Das namenlose Gute

Predigt zu Markus 14, 3-9 zum Palmsonntag, 5. April 2020


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Von Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Am Abend ist sie in Simons Haus gekommen. Da soll einer zu Gast sein. Einer, der Wunder tut und heilen kann, der Menschen aus ihrer alten Haut hilft, wie er es vielleicht bei Simon getan hat, der aussätzig war. Und zum Dank dafür immerhin zum Abendessen eingeladen wurde. Ein anderer Mensch zu werden - das wünscht die Frau sich für sich selbst. Denn ihr Leben hat sich bisher nur in einer Hinsicht gelohnt. Sie scheint materiell sehr unabhängig zu sein. Wie sonst könnte sie sich das Fläschchen aus Alabaster leisten, mit dem kostbaren Öl darin? Sie muss es selbst gekauft und bezahlt haben - von welchem Geld wohl? Dreihundert Silbergroschen, das ist der Jahreslohn eines einfachen Arbeiters. Und dieser Jahreslohn zerfließt gerade auf dem Kopf von Jesus, während sich der Duft des Öls im ganzen Haus ausbreitet. Wer diese Frau ist, weiß keiner. Namenlos betritt sie den Raum. Namenlos verlässt sie ihn wieder. Doch bis heute ist sie unvergessen geblieben, diese namenlose Gute.

Es lohnt sich nicht, sagen alle am Tisch. Es ist Vergeudung, sagen sie, denn einen Jahreslohn, den man sich in die Haare schmiert, den kann man sich wirklich in die Haare schmieren. Es hätte doch so viel Gutes getan werden können damit, sagen sie. Und sagen nicht, dass man sich die meisten solcher Absichtserklärungen, mit diesem Geld Gutes tun zu wollen, auch in die Haare schmieren kann. Weil das Geld dann plötzlich doch nicht mehr zur Verfügung steht. Weil es dann doch ungeheuer dringend für etwas anderes gebraucht wird. An solchen Tischen wie dem im Haus Simons des Aussätzigen verrinnt viel mehr Geld, als man sich vorstellen kann. Und bei den Armen kommt selten etwas davon an. Damals schon. Und heute auch, wo unvorstellbar hohe Summen zur Bewältigung einer wirtschaftlichen Krise zur Verfügung gestellt werden in den reichsten Ländern der Welt. Und überhaupt nichts mehr für die Armen bleibt.

Die namenlose Gute kommt am Mittwoch in das Haus Simons des Aussätzigen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit mit Jesus, denn am Freitag schon kommt sein Tod. Aber heute, am Mittwoch, kommt die Liebe. Die namenlose Gute und mit ihr das namenlose Gute. Am Mittwoch kommt unverhofft und unangekündigt das ins Haus, was sich alle wünschen: Dass sich nicht immer alles rechnen muss. Dass endlich Schluss ist mit dem ewigen Kalkulieren und dem Aufrechnen und der Sorge, ja bloß nicht zu viel von sich zu geben, ohne entsprechend etwas dafür wiederzubekommen. Die namenlose Gute ist frei davon. Es ist gar keine Zeit mehr, in der sie von Jesus noch irgendetwas wiederbekommen könnte. Er wird es nicht einmal mehr schaffen, sich dieses teure Öl aus den Haaren zu waschen, bevor es sich mit Staub mischt und mit Blut. Das Gute ist das, was ohne Berechnung getan wird und namenlos bleibt. Eine Zeit wie diese holt das namenlose Gute in uns hervor. Nicht, weil für uns alle schon der Mittwoch da ist und bald der Tod über uns kommt. Nicht aus Angst - aber doch, weil wir merken: Die Möglichkeit, anderen Gutes zu tun, ist etwas sehr Kostbares.

Ich denke an die vielen Menschen, die sich jetzt darüber grämen müssen, nicht noch einmal im Heim gewesen zu sein für einen Besuch, die sich nicht von ihren Lieben verabschieden konnten. Und auf einmal war es für immer. Die bei der letzten Begegnung im Streit auseinander gegangen sind oder so furchtbar beiläufig und jetzt lange warten müssen, bis eine Umarmung endlich wieder sagen darf, was man auf Facebook und Instagram, mit WhatsApp, Videokonferenzen, Mails und Briefe einfach nicht sagen kann.

Das schlimme „hätte ich nur“ quält jetzt viele Menschen. Die namenlose Gute hat es nicht gequält. Sie hat alles gegeben. Sie hat sich freigemacht von der Sorge, dass es zu viel sein könnte, oder unpassend, maßlos oder unvernünftig. Weil Liebe so ist. Am Mittwoch und an jedem anderen Tag auch. Ich sehe aber auch, wie das namenlose Gute in dieser Zeit wiederentdeckt wird. Wie freundlich Menschen jetzt miteinander umgehen, wie sie Verbindung halten auf Facebook und Instagram, mit WhatsApp, Videokonferenzen, Mails und Briefen. In unserer Gemeinde und in vielen anderen Gemeinden. Eine hat Tomaten ausgesät auf ihrem Balkon und wird sie hüten, bis sie groß genug sind zum Weitergeben. Und im Sommer, bei dem Wiedersehensfest, das wir uns alle wünschen, gibt es vielleicht Tomatensalat.

Andere nähen jetzt bunte Gesichtsmasken. Da könnte man schon wieder anfangen mit der Berechnung und sagen, dass die keinen Schutz vor Ansteckung bieten und man sich die Mühe mit dem Nähen ruhig sparen kann. Und so weiter und so weiter. Aber das Gute an diesen Masken ist nicht der Schutz, den sie bieten, sondern die Mühe und Liebe, mit der sie genäht worden sind und dass jemand mit dem Fahrrad vorbeigekommen ist, um sie in den Briefkasten zu tun.

Die namenlose Gute ist zu Jesus gekommen. Um zu tun, was nie vergessen werden darf: Dass wir nicht von Berechnung leben. Sondern nur von dem namenlosen Guten. Das ist kostbar und wird auch nicht entwertet dadurch, dass es mit dem Menschen, dem man es schenkt, einmal ein Ende hat, so wie es mit Jesus bald ein Ende haben wird. Dem Tod am Freitag und allen anderen Tagen haben wir nichts entgegenzusetzen als die Liebe.

Amen


Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes
Ab sofort jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

Seit dem 18. März 2020 dürfen wegen der Corona-Pandemie in Kirchen in Deutschland keine Zusammenkünfte mehr stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen ab sofort auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu einen aktuellen Predigttext. Hier finden Sie alles zum aktuellen Sonntag.