchmal hat man dann ja auch Anlass zur Freude: Als der Reformierte Bund vor acht Jahren der Bewegung ATTAC beitrat, da wurden wir belächelt, nun kämpft sogar eine CDU-Kanzlerin dafür das politisch durchzusetzen, wofür wir uns seit Jahren einsetzen... Zum Stichwort „still“: Wir bringen uns auf allen Ebenen kirchlichen Lebens ein, aber wir sperren uns ein wenig dem Trend alles auf eine Leitfigur (Moderator) oder Institution (Reformierter Bund) zu fokussieren. Jeder trägt an seiner Stelle zur Bereicherung des Ganzen bei.

Sind die Wirkungen des Calvinjahres 2009 auf dem Weg zum 500. Jahrestag der Reformation noch spürbar?

Bukowski: Das Calvinjahr war ein sehr gelungener Auftakt und es hat auf die folgenden Jahre im Blick auf Darstellungsformate gestaltbildend gewirkt. Es hat auch gezeigt, wie man ein Reformationsjubiläum feiern kann: als theologisches Ge- und Weiterdenken und nicht als Heldenverehrung oder gar als eine den Jubilaren vereinnahmende Selbstbeweihräucherung. Inhaltlich konnte in die Gemeinden und die Öffentlichkeit hinein vermittelt werden, dass die in der Genfer Reformation neu entdeckten Grundwahrheiten des Evangeliums auch heute orientierende Kraft haben. Calvin kämpfte ein Leben lang für eine Gott allein die Ehre gebende und an sein Wort gebundene, für eine Ökumenische und um weltliche Gerechtigkeit ringende Kirche. Es lohnt sich, auf dieser Linie nach unserem Kirche-Sein zu fragen. Und: Das Calvinjahr hat vielen Menschen Lust auf Theologie gemacht – das wünsche ich mir auch für die kommenden Jahre.

Das 450-jährige Jubiläum des Heidelberger Katechismus wird ein weiteres Jahr auf diesem Weg bestimmen. Wie wichtig ist er noch für den Protestantismus?

Bukowski: In vielen Reformierten und unierten Kirchen bildet der Heidelberger die Bekenntnisgrundlage. Sie alle haben begonnen, mit Blick auf das Jahr 2013, seinen bleibenden Gehalt neu auszuloten. Ich verspreche mir vor allem im Blick auf folgende Fragen neue Impulse: Wie können wir heute im Blick auf unseren Glauben auskunfts- und gesprächsfähig werden. Wie können wir den Kernbestand der Biblischen Botschaft so plausibilisieren, dass er denen, die heute Fragen, verständlich wird. Aber auch: Wo lassen sich im Blick auf Verkündigung und Unterricht heute „blinde Flecken“ ausmachen: Was haben wir zu Themen wie „Sünde“, „Gericht“, „Vorsehung Gottes“ „Opfertod Jesu“ zu sagen? Nicht darum wird es gehen, die damaligen Antworten schlicht zu wiederholen, aber der Katechismus gibt ein Niveau vor, an dem wir Maß nehmen sollten.

Welche Bedeutung kommt heute noch der reformierten Theologie in den Evangelisch-Theologischen Fakultäten Deutschlands zu?

Bukowski: Wir sind dankbar, dass jüngst der reformierte Lehrstuhl an der evangelisch-theologischen Fakultät der Uni Göttingen mit Prof. Laube kompetent besetzt werden konnte. Ingesamt ist zwar die Zahl reformierter Lehrstühle zurückgegangen, was bedauerlich ist, aber natürlich gibt es in allen theologischen Disziplinen Professorinnen und Professoren, die einen dezidiert reformierten Hintergrund mitbringen und diesen in ihr Forschen und Lehren einfließen lassen. Insofern ist mir um den bleibenden Einfluss reformierter Theologie nicht bange. Erfreulich  ist auch, dass zur Leiterin des EKD-Kompetenzzentrums Predigt jüngst die reformierte Pfarrerin Kathrin Oxen berufen wurde. Sie ist Gewinnerin der deutschen Predigtpreises sowie des internationalen Predigtpreises, der im Calvinjahr ausgelobt wurde.

In Kürze steht eine reformierte Superintendentin als Präses an der Spitze der Evangelischen Kirche von Westfalen. Ist dies ein Zeichen für die Erstarkung der Reformierten?

Bukowski: Wir müssen nicht erstarken. Ich deute die Wahl vielmehr so: Superintendentin Annette Kurschuß vermochte die Synode der EKvW mit ihren außerordentlichen theologischen, pastoralen und menschlichen Qualitäten zu überzeugen. Und wenn jemand das tut, dann spricht es in dieser unierten Kirche, wiewohl mehrheitlich eher lutherisch geprägt, nicht gegen diese Person, dass sie sich als dezidiert reformierte Theologin versteht und daraus auch keinen Hehl gemacht hat. Darin spiegelt sich ein erfreulicher Trend: Es hat sich in der Evangelischen Kirche in Deutschland herumgesprochen, dass eine geprägte Konfessionalität eine Ressource und kein zu überwindendes Übel darstellt. Ich sagte: Wir müssen nicht erstarken, aber natürliche dürfen wir uns darüber freuen, dass es im Kreis der leitenden Geistlichen nun eine weitere Persönlichkeit gibt, die das reformierte Spektrum bei uns und weltweit aus einer inneren Verbindung heraus kennt.

Was macht eigentlich den Unterschied zwischen reformierten und lutherischen Gemeinden im kirchlichen Alltag aus?

Bukowski: Am augenfälligsten ist der Unterschied wahrscheinlich im Gottesdienst erlebbar: Reformierte Gottesdienste leben von ihrer Konzentration auf die Auslegung des Wortes Gottes; die Gebete und der Psalmengesang sind der Predigt zugeordnet, einziges „Schmuckstück“ bilden die Aufgeschlagene Bibel und die Abendmahlsgeräte. Dadurch wirkt dieser Gottesdienst schlichter als der lutherische Messtyp (dem ich persönlich durchaus etwas abgewinnen kann). Aber Schlichtheit bedeutet eben auch: Konzentration und Niederschwelligkeit: Den Reformierten Gottesdienst kann auch ein liturgisch ungeübter unmittelbar mitfeiern – und vielleicht wird er oder sie die bilderlose Kirche nicht als kärglich empfinden, sondern als wohltuende Oase einer von immer neuen Bilderfluten heimgesuchten Welt.

Nicht nur in den USA spielt die Theologie Karl Barths eine große Rolle. Gibt es Anzeichen für eine Barth-Renaissance in Deutschland?

Bukowski: Natürlich hat die Beschäftigung mit dem Werk Karl Barths nie aufgehört, wir haben auch in Deutschland renommierte Barthkenner und sein Werk bleibt Gegenstand theologischer Forschung. Aber eine Barthrenaissance kann ich im Blick auf unsere Theologischen Fakultäten nicht erkennen. Umso mehr erfreut es mich, dass die UEK, der wir Reformierte angehören, in ihrer theologischen Arbeit das Erbe der Theologie Barths wach hält und weiter entwickelt: Ich verweise nur auf die jüngste Ausarbeitung zur Personalität Gottes. Der von der UEK verliehene Karl-Barth-Preis erreicht ein Weiteres: Durch den letzten Preisträger George Hunsinger (USA; der Preis wurde während des Kirchentages in Dresden verliehen) wird eine „lebendige Brücke“ zur Barthszene in den USA geschlagen.

Sie sind Mitglied im Ex-Ausschuss der Weltgemeinschaft Ref. Kirchen, die jedoch in den reformierten Gemeinden hierzulande keine sonderliche Rolle spielt. Sind die Reformierten selbstgenügsam geworden?

Bukowski: Da muss man differenzieren: Die Institution ist in der Tat von den Gemeinden weit weg – dieses Schicksal teilt sie aber mit anderen Institutionen: Fragen Sie einmal, was ein Gemeindeglied von der EKD mitbekommt! Anders verhält es sich mit den Inhalten: Die Erklärung von Accra etwa ist in den meisten Gemeinden breit rezipiert worden. Darüber hinaus hat die Evangelisch-reformierte Kirche  gemeinsam mit ihrer südafrikanischen Partnerkirche einen jahrelangen Konsultationsprozess zur Thema „Gemeinsam für eine andere Welt“ durchgeführt, der das Gerechtigkeitsthema vertieft und auf eine breite Basis gestellt hat. Und den Vorwurf der Selbstgenügsamkeit darf ich nun wirklich nicht aus uns sitzen lassen: Unsere Mitgliedskirchen und -Gemeinden unterstützen die Weltgemeinschaft ideell und finanziell in einem Masse, das weit über unsere Grenzen hinaus als vorbildlich gilt!

Kann man von einer Rezeption des 3. Deutschlandbesuchs von Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr innerhalb der reformierten Gemeinden und der Reformierten Bundes sprechen?

Bukowski: Zu diesem Thema hat das reformierte Ratsmitglied, Kirchenpräsident Jan Schmidt schon wesentliches gesagt: Wir hatten keine überzogenen Erwartungen, und haben doch empfunden, dass Papst Benedikt XVI Möglichkeiten ökumenischer Annäherung vertan hat. Lassen Sie mich aber hinzufügen: Wirklich Leid getan haben mir vor allem die römisch-katholischen Bischöfe. Ihr Bemühen um Notwendige Reformen wurde durch den Hinweis, nötig sei vor allem eine geistliche Konzentration, faktisch abgewertet und als ungeistliches Herumwerkeln an den Symptomen abgetan. Dies fand ich ungeheuerlich. Im übrigen: Das in Deutschland über die Jahre hin gewachsene gute ökumenische Miteinander wurde durch diesen Besuch zwar nicht gefördert, aber es wird auf bewährte Weise fortgeführt werden.

Was sind die wichtigsten Themen, die gegenwärtig den Reformierten Bund beschäftigen?

Bukowski: 1.) Der Reformierte Bund versteht sich im Blick auf seine Mitgliedsgemeinden als Dienstleister für gute Theologie. Gute Theologie ist bezogene Theologie, die im Hören auf das Zeugnis der Schrift und im Erforschen des reichen Erbes reformierter Tradition Orientierung sucht angesichts heutiger Herausforderungen. Eine Theologie also, die es vermeidet in situationsloser Selbstabschottung zeitlose Wahrheiten zu produzieren, oder aber sich in pragmatischer Geschaftelhuberei selbst aufzugeben. Hier ist uns das Heidelbergerjubiläum ein willkommener Anlass zur Weiterarbeit.

2.) Ganz oben auf der Prioritätenliste steht zweitens der interreligiöse Dialog, namentlich die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam. Wir müssen theologisch begründet zu einer Haltung finden, die, ohne das Eigene zu verleugnen, von Demut und wacher Neugier geprägt ist: Ich will den Anders-Glaubenden kennen lernen, nicht auf meine Seite ziehen. Nur auf dieser Basis können Dialog und Kooperation gedeihen.

3.) Schließlich werden wir nicht nachlassen, nach Wegen zu einer gerechteren Gesellschaft zu suchen. Dabei werden wir der Komplexität der Problemlagen nicht mit einfachen Lösungen begegnen können. Aber wir werden auch nicht dem Rat des selbsternannten Theologen der Champions-League-Klasse F. W. Graf folgen, der die Kirchen zur Zurückhaltung mahnt, weil es sonst zu einer, ich zitiere: „strukturellen Talibanisierung der Kirchen in ethischen Fragen“ komme. (So z.B. in der UK vom 24.7.2011). Gewiss, in vielen Details haben wir kein Spezialwissen, aber die richtigen Fragen haben wir zu stellen. Als Christen sollen wir Lobby der Vielen sein, die längst zur Manövriermasse kapitalistischer Planspiele degradiert sind?

Pfarrer Dr. h.c. Peter Bukowski (60), gebürtiger Bonner, studierte Theologie, Musik und ist ausgebildeter Psychotherapeut. Der Direktor des Seminars für Pastorale Aus- und Fortbildung am Theologischen Zentrum Wuppertal ist seit 1990 Moderator (Vorsitzender) des Reformierten Bundes. Er gehört dem Exekutivausschuss der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) und der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen an. Er ist Mitglied der Synode der EKD und Ehrendoktor der Universität für Reformierte Theologie in Debrecen (Ungarn).


17. Januar 2012
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