Die Flucht nach vorn II

Von den Widersprüchen eines modernen Antimodernismus

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Seit den Terroranschlägen vom 11. September ist religiöser Fundamentalismus ein aktuelles gesellschaftliches Thema. Diese extreme Form religiösen Denkens und Lebens gibt es auch im Christentum.

1 Der Fundamentalismus ist eine reale Gefahr
2 Ein unklarer Begriff
3 Der christliche Fundamentalismus aus der ›neuen‹ Welt
4 Fundamentalistische Tendenzen in der evangelikalen Bewegung
4.1 Das Bekenntnis der Wahrheit
4.2 Entlasteter Glaube
5 Fundamentalismus ist Klerikalismus von unten
6 Das nicht-fundamentalistische ›Fundament‹ des Glaubens

2 Ein unklarer Begriff

Es ist keineswegs eindeutig, was unter Fundamentalismus zu verstehen ist. Der Begriff wird – wie bereits angedeutet – in den unterschiedlichsten Zusammenhängen benutzt, so daß er inzwischen mit vielen Bedeutungsfacetten behaftet ist. Deshalb ist eine kurze Auseinandersetzung mit dem Begriff angezeigt[1].

Die vorliegende Literatur bietet eine Fülle unterschiedlicher Begriffsbestimmungen an, die sich vor allem in der Bestimmung der Reichweite unterscheiden. Thomas Meyer versteht beispielweise unter Fundamentalismus eine vielgestaltige, prinzipielle Gegenmodernisierung, die sich keineswegs auf die Religion beschränkt, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen zu finden ist[2]. Christian J. Jäggi geht ebenfalls von einem weitgefaßten Verständnis von Fundamentalismus aus, hebt aber gegen Meyers Antimodernismusthese hervor, daß der Fundamentalismus ein eigenes Bild von Moderne vortrage, in dem die Religion wieder fest verankert ist[3].

Gilles Kepel beschreibt ihn als Frontalangriff gegen die säkularisierte Gesellschaft, deren zerstörerische Dynamik nur dadurch gebremst und dann auch umgekehrt werden könne, wenn die Religion wieder als tragende Grundlage der Gesellschaft installiert sei[4]. Hansjörg Hemminger wendet sich gegen die sich ausbreitende Begriffsinflation, die schließlich dazu führe, jede festgegründete Meinung, die nicht mit der eigenen übereinstimmt, als Fundamentalismus zu verdächtigen – Fundamentalisten sind dabei natürlich immer die anderen. Er schlägt um der Klarheit willen vor, den Begriff innerhalb der Grenzen der Religion zu halten, während er die dialogunfähigen Fixierungen außerhalb der Religionen als Ideologien bezeichnet[5].

Helmut Grimmsmann unterscheidet einen ›naiven Fundamentalismus‹ einer arglosen Volksfrömmigkeit von einem ›gewollten Fundamentalismus‹, der anderen um bestimmter Ziele willen auferlegt wird[6]. Die einen beschränken den Fundamentalismus auf die Neuzeit als eine Verweigerung der Konsequenzen der Aufklärung[7], andere halten den Fundamentalismus für älter als die Aufklärung[8]. Gottfried Küenzlen beschreibt den Fundamentalismus als Reaktion auf die moderne säkulare Kultur, die ihrerseits mit ihren Glaubensvoraussetzungen und Heils- und Erlösungsversprechen fundamentalistische Züge trage. Die säkularen Glaubensgewißheiten seien brüchig geworden und eben dies mache sich der Fundamentalismus zunutze[9].

Kepel sieht den entscheidenden Wendepunkt in den 70er Jahren, wo zumindest in allen ›Weltreligionen‹ aufgrund der sich immer deutlicher abzeichnenden Krise der modernen säkularen Gesellschaft eine religiöse Rückbesinnung einsetzt, die auf eine Rückgewinnung der religiösen Fundierung der Gesellschaft in den verschiedenen Kontexten zielt[10]. In der Regel wird der prinzipiell negative Klang annonciert, der im Wort Fundamentalismus mitschwinge, andere fühlen sich mit der Bezeichnung durchaus wohl, weil sich in ihr das eigene Selbstbewußtsein widerspiegelt – letzteres findet sich nicht nur im religiösen Lager, sondern es gibt auch – um nur ein allbekanntes Beispiel zu nennen – die sogenannten »Fundis« bei den Grünen.

Von hier aus ergibt es sich von selbst, daß auch die Auswirkungen des Fundamentalismus sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. Die einen sehen im Fundamentalismus eine weitreichende Gefahr, während die anderen für eine Entdramatisierung und Ernüchterung der allgemeinen Aufregung um den Fundamentalismus plädieren. Während Meyer im Fundamentalismus eine Gefährdung für Kultur und Demokratie sieht[11], versucht Richard Löwenthal den Fundamentalismus mit dem Hinweis zu relativieren, daß es zu allen Zeiten fundamentalistische Strömungen gegeben habe, die aber immer nur Randerscheinungen geblieben seien[12].

Allgemein wird zugestanden, daß es nicht leicht, wenn nicht gar unmöglich ist, den Begriff klar zu definieren. Eine Begriffsdefinition, so wie sie immer wieder von denjenigen gefordert wird, die sich zu unrecht des Fundamentalismus verdächtigt fühlen[13], hilft nicht tatsächlich weiter, sondern es kann nur um eine möglichst präzise Benennung der Kennzeichen und Merkmale gehen, die jeweils als ›fundamentalistisch‹ annonciert werden.

Ein Grund für diese unterschiedlichen Bestimmungen scheint mir in einer defizitären Abgrenzung des Fundamentalismus von der Orthodoxie auf der einen Seite und dem religiösen Fanatismus auf der anderen Seite zu liegen. Gewiß gibt es fließende Grenzen zwischen allen drei Begriffen. Dennoch bleiben die Unterschiede bedeutungsvoll, wenn die spezifische Kontur des neuzeitlichen Fundamentalismus erkennbar werden soll.

Im Unterschied zum Fundamentalismus hat die Orthodoxie ein essentielles Theorie- und Lehrbedürfnis. Es ist gerade der Sog einer Systematik, welche die Orthodoxie dem Leben und den Bedingungen dieser Welt zu entfremden scheint, indem die Orthodoxie detailliert eine eigene Welt des Glaubens errichtet. Das Verhältnis zu dieser von Dogmen und Theologie entworfenen Welt ist vor allem bestimmt durch Glaubensüberzeugungen und eine Relativierung der alten Welt mit ihren diversen Problemen.

Die Orthodoxie ist dabei positionell und argumentativ. Ihre Sorge gilt der Reinerhaltung des rechten Gottesdienstes, ohne dabei ein besonderes Interesse an der Apologetik zu entwickeln. Hier liegt eine entscheidende Differenz zum Fundamentalismus, der in seiner Antihaltung zum Allgemeinbewußtsein zutiefst apologetisch funktioniert, indem er nicht mit einer anderen Welt liebäugelt, sondern eben diese Welt in besonderer Weise anempfiehlt. Ihn interessiert nicht die rechte Lehre, sondern das möglichst zufriedene Leben in einer heilen Welt.

Um die gegenwärtige Welt mit all ihren Annehmlichkeiten als heile Welt erscheinen zu lassen, bedient sich der Fundamentalismus vor allem der Unterscheidungsoptionen, die mit möglichst weitreichender Zustimmung rechnen können, zumal dabei in der Regel extensiv latente Ressentiments angesprochen werden, die ohnehin in dem größten Teil der Menschen zu finden sind, die hier angesprochen werden sollen. Die fundamentalistische Apologetik zielt auf die Dominanz der Praxis, während in der Orthodoxie die Lebensgestaltung dem Wahrheitsanspruch ihrer Theorie untergeordnet bleibt. Man kann im Blick auf den Fundamentalismus sogar von einer Theologieabstinenz sprechen, die eng mit ihrem keineswegs grundlos gepflegten Antiintellektualismus zusammenhängt[14].

Ganz anders verlaufen die Unterscheidungslinien zwischen Fundamentalismus und religiösem Fanatismus. Fanatismus wurzelt in der zwanghaften Fixierung auf einen verabsolutierten Teilaspekt, dem eine disproportionale Wichtigkeit zugemessen wird, so daß er alle Lebensregungen seiner Anhänger in seinen Bann nimmt. Es geht nicht nur um das Ausblenden von Alternativen und ungelösten Problemen, sondern um die fraglose Verpflichtung auf ein Problem, das als ein die ganze Wirklichkeit belastendes Schlüsselproblem angesehen wird, für dessen Lösung jedes andere Interesse zurückzustellen ist, auch das Interesse am eigenen Wohlergehen.

Das für den Fanatismus kennzeichnende Selbstopfer paßt nicht in den Fundamentalismus, dessen Anhänger sich zwar bisweilen gern durchaus als Opfer stilisieren, deren Lebensimpuls aber in die Richtung einer möglichst ungestörten Selbsterhaltung zielt. Damit sind die Differenzen zum Fundamentalismus ebenso angezeigt wie die gegenseitige Verwandtschaft. Die Differenzen werden insbesondere in dem nach innen gerichteten Harmoniebedürfnis des Fundamentalismus erkennbar, dem zudem das eigene – auch äußerliche – Wohlergehen von großer Bedeutung ist. Verwandt ist der Fundamentalismus mit dem Fanatismus in der Bereitschaft, auch demokratisch geschützte Rechte zur Disposition zu stellen, wenn eigene Interessen auf dem Spiel stehen.

Im Unterschied zu Orthodoxie und religiösem Fanatismus setzt der christliche Fundamentalismus die Aufklärung voraus, d.h. er ist ein spezifisch neuzeitliches Phänomen, das sich weder einfach in einen Vergleich mit der mittelalterlichen Inquisition noch gar mit dem Fanatismus der Kreuzzüge bringen läßt. Die Mission des Fundamentalismus hat den sich selbst konstituierenden modernen Menschen im Blick, der eben auch über sein eigenes Heil und seinen eigenen Untergang entscheiden kann. Der Mensch muß selbst entscheiden, wenn nicht über ihn entschieden werden soll. Es wird das Individuum angesprochen, das sich vor allem durch sein Tun rechtfertigt und Befriedigung verschafft. Durch sein Tun versucht der Mensch, der Wirklichkeit möglichst viel Privatheit abzuringen. Auch der spezifische Moralismus mit seinen anthropologischen Generalisierungen ist neuzeitlicher Natur.

Das Machtproblem scheint mir nicht der Schlüssel zum Fundamentalismus zu sein, sondern die Sicherung der eigenen Heilsgewißheit. In dem Maße, in dem diese Heilsgewißheit nur durch Inanspruchnahme von Macht oder gar Militärmacht gesichert werden kann, in dem Maße neigt der Fundamentalismus jedoch auch zu aggressiven Durchsetzungsmethoden. Der religiöse Alltag hingegen vollzieht sich eher in der penibel aufrecht erhaltenen Idylle eines von der Glaubensgewißheit beglückten – vor allem kleinbürgerlichen – Lebens im Genuß all der Möglichkeiten, die von der modernen Wohlstandsgesellschaft dazu angeboten werden. Während religiöser Fanatismus seinem Wesen nach aggressiv ist, bleibt das Aggressionspotential des Fundamentalismus weithin verborgen.

Es tritt nur im Bedarfsfall an die Oberfläche, und wenn es an die Oberfläche kommt, sind es weniger die Fundamentalisten selbst, die das Geschäft der Gewalt übernehmen, sondern sie agitieren und unterstützen die Gewaltpotentiale, die sich für entsprechende Gewaltaktionen anbieten. Insofern ist eine Terroristentätigkeit, wie wir sie aus muslimischen Kreisen kennen, für einen christlichen Fundamentalismus schwer vorstellbar, wohl aber jede Unterstützung militärischer Interventionspolitik zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen oder polizeiliche Gewaltmaßnahmen zur Ausschaltung politisch unliebsamer Entwicklungen[15].

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal des Fundamentalismus von der Orthodoxie und dem religiösen Fanatismus, das eben bereits angedeutet wurde, liegt in einem breiten Grundkonsens der Fundamentalisten mit dem modernen, die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik nutzenden Menschen. Fundamentalisten sind weder Aussteiger noch ›Alternative‹, sie sind als etablierte ›Einsteiger‹ vielmehr die religiösen Verklärer einer Wohlstandswirklichkeit, deren Glanz abzublättern beginnt.

Zugespitzt ließe sich sagen, daß Fundamentalisten keine eigene Weltanschauung haben, sondern sie präsentieren lediglich eine religiöse Verklärung und Verniedlichung der Weltanschauung der sich selbst wollenden Wohlstandsgesellschaft, die eben heute nicht mehr mit den Mitteln der Aufklärung erbracht werden kann, die diese Gesellschaft einst hervorgebracht hat, sondern heute auf irrationale und halluzinatorische Verteidigung angewiesen ist, wenn sie dem auf grundlegende Veränderung drängenden kritischen Druck standzuhalten gewillt ist. Es ist meine These, daß die vom Fundamentalismus praktizierten und angezielten gesellschaftlichen und politischen Optionen heute ohne einen massiven Irrationalismus überhaupt gar nicht mehr darstellbar sind. Für eine kollektive Etablierung des erforderlichen Irrationalismus bietet sich die religiöse Verklärung in Verbindung mit einem manichäischen Dualismus geradezu an.

Das ist zugleich eine Erklärung für den exorbitanten Erfolg des Fundamentalismus in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen – etwa in der besonders krisenbedrohten ›Mit­telschicht‹ bzw. dem sogenannten ›Mittelstand‹. Die Verwandten der Fundamentalisten sind nicht in erster Linie in den Kirchen zu suchen, sondern unter den introvertierten, im Grunde kompromißlos gewinnorientierten Besitz­in­di­vidualisten und den politischen Apologeten des sogenannten ›freien‹ Marktes, deren Irrationalismus ja nur deshalb nicht offenkundig ist, weil sie nicht genötigt sind (bzw. werden), ihr Credo öffentlich darzulegen.

Wenn sich diese angedeuteten Unterscheidungen als tragfähig erweisen sollten, wird etwa die Einreihung des politisch konservativen Teils des orthodo­xen Judentums[16] in den Fundamentalismus ebenso problematisch wie die Zu­rechnung islamischer Gewaltkommandos[17]. Gewiß mag das von außen be­trachtete Erscheinungsbild deutliche Verwandtschaftszüge aufweisen, aber sowohl die Motive und Ziele als auch die inneren Begründungszusammenhänge sind deutlich anderer Natur als die, die mir vor Augen stehen, wenn ich an die christlichen Erscheinungsweisen des Fundamentalismus denke. Es könnte sich herausstellen, daß die Gemeinsamkeiten viel geringer sind als heu­te – vor allem in der soziologischen und politologischen Betrachtungsweise – weithin angenommen wird. Doch dieser Frage können wir hier nicht weiter nach­gehen.

Die folgenden Überlegungen wollen nun nicht einer bestimmten Begriffsdefinition nachgehen. Vielmehr sollen Aspekte zusammengetragen werden, die eine bestimmte Typologie und Verhaltensstruktur prägen, die mir für den Fundamentalismus kennzeichnend zu sein scheinen, d.h. es geht mir um benennbare Eigenschaften, in denen Fundamentalismus oder zumindest fundamentalistische Tendenzen erkennbar werden. Zur Verdeutlichung konzentriere ich mich auf zwei Beispiele: zunächst auf den christlichen Fundamentalismus in den USA, dem wir auch den Begriff des Fundamentalismus verdanken[18], und dann auf die fundamentalistischen Tendenzen in der evangelikalen Bewegung hier in Deutschland[19].

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[1]    Vgl. auch K. Kienzler, Der religiöse Fundamentalismus. Christentum – Judentum – Islam, München 1996.

[2]    Vgl. Th. Meyer (s. Anm. 4), 11-19; vgl. auch M. Stöhr, Fundamentalismus – protestantische Beob­achtungen, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 231-247, 233. St. Pfürtner beschreibt (über Th. Meyer hinausgehend) den Fundamentalismus als »Flucht ins Radikale, oft verbunden mit Gewalt, unter Verweigerung von hinreichender Realitätswahrnehmung, von Rationalität und Freiheitsentfaltung für Individuum und Gesellschaft«; Fundamen­talismus. Die Flucht ins Radikale, Freiburg 1991, 105.

[3]       Vgl. Chr.J. Jäggi, Fundamentalismus. Ein Phänomen der Gegenwart, Zürich 1991, 15ff.

[4]       Vgl. G. Kepel, Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München 1991.

[5]       Vgl. H. Hemminger, Fundamentalismus, ein vielschichtiger Begriff, in: Ders. (Hg.), Fundamentalismus in der verweltlichten Kultur, Stuttgart 1991, 5-16.

[6]       Vgl. H. Grimmsmann, Die Bibel zum Reden bringen oder über die Bibel reden, JbM 27 (1995), 56-63.

[7]       Th. Meyer hält den Fundamentalismus – im Unterschied zu einer Dialektik in der Moderne – für eine »Dialektik der Moderne, die in Krisensituationen den Widerspruch zu ihr als Ganzes hervorbringt« (s. Anm. 4, 44) und spricht von einer »Flucht in die simplizistische Welt gewollter Vormundschaft, willkürlicher Eindeutigkeit und organisierter Weltverleugnung« (ebd., 205); vgl. H. Hemminger (s. Anm. 12), 11.

[8]       Vgl. R. Löwenthal, Aufklärung und Fundamentalismus als Faktoren der Weltpolitik, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 23-32, 24.

[9]       Vgl. G. Küenzlen, Fundamentalismus und die säkulare Kultur der Moderne, in: H. Hemminger (Hg.) (s. Anm. 12), 196-221; ders., Sind nicht die Fundamentalisten der anderen das Problem, sondern die womöglich auch fundamentalistische Moderne selbst?, JbM 27 (1995), 1-10.

[10]     Vgl. G. Kepel (s. Anm. 11), 14ff.

[11]     Vgl. Th. Meyer (s. Anm. 4), 206.

[12]     Vgl. R. Löwenthal (s. Anm. 15), 24. Der Fundamentalismusbegriff, den Löwentahl dabei zugrunde legt, bleibt allerdings sehr diffus.

[13]     Vgl. dazu auch die gewundene Reaktion, die mein diesem Beitrag zugrunde liegender Vortrag in der Bekenntnisbewegung ›Kein anderes Evangelium‹ (Westfalen-Lippe) ausgelöst hat (Regionale Informationen Nr. 57, Juli 1995, 9, 15-21), die neben einigen mehr thetischen Gegenbehauptungen und apologetischen Verharmlosungen eine klare Definition und die präzise Benennung der Adressaten meiner Vorwürfe einklagt, ohne ihrerseits zu klaren Bestimmungen durchzudringen.

[14]     Diese Unterscheidung schließt allerdings nicht aus, daß Anhänger der Orthodoxie in ihrer Praxis zu Fundamentalisten werden können.

[15]     Das schließt allerdings nicht einzelne Gewaltaktionen aus, wie sie beispielsweise aus den USA im Zusammenhang mit einer Anti-Abtreibungskampagne oder eben auch in der Auseinandersetzung mit Homosexualität berichtet werden. Die sogenannte Moral Majority attackiert höchst massiv die liberale Rechtsprechung mit z.T. spektakulären Aktionen. Von verschiedenen fundamentalistischen Gruppen wird die weltanschauliche Neutralität des Staates angegriffen, um möglichst direkten Einfluß auf die Politik nehmen zu können. Diskussionen um die allgemeine Wiedereinführung des Schulgebets oder um den Kreationismus als Unterrichtsstoff gehören in diesen Zusammenhang.

[16]     Unabhängig von der hier nicht weiter verfolgten These vgl. zum jüdischen Fundamentalismus u.a. M. Hausig, Fundamentalistische Gruppen im Judentum, in: C. Colpe / H. Papenthin (Hg.), Religiöser Fundamentalismus – unverzichtbare Glaubensbasis oder ideologischer Strukturfehler? (Dahlheimer Hefte 10), Berlin 1989, 69-89; I. Idalovichi, Der jüdische Fundamentalismus in Israel, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 101-120; G. Kepel (s. Anm. 11), 206-267; R. Schmitz, Fundamentalismus und Ethik im Judentum, in: H. Kochanek (Hg.), Die verdrängte Freiheit. Fundamentalismus in den Kirchen, Freiburg 1991, 240-265; J. Webber, Rethinking Fundamentalism: the Readjustment of Jewish Society in the Modern World, in: L. Caplan (Hg.), Studies in Religious Fundamentalism, London 1987, 95-121.

[17]     Vgl. zur grundlegenden Orientierung C. Colpe, Problem Islam, Frankfurt/M. 1989. Zum Problem des Fundamentalismus im Islam u.a. A. G. Ghaussy, Der islamische Fundamentalismus in der Gegenwart, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 83-100; R. Hummel, Fundamentalismus in Indien und im Islam, in: H. Hemminger (Hg.) (s. Anm. 12), 17-65; A. Hottinger, Islamischer Fundamentalismus, Paderborn/München 1993; G. Kepel (s. Anm. 11), 32-83; A. Th. Khoury, Fundamentalismus im heutigen Islam, in: H. Kochanek (Hg.) (s. Anm. 23), 266-276; Ö. Mehmet, Fundamentalismus und Nationalstaat. Der Islam und die Moderne, Hamburg 1994; A. Meier, Der politische Auftrag des Islam. Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt, Wuppertal 1994; Chr. Rudolph, Fundamentalismus im Islam, in: C. Colpe / H. Papenthin (Hg.) (s. Anm. 23), 91-110; F. Sen, Islamischer Fundamentalismus und die türkische Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 296-303; S. Zubaida, The Quest of the Islamic State: Islamic Fundamentalism in Egypt and Iran, L. Caplan (Hg.), siehe Anm. 23, 25-50.

[18]     Vgl. u.a. N. Birnbaum, Der protestantische Fundamentalismus in den USA, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 121-154, 121.

[19]     Zum hier nicht thematisierten Fundamentalismus katholischer Prägung vgl. u.a. H. Kochanek (Hg.), Die verdrängte Freiheit. Fundamentalismus in den Kirchen, Freiburg 1991; A. Schifferle, Katholischer Traditionalismus und Fundamentalismus, in: H. Hemminger (Hg.) (s. Anm. 12), 66-96; D. Wiederkehr, Katholischer Fundamentalismus: Diagnose und Therapie, in: JbM 27, 1995, 31-44; K. Walf, Fundamentalistische Strömungen in der katholischen Kirche, in: Th. Meyer (Hg.) (s. Anm. 2), 248-262. Zum weltweiten Phänomen des Fundamentalismus vgl. auch H.S. Wilson (Hg.), Christian Fundamentalism Today, Geneva 1994 u. J. A. Augustine (Hg.), Religious Fundamentalism. An Asian Perspective, Bangalore 1993.


Michael Weinrich