Draußen vor dem Tor

Predigt zu Hebräer 13, 12-14 zum Sonntag Judika, 29. März 2020

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Von Kathrin Oxen

In der vergangenen Woche musste ich nur einmal in unsere Kirche, um meinen Talar aus der Sakristei holen. Ab und zu muss man ja hinein, trotz allem. Ein bisschen nach dem Rechten sehen. Viel ist nicht zu tun. Es ist nichts vorzubereiten, es brauchen keine Blumen bestellt oder neu arrangiert werden und keine Kerzen gepflegt. Es gibt keine liegengebliebenen Gesangbücher oder vergessenen Schirme wegzuräumen. Und selbst zum Staubwischen ist es noch zu früh. Wir haben gleich nach der Schließung der Kirche die Gelegenheit genutzt, einmal gründlich sauberzumachen, Frühjahrsputz, warum auch nicht. Die Stühle waren dafür noch hochgestellt. Ich bin einmal durch die leere Kirche gegangen, den Mittelgang von hinten nach vorne und stehen geblieben dort, wo jeder stehenbleibt, vor ihm.

Die Stille braust mir in den Ohren, das helle Märzlicht fällt durch die Fenster. Ein überirdisches blaues Leuchten erfüllt den Raum. Ich stehe vor ihm und sehe die vertraute Gestalt, seinen Körper nur ein Schatten im Umriss, die weit geöffneten Arme. Sein Gesicht mit dem ewig rätselhaften Ausdruck kann ich nicht sehen. Darin spiegelt sich für mich sonst wie in einem Kaleidoskop das Leid in all seinen Gestalten. Jetzt gerade auszuhaltendes, fast schon durchgestandenes, endgültig überwundenes Leid. Gequält, verkrampft, geduldig, erlöst oder verklärt sein Gesicht. Die Gestalt und die Gesichter des Gekreuzigten sind in jeder Kirche unterschiedlich dargestellt. Aber überall dasselbe Gefühl, das ich auch hatte: Wenn ich jetzt aus der Kirche gehe, die Tür hinter mir zuziehe und sie abschließe, dann lasse ich ihn allein. Und niemand wird kommen, um bei ihm zu sein.

Die Kirchen müssen verschlossen bleiben in diesen Tagen. Unsere Gottesdienste können nicht stattfinden, auch wenn das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Trost so groß ist wie lange nicht. Social distancing, soziale Distanzierung ist das Gebot der Stunde und wird in der Gestalt des Kontaktverbots für jede und jeden von uns erfahrbar. Nicht einmal zwei oder drei, sondern nur noch zwei dürfen versammelt sein. Als Pfarrerin erlebe ich auch sonst einmal, dass die Kirche leer ist oder jedenfalls leerer, als ich mir es wünschen würde. Aber sie nun auf unbestimmte Zeit ganz leer zu wissen, auch in der Karwoche und zu Ostern, ist ein besonderer und so noch nicht gekannter Schmerz. Wir teilen ihn mit allen, denen der Gottesdienstbesuch ein Bedürfnis ist. Wir teilen ihn aber auch mit denen, für die der Besuch einer Kirche oder eines Gottesdienstes gerade jetzt ein Bedürfnis wäre. Ich denke an die vielen Kirchen überall in unserem Land. Mit Jesus darin. Wir dürfen ihn nicht besuchen, uns nicht in den Bänken oder uns zum Abendmahl versammeln, noch näher bei ihm. Er bleibt allein.

„Was gibt es denn bloß für einen Trost in diesen Tagen?“ hat mich jemand am Telefon gefragt. Ich suche selber danach. Eine Antwort habe ich bekommen:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13,12-14) Jesus hat draußen vor dem Tor gelitten. Der Ort seiner Hinrichtung befand sich außerhalb der Mauern der Stadt Jerusalem. So war es üblich. Aus der Geschichte seines Leidens und Sterbens kennen wir den Weg, den er bis dorthin zurückgelegt hat, die Vorgänge, die sich bei der Kreuzigung abgespielt haben, das grausame Handwerk einer Hinrichtung nach römischen Recht. Und wir wissen auch, dass nur wenige seiner Jüngerinnen und Jünger ihn auf diesem letzten Weg begleitet haben. Viele sind gar nicht erst herausgekommen aus der Stadt. Von wenigen wird in den Evangelien erzählt, dass sie nahe bei Jesus, unter dem Kreuz stehen. Die meisten bleiben in einigem Abstand. „Von ferne sahen sie zu“, heißt es übereinstimmend, so als hielten sie schon damals weit mehr als die eineinhalb Meter Sicherheitsabstand ein, die uns in diesen Zeiten auferlegt sind. Und irgendwann kam der Zeitpunkt, als auch noch die letzten gehen mussten, als selbst die römischen Soldaten ihren Feierabend machen konnten und den toten Jesus am Kreuz zurückließen.

Was für ein Trost kann aus diesem einsamen Tod kommen? Manche, vor allem Theologen, sagen ja sowieso schon, man sollte diese ganze Sache mit der Kreuzigung nicht immer so in den Mittelpunkt stellen, es sei doch einfach eine schreckliche Geschichte, verstörend und wenig einladend zum christlichen Glauben. Für mich tritt jetzt, in den Zeiten der Krise hervor, welche Kraft in dem Bild des verlassenen Gekreuzigten steckt. Und dass es kein Zufall, keine selbstquälerische Ideologie oder eine spezielle Form von Masochismus ist, die uns dazu bringt, gerade dieses Bild in unterschiedlicher Gestalt in fast allen unseren Kirchen präsent zu haben.

Denn Jesus kann das, was so schwer ist: Angst und Verlassenheit aushalten. Er stirbt draußen vor dem Tor, verlassen von Menschen, verlassen von Gott. Alles, was wir in diesen Tagen an Angst und Verlassenheit erleben, kennt Jesus. Er ist jetzt allein in unseren leeren Kirchen, so allein, wie er allein gewesen ist auf Golgatha. Und deswegen sind wir nicht allein, niemand von uns. Jesus ist doch da, er teilt mit uns das Gefühl der Angst und Verlassenheit, die Erfahrung, dass gerade niemand wirklich helfen kann und wir allein hindurchmüssen. In seinem Gesicht, gequält, verkrampft, geduldig erkennen wir uns wieder, wie in einem Spiegel, vielleicht besser als jemals zuvor.

Hinausgehen zu Jesus vor das Lager, seine Schmach tragen - in die Kirche gehen, bei Jesus zu sein, damit er nicht mehr allein ist, das geht im Moment nicht. Aber wir haben hier keine bleibende Stadt. Auch solche Worte, die einem sonst eher Angst machen können, werden auf einmal zu einem anderen Trost. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Diese Stadt, all unsere Städte und Dörfer, unser Land und alle Länder werden nicht so bleiben, wie sie jetzt sind, so leer und so still. Wir suchen die zukünftige Stadt, wenn sie wieder voller Menschen ist, voller Leben und Bewegung, rund um unsere Kirche und in ihr. Wenn Jesus nicht mehr allein ist, nicht draußen vor dem Tor, nicht drinnen in der Kirche. Wenn wir hineingehen können zu ihm und bei ihm sein.

Amen

Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

Seit dem 18. März 2020 dürfen wegen der Corona-Pandemie in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen ab sofort auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.