Das war keine gute Woche.
Nachdem vergangenen Sonntag eine als sicher rechtsextrem eingestufte Partei nur knapp an der absoluten Mehrheit scheiterte. Nur wenige Stimmen fehlten.
Und es ist damit zu rechnen, dass das BSW ihr die nötige Mehrheit verschafft.
Dann haben wir nach 1933 das erste mal wieder eine faschistische Regierung in einem Bundeland in Deutschland. Übrigens erhielt die NSDAP damals ebenfalls knapp 44% der Stimmen.
Auch ich bin noch immer fassungslos.
Ich weiß auch nicht, was jetzt zu tun ist.
Alle Abgrenzungsversuche haben die Partei nur stärker gemacht.
Für Fakten sind die Wählerinnen nicht verfänglich.
Argumenten verschließen sie sich.
Den politischen Diskurs beenden sie, indem sie sich noch tiefer in ihre Meinungs-bubble zurückziehen und sich ihre gefühlte Wirklichkeit bestätigen lassen.
Und ich habe Angst davor, dass meine Enkelin eines Tages sagt, ihr habt das doch gewusst mit der AfD und dem Faschismus.
Wieso hast du nichts gemacht?
Mein Opa hatte Zwangsarbeiterinnen in seiner Gärtnerei. Das habe ich später verstanden, als meine Mutter von den russischen Mädchen sprach, die bei ihnen arbeiteten.
Er hat nie darüber gesprochen. Er, der als junger Mann dem Kaiser zujubelte und später als Preis dafür schwerverletzt die Schlacht von Verdun im I. Weltkrieg überlebte.
Von den Schrecken des Krieges hat er erst kurz vor seinem Tod erzählt. Das Trauma hatte ihn nie losgelassen.
Mein Vater, Jahrgang 1930, war davongekommen, noch in den II. Weltkrieg eingezogen zu werden. Aber Flucht und Vertreibung gehörten zu seinem Leben.
Sein älterer Bruder ist 1955 erst aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Mit gerade 53 Jahren ist er verstorben.
„Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus“ waren keine Sätze, die ich zuhause gehört hatte. Aber sie haben mich geprägt. In der Auseinandersetzung mit unseren Lehrern am Jungengymnasium, die alte Nazis waren.
Beigebracht hatte sie uns unser Religionslehrer. Pfarrer und Sozi.
Er hat uns zu glaubensstarken Demokraten erzogen, die gegen Unrecht und für Menschlichkeit einzustehen haben.
In Corrymeela, der ältesten Friedens- und Versöhnungsinitiative in Nordirland, habe ich als Jugendlicher erfahren, wie es gelingt, mitten im Bürgerkrieg verfeindete Familien zu versöhnen.
Hass ist die Wurzel jedes Übels, habe ich hier gelernt. Von den gehassten Menschen zu erfahren, dass sie die gleichen Sorgen, Wünsche und Hoffnungen haben wie man selbst, war der Schlüssel zur Versöhnung.
Pfarrer bin ich geworden, weil ich überzeugt bin, dass Gott die Menschen genau dazu anleiten will. Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung sind Gottes Grundanliegen.
Für Faschismus und Menschenverachtung ist in der Bibel kein Platz.
… und jetzt hab ich Angst davor, dass meine Enkelin eines Tages sagt, ihr habt das doch gewusst mit der AfD und dem Faschismus.
Wieso hast du nichts gemacht? …
Wir leben in einer politischen Öffentlichkeit, in der Lautstärke belohnt wird.
Empörung verbreitet sich schneller als Differenzierung.
Eine zugespitzte Behauptung erreicht mehr Menschen als eine sorgfältige Erklärung.
Angst lässt sich leichter mobilisieren als Zuversicht.
Aber Lautstärke ist kein Wahrheitsbeweis.
Fakten lassen sich leugnen, aber es sind die Fakten, die die Wirklichkeit bestimmen und gestalten, nicht laut vorgetragene, gefühlte Meinungen.
Das Geschrei bleibt Geschrei, auch wenn Tausende einstimmen.
Darum brauchen wir jetzt nach dieser Wahl nicht noch mehr Geschrei.
Wir müssen unseren Widerstand neu sammeln und bestimmen.
Wir werden uns fragen müssen, warum so viele Menschen für populistische Angebote empfänglich geworden sind.
Um zu verstehen, wo Menschen sich benachteiligt fühlen, obwohl es ihnen persönlich gut geht. Und wo demokratische Politik ihre Versprechen tatsächlich nicht eingelöst hat.
Wenn die drittvermögendste Volkswirtschaft der Welt es zugelassen hat, dass jedes vierte Kind bei uns in Armut lebt, die Bahn vor einem Totalausfall steht, Brücken und Straßen marode und abrissreif sind, ein Gesundheits- und Pflegesystem kollabiert und die Bildungschancen immer noch vom Einkommen der Eltern abhängig ist, dann schafft das kein Vertrauen.
Es gibt eine berührende Szene im Markusevangelium.
Ein Kind liegt da. Sterbend.
Die Menschen haben die Hoffnung bereits aufgegeben.
Jesus aber geht zu ihm. Er ergreift seine Hand.
Und dann sagt er nur zwei Worte:
Talita kum. Steh auf!
Vielleicht sind das Worte, die wir gerade brauchen.
Nicht: Empöre dich immer lauter.
Nicht: Verachte diejenigen, die anders gewählt haben.
Sondern:
Steh auf.
Steh auf für die Würde jedes Menschen.
Steh auf, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer Lebensweise abgewertet werden.
Steh auf für eine Demokratie, die davon lebt, dass Menschen Verantwortung übernehmen und nicht nur zuschauen.
Steh auf für eine Sprache, die widerspricht, ohne selbst menschenverachtend zu werden.
Nicht größere Versprechen zu machen.
Oder ihre kopieren.
Sondern wahrhaftiger sein.
Reinen Wein einschenken.
Der Gesellschaft etwas abverlangen, weil das ehrlicher ist.
Aber nicht Privilegierte davon ausklammern.
Lasten gleichmäßig verteilen.
Nicht eine Politik gegen Migrantinnen und sozial Bedürftige, sondern ihre Leistung für die Gesellschaft anerkennen und dann erst fragen, was auch falsch läuft und nicht dem Gemeinwohl dient.
Nicht Menschen abschreiben.
Sondern für eine Gesellschaft einzutreten, in der niemand zum Feind erklärt werden muss, damit alle sich zu Hause fühlen können.
Demokratie braucht solchen Widerspruch.
Menschenwürde braucht Verteidigerinnen und Verteidiger.
Gleichzeitig dürfen wir die Erfolgsgeschichten stärker benennen:
Migration trägt erheblich zum Bruttosozialprodukt bei.
Dier Energiewende gelingt, weil Bürger*innen und die Wirtschaft sie wollen und umsetzen.
Gemeinwohl wird getragen von ehrenamtlichem Engagement der Kirchen, der vielen Initiativen und NGO´s.
Kulturelle Vielfalt gestaltet sich in den meisten Fällen in unseren Städten, in den Betrieben, in den Kneipen und Supermärkten friedlich und selbstverständlich.
Menschen zurückzugewinnen gelingt aber nicht durch Beschimpfung.
Zuversicht verbreiten wäre ein Gebot der Stunde.
Angst frisst Seele und stärkt Populismus.
Zuversicht befreit Seele und öffnet Herzen.