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Was, wenn die Gesellschaft zerfällt?

Erstmals öffentliches Spitzentreffen Kirche-Gewerkschaft

Spitzentreffen von Kirche und Gewerkschaft 2018: Hier im Bild v.L. Bischof Georg Bätzing, Kirchenpräsident Volker Jung, Moderatorin Britta Baas, Professor Oliver Nachtwey © EKHN / Rahn

Was hält die Gesellschaft zusammen? Das war die Frage, die sich Kirchen und Gewerkschaften in Hessen erstmals bei einem öffentlichen Spitzentreffen stellten. Und was können sie dafür tun? Die große Lösung gab es am Ende nicht. Aber viele einzelne Ideen, die den Zusammenhalt fördern können.

Die Konjunkturdaten für Deutschland scheinen rosig. Seit Jahren wächst die Wirtschaft. Auf der anderen Seite aber auch die Alters- und Kinderarmut. Und eine Arbeitslosenquote von knapp über fünf Prozent täuscht über manches hinweg. Denn acht Millionen Menschen arbeiten hierzulande nach Gewerkschaftsangaben in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder im Niedriglohnbereich. Das sind harte Fakten, die das vage Gefühl der Angst vor einem sozialen Abstieg in großen Teilen der Bevölkerung schüren und letztlich den Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährden.

Öffentlich tagen

Grund genug für die Kirchen in Hessen und den DGB Hessen-Thüringen am Dienstagabend (16. Januar) erstmals zu einem öffentlichen Spitzentreffen zusammenzukommen. Das Thema: „Was hält die Gesellschaft zusammen?“ Die Protagonisten: Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau, Georg Bätzing, Bischof des Bistums Limburg und Michael Rudolph, neuer Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen. Eine Analyse der gesellschaftlichen Situation und der daraus entstehenden Herausforderungen steuerte außerdem der Baseler Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Oliver Nachtwey bei.

Zusammenhalt stärken

Bei der Veranstaltung mit über 300 Gästen in der Evangelischen Akademie Frankfurt rief der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung dann dazu auf, in der Gesellschaft mehr Einfühlungsvermögen zu zeigen und die jeweils andere Seite ernster zu nehmen. Dies könne auch dazu beitragen, vermeintlich einfachen Lösungen von Populisten entgegenzuwirken. Er warb zugleich für „ehrliche Antworten“. In einer Welt, in der das Zusammenleben komplexer würde, würden auch die Antworten komplizierter. Nach einer langen Phase der Institutionenkritik und des zunehmenden Individualismus trat er dafür ein, den eigentlich selbstverständlichen Gedanken zu stärken, dass das Engagement in der Gesellschaft für deren Zusammenhalt nötig ist. Jung kündigte auch eine gemeinsame Initiative mit den Gewerkschaften gegen die Altersarmut an. Erste Gespräche für ein Bündnis würden geführt und Parter gesucht.

Politisch predigen

Nach Ansicht des Limburger Bischofs Georg Bätzing sind die großen Institutionen wie die Kirchen wichtige Mitspielerinnen, wenn es um den Zusammenhalt der Gesellschaft geht. Dazu gehöre es mitunter auch, in Predigten Missstände in eben jener Gesellschaft anzuprangern. Die Kanzelrede muss politisch sein, „ja was denn sonst?“, erklärte Bätzing. Gleichzeitig gab er zu, dass die Kirchen in der modernen Gesellschaft aber auch an Bindungskraft verlören. Ja mehr noch, sie selbst trügen die „Pluralität und Polarität“ des modernen Lebens in sich.

Würde ernst nehmen

Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen, sieht die Aufgabe von Gewerkschaften und Kirchen für den Zusammenhalt der Gesellschaft darin, den Wert der Arbeit nicht nur über Leistung, sondern vor allem über die Würde zu definieren. Und er plädierte dafür, als Kirche oder Gewerkschaft auch mehr Ehrlichkeit an den Tag zu legen. Institutionen könnten nicht für jeden einzelnen individuelle Lösungen anbieten, aber Räume eröffnen, danach gemeinsam zu suchen.

Miteinander stärken

In einem Impulsreferat hatte zuvor der Baseler Soziologe Oliver Nachtwey Deutschland eine „zerfallende Gesellschaft“ attestiert. Vor allem die Einkommensspreizung fördere dies. „Das Haus wird falsch saniert“, sagte er mit Blick auf die Bundesrepublik. „Oben entstehen Luxusappartements, unten Dienstbotenwohnungen“. Zudem nähme das Verständnis für das soziale Miteinander ab. Das zentrale Element des Gemeinschaftsgefühls in Deutschland löse sich derzeit auf. Trotz unterschiedlichem Vermögen hätten alle in der Bundesrepublik bisher das Gefühl gehabt, wenigstens gleiche soziale Rechte zu besitzen. Schuld für den Umschwung nach seiner Ansicht auch: Die „Parallelgesellschaft der oberen Ein-Prozent“. Und die zunehmende Individualisierung. Von den Kirchen erwartet er nun, dass sie wieder mehr Verständnis dafür wecken, dass es auch möglich ist, sich zu vergeben. Die Aufgabe der Gewerkschaften sei es, beispielsweise gegen Leiharbeit einzutreten. Und beide sollten sich vehement gegen den Rechtspopulismus stellen.

Vom Dritten Weg bis Entkirchlichung

Noch viele weitere Themen wurden am Abend angesprochen. Auch der „Dritte Weg“ der Kirchen mit ihrem eigenen internen Tarifrecht durchaus selbstkritisch. Oder die zunehmende Entkirchlichung der Gesellschaft bis zur grundsätzlichen Kritik an Institutionen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen.

Hintergrund

Alle zwei Jahre treffen sich die Leitungen der evangelischen Kirchen und katholischen Bistümer in Hessen sowie des DGB in Hessen-Thüringen, um über die gesellschaftliche Lage zu beraten. Erstmals taten sie das in einem neuen Format auch öffentlich.


Quelle: Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
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