Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen: Eine Stärkung des ökumenischen Miteinanders

Bukowski: ''Innerreformierte Aufspaltung in zwei Weltbünde wird endlich überwunden.''

D. Peter Bukowski, Moderator des Reformierten Bundes in Deutschland

Vor der ''Vereinigenden Generalversammlung'' von Reformiertem Weltbund und Reformiertem Ökumenischem Rat. Ein Gespräch mit Peter Bukowski, dem Moderator des Reformierten Bundes.

Eine Vorabveröffentlichung aus der neuen Ausgabe von "die reformierten.upd@te" (dru):

Seit 2004 ist D. Peter Bukowski (Wuppertal) Mitglied im Exekutivkomitee des Reformierten Weltbundes. Er hat sich für eine größere Verbindlichkeit der reformierten Kirchen im Miteinander in den Weltbünden eingesetzt. Und er hat sich profiliert in der Debatte um die weltweite Gerechtigkeit geäußert. Vor der Generalversammlung im Juni 2010 in Grand Rapids sprach deshalb „die reformierten.update“ (dru) mit dem Moderator des Reformierten Bundes über seine Erfahrungen und seine Erwartungen. 

dru: Herr Bukowski, die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes 2004 in Accra in Ghana hat Sie in das Exekutivkomitee des RWB gewählt. Welches waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit seither?

Bukowski: Der Beginn der Arbeit stand ganz im Zeichen der Accra-Erklärung. Da galt es zunächst Irritationen und Verletzungen aufzuarbeiten, die aus den unterschiedlichen Kontexten und Sichtweisen der nördlichen und südlichen Kirchen resultierten. Mit der Zeit gelang es deutlich zu machen, dass die gemeinsam getragene Grundtendenz dieser Erklärung in den unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich umgesetzt werden muss. „Ein jeder murre wider seine Sünde“ – heißt es in den Klageliedern; das war mir eine wichtige Orientierung, um einerseits von der eigenen Schuldverflechtung nicht abzulenken, andererseits aber auch die Geschwister aus dem Süden zu ermutigen, die gleiche Frage zu stellen, also der Gefahr zu entgehen, es beim Benennen der von außen verschuldeten Ungerechtigkeit zu belassen.

dru: In dieser Debatte spielte doch auch der Begriff „empire“ eine große Rolle, vor allem die Identifikation der USA mit „empire“. Sehen Sie die Kontroversen um den Begriff inzwischen beigelegt oder bestehen nach wie vor die Spannungen in der Auslegung des Wortes?

Bukowski: Inzwischen ist es gut gelungen, zu einem theologisch gefüllten Verständnis von „empire“ im Sinne einer „herrenlosen Gewalt“ (Barth) zu gelangen. In der Diskussion sind wir schnell weg gekommen von einer empiristischen Reduktion des Empirebegriffs als Kennzeichnung bestimmter Staatsgebilde bzw. Wirtschaftsräume.

dru: Welche anderes Schwerpunkte Ihrer Arbeit hat es gegeben?

Bukowski: Als Vertreter der Kirchen, die im RWB den mit weitem Abstand größten finanziellen Beitrag leisten, musste ich um Verständnis dafür werben, dass bei unverändert gutem Willen unsere Beiträge zurückgehen werden müssen, es also wichtig ist, andere finanziellen Ressourcen aufzutun oder die Arbeit auf ein finanzierbares Maß zu reduzieren. Da war viel Vertrauensarbeit zu leisten, um gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen, wir wollten mit unserer – vergleichsweise immer noch beträchtlichen – Finanzstärke bzw. mit deren Nachlassen Politik machen.

dru: Gab es besondere Situationen im Exekutivkomitee, an die Sie sich gerne – oder auch ungern – erinnern?

Bukowski: Mich haben die gemeinsamen Bibelstudien und das Gebet immer neu berührt und angeregt. Einmal mehr wurde mir deutlich, ein wie großer geistlicher Gewinn eine weltweite kirchliche Gemeinschaft darstellt.
Nachhaltig beeindruckt hat mich auch unsere Diskussion über das Konsensverfahren. Ich stand dem zunächst äußerst reserviert gegenüber, es erschien mir unklar und nicht zielgerichtet genug. Geschwister aus Kulturen, die viel zurückhaltender reden und sich auseinander setzen, haben mich gelehrt, dass jenes neue Verfahren ihnen eine größere Partizipationsmöglichkeit an Entscheidungsprozessen eröffnet. Ich habe verstanden, dass Zielstrebigkeit und vermeintlich klare Ja-Nein-Situationen auch dazu angetan sind, Menschen aus anderen Kommunikationskulturen abzuhängen. Gerne werde ich mich in der Kunst der Langsamkeit üben – was mir allerdings nicht leicht fällt.
Schwierig fand ich immer wieder Diskussionen über das Geld, und belastend fand ich, mit der Zeit feststellen zu müssen, dass auch solche in das Exekutivkomitee gewählt worden waren, die gar nicht den Rückhalt ihrer Heimatkirche haben – das kann so nicht weitergehen.

dru: Vielleicht noch einmal zurück zu der von Ihnen genannten Accra-Erklärung. Darin geht es sachlich ja um das Problem der weltweiten Gerechtigkeit, oder besser: um die Frage, wie die Kirchen sich für weltweite Gerechtigkeit einsetzen können. Hat es da seit Accra neue Impulse gegeben?

Bukowski: In allen Kontinenten hat es eine intensive Weiterarbeit gegeben. Auch in Europa. Der Reformierte Bund hat es unter der Federführung von M. Wasserloos-Strunk unternommen, die europäischen Stimmen zu sammeln, zu sichten und zu bündeln; das Ergebnis werden wir in Grand Rapids als unseren Beitrag vorstellen. Neben Feldstudien, Fragen konkreter Umsetzungen und dem Darstellen von gelungenen Aktionen und Initiativen ist die schon erwähnte theologische Weiterarbeit am Empirebegriff wohl unser wichtigster Beitrag. Gerne füge ich noch an, dass in Deutschland die Accra-Erklärung wichtiger Impulsgeber für einschlägige Ausarbeitungen und Projekte mehrerer Landeskirchen war, etwa für das Globalisierungs-Projekt, das die Ev.-reformierte Kirche mit südafrikanischen Partnern durchgeführt hat.

dru: Weltweite Gerechtigkeit bleibt ja sicher auch ein Thema in den nächsten Jahren ...

Bukowski: ... weltweit klingt, wenn Sie das sagen, immer so, als ginge es uns nicht so besonders an und wir könnten uns akademische Diskussionen über die Probleme der Welt im Allgemeinen und die des Südens der Welt im Besonderen erlauben. Aber die Frage der Gerechtigkeit ist wirklich ein Problem weltweit, will sagen: Es brennt uns auch hier unter den Nägeln.

dru: Sie meinen auch in Deutschland klafft eine Gerechtigkeitslücke?

Bukowski: Genau! Und sie wird immer noch größer und ihre Folgen immer gravierender.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang ein Wort zur gegenwärtigen Debatte über „Hartz IV“ sagen: Ich finde es unsäglich, wie vor allem von Seiten der FDP, namentlich ihres Parteivorsitzenden, der Eindruck verbreitet wird, das Problem wären die Armen und deren angeblich problematischen Verhaltensweisen. Anstatt zu erkennen, dass nicht die Armen der Skandal sind, sondern die Armut! Die muss beherzt und nachhaltig bekämpft werden. Wenn sich Arbeit wirklich zu wenig lohnt, kann doch nicht im Ernst an den „Hartz IV“-Sätzen herumgeschnipselt werden. Vielmehr muss der Abstand zur Lohnarbeit durch eine Entlohnung hergestellt werden, die es den Arbeitenden ermöglicht, von ihrer Hände Arbeit zu leben. Das und nur das bildet den notwendigen Anreiz, auch arbeiten zu wollen, und nicht der Versuch, den „Hartz IV“-Empfängern das Leben noch schwerer zu machen.

dru: Nun sagen ja manche, man müsse Westerwelles Einlassungen nicht zu ernst nehmen, er habe die Debatte ja nur deshalb losgetreten, um im Blick auf die anstehenden Wahlen das Profil seiner Partei zu schärfen.

Bukowski: Das mag ja vielleicht stimmen, macht die Sache aber erst richtig schlimm: Wenn lebensentscheidende sozialpolitische Fragen, wenn  vor allem die von diesen Entscheidungen betroffenen Menschen zur Manövriermasse im Kampf um Wählerstimmen werden, dann ist das die Bankrotterklärung verantwortlicher Politik. Ich kann nur hoffen, dass die Wählerinnen und Wähler sich vom Ausstreuen pauschaler Verdächtigungen und dem Verstärken von Ressentiments durch vermeintliche Tabubrüche nicht beeindrucken lassen. Aber der Versuch als solcher ist nur eben niederträchtig zu nennen.

dru: Welche Aufgabe haben die Kirchen in dieser Situation?

Bukowski: Sie müssen sich weiterhin in die gegenwärtige Debatte einmischen. Sie dürfen an ihrer Anwaltschaft für die Armen und Marginalisierten nicht nachlassen. Sie dürfen nicht zulassen, dass die Gesellschaft sich an die Verarmung der in den untersten Lohngruppen arbeitenden Menschen gewöhnt. Und sie müssen, um dies glaubwürdig tun zu können, in ihren eigenen Reihen durch die Bezahlung fairer Löhne vorangehen.
Vor allem müssen sie in Verkündigung und Bildungsarbeit deutlich machen, dass der Einsatz für soziale Gerechtigkeit eine notwendige Lebensäußerung ihres christlichen Glaubens ist, die unter der verlässlichen Verheißung des Gottes steht, der uns den Weg der Gerechtigkeit weist.

dru: Herr Bukowski, noch einmal zurück zu Ihrer Arbeit im RWB. Die nächste Generalversammlung ist die der Vereinigung zwischen RWB und REC. Besteht nicht die Gefahr, dass durch diese Vereinigung mit dem ja doch deutlich konservativer geprägten REC die reformierte Stimme in der Welt auch konservativer wird?

Bukowski: Das dachte ich anfangs auch, bin aber nach den ersten Sitzungen mit dem Exekutivkomitee des REC eines besseren belehrt: Was die zuletzt besprochene soziale Frage betrifft, so sehe ich weder theologisch noch politisch einen Dissens, der entlang der Grenze zwischen diesen beiden Körperschaften verliefe. Im Klartext: Die Accra-Erklärung wird in ihrem grundsätzlichen Gehalt auch vom REC mitgetragen. Wohl aber habe ich den Eindruck, dass in der vereinigten Gemeinschaft die Pflege und Weiterentwicklung reformierten Theologie, reformierten Gottesdienstes und reformierter Spiritualität eine größere Rolle spielen wird. Und das ist gut so.

dru: Wo sehen Sie denn die besonderen Stärken der angestrebten Vereinigung?

Bukowski: Zunächst ist es einfach sinnvoll und begrüßenswert, dass die innerreformierte Aufspaltung in zwei Weltbünde endlich überwunden wird, weil ja die Frontlinien, die einst zur Spaltung führten, Gott sei Dank überwunden sind. Vor allem aber wird die neue Weltgemeinschaft eine Gemeinschaft von größerer theologischer Verbindlichkeit sein. Im Blick auf die nun anstehende Fusion, die mit einer neuen Grundordnung einhergeht, habe ich mich deshalb sehr für die Übernahme eines theologisch gefüllten Begriffs von „communio“ in diese Ordnung stark gemacht. Auch das ist Gott sei Dank gelungen.
Wir sind in Zukunft eben mehr als ein loser Bund. Wir verstehen uns als eine Gemeinschaft von Kirchen, die einander als Kirchen anerkennen, die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft haben, die ihre Ämter gegenseitig anerkennen und die also in gemeinsamem Zeugnis und Dienst auf dem Weg sein werden. Damit nehmen wir uns deutlicher als bisher als Mitgliedskirchen gegenseitig in Pflicht. Und innerhalb der ökumenischen Bewegung werden wir auch ein klarerer Ansprechpartner für die anderen konfessionellen Weltbünde. Insofern verstehen wir unsere neue Ausrichtung auch als einen Beitrag für eine Stärkung des ökumenischen Miteinanders insgesamt.

dru: Herr Bukowski, werden Sie noch einmal für das Exekutivkomitee des RWB kandidieren?

Bukowski: Die deutschen Mitgliedskirchen im Reformierten Weltbund haben mich einstimmig zum Delegationsleiter für Grand Rapids gewählt und als „ihren“ Kandidaten für das künftige Exekutivkomitee benannt. Dieses Vertrauen ehrt mich, und gerne würde ich auch im künftigen Exekutivkomitee der neuen Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen meinen Beitrag leisten. Entscheiden muss die Generalversammlung in Grand Rapids.

dru: Herr Bukowski, ich danke für das Gespräch.

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