Gewalt von Neonazis wird seit Jahren unterschätzt

Opferberatung ezra fordert Solidarität mit den Betroffenen

Gedenktafel, die an Michel Kiesewetter erinnert. Die Polizistin war das letzte von zehn Todesopfer der rechtsterroristischen Gruppierung Nationalsozialistischer Untergrund; Foto: p.schmelzle/Wikipedia

Die von Neonazis ausgehende Gewalt wird seit Jahren unterschätzt, kritisieren Vertreter von ezra, der mobilen Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Trägerschaft der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Als "Spitze des rechten Eisbergs" kommentieren sie die aktuellen Erkenntnisse um Morde von Tätern aus der Thüringer Neonazi-Szene.

Die Berater erfahren fast täglich von Angriffen aus dieser Szene, die Reaktionen von Polizei, Politik und Öffentlichkeit werden häufig als unzureichend empfunden. Angesichts der aktuellen Berichterstattung und den Erklärungen von Politikern fordert ezra Solidaritätsbekundungen mit den Opfern rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

"Dass es nicht bei der Rhetorik aus Hass und Gewalt gegenüber Menschen bleibt, bekommen wir fast täglich zu spüren", sagt Jürgen Wollmann, Projektleiter bei ezra. "Gerade im ländlichen Raum werden von vor Ort gut etablierten und teilweise sogar akzeptierten Neonazi-Strukturen Angsträume für diejenigen geschaffen, die sich der rechten Hegemonie nicht unterordnen oder anpassen wollen. Die Betroffenen, ihre Freunde und Familien werden diskriminiert, bedroht, eingeschüchtert oder tätlich angegriffen und kommen nicht selten nur knapp mit dem Leben davon. Mit den physischen und psychischen Folgen werden die Betroffenen häufig allein gelassen. Von Polizei, Politik und Öffentlichkeit werden sie oft nicht ernst genommen oder mit Schuldzuweisungen im Sinne einer Täter-Opfer-Umkehr konfrontiert".

Wollen Betroffene die Täter anzeigen, wird das rechtsextreme Tatmotiv von den Ermittlungsbehörden in vielen Fällen entweder unzureichend oder gar nicht berücksichtigt, kritisiert Wollmann. "Wenn dazu noch das Schweigen und die Gleichgültigkeit der Mehrheitsgesellschaft sowie der politischen Verantwortlichen kommen, fühlen sich die Täter bestätigt als Vollstrecker, die nur ausführen, was gesellschaftlicher Konsens ist." Der Projektleiter verweist auf den Thüringen-Monitor 2011, der im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der Thüringer Bevölkerung konstatiert.

Angesichts der Berichterstattung zu den Morden und Terroranschlägen der Gruppierung "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)" um die ehemaligen Jenaer Neonazis kritisiert Wollmann, dass Straftaten verharmlost werden. Das beginnt für ihn beim Titel "Döner-Morde": "Schließlich wurden keine Döner ermordet, sondern Menschen", so sein Kommentar. Er stellt zwar fest, dass die Morde der terroristischen Untergrundorganisation eine besondere Qualität rechtsextremer Gewalt darstellen, aber "dass Neonazis den Tod von Menschen einkalkulieren, die keinen Platz im ihrem Weltbild haben, ist kein neues Phänomen", so Wollmann. Er erinnert an die rassistischen Morde in Mölln und Solingen sowie die Pogromstimmung in Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda zu Beginn der 1990er Jahre. Außerdem verweist er auf eine Wanderausstellung des Vereins Opferperspektive aus Brandenburg die seit 1990 in Deutschland 156 Todesopfer rechter Gewalt porträtiert. "Mit den nun aufgedeckten Fällen müssen die Chroniken traurigerweise um eine noch ungeklärte Anzahl weiterer Opfer ergänzt werden", so Wollmann.

Kurzinfo ezra:
Die Experten der mobilen Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen beraten, begleiten und unterstützen Menschen, die aus Motiven gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit angegriffen werden - also deshalb, weil die Täter sie einer von ihnen abgelehnten Personengruppe zuordnen. Daneben richtet sich das Angebot auch an Angehörige von Betroffenen und an Zeugen.

Weitere Informationen im Internet: www.ezra.de


Pressemitteilung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), 18. November 2011
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