„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes.“
Liebe Gemeinde,
manche Sätze tragen ein Leben lang. Sie kommen uns nicht mehr aus dem Gedächtnis, selbst wenn wir es wollten. Und manchmal – Gott sei Dank – wollen wir sie auch nicht mehr loswerden. Mir geht es so mit der Frage 1 des Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“i Einige von uns haben diese Worte einmal auswendig gelernt. Vielleicht als Pflicht. Vielleicht mit Widerwillen. Vielleicht ohne zu ahnen, dass sie eines Tages wie ein stiller Begleiter neben uns hergehen würden.
Der Apostel Paulus nennt Gott „den Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“. Das ist keine abstrakte Aussage. Das ist ein Erfahrungswort. Paulus schreibt es nicht aus sicherer Entfernung, sondern mitten aus Bedrängnis, aus Not, aus Anfechtung heraus. Trost ist für ihn nichts Süßliches, nichts Vertröstendes – sondern etwas, das trägt, wenn alles andere ins Wanken gerät. Und genau da berühren sich Paulus und der Heidelberger Katechismus. Denn die Frage ist radikal: Was ist dein einziger Trost? Nicht: Was hilft dir manchmal? Nicht: Was lenkt dich ab? Sondern: Was trägt dich – im Leben und im Sterben?
Die Antwort ist ebenso radikal: Dass ich nicht mir selbst gehöre.ii Das klingt zunächst fremd. Wir leben in einer Zeit, in der uns ständig gesagt wird: Du gehörst dir selbst. Du verwirklichst dich. Du bestimmst dein Leben, ja sogar, wer Gott ist.iii Und doch merken wir: Gerade diese „Selbstbestimmung“ überfordert uns oft. Denn wenn ich mir selbst gehöre, dann bin ich auch mir selbst ausgeliefert – meinen Stimmungen, meinen Grenzen, meinen Verlusten. Der Katechismus sagt etwas anderes: Dein Trost liegt nicht darin, dass du dich selbst hältst, sondern darin, dass du gehalten bist. Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mein bin. Das ist Trost.iv
Ich erinnere mich – und vielleicht geht es Ihnen ähnlich – wie ich als junger Mensch an einzelnen Formulierungen hängen blieb. „Ohne den Willen meines himmlischen Vaters kann kein Haar von meinem Haupt fallen.“ Man hört das – und dann beginnt das Leben, ganz konkret zu werden. Wenn, wie bei mir, das Haar schon mit 19 Jahren weniger wird. Wenn man in den Spiegel schaut und merkt: Es verändert sich etwas, das ich nicht kontrollieren kann. Und plötzlich wird dieser Satz auch für einen Frommen ganz unerquicklich konkret: Ist das Gottes Wille, dass Du mit 19 Jahren aussiehst wie ein alter Mann? Soll das jetzt Trost sein?
Und da ist dann noch diese biblische Geschichte vom Propheten Elisa (vgl. 2Kön 2,23f.)v, der wegen seiner Glatze verspottet wird – und es endet mit einem Gericht über die Spottenden, das uns erschreckt. Das mag wie eine Bestätigung wirken: Da stimmt doch etwas nicht. Das fühlt sich nicht gerecht an. So reibt sich der Glaube an der Wirklichkeit. Und manchmal auch an uns selbst.
Heute sehen wir vielleicht klarer: Der Satz vom Haar will nicht sagen, dass Gott jede Kleinigkeit so will, wie sie geschieht, als wäre er ein Verursacher unserer Verluste oder unserer Kränkungen. Sondern er sagt: Nichts entgleitet ihm. Nichts fällt aus seiner Hand.vi Der Trost liegt nicht darin, dass alles geschieht, wie ich es mir wünsche. Der Trost liegt darin, dass ich auch dann nicht aus Gottes Hand falle, wenn es ganz anders kommt, als ich es mir wünsche. Unsere Wünsche sind oft ungefiltert. Sie entstehen aus dem Moment heraus, aus Angst, aus Sehnsucht, aus Vergleich. Und sie sind nicht immer das, was uns wirklich trägt.
Der Wille Gottes hingegen ist kein kaltes Schicksal. Er ist gebunden an den, den Paulus hier preist: den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Und das heißt: Gottes Wille hat ein Gesicht. Wer wissen will, wie Gottes Wille aussieht, der schaue auf Christus. Auf den, der sich hingibt. Auf den, der trägt. Auf den, der auch durch Leiden hindurch nicht loslässt. „Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst…“ Das ist kein theoretischer Trost. Das ist ein Trost, der durch den Karfreitag hindurchgegangen ist. Darum kann der Katechismus so kühn sagen: „Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“
Trost, liebe Gemeinde, ist hier nicht nur Beruhigung. Trost ist Vergewisserung. Eine neue Freiheit. Eine neue Zugehörigkeit. Vielleicht ist das der Weg, auf dem wir auch mit unseren kleinen und großen Anstößen versöhnt werden: Dass wir entdecken, dass unser Leben nicht daran hängt, ob alles so bleibt, wie wir es gern hätten. Sondern daran, dass wir zu Christus gehören, dass wir gehalten sind – auch wenn wir uns selbst fremd werden, dass wir getragen sind – auch durch Veränderungen, die wir nie gewählt hätten, dass wir getröstet sind – nicht, weil alles gut ist, sondern weil einer gut ist und uns nicht loslässt.
„Gelobt sei Gott… der Gott allen Trostes.“ Das ist kein Satz für die heilen Stunden allein. Das ist ein Satz für das ganze Leben. Und vielleicht merken wir irgendwann: Die alten Worte, die wir einmal auswendig gelernt haben, sind nicht bei uns geblieben, weil wir sie festgehalten hätten. Sondern weil sie uns festhalten und tragen.
Ich möchte schließen mit einer Geschichte, die uns jungen Vikarinnen und Vikaren vor vielen Jahren unser Predigerseminarsdirektor Peter Bukowski in Wuppertal aus seiner Zeit als junger, überforderter Pastor erzählt hat:
„Eben erst in der Gemeinde eingeführt, schickte mich die Gemeindeschwester zu Herrn Löhr. Ich machte mich reichlich befangen und ängstlich auf den Weg, denn ich war vorgewarnt worden: Es gehe ihm ganz schlecht – Magenkrebs im Endstadium. Wie sollte ich – gesund, jung und unerfahren – ihn trösten. [Sein Leiden droht jedes fromme Wort zu blamieren.]vii In der Tat erwartete mich ein Bild des Jammers: Da lag ein vom Tod gezeichneter Mann, an viele Schläuche angeschlossen; ernährt wurde er durch die Nase. Über seinem Krankenbett hingen Bilder von der Familie, aber eben auch eine Urkunde vom CVJM, in dem er zeitlebens aktiv war, und der Konfirmationsspruch mit Frage 1. Nach der Begrüßung und einigen reichlich ungeschickten Sätzen meinerseits zeigte er mit seiner ausgemergelten Hand nach oben und sagte: Herr Pastor, ohne den da oben könnte ich das hier nicht aushalten. [Und dann erzählte er mir, dass das Psalmwort ‚Befiehl dem Herrn deine Wege…‘ [Ps 37,5] sein Konfirmationsspruch gewesen sei und dass er auch jetzt noch Kraft daraus schöpfe…].viii Am Ende des Besuches fühlte ich mich getröstet; Herr Löhr hatte mir von seinem Trost weitergegeben. Ich begriff: Von dem Trost redet der Heidelberger, der mir nicht nur in den Widerwärtigkeiten des Lebens Halt gibt, sondern auch dem Tod etwas entgegenzusetzen hat; der auch im Sterben Halt gibt. Es ist der Trost des Auferstandenen, der sagt: ‚ich lebe, und ihr sollt auch leben.‘ Der Trost dessen, der am Ende unserer Lebenszeit mit seiner Ewigkeit auf uns wartet. Und der deshalb Halt bietet, wenn der Tod mit seinen Vorboten in das Leben eindringt.“ix
Bukowski schließt seine Erzählung:
„Als ich das Krankenzimmer verlassen hatte, war ich zuerst beschämt. Beschämt darüber, wie sich hier die Rollen vertauscht hatten. Er, der ins einer ganzen Hinfälligkeit Getröstete, wurde an mir, dem trostlosen Pastor, zum Seelsorger. Aber dann wurde an mir klar, dass in dieser Beschämung auch eine ganze Portion pfarrherrlicher Hochmut steckt: Als müsse ich meiner Gemeinde immer einen Schritt voraus sein. Und ich wurde dankbar, diesem Menschen begegnet zu sein, den sein Glaube noch da spürbar trägt, wo ihm alles andere zerrinnt. Da ist ja nicht jedem gegeben. Und ich wage von mir nicht zu behaupten, dass ich in einer vergleichbaren Situation noch so reden könnte wie er. Aber gerade wenn ich’s nicht kann, möchte ich mich an seine Worte erinnern. Denn dieser Mann ist für mich ein glaubwürdiger Zeuge dafür, dass Gottes ‚Wohltat‘ im Leiden nicht am Ende ist, dass, wie der Apostel Paulus sagt, Gottes Kraft in der Schwachheit mächtig ist.“x
i Heidelberger Katechismus. Revidierte Ausgabe 1997, hg. von Ev.-reformierten Kirche, von der Lippischen Landeskirche und vom Reformierten Bund, 5. Aufl., Neukirchen-Vluyn 2012, 9.
ii Karl Barth, Die christliche Lehre nach dem Heidelberger Katechismus, München 1949, 24: „Das entscheidende Sätzlein in diesem langen Satz lautet: Ich bin Jesu Christi eigen. Alles Übrige ist nur Explikation dieser Worte.“ Siehe auch Margit Ernst-Habib, But Why Are You Called a Christian? An Introduction to the Heidelberg Catechism, Göttingen 2013, 54; Georg Plasger, Glauben heute mit dem Heidelberger Katechismus, Göttingen 2012, 19.
iii Vgl. Ingolf U. Dalferth, „Was Gott ist, bestimme ich!“ Theologie im Zeitalter der „Cafeteria-Religion“, in: ders., Gedeutete Gegenwart. Zur Wahrnehmung Gottes in den Erfahrungen der Zeit, Tübingen 1997, 10–35. Dalferth (a.a.O., 10) meint mit „Cafeteria-Religion“ „die postchristlichen Privat-Religionen mit ihrer subjektivistischen Selbstbedienungsmentalität“.
iv Vgl. Magdalene L. Frettlöh, Trost und Trostlosigkeit im Heidelberger Katechismus, in: dies., Worte sind Lebensmittel. Kirchlich-theologische Alltagskost, Erev-Rav-Hefte / Biblische Erkundungen 8, Wittingen 2007, (127–146) 135: „Der Trost, von dem Frageantwort 1 spricht, ist ein Geschehen, genauer: eine Beziehungsgeschichte […]. Ob ich getröstet bin oder nicht, entscheidet sich hier daran, wohin, ja wem ich gehöre, wem ich zueigen bin.“
v Vgl. Thomas Naumann, Gott – ein Kriegsmann? Zur Problematik von Krieg und Gewalt im Alten Testament, in: Marco Hofheinz / Georg Plasger (Hg.), Ernstfall Frieden. Biblisch-theologische Perspektiven, Wuppertal 2002, (35–55) 42.
vi Vgl. Christian Link, „Kein Haar von meinem Haupt kann fallen“ – Vorsehung heute, in: Martin Heimbucher u.a. (Hg.), Zugänge zum Heidelberger Katechismus, Neukirchen-Vluyn 2012, (120–126) 122. Siehe auch ders., Die Krise des Vorsehungsglaubens. Providenz jenseits von Fatalismus, in: EvTh 65 (2005), 413–428.
vii Peter Bukowski, Predigt wahrnehmen. Homiletische Perspektiven, 3. Aufl., Neukirchen-Vluyn 1995, 118.
viii Ebd.
ix Peter Bukowski, Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Predigt über Frage 1 des Heidelberger Katechismus, in: ders., Theologie in Kontakt. Reden von Gott in der Welt, Göttingen 2017, (170–175) 172f.
x P. Bukowski, Predigt wahrnehmen, 119f.