Liebe Gemeinde,
zu der Tradition der evangelischen Kirche gehört ein Sonntag, der an die Verbindung von Christen und Juden erinnert, nicht den Juden zuliebe, sondern weil die hebräische Bibel, das sogenannte Alte Testament die Wurzel unseres Glaubens ist. Die Wurzel, die uns trägt, wie der Apostel Paulus schreibt. Vielleicht haben Sie vor zwei Wochen, am sogenannten Israelsonntag schon eine Predigt zu diesem Thema gehört. Aber es ist mein Herzensthema und aus meiner jahrelangen Beschäftigung damit, möchte ich heute aus meiner Sicht noch etwas dazu ergänzen.
Lange Zeit diente das Judentum in der christlichen Theologie nur als Negativ Folie: Der alttestamentliche Gott galt als ein strenger, strafender Gott, ein Gott der Rache, im Gegensatz zu dem Gott der Liebe, den Jesus verkündet hat. Der angeblichen jüdischen Gesetzlichkeit wurde die christliche Freiheit entgegengestellt, und oft wurde behauptet, weil Israel Gott ungehorsam war und Gottes Sohn abgelehnt hat, sei es von Gott verworfen worden und die Kirche an seine Stelle, als das wahre Israel gerückt.
Es war ein langer Weg, bis unsere Kirche erkannt hat, welche verhängnisvollen Folgen ihre antijüdische Theologie gehabt hat. Zum einen gab sie eine Grundlage für den Judenhass, der sich oft gewalttätig gegen die jüdische Gemeinschaft gerichtet hat. Zum anderen hat diese Art der Auslegung aber auch uns selbst geschadet, weil sie die Wurzel unseres Glaubens vergiftet hat.
Nach einem langen Umdenkungsprozess, ausgelöst durch das Erschrecken über den Holocaust, dem die Kirche nur wenig entgegengesetzt hat, steht heute die Zusammengehörigkeit von Christen und Juden im Vordergrund. Und es ist gut zu sehen, wieviel uns verbindet: Als Christen und Juden glauben wir beide an den einen barmherzigen und gerechten Gott, den Gott Israels, wir lesen beide die hebräische Bibel, das sogenannte Alte Testament, die Gebote Gottes sind für uns beide wegweisend. Aber Vieles in unserer Tradition unterscheidet uns auch, vor allem die Art und Weise, wie wir Gottes Wort auslegen. Und unser Verhältnis ist nicht symetrisch: Wir brauchen die Kenntnis jüdischer Tradition, um Jesus, den Juden, besser zu verstehen.
Die Juden brauchen uns nicht und viele sind von der judenfeindlichen christlichen Auslegungsgeschichte immer noch gebrandmarkt. Als Christen haben wir gelernt, uns als Geschwister zu verstehen, Juden denken dabei vielleicht zuerst an das mörderische Geschwisterpaar Kain und Abel. Bei uns beiden stehen Gottes Gnade und Gerechtigkeit im Zentrum des Glaubens, aber wir haben sie beide auf unterschiedliche Weise kennengelernt. Wir gehören zusammen, aber wir sind nicht einfach gleich. Für Juden ist nach der langen Unheilsgeschichte mit der Kirche entscheidend, was Theodor W. Adorno als das Wesen von Freiheit beschreibt: Ohne Angst anders sein und bleiben zu dürfen. Und es sollte uns alarmieren, dass sie diese Freiheit in Deutschland nicht mehr unbedingt erleben.
An einem biblischen Text möchte ich Ihnen nun zuerst ein Beispiel dafür geben, wie andersartig Juden die Schrift auslegen, wie sie damit aber auch zu dem kommen, was uns im Glauben gemeinsam trägt, nämlich Gottes Gnade. Danach werde ich der Frage nachgehen, was die besondere Beziehung Gottes zu Israel bedeutet
Ex.19,1-6
1Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. 2Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
3Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: 4Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 5Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.
Zuerst also zu der Eigenart jüdischer Auslegung.
Während christliche Theologen Texte historisch kritisch befragen und eher großflächig nach ihrer Bedeutung suchen, achtet man in der jüdischen Auslegung sehr genau auf die kleinsten Einzelheiten im Text, manchmal bis hin zu den Buchstaben, und versucht, deren tieferen Sinn mit Hilfe von Gedankenspielen zu verstehen, nach dem Motto: nichts steht ohne Grund da. Akribie und Fantasie sind die herausstechenden Merkmale jüdischer Auslegung. Im Fall unseres Textes heißt das: Man fragt zuerst: was für eine Bedeutung hat hier die genaue Zeit und Ortsangabe für das Geschehen? Es steht geschrieben: Drei Monate sind die befreiten Sklaven unterwegs, bis sie in die Wüste Sinai gelangen, wo sie die Tora, die Gebote Gottes erhalten. Warum nicht gleich nach dem Auszug aus Ägypten, warum ausgerechnet in der Wüste und nicht erst nach der Ankunft im gelobten Land?
Die jüdischen Ausleger finden darauf verschiedene Antworten, und es gehört zur jüdischen Tradition, dass nicht nur eine als richtig gilt, sondern alle verschiedenen Antworten nebeneinander bestehen dürfen und nebeneinander tradiert werden.
Eine Antwort ist, dass Gott den hebräischen Sklaven erst einmal Erholung von der auszehrenden Sklaverei gönnen will und sie drei Monate Wachteln und Manna genießen lässt, bis sie wieder genügend Lebenskraft haben, um etwas Neues, eine Anleitung zu einem Leben in Freiheit, aufnehmen zu können. Eine andere Erklärung lautet: weil die Sklaverei sie so stark geprägt und deformiert hat, müssen sie drei Monate warten, damit sie Gottes Gebote nicht mit menschlicher Diktatur verwechseln, die sie unmündig und kleinhalten will., so wie sie es in Ägypten erlebt hatten. Eine dritte Antwort stützt sich auf die genaue Beobachtung des Wechsels von Plural zum Singular. Am Anfang heißt es: sie zogen, sie kamen zum Sinai, aber erst als es heißt: dort schlug Israel (Singular) sein Zelt auf, also erst als aus den Vielen eine Einheit geworden ist, erst dann ist das Volk reif für die Tora.
Die drei Antworten enthalten tiefe theologische Erkenntnisse: So fürsorglich ist Gott! So liebevoll achtet er auf die körperlichen und seelischen Bedürfnisse derer, die er zu seinen Verbündeten machen will! Und nicht wie andere Völker sollen sie groß werden durch die Größe ihres Landes, die Stärke ihres Königs, die Macht ihrer Priester. Nein: In der Wüste, da wo nichts ist, wodurch sie sich selbst groß machen könnten, da, wo sie nicht einmal aus eigener Kraft lebensfähig wären, da macht Gott sie groß.
Sie sehen: Schon bei diesem genauen Hinsehen, das unsereins vielleicht als Krümelpickerei erscheint, kommt zweierlei in den Blick, was für den Glauben, auch für unseren christlichen Glauben, zentral ist: das ist zum einen die Gnade Gottes, von der Israel, und von der auch wir bis heute leben, zum anderen wird das Ziel von Gottes Geboten deutlich: Sie sollen die ehemaligen Sklaven und mit ihnen die Mühseligen und Beladenen aller Zeiten für ein freies und friedliches Zusammenleben stärken.
Und weil es so schön ist, ein weiteres Beispiel. in V 3. Heißt es:
Also sage dem Hause Jaakobs und stelle den Söhnen Jisraels vor.
Warum diese Doppelung? Im Theologiestudium, haben wir gelernt, sie als ein hebräisches Stilmittel zu erklären, das in der Bibel immer wieder begegnet und das man getrost übergehen kann. Aber die Rabbinen haben im Hause Jakobs immer die Frauen und Kinder gesehen und in den Söhnen Israels die Männer. So gesehen ist es nicht ganz unwichtig: Die Frauen sollen hier als erste hören, was Gott Mose sagt, vielleicht, weil sie es sind, die die Kinder religiös unterweisen, sagt ein Ausleger. Ein anderer stützt sich auf die verschiedenen Verben und meint: den Frauen soll es „ins Gemüt gesprochen und erläutert werden“, den Männern soll es dagegen vor Augen gestellt, werden.
Eine Unterscheidung, die zu kreativem Nachdenken anregen kann über die verschiedenen Arten, wie Frauen und Männer mit dem Wort Gottes umgehen oder darüber, ob es da überhaupt einen Unterschied gibt, der noch heute gilt. Immerhin werden die Frauen in dieser alten Auslegung nicht übergangen und die verbreitete Behauptung, das Judentum sei im Gegensatz zu Jesus frauenfeindlich, bekommt hier schon Kratzer. Ein guter Anlass, sich klar zu machen, dass es DAS Judentum sowieso gar nicht gibt. Genauso wie bei uns Christen haben sich auch dort bis heute viele verschiedene Strömungen entwickelt: Von Ultra Orthodox, was meines Erachtens leider tatsächlich frauenfeindlich ist, über konservativ, liberal bis hin zu jüdisch queer. Hier in Deutschland sind die jüdischen Gemeinden nach der Shoa als Einheitsgemeinden alle orthodox (allerdings nicht ultra, sondern mit einem gewissen Spielraum,) , und je nach dem werden die Frauen gewürdigt oder wie zur Zeit in Wuppertal, der Rabbiner guckt durch sie durch....
Nun aber zu der Frage, die jahrhundertelang das Verhältnis von Christen zu Juden bestimmt hat: wie ist es zu verstehen, dass Israel Gottes Eigentum vor allen Völkern sein soll, für Gott ein Königtum von Priestern und ein heiliges Volk?
Zweifellos hebt Gott Israel damit hervor, macht es tatsächlich zu etwas Besonderem. Das hebr. Wort für Eigentum heißt „segulla“, und bedeutet genau genommen „kostbarer Schatz“, das heißt Gott macht Israel eine echte Liebeserklärung, - vor allen Völkern. Das hat die anderen immer geärgert: die Christen bis aufs Blut. Und immer wird argumentiert: Gott kann doch die Juden nicht so vorziehen. Er muss doch alle Menschen gleich lieben. Selbst im säkularen Kontext hält sich bis heute das empörte Vorurteil: die Juden wollen immer was besonderes, immer was besseres sein.
Dabei sind Juden natürlich nicht besser oder schlechter als andere Menschen. Aber für Gott sind sie etwas besonderes. Sie sind seine erste Liebe, seine ersten Verbündeten vor allen anderen Völkern, die ersten, an denen Gott aller Welt zeigt, wie er ist und was sein Wille für die Welt ist. Ich denke: Hinter dem Ärger darüber steht im Grunde die Angst zu kurz zu kommen, anders gesagt: eine große Eifersucht, und Eifersucht macht bekanntlich zu allem fähig. Zuerst redet sie die Konkurrenten schlecht. Hängt ihnen alles mögliche an. Und dann sucht sie Wege, sie praktisch auszuschalten...
Aber was für viele wie eine ungerechte Bevorzugung Israels scheint, ist nach jüdischem Verständnis vor allem eine Verpflichtung. Israel darf sich nicht einfach an seine Umgebung anpassen. Weil es Gott gehört, muss es kritisch, im Zweifelsfall auch widerständig bleiben gegenüber allen menschlichen Machtansprüchen und muss sich dem Zeitgeist verweigern, wenn er Gottes Gebot widerspricht. In diesem Sinn besonders sein braucht Mut, und bringt oft Nachteile mit sich. Das hat die jüdische Gemeinschaft oft genug erlebt.
Auch die anderen Ehrentitel: Königtum von Priestern und heiliges Volk machen das Leben für Juden nicht bequem. Auch mit ihnen ist vor allem die Aufgabe verbunden, Zeugen für Gottes Menschenfreundlichkeit zu sein und voranzugehen auf dem Weg, den seine Güte und Gerechtigkeit weist.
Nun habe ich immer von Israel gesprochen und natürlich legt sich die Frage nahe: welches Israel ist hier eigentlich gemeint? Das alte, dessen Geschichte die Bibel erzählt, und das weit weg ist von der Gegenwart? Oder etwa auch das heutige Israel, mit dessen Namen wir einen Staat verbinden, der in vieler Hinsicht eine empörende, menschenverachtende Politik betreibt?
In unserem biblischen Abschnitt sind die Frauen und Männer Israels angesprochen. Ihnen gilt auch heute noch Gottes besondere Verbundenheit, und sie haben immer noch den Auftrag, seiner Stimme zu gehorchen und seinen Bund zu halten. Das tun auch viele in der jüdischen Gemeinschaft und sie tun es gerade auch im Staat Israel. Sie setzen sich dort tapfer gegen eine unterdrückerische Instrumentalisierung der jüdischen Tradition ein und protestieren gegen eine Politik, die das Recht und die Würde anderer, vor allem der Palästinenser, missachtet.
Manche riskieren im Einsatz gegen Siedlergewalt ihr eigenes Leben. Und es gibt viele israelisch palästinensische Organisationen, die ein Zeichen setzen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Darunter besonders eindrucksvoll eine Elterngemeinschaft, die Kinder durch die Gewalt der anderen Seite verloren haben und trotzdem an eine gemeinsame Zukunft glauben. Schade, dass das so viele übersehen, die pauschal über den Staat Israel urteilen und unterschiedslos den Boykott von Israelis und jüdischen Menschen in Kunst und Wissenschaft fordern.
Nun noch eine Schlussbemerkung: In 1. Petrus 2 wird auch der christlichen Gemeinde zugesagt: Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, Gottes EIgentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht. Aber wir müssen zugeben: Unsere Kirche hat dieser hohen Wertschätzung und Verpflichtung, die sie mit Israel teilt, wahrhaftig nicht immer entsprochen. Auch sie hat sich oft menschenverachtend verhalten, und eine große Blutspur von Krieg und Gewalt zieht sich durch ihre Geschichte. Aber auch bei uns gab und gibt es Menschen, die sich unerschrocken und konsequent gegen den schändlichen Missbrauch der christlichen Botschaft für Unterdrückung und Gewalt eingesetzt haben und einsetzen. Und das sind nicht nur die mit großen Namen, sondern viele ganz normale Christinnen und Christen. Ihnen haben wir viel zu verdanken, nicht zuletzt, dass heilsame Veränderungen der Kirche möglich waren und sind.
Bei aller Verschiedenheit: Christen und Juden verbindet auf der menschlichen Ebene viel. Das Herzstück unserer Verbindung , das wovon wir beide leben ist jedoch die Treue Gottes, ist seine Gnade. So fehlbar wir auch sind, traut Gott uns immer noch zu, als seine Zeugen Licht in das Dunkel unserer Welt zu bringen und sie zu einem besseren Ort zu machen, zu einem Ort von Schalom. Die Treue Gottes ist die Quelle der Hoffnung, die uns Seite an Seite zu mutigen Taten treibt.