Zur Ehre Gottes und zum Wohl des Nächsten

Martin Engels im Interview mit reformiert-info

Pfr. Martin Engels, Wuppertal

Der rheinische Pfarrer Martin Engels stellt sich im April zur Wahl für das Amt des Moderators des Reformierten Bundes. Der Vorschlag des Nominierungsausschusses habe ihn geehrt, so Engels im Gespräch mit reformiert-info. Im Interview spricht der 34jährige Pfarrer über das Besondere der reformierten Konfession, die Relevanz der christlichen Botschaft heute und sein persönliches Glück.

Pfr. Martin Engels ist seit Herbst 2014 Projektleiter für die Aktivitäten der Evangelischen Kirche im Rheinland im Kontext des Reformationsjubiläums 2017. Das Konzept und die Durchführung der interaktiven Ausstellung „Gelebte Reformation – Barmer Theologische Erklärung“ in der Gemarker Kirche ist seinem Engagement zu verdanken.
Im Reformierten Bund wurde Engels bekannt, als er seine Zeit als wissenschaftliche Hilfskraft bei Prof. Dr. Dr. Günter Thomas, Bochum, nutzte, um im Anschluss an das Accra-Bekenntnis die Dokumentation „Denken und Handeln für Gerechtigkeit“ der europäischen Sektion des Reformierten Weltbundes zu veröffentlichen (engl. 2010 / dt. 2011). 

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reformiert-info: Was gefällt Ihnen am besten an der evangelisch-reformierten Konfession?

Engels: Es ist ihre geistliche und theologische ›Umtriebigkeit‹, die mir in Gemeinden und in der Theologie gefällt: Die Reformierten lassen sich von Gottes Wort treiben und nehmen sich der Herausforderungen der Welt an. Es ist die Überzeugung: Wer glaubt, übernimmt Verantwortung zur Ehre Gottes und zum Wohl des Nächsten. Das ist eine theologische Haltung, die sich bis in den Gottesdienst durchhält. Auf die Schriftlesung antwortet die Gemeinde mit dem Glaubensbekenntnis und hört als Folge hieraus die Ansagen der Diakoniekollekte.

Was reizt Sie an dem Ehrenamt „Moderator des Reformierten Bundes“?

Engels: Es sind die Aufgaben, die mit dem Amt verbunden sind. Ich habe große Freude daran Prozesse zu gestalten und zu leiten. Dabei ist die Amtsbezeichnung „Moderator“ zugleich ja Programm. Mich reizt es, gemeinsam mit dem Moderamen zu schauen: Welche Themen sind gerade in den Gemeinden und in unserer Gesellschaft obenauf? Wo können wir reformierte Akzente und Impulse setzen und Gemeinden theologisches Rüstzeug für ihre Arbeit geben. Zugleich empfinde ich es als große Herausforderung und Ehre im Bereich der Kirchen in Deutschland die Stimme des Reformierten Bundes zu vertreten.

Was heißt 2017 für die Reformierten?

Engels: Zunächst einmal ein großes Fest, weil wir den Anfang der Reformation vor 500 Jahren feiern, die sinnbildlich mit dem Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche ihren Ausgangspunkt gefunden hat. Ohne Martin Luther kann man Johannes Calvins Wirken nicht denken. Wichtig wird es sein zu zeigen, dass Reformation noch mehr ist als Luther, Wartburg und Wittenberg. Da liegt unsere Aufgabe: Die „reformierte“ und zugleich auch internationale Wurzel der Reformation deutlich zu machen – natürlich nicht in Abgrenzung, sondern um die Vielfalt unserer evangelischen Tradition zum Leuchten zu bringen. Besonders freue ich mich darüber, dass wir in Deutschland 2017 Gastgeber der Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen sein werden. Frauen und Männer aus der ganzen Welt werden nach Deutschland kommen und sich hier beraten. Allein mit der Tatsache, dass wir dies gleichberechtigt unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern tun werden, senden wir ein eindeutiges Signal, das mir ausgesprochen wichtig ist: Dieses Jubiläum ist ein internationales Jubiläum, das wir Geschwisterkirchen aus aller Welt feiern und gestalten.
Wir greifen den Impuls der Reformatoren auf: die Frage nach dem Fundament der Kirche und das Ringen um ihre Gestalt vor dem Hintergrund des biblischen Auftrags rückt in den Fokus.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung für den Reformierten Bund in den kommenden Jahren?

Engels: Die größte Herausforderung des Reformierten Bundes besteht meiner Meinung nach darin, das reformierte Profil innerhalb der Evangelischen Kirchen in Deutschland weiterhin lebendig und vielgestaltig zu halten. Das ist in den vergangenen Jahren meines Erachtens bereits sehr gelungen und wir sollten diesen Weg weiter gehen. Seltsamerweise erlebe ich sehr häufig, dass die Unterscheidung der innerevangelischen Konfessionen oft in Frage gestellt wird – unter dem Motto: Ist das denn heute noch zeitgemäß? Ich finde das sehr, weil es eine Vielfalt und Lebendigkeit des gelebten evangelischen Glaubens widerspiegelt. Sobald die Unterscheidung nur dazu dient, sich voneinander abzugrenzen und sich selbst zu profilieren auf Kosten der anderen, wird es für mich absurd. Vor 40 Jahren hat man in Leuenberg festgehalten: Die unterschiedlichen evangelischen Konfessionen trennen uns nicht, sondern ermöglichen es uns, den Menschen in unseren unterschiedlichen Prägungen von Christus zu erzählen.

Die Kirche bzw. besonders ihre hauptamtlichen MitarbeiterInnen leiden angeblich unter dem Relevanzverlust in der Gesellschaft ...

Engels: Viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben, wie ein immer größerer Teil ihrer Aufmerksamkeit und Zeit für Struktur- und Verwaltungsfragen draufgehen. Zugleich wächst der Frust, weil für die Kernbereiche Verkündigung und Seelsorge sowie für die Frage, wie wir einladende Gemeinde sein können, immer weniger Zeit und Kraft da sind.
Ich denke es wird Zeit, zu gucken, wie wir Kräfte wieder anders einsetzen können, damit wir froh von der Botschaft von der freien Gnade Gottes erzählen können. Das ist es ja, was unsere Relevanz in der Gesellschaft beschreibt und es ist die große Triebfeder, die so viele Menschen in unseren Gemeinden und Kirchen motiviert, mitzuarbeiten. Das müssen wir stärken, dieser Motivation dürfen wir nicht durch andere Fragen die Aufmerksamkeit und Kraft entziehen. Denn auf der anderen Seite erfahre ich immer wieder, dass Menschen uns nach geistlichem Schwarzbrot fragen.

Der jüngeren Generation von Theologinnen und Theologen wird nachgesagt, sie hätten keine Lehrer mehr, nicht eine bestimmte Dogmatik, nach der sie sich ausrichten. Wie ist es bei Ihnen?

Engels: Zum Glück hatte und habe ich auch noch einige theologische Lehrerinnen, wie u.a. Christine Globig und Isolde Karle, die mich sehr prägen! Neben dieser kleinen aber nicht unwichtigen Präzisierung halte ich diesen versteckten Vorwurf für schwierig. Es gibt m.E. nicht mehr diese scharf voneinander zu trennenden Schulrichtungen, nach denen sich Theologinnen und Theologen im letzten Jahrhundert benannt haben. Das passt auch nicht mehr in unsere Gegenwart. Der theologische Diskurs ist m. E. auch ein ganz anderer geworden. Jüngere Pfarrerinnen und Pfarrer sind von einer Vielzahl von theologischen Lehrerinnen und Lehrern geprägt, zunehmend auch von welchen über die deutschen Sprachgrenzen hinaus, und das ist gut so.

Der Beruf des Theologen, des Pfarrers gilt weniger als „Job“, sondern als „Berufung“, die die ganze Person fordert. In diesem Sinne noch etwas Persönliches:
Was lehrt Sie das Fürchten?

Engels: Die Notaufnahme der Kinderklinik.

Was macht Sie glücklich?

Engels: Meine zwei kleinen Töchter und meine Familie.

Womit verbringen Sie am liebsten Ihre freie Zeit?

Engels: Ich entdecke gerne mit meinen Kindern die Welt neu und genieße es immer wieder auf manche Selbstverständlichkeit aufmerksam gemacht zu werden. Ich finde es großartig, an der unbändigen Freude meiner Tochter an einer schlichten Schnecke teilzuhaben, die Begeisterung mitzuerleben, dass dieses Tier aus seinem Haus kriecht, die Fühler ausstreckt und sich in Bewegung setzt.

Das Jahr 2015 steht in der Reformationsdekade unter der Überschrift „Bild und Bibel“. Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Kunstausstellung? Was haben Sie davon mitgenommen?

Engels: Im Januar in der Pissaro-Ausstellung im Von der-Heydt-Museum Wuppertal. Ich muss gestehen, dass ich mich nach einer kunsthistorischen Führung ein wenig wie ein Kunstbanause fühlte … dennoch, die Fähigkeit mit Pinselstrichen Emotionen und Gefühl in ein Bild zu übertragen, hat mich beeindruckt.

Drei Sätze zum Weiterschreiben:

Johannes Calvin ist für mich … ein großer Reformator und gesamtbiblischer Theologe.

Ohne das Bekenntnis von Barmen … hätte nicht nur die Evangelische Kirche im „Dritten Reich“ ihr Fundament verraten und ihre Glaubwürdigkeit völlig verspielt, sondern es wäre auch nie so sinnbildlich deutlich geworden, dass die reformierte, lutherische und unierte Tradition in der tiefen Krise mehr eint als sie trennen könnte.

Das Bekenntnis von Accra ist für mich … ein heilsam unbequemer Weckruf, sehr genau darauf zu schauen, wie wir unseren Glauben und unsere Verantwortung mit unseren Geschwistern in der globalisierten Welt heute leben.

Hannover - Wuppertal, 3. März 2015

Martin Engels im O-Ton können Sie auch im WDR hören - etwa im Podcast einer Sendung zu 80 Jahre Barmer Theologische Erklärung:
http://www.kirche-im-wdr.de/startseite/show/programm/80-jahre-barmer-erklaerung-ev-sendung-zum-buss-und-bettag/

 

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