Der ''Arabische Frühling'' - ein Winter für die Christen?

Viele Kopten verlassen Ägypten

Die Kirchen in Ägypten beten und helfen Migranten, die vor den politischen Unruhen, der Gewalt und einer unsicheren Zukunft fliehen. Wenn der „Arabische Frühling” Frucht tragen soll, müssen unbedingt stabile demokratische Gesellschaften entstehen, sonst könnte er sich leicht in einen „Arabischen Winter” verwandeln, mit dem Risiko der Verfolgung religiöser Minderheiten.

David Victor R. Youssef äußerte diese Sorge in der vom ÖRK-Büro für Gerechte und integrative Gemeinschaften organisierten Sitzung des Globalen ökumenischen Netzwerks für Migrationsfragen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die auf Einladung des Kirchenrates des Nahen Ostens (Middle East Council of Churches) von 5. bis 7. Dezember in Beirut, Libanon, stattfand.
Youssef arbeitet für die Koptisch-Evangelische Organisation für Soziale Dienste und wurde von Naveen Qayyum, dem Journalisten des ÖRK, befragt.

Wie sieht die politische Situation in Ägypten nach dem „Arabischen Frühling” aus? Und warum kommt es zu Migration?

Es hat in diesem Jahr in Ägypten viele politische, soziale, kulturelle und religiöse Veränderungen gegeben. Dennoch ist der Kampf in Ägypten nicht zuende.
Die ägyptische Revolution, die auf die tunesische folgte, hat zu zahlreichen Aufständen in der Region geführt, und das ist es, was wir als „Arabischen Frühling” bezeichnen. Vom Golf bis zum Ozean kämpfen die Araber endlich für ihre Freiheit und gegen die Diktatoren.

Diese dramatischen politischen Veränderungen werden zwar gefeiert, führen aber gleichzeitig zu einem instabilen Zustand, durch den arme Menschen gezwungen werden, auf der Suche nach einem besseren Leben in Länder abzuwandern, die ihnen Sicherheit gewähren können.
Obwohl es in Ägypten weniger Aufruhr gab als in anderen Ländern, sind viele Menschen weggezogen, um der Gewalt zu entgehen. Und viele Ägypter, die in anderen Ländern gearbeitet haben, sind nach Ägypten zurückgekehrt und kämpfen nun mit Arbeitslosigkeit, schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und der Bedrohung ihrer Sicherheit.
Als Reaktion auf das Aufblühen radikaler islamischer Gruppen seit dem Zusammenbruch des Sicherheitssystems ziehen viele Ägypter, besonders Kopten, es vor, in den Westen zu emigrieren.

Können Sie die jüngsten politischen Entwicklungen in Ägypten erklären?

Die Hauptentwicklung in Ägypten ist die Vertreibung des früheren diktatorischen Regimes. Jetzt sind die Ägypter voll Hoffnung, dass sie ihr Land auf den Weg zu einer echten Demokratie bringen können.
Es gibt jedoch viele für die Ägypter frustrierende Faktoren, unter anderem die Tatsache, dass sich der Oberste Rat der Streitkräfte soviel Zeit damit läßt, die Macht an eine Zivilregierung abzutreten. Viele Demonstranten haben gefordert, diese Übergangsphase zu beschleunigen.
Eine weitere Sorge ist das Aufblühen radikaler islamischer Gruppierungen nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch das vorherige Regime. Diese Gruppen verlangen eine Rolle im neuen Ägypten, und einige von ihnen, wie Al Ekhwan al Muslmūn, Al Salafi-oun und Al Ja-ma’a Al Eslamiyya, verfügen jetzt (nach der ersten Wahlrunde) über mehr als 40 Prozent der Sitze im Parlament.

Trotz der vielfach geäußerten Forderung, das Wiedererstarken der Symbole des früheren Regimes zu verhindern, haben der Oberste Rat der Streitkräfte und die Regierung nicht wirklich die erforderlichen Maßnahmen getroffen. Und so kommt es, dass viele Mitglieder der aufgelösten Nationaldemokratischen Partei neue politische Parteien gebildet haben und für die aktuellen Parlamentswahlen kandidieren.

Ein Rückschlag ist auch, dass es den liberalen Kräften teilweise nicht gelungen ist, in der ersten Phase der aktuellen Parlamentswahlen eine Mehrheit zu erringen. Dadurch kam es zu einem Zustand der Ungewißheit, der sich als Übergangsperiode ohne deutlichen politischen Kurs darstellt.

Was bedeutet diese Situation für die Christen in Ägypten?

Da es keine Sicherheit gibt, sahen sich die Kopten zunehmend Gewalt und zwischenreligiösen Spannungen ausgesetzt, die zum Niederbrennen einiger Kirchen führten, wie beispielsweise in Atfih, Embaba und Aswan.
Bei dem unglücklichen Vorfall am 9. Oktober wurden mehr als 30 Christen getötet, als sie gegen das Niederbrennen der Kirche in Aswan protestierten.
Das Aufblühen radikaler Gruppen in Ägypten kann dazu führen, dass ein islamischer Staat gegründet und die islamischen Gesetze (Shari’a) eingeführt werden. Als eine durchaus gerechtfertigte Reaktion ziehen sich die Christen, die bereits verunsichert sind, immer stärker in ihre Kirchengemeinden zurück.

Diese Situation hat außerdem eine Emigrationswelle unter den Christen ausgelöst, deren Hauptgrund die politische Ungewißheit im Lande ist. Die Christen fürchten, dass Ägypten, wenn der Oberste Rat der Streitkräfte weiterhin regiert, unter der gleichen Militärherrschaft stehen wird wie in den vergangenen 60 Jahren.
Sie befürchten auch, dass, wenn die radikalen Ziele der politischen islamischen Gruppierungen umgesetzt werden, indem man zum Beispiel einen islamischen Staat gründet, es für Christen in diesem Staat keinen Platz geben wird.
Des weiteren zwingt die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation Millionen arbeitsloser Bürger dazu, außerhalb Ägyptens nach Arbeit zu suchen.
Die zunehmende Gewalt hat viele Kopten gezwungen, in Länder wie die USA, Kanada und Australien auszuwandern. Außerdem beantragen viele der christlichen Ägypter religiöses Asyl. In dieser Situation haben Stimmen aus der koptischen Diaspora internationalen Schutz für die religiösen Minderheiten in Ägypten beantragt.

Wie gehen die Kirchen mit diesen Herausforderungen um? Wie lautet die ökumenische Antwort?

Die nationalen Kirchen in Ägypten spielen eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben. Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Anhänger vollwertige Staatsbürger ihres Landes sind.
Außerdem versuchen die Kirchen, die Christen darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig ihre Beteiligung am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben ist.
Einige Kirchenführer nehmen an politischen und gesellschaftlichen Ereignissen teil, weil sie sich an der Planung für das neue Ägypten nach der Revolution beteiligen wollen.

Am 11. November fand im Kloster von Saint Sam’an El Kharaz von 18.00 Uhr bis 6.00 Uhr eine große ökumenische Gebetswache für Ägypten statt, an der 70 000 Christen aller Konfessionen teilnahmen. Eine ganze Nacht lang beteten die Menschen für Ägypten.

Die Kirchen kümmern sich auch um die Migranten. Sie bieten ihnen geistliche Unterstützung mit spezialisierten Programmen für Flüchtlinge an, leisten finanzielle Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, besorgen Unterkünfte und andere Formen der Hilfe und unterstützen die Migranten bei Asylverfahren.

Weitere Informationen zum Globalen ökumenischen Netzwerk für Migrationsfragen

Begleitung für Kirchen in Konfliktsituationen

ÖRK-Mitgliedskirchen in Ägypten


ÖRK, Pressemitteilung, 13. Dezember 2011

Aktuelles

Unterstützung für Erdbebenopfer auf den Philippinen

VEM/EKiR/EKvW: 30.000 Euro Soforthilfe
Mit einer Soforthilfe von insgesamt 30.000 Euro unterstützen die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen und die Vereinte Evangelische Mission (VEM) die diakonische Nothilfe der Vereinigten Kirche Christi in den Philippinen (UCCP) für die Opfer des Erdbebens vom 28. Juli 2022.

Quelle: VEM

Interreligiöser Dialog für friedliche Lösungen

EKiBa: Ergänzung der Fellbacher Erklärung
Die vier großen christlichen Kirchen und die Religionsgemeinschaften in Baden-Württemberg wollen künftig noch enger gemeinsam gegen Antisemitismus vorgehen.

Quelle: EKiBa

Von reduzierter Kirchenheizung bis Winterkirche

Württemberg: Landeskirche empfiehlt Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen konsequentes Energiesparen
Gas und Strom sparen: So lautet das Plädoyer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die empfiehlt angesichts der erwartbar weiter steigenden Energiekosten allen Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen, Maßnahmen zu ergreifen oder zu planen.

Quelle:

'Deutschland muss klar seine Stimme erheben'

EKM: Landesbischof fordert Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland
Mit Blick auf den Atombomben-Abwurf vor 75 Jahren auf Hiroshima und Nagasaki fordert Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), von der Bundesregierung den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag, den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland, den Verzicht auf den geplanten Kauf neuer Kampfflugzeuge und eine generelle Ächtung von Atomwaffen.

Quelle: EKM

Friedenslicht kommt nach Deutschland

Einige Stationen liegen auch in Baden
Das Friedenslicht wurde ursprünglich in der Geburtsgrotte Jesu in Betlehem entzündet.

Quelle: EKiBa

Christlicher Glaube heißt Handeln für das soziale Miteinander der Menschen

Vizepräses führt theologischen Vorstand der kreuznacher diakonie ein
Der Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Christoph Pistorius, hat am Samstag Pfarrer Christian Schucht als theologischen Vorstand der kreuznacher diakonie in sein Amt eingeführt. In seiner Ansprache in der Diakoniekirche in Bad Kreuznach betonte Pistorius die Bedeutung des Dienens und der Nächstenliebe in der modernen Gesellschaft.

Evangelische Kirche im Rheinland