Predigten und Puppen

Ein R├╝ckblick auf das Barth-Jahr

Von Karl Friedrich Ulrichs

Ein Kopf aus Bronze

Nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, wen die Büste darstellt, die im Januar 2019 im Kunstmuseum St. Gallen wieder entdeckt wurde.1 Doch dann erkennt man: Es ist niemand geringerer als Karl Barth. Als bronzenes Denkmal taugt er fünfzig Jahre nach seinem Tod, einhundert Jahre nach dem Erscheinen seines Römerbriefkommentars und nach dem Tambacher Vortrag, im Karl-Barth-Jahr 2019 also offensichtlich kaum. Im vergangenen Jahr wurde erstmals EKD-weit ein an einem Theologen der Zeitgeschichte orientiertes Themenjahr ausgerufen. Hier soll über das vielfältige Gedenken und die theologischen Beiträge im Karl-Barth-Jahr berichtet und damit auch zum Nachlesen angeregt und schließlich gefragt werden, welche Bedeutung diesem Kopf in der Theologiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts für unsere gemeindliche Arbeit heute zukommen kann.


Jubiläum und Jubiläen

Jesus hat bekanntlich über die Schriftgelehrten und Pharisäer ein Wehe ausgerufen: „Ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten!“ (Mt 23,29) So sehr es Fehlformen des Gedenkens und der Verehrung gibt, ist doch ein rechtes Gedenken an die Lehrer/innen des Glaubens gut biblisch: „Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens.“ (Hebr 13,7) Das Barth-Jahr 2019 folgte dem Reformationsjubiläum 2017 und dem Schleiermacher-Jubiläum zu dessen 250. Geburtstag am 21. November 2018. International und kirchlich wie akademisch mit großem Aufwand gefeiert und bearbeitet das erste, wurde Schleiermachers nur in der EKBO (Berlin und Herrnhut) und in der EKM (Halle) begangen; allerdings fand dieses Gedenken auch dort trotz des publizistischen Engagements der Landeskirche und ihres damaligen Propstes und jetzigen Bischofs Christian Stäblein wenig Resonanz in den Gemeinden.

Und dann gab es 2019 auch weitere Jubiläen: Das Fontane-Jahr wurde von März bis zum zweihundertsten Geburtstag am 30. Dezember begangen – besonders in Berlin und Brandenburg. In der Schweiz feierte man das Reformationsjubiläum, jährte sich doch der Beginn von Zwinglis Wirken in Zürich zum fünfhundertsten Mal. International und gerade auch in Deutschland eher wenig beachtet wurde das Gedenken an die Dordrechter Synode 1618/19 – ein theologisches und kirchliches Ereignis immerhin von europäischer Dimension.

Die grundsätzliche Problematik jedes Jubiläums besteht in der Behauptung oder Erwartung, der/die Jubilar/in (oder das sich rund jährende Ereignis) hätte gerade jetzt eine Bedeutung. In der theologischen Agenda wie in der kirchlichen Landschaft taucht Karl Barth jedenfalls unvermutet auf. Empirische Wende und die Renaissance der Liberalen Theologie – auch die Verquickung von Barth-Tradition und dahinsiechendem Linksprotestantismus – schienen ihm denn doch den Garaus gemacht zu haben. Der Slogan der von EKD, UEK und Reformiertem Bund getragenen Kampagne lautete wohl nicht ohne kritischen Unterton gegen den vorherrschenden systematisch-theologischen Diskurs „Gott trifft Mensch“ – nicht umgekehrt! Als könne zwar nicht mir nichts, dir nichts, aber doch mit einiger theologischen Chuzpe von Gott gesprochen werden auf Katheder und Kanzel!


Öffentlicher Mensch: Karl Barth in der Diskussion

In der (natürlich besonders: kirchlichen) Öffentlichkeit war das Barth-Jahr von seinem Beginn an wahrzunehmen: Der Barth-Preis der UEK wurde an Barths Todestag, am 10.12.2018, in Basel an den Schweizer Juristen Bernhard Christ überreicht und eine Ausstellung in der Universität eröffnet. In Berlin wurde das Jahr durch eine Soiree mit Barth-Texten und Mozart-Musik in der Französischen Friedrichstadt-Kirche begonnen; hier war erlebbar, dass Barth auch fünfzig Jahr nach seinem Tod immer noch – oder wieder? – ein literarisches Ereignis mit bewegender Sprache ist; auch sein Witz und sein Spott sind verstehbar geblieben.

Ein instruktives und lesefreundliches Magazin von EKD und Reformiertem Bund wurde großzügig versandt und verteilt im Zusammenhang mit einer Wanderausstellung, die an den Orten auch lokale Aufmerksamkeit erhielt und als Anlass zu Rahmenprogrammen genutzt wurde. Dafür und für ein online-Angebot (www.barth-jahr.de) verantwortlich zeichnete der Beauftragte für das Barth-Jahr, Johannes Voigtländer, der auch mit einem Interview in den Homiletischen Monatsheften vertreten war.2 Auch neue mediale Formen wurden ausprobiert wie der YouTube-Auftritt des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region „Theologie2go“, in dem sich Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, auf Spurensuche durch das Köln Karl Barths begibt.3

Ein Musical wie bei Luther (Dieter Falk) und Bonhoeffer (Peter Janssens) wurde – glücklicherweise – zu Karl Barth nicht komponiert. Das charmante Puppentheaterstück von Michael Schwyter „Karl. B. denkt – Hommage an Karl Barth“ sorgte bei verschiedenen Tagungen und auch beim Kirchentag in Dortmund mit seiner überaus klugen Barth-Text-Kollage und berührenden Szenen für Furore.

Das Dezember-Heft 2018 von ZeitZeichen widmete sich unter dem Titel „Der ganz Andere. Karl Barths Theologie wird 100“ Barthschem Denken. Landeskirchliche Sonntagsblätter, aber auch die Qualitätspresse wie die Neue Zürcher Zeitung brachten Artikel anlässlich des fünfzigsten Todestages. Im Fernsehen war der Dokumentarfilm „Gottes fröhlicher Partisan“ von Peter Reichenbach zu sehen (3sat 2.12.2018). Im Rundfunk gab es u.a. die Sendungen „Kirche war wieder mal schwach“ (DLF 15.10.2018), „Eine Theologielegende bleibt aktuell“ (in der Reihe Glaubenssachen auf NDR 3 9.12.2018) und „Sich im Ernst auf Gott einlassen. Was von Karl Barth zu lernen bleibt“ (in der Reihe Feiertag auf Deutschlandfunk Kultur 5.5.2019). Einen Fernsehgottesdienst mit der reformierten Gemeinde Leipzig mit dem Generalsekretär des Reformierten Bundes Achim Detmers als Prediger übertrug der MDR am 10.11.2019.

Der homo politicus Barth („Genosse Pfarrer“) und die Frage nach dem Verhältnis von „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ wurde auf einem zweitägigen Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Kirchenkreises Bonn (u.a. mit Kurt Beck, Wolfgang Thierse, Annette Kurschus, Hartmut Ruddies) gewürdigt.4

Der Reformierte Weltbund führte unter dem Titel „Newpaper and Bible“ – ein Barth-Zitat natürlich: für eine gute Theologie solle in Bibel und Zeitung gelesen werden – eine europäische Konsultation durch (Budapest, 25.-27.10.2019), die der Herausforderung nachspürte, wie Christus im heutigen Europa zu bekennen sei.

Barth wurde auch in aktuelle Diskurslagen eingespielt wie bei „… und damit Gott die Ehre geben“ – Karl Barth und der christlich-islamische Dialog“ (Melanchthon-Akademie Köln, 21./22.3.2019). Obwohl Barths Theologie seit den 1960er Jahren den christlich-jüdischen Dialog befördert hatte (Friedrich-Wilhelm Marquardt, Bertolt Klappert, Rheinischer Synodalbeschluss 1980), stand der Studientag (13.9.2019) der Melanchthon-Akademie Köln überraschend allein: „Karl Barths Frage nach Israel. Impulse für das christlich-jüdische Gespräch heute“, u.a. mit einem instruktiven Vortrag von Andreas Pangritz, dem wiederholten Hinweis auf die Barth-Predigt vom 10. Dezember 1933 im Universitätsgottesdienst in Bonn zu Römer 15,5 deren theologisches Niveau den Vergleich mit den breiten Ausführungen in KD II/2 (1942) sicher besteht, und einer Podiumsdiskussion zur Frage, wie heute mit Barths erwählungstheologischen Einsichten Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft wahrgenommen und bekämpft werden kann.
In die Öffentlichkeit gezogen wurde erwartungsgemäß das Ehedrama im Hause Barth – mit gewisser literarischer Rücksichtslosigkeit durch Klaas Huizing, verständnisvoll in der theologischen Biographie von Christiane Tietz. Die Grenzen der Dezenz sind heute eben weiter als vor einer Generation, aber auch die Bereitschaft, sich möglicherweise problematischen Seiten und biographischer Ambivalenz zu stellen. Das Gute daran: Barth als Mensch mit Brechungen im privaten Leben kommt uns näher als der „reine“ Dogmatiker.

Und: Charlotte von Kirschbaum – vor 120 geboren – wurde im Barth-Jahr auch weiter gewürdigt (v.a. bei Tietz); mit ihren biblisch-theologischen Arbeiten zur Rolle von Frauen in der Verkündigung gehört sie prominent in die Anfangsgeschichte der Frauenordination (Rezeption etwa durch Christine Bourbeck).


Barth-Bücher

Gute Überblicke zur Jahrhundertgestalt Barth sind immer auch theologiegeschichtliche Begehungen des zwanzigsten Jahrhunderts, wie man im Deutschen Pfarrerblatt 8-2019 gut an Karl Eberleins Aufsatz „Der aktuelle Einspruch dialektischer Theologie“ sehen kann.6
Im Rahmen der Gesamtausgabe erschien zum 50.Todestag ein interessanter biographischer Dokumentenband: Peter Zocher (Hg.), Karl Barth. Bilder und Dokumente aus seinem Leben, Zürich 2018. „Zentrale Texte seines Denkens“ machten Matthias Freudenberg und Georg Plasger unter dem Titel „Barth lesen“ (Zürich 2019) zugänglich. Besonders auch für den Einstieg in die Beschäftigung mit Barth eignet sich Dominik von Allmen-Mäder/Magdalena M. Frettlöh/Matthias Käser-Braun (Hgg.), … wie ein Vogel im Fluge. Ein Kommentar zu Karl Barths „Einführung in die Evangelische Theologie“, Zürich 2019 als Begleitband zur Neuausgabe Karl Barth, Einführung in die Evangelische Theologie. Text und Anmerkungen, hg. von dens., Zürich 2019.

Den Goldstandard für die wissenschaftliche Arbeit stellt gewiss über längere Zeit das von Michael Beintker herausgegebene Barth-Handbuch (Tübingen 2016) dar.

Die jetzt in Zürich lehrende, auch als Bonhoeffer-Forscherin hervorgetretene Systematische Theologin Christiane Tietz löst mit ihrem neue theologische und biographische Einsichten darstellenden Buch „Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch“ (München 2018) den Barth-Lebenslauf von Eberhard Busch (1975) als Referenzwerk ab und hilft, Barths Theologie ins 21. Jahrhundert weiterzuführen; Busch seinerseits legt mehr als vierzig Jahre nach seiner epochalen Barth-Biographie noch einmal eine biographische und theologische Darstellung vor: Mit dem Anfang anfangen. Stationen auf Karl Barths theologischem Weg, Zürich 2019.

Legte Michael Weinrich eine gut lesbare und verlässliche theologische Gesamtdarstellung vor (Karl Barth. Leben – Werk – Wirkung, Göttingen 2019), liest Ralf Frisch in „Alles gut. Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat“ (Zürich 2018) Barth als eine Art Science Fiction – interessant und (vielleicht ein wenig zu) originell.

Neben einem Sachbuch (Gottes Genosse. Eine Annäherung an Karl Barth, Hamburg 2018) veröffentlichte Klaas Huizing – nach seinem Schleiermacher-Roman erwartbar – mit „Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum“ (Tübingen 2018) einen Roman über Barths schmerzliche Liebesgeschichte, in den er auch theologische Gedanken einspielt. Nicht theologisch, sondern literarisch und sprachlich finde ich das nicht sehr gelungen.

Zwar hat – so wenig wie die beiden Barth-Nestoren Eberhard Jüngel und Wolf Krötke7 – Ulrich H.J. Körtner kein Buch zum Barth-Jubiläum geschrieben, meldete sich allerdings wiederholt zu Wort und benannte die Aktualität der Theologie Karl Barths: Theologie müsse über Gott reden, was keineswegs trivial ist in einer Zeit, in der in der Systematischen und Praktischen Theologie „liberale“ kulturhermeneutische Ansätze vorherrschen.

Aus der kaum zu überschauenden internationalen Literatur sei wenigstens eine eigenwillige Barth-Lektüre aus den Niederlanden genannt: Karel Blei, Karl Barth en zijn theologische weg door de tijd, Utrecht 2018. Auch zum vermeintlich „ausgeforschten“ Barth gibt es gelegentlich Neues wie die Monographie von Ashley Cocksworth, Karl Barth on Prayer, London/Oxford 2015 – Barth zeigte sich mit milder Selbstironie verwundert, dass seine Gebete gesammelt herausgegeben wurden und er unversehens zum Liturgiker wurde.8

Man wird bedauern, dass das schöne Jugendbuch von Ulrike Welker (Karl. Barth entdecken) aus ihrer Reihe „Genies für junge Leute“ (Neukirchen-Vluyn 2000) nicht wieder aufgelegt wurde; es ist sehr geeignet für engagierte Jugendliche und für den Religionsunterricht ab Klasse neun.

Barth an den Universitäten

Barths Theologie wurde während des Jubiläumsjahres – wie eine Durchsicht durch die online gestellten Vorlesungsverzeichnisse ergab – an Universitäten im regulären Lehrbetrieb stärker als sonst bedacht. Daneben wurden zahlreiche Tagungen und Kongresse durchgeführt. Sehe ich recht, wird Barth nicht nur in der Systematischen Theologie, sondern auch wieder in der praktischen Theologie (z.B. Alexander Deeg und Albrecht Grötzinger) bearbeitet. Hier können nur einige Beispiele genannt werden:

In Basel – überraschenderweise (?) kein Hort der Barth-Orthodoxie – wurde 2015 das Karl-Barth-Zentrum für reformierte Theologie gegründet; vom 13. bis zum 15. Februar 2019 fand in Basel/Zürich ein internationales Symposium unter dem Titel „Zentrifugale Christozentrik“ statt. An der Universität Basel wurde im Sommersemester eine (nicht nur theologische) Ringvorlesung „Barths Römerbriefkommentare heute gelesen“ durchgeführt. Auch an der Universität in Genf beging man vom 5. bis zum 7. Juni 2019 das Jubiläum von Barths Römerbrief-Kommentar.

„Barth und die Ökumene“ war das Thema eines Kongresses an der Universität Münster (3.-5.4.2019).9 In Bonn widmete man den diesjährigen dies academicus am 15. Mai dem ehemaligen Fakultätsangehörigen (Hermut Löhr zu Barths Philipperbrief-Kommentar; Andreas Pangritz zum Tambacher Vortrag 1919, ein religionsphilosophischer Vortrag von Cornelia Richter).

In Göttingen bot Martin Laube, als Professor auf dem Lehrstuhl für Reformierte Theologie ein Nachfolger Barths, eine Vorlesung zu Barth im Sommersemester an. Zudem gab es eine  Öffentliche Vortragsreihe der Fakultät und der reformierten Gemeinde: Karl Barth, Reformiertes Erbe in gegenwärtiger Verantwortung.

In Berlin und in Wuppertal wurde anhand von Barths letzter Vorlesung „Einführung in die Evangelische Theologie“ (1961/62) theologisches Denken eingeübt. Der Berliner Ethiker und Direktor des Berlin Institute of Public Theology Torsten Meireis sieht bei Barth auch für aktuelle ethische Diskurse großes Potenzial.

An der theologischen Fakultät Marburg gab der Systematiker Malte D. Krüger ein Hauptseminar zu Barths Römerbrief-Kommentar von 1922. In Leipzig wurde unter dem ein bekanntes Barth-Diktum wiedergebenden Titel „Kritischer müssten die Historisch-Kritischen sein!“ ein neutestamentliches Hauptseminar zu Barth als Neutestamentler gegeben (Ulrichs). Grundsätzlich wichtig war hier Barths im Vorwort des zweiten Römerbrief-Kommentars formulierte biblische Hermeneutik, nach der es der Anspruch der Bibel selbst ist, auf Geltung und Wahrheit zu befragt zu werden – daher könne gerade auch wissenschaftliche Bibellektüre nicht in historisch-kritischer Distanz und Unentschiedenheit verharren.
Das Vierte Internationale Barth-Symposium fand im Mai wieder in Emden statt (9.-12.5.2019), mit dem ambitionierten Titel „Gotteserschütterung – Gottesgewissheit. Die Relevanz der Gotteslehre Karl Barths“ und einem anspruchsvollen Programm.

Barth wurde auch in der Pfarrer/innenfortbildung besprochen, so von Michael Beintker im Pastoralkolleg Villigst: Theologische Existenz heute – Impulse Karl Barths für die Kirche in der Gegenwart (11.-15.3.2019). Der Kirchliche Fernunterricht, die Prädikant/innenausbildung von EKM und EKBO, beschäftigte sich in Tambach-Dietharz mit Barths berühmtem Tambacher Vortrag. Und die Karl-Barth-Tagung auf dem Leuenberg fand mit hoher Teilnehmendenzahl zum fünfzigsten Mal statt (15.-18.7.2019).

Aus einigen dieser akademischen Veranstaltungen werden Bücher hervorgehen; ein erstes unter dem Titel „Umstrittenes Erbe. Lesarten der Theologie Karl Barths“10 ist schon angezeigt.

Barth in den Gemeinden: Gottesdienst und Erwachsenenbildung

Die zahlreichen Gottesdienste, die im Barth-Jahr thematisch gestaltet wurden, können hier nicht aufgeführt werden. Eine Predigtreihe gestalteten u.a. mehrere Wuppertaler Gemeinden, die Braunschweiger reformierte Gemeinde, der Kirchenkreis Dortmund (Gottesdienste mit Michael Trowitzsch, Hans-Martin Lübking, Alfred Buß) sowie die Lippische Landeskirche mit einer auch künstlerisch ambitionierten Gottesdienstreihe „Profile“ von Januar bis Juni 2019: Ein neues Leben. Mit dem Römerbrief im Karl-Barth-Jahr unterwegs (dazu das Bild von Uwe Appold „Er sagt sich selber“ [Karl Barth] 2010). Vorträge von Michael Weinrich, Michael Beintker, Johannes Voigtländer, Georg Plasger u.a. und Seminare wurden in z.B. Detmold, Hamburg, Dortmund, Aachen und Düsseldorf gehalten. Von den vielen Vorträgen seien zwei besonders interessante genannt: Albrecht Grötzinger, Karl Barth als Seelsorger (oekumenisches zentrum für meditation und seelsorge Basel, 12.2.2019) und Okko Herlyn, Ein Kleinkünstler unter den Theologen. Karl Barth und der Humor (Neukirchen-Vluyn, 8.10.2019).

Sosehr Barth eine theologische Figur von Weltrang ist, so gibt es doch eine regionale Barth-Forschung: Hatte vor einer Generation schon Holger Finze-Michaelsen etwas zu Barth und Ostfriesland veröffentlicht, trug nun im Barth-Jahr der in Hannover lehrende Ethiker Marco Hofheinz am 17.11. in Siegen zu „Karl Barth und die Siegerländer“ vor. Und natürlich können lokale Akzente an den Wirkungsorten Barths gesetzt werden: Barth in Göttingen, Barths Bonner Jahre (Voigtländer, 6.11. in Bonn).

Wurde in der Bibelwoche 2019 zum Philipperbrief Barths einschlägiger Kommentar herangezogen? Auf die Idee ist man jedenfalls in den üblichen Vorbereitungsheften nicht gekommen.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2019 in Dortmund bot nur wenig Barth, und zwar auf einem Ökumene-Podium zum Thema „Religiös, sozial, dialektisch. Reformierte Inspirationen mit Karl Barth“ von Klaas Huizing und Johannes Voigtländer.


Ausblick: Barth heute – und unsere Predigt

Stimmt die Prognose von Ralf Frisch, wonach Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat? Die Barth-Verdunkelung als deutsches systematisch-theologisches Provinzphänomen mag einmal zu ihrem Ende kommen. In der Praktischen Theologie scheint es ohnehin wieder eine verstärkte Rezeption zu geben.

Anders als für manche Barthianer alter Schule taugt Barth heute kaum noch zur rabies theologorum. Grundeinsichten seiner Theologie orientieren heute – immer noch und wieder. Mit Barth werden Perspektiven für die heutigen Diskurse gewonnen: Gender-, Postcolonial- und Disability-Studies, Interreligiöser Dialog, Transformationsprozesse von Kirche und Gesellschaft. Über eine weiterhin ausbleibende evangelikale und freikirchliche Rezeption wundert man sich einstweilen weiter.

Können wir heute mit Barth predigen? Dass die Predigthilfen im Registerband der KD wegen der Perikopenrevision nicht mehr ganz aktuell sind, ist dabei das geringste Problem. Mit Barths Homiletik11 kann die Dramaturgische Homiletik wegen ihres und seines biblisch-theologischen Anspruchs und des Wagemuts, von Gott zu reden, erstaunlich viel anfangen.12 Barths eigene Predigten lesen sich heute in ihrer Attitüde, ihrer sprachlichen Gestaltung – oft beginnen Abschnitte mit negativen Bestimmungen und Abgrenzungen – und in ihrer Form als Homilien abständig – und man kann sie gleichwohl als „wirksam“ erleben. Das gilt auch für seine Gebete (s.o.). Eine in der facebook-Gruppe des Zentrums für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur gepostete Weihnachtspredigt jedenfalls bot eine lange Barth-Passage zur Bedeutung von Weihnachten als Kommen Gottes in unser Leben13 – und war gerade auch dadurch eindrücklich.

Barth zu lesen ist im digitalen Zeitalter denkbar einfach: Allen kostenlos offen steht der Zugang zur Kirchlichen Dogmatik und zur Gesamtausgabe unter www.nationallizenzen.de. Und Barth kann man hören: Neben den bekannten wenigen Tonaufnahmen und den Fernsehausschnitten tritt nun eine innovative Einspielung: Die Schauspielerin Claudia Michelsen hat Barths vielleicht schönsten Vortrag „Die Menschlichkeit Gottes“ von 1956 als Hörbuch beim Theologischen Verlag Zürich eingesprochen. Ein Rezensent befindet: „Der Text vereint in der ausgefeilten, wunderschönen Theologiesprache Barths wichtige Grundeinsichten, ja die Summa seiner Theologie. Das alles kühl und kompetent gelesen von Claudia Michelsen – zweifelsohne ein Coup zum Abschluss des Karl-Barth-Jahres.“14

Auch im Wortsinne kann man nun auf Karl Barths Spuren gehen – nämlich touristisch. Der 2019 ausgeschilderte Barth-Thurneysen-Weg verbindet die beiden Aargauer Dörfer Safenwil und Leutwil,15 in denen Barth und sein Freund Eduard Thurneysen Pfarrer waren. Diesen Weg sind die beiden oft gegangen, um einander zu besuchen, einander Teil haben zu lassen an ihrer theologischen Unruhe, an ihren gemeindlichen Erfahrungen, an ihrer Lektüre und ihren eigenen Texten.


Digital statt bronze

Bronzebüsten sind out, wir teilen heute unsere Erfahrungen und Bewertungen digital – wie ein rheinischer Pfarrer, der am Ende des Barth-Jahres auf facebook postete: „Wenn ein Philosophielehrer aus Syrien dir erzählt, das Beste an seiner Flucht nach Deutschland sei gewesen, dass er dadurch Karl Barth habe kennenlernen können … #hach #doppelhach #endlichsagtsmaleiner.“

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Der Aufsatz ist soeben erschienen in den "Homiletischen Monatsheften" (Heft 7/2020, 420-429). Die Veröffentlichung auf reformiert-info.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen.

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1 S. den auch digital zugänglichen Lokalzeitungsartikel: Zufallsfund im Kunstmuseum St. Gallen: St. Galler Tagblatt 28.1.2019 (https://tagblatt.ch/amp/ostschweiz/stgallen/eine-bueste-schnuppert-kirchenluft-ld.1088979). Die Bronzebüste wurde 1944 von Otto Roos geschaffen (Kunstmuseum St. Gallen, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1945, Inv. P 1945.1).

2 Rüdiger K. Durth, Barmen ist eine bleibende Herausforderung. Interview zur aktuellen Bedeutung Karl Barths mit Johannes Voigtländer, dem Beauftragten für das Karl-Barth-Jahr 2019: Homiletische Monatshefte 94, 2019, 543-547.

3 S. https://www.youtube.com/watch?v=he38eO5aEPU.

4 Dazu die Dokumentation Stefan Müller/Johannes Voigtländer (Hgg.), „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ – in einer nachchristlichen Gesellschaft, Bonn/Hannover 2019.

5 S. Karl Barth, Die Kirche Jesu Christi, ThExh 5, München 1933, 11-19; wiederabgedruckt in: Karl Barth, Predigten 1921-1935, Karl-Barth-Gesamtausgabe 1,31, herausgegeben von Holger Finze-Michaelsen, Zürich 1998, 296-305.

6 Auch online unter https://www.pfarrerverband.de › pfarrerblatt.

7 Von Krötke s. zuletzt: Karl Barth und der „Kommunismus“. Erfahrungen mit einer Theologie der Freiheit in der DDR, Zürich 2013.

8 „Daß unter meinem Namen noch einmal ein Gebetbüchlein erscheinen werde, hätte ich mir in den früheren Jahrzehnten meines Lebens gewiß nicht träumen lassen. Ich hatte nämlich schon in meiner Jugend eine Abneigung gegen alle kultische Feierlichkeit.“ (Karl Barth, Fünfzig Gebete, Zürich 1963, 2005, 8).

9 Die Beiträge sind dokumentiert durch Benjamin Dahlke/Hans-Peter Großhans (Hgg.), Ökumene im Denken. Karl Barths Theologie und ihre interkonfessionelle Rezeption, Leipzig 2020.

10 Matthias Gockel/Andreas Pangritz/Ulrike Sallandt (Hgg.), Umstrittenes Erbe. Lesarten der Theologie Karl Barths, Stuttgart 2020.

11 S. dazu die Zeitschrift für Dialektische Theologie 34, 2018, Heft 67: Irreguläre Theologie – und die Predigt. Die aktuellste monografische Darstellung ist Angela Dienhart Hancock, Karl Barth´s Emergency Homiletic, 1932-1933. A Summons to Prophetic Witness at the Dawn oft he Third Reich, Grand Rapids/Michigan und Cambridge/UK 2013.

12 S. dazu nur das neueste Werk von Martin Nikol, Mehr Gott wagen. Predigten und Reden zur Dramaturgischen Homiletik, Göttingen 2019.

13 S. Karl Barth, Predigten 1954-1967, hg. von Hinrich Stoevesandt, Karl-Barth-Gesamtausgabe 12, Zürich 1979, 130-137 (zu Lk 2,7); vgl. 9-17 (zu Lk 2,10-11).

14 Reinhard Mawick, Ein Coup. TV-Star liest Karl Barth: zeitzeichen 12, 2019, 62.

15 S. https://amp.aargauerzeitung.ch/aargau/wyna-suhre/weg-fuer-karl-barth-135466605.


Karl Friedrich Ulrichs

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