Der Heidelberger Katechismus in der Lippischen Landeskirche

Interview mit Dr. Werner Weinholt, Pfarrer in der Lippischen Landeskirche und Referent des Militärbischofs

Dr. Werner Weinholf

Dr. Werner WeinholtSiller: Herr Dr. Weinholt, was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an den Heidelberger Katechismus denken?
Weinholt: Mir fallen als erstes meine anfänglichen Studien über die Grundlagen des christlichen Glaubens im Theologiestudium ein. Wie ein großer Berg mit dem Titel „Systematische Theologie“ lagen diese Fragen vor mir. Das waren z.B. Fragen nach der Gotteslehre, der Sünde und der Erlösung, der Versöhnung und der Heiligung des Menschen. Damals griff  ich auch zum Heidelberger Katechismus, um mich diesen Fragen zu nähern.

Siller:
Sie sind in der Lippischen Landeskirche zu Hause: Spielt der Heidelberger dort heute eine Rolle?
Weinholt: An verschiedenen Stellen kommt in der Lippischen Landeskirche der Heidelberger Katechismus vor. Zunächst gibt es bis heute in reformierten Gemeinden in Lippe die gottesdienstliche Katechismuslesung. An jedem Sonntag werden hier im Gottesdienst eine Frage und Antwort des Heidelberger Katchismus gelesen, die zum Thema des Gottesdienstes passen. Daneben werden Teile des Katechismus im Konfirmandenunterricht behandelt. Insbesondere die Frage 1, in der vom Trost im Leben und im Sterben gesprochen wird, ist immer noch sehr aussagekräftig für den wachsenden Glauben junger Menschen. Die Frage 1 begegnet mir in der Gemeinde noch an verschiedenen anderen Stellen – vor allem in seelsorglichen Bezügen – am Kranken- oder Sterbebett und im Trauergottesdienst. Menschen helfen solche Texte in Situationen, in denen sie nicht mehr in der Lage sind, eigene Texte zu produzieren.

Siller: Warum soll man sich Ihrer Meinung nach heute noch mit diesem Text aus dem 16. Jahrhundert befassen?
Weinholt: Wie gesagt gibt es Lebenssituationen, in denen Menschen aus verschiedenen Gründen nicht mehr in der Lage sind, eigene Bekenntnis- oder Trosttexte zu formulieren. Dann helfen gelernte Texte, dem eigenen Glauben und der eigenen Hoffnung Ausdruck zu verleihen. Der Heidelberger Katechismus ist ja zunächst ein Trostbuch. Dann ist er aber auch ein Bekenntnisdokument. Er beschreibt auf einfache und kurze Weise die Grundlagen des (eigenen) reformiert geprägten Glaubens. Wer sich mit ihm auseinandersetzt wird dadurch auskunftsfähig, wenn er oder sie gefragt wird: „Woran glaubst du eigentlich?“, oder: „Was bedeutet die Taufe?“ , oder einfach: „Warum bist du eigentlich Christ?“

Siller: Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem Heidelberger Katechismus?
Weinholt: Ich selber habe durch den Heideberger Katechismus einen Zugang zum Theologiestudium gefunden – eben wegen der Klarheit und Einfachheit, in der er nötige Glaubensaussagen auf den Punkt bringt. In Momenten, in denen ich als Pastor bei Kranken oder Sterbenden gewesen bin, habe ich oft mit den Worten aus Frage 1 gebetet und meine Hoffnung so zum Ausdruck gebracht und dabei häufig die Erfahrung gemacht, dass Menschen dann eingestimmt haben in diese Worte und sie mitgesprochen haben. Mich selber hat so manche Frage des Heidelberger Katechismus an Schnitt- und Wendepunkten meines Lebens getragen.

Siller: Gibt es etwas, das Sie besonders interessant an ihm finden oder das sie besonders schätzen?
Weinholt: Ich schätze seine einfache und klare Sprache. Und ich schätze daran ganz besonders, dass die Darstellung der Inhalte sich an den Lebensfragen des Einzelnen orientiert. Da steht nicht einfach: „Was muss der Mensch glauben, damit er als Christ durchs Leben kommt?“, sondern „Was ist dein Trost im Leben und im Sterben“ oder „Warum wirst du ein Christ genannt?“

Siller: Gibt es auch Inhalte, die Sie problematisch finden?
Weinholt: Natürlich. An vielen Stellen ist der Katechismus „Kind seiner Zeit“. In Frage 80 z. B. spricht er sehr antiökumenisch eine Verwerfung des katholischen Abendmahlsverständnisses aus. Das würde man heute in dieser Weise nicht mehr sagen. An einer anderen Stelle bemüht er sich um die Frage der Gerechtigkeit Gottes (Frage 12-18) und verbindet in Anlehnung an den mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury die Frage der Gerechtigkeit Gottes sehr eng mit dem Bild eines zornigen und strafenden Gottes. Das würde ich so heute nicht mehr nachsagen können. Es gibt noch einige andere solcher Punkte, aber dennoch gehört auch das zum Erbe unserer Eltern im Glauben.

Siller: In Ihrer Kirche gibt es nicht nur reformierte, sondern auch lutherische Gemeinden, entsprechend spielt nicht nur der Heidelberger eine Rolle, sondern auch der kleine Katechismus Martin Luthers. Wo sehen Sie eine „Schnittmenge“ dieser beider Katechismen, wo aber auch Unterschiede?
Weinholt: Beide Katechismen beschreiben die Grundlagen, die eine Christin oder ein Christ wissen müssen, in klarer und systematisch aufgebauter Weise. Der Kleine Katechismus Martin Luthers tut das, indem er die „Glaubensstücke“ hintereinander aufsagt und sie auf das Leben der Christin und des Christen hin auslegt. Dadurch hat man kurz und prägnant alles für den Glauben notwendige Wissen aufgeschrieben. Der Heidelberger Katechismus tut das auf andere Weise. Er beschreibt den Lebens- und Glaubensvollzug des Christenmenschen und ordnet dort hinein die einzelnen „Glaubensstücke“. Dadurch kann er auf viele Einzelfragen des christlichen Lebens näher eingehen – etwa die Frage der Kindertaufe. Mancher gelehrte Theologe nennt darum den Heidelberger Katechismus im Aufbau eher analytisch und den Kleinen Katechismus Luthers eher synthetisch.
Einer der großen Unterschiede in der Einordnung der „Glaubensstücke“ ist die Frage, wofür die Zehn Gebote da sind. Sie finden sich im Kleinen Katechismus Luthers ganz vorne und haben für denjenigen, der zum Glauben kommt, eine wichtige Rolle: Sie zeigen ihm nämlich seine Angewiesenheit auf Gott, d.h. sie überführen ihn seiner Laster und Fehler, der Sünde. Der Heidelberger Katechismus legt den Schwerpunkt etwas anders und lässt die Zehn Gebote ihren Ort im Leben des Glaubenden etwas später finden. Dann nämlich, wenn er längst erkannt hat, dass er auf Gott angewiesen ist und die Freiheit spürt, die aus der Gnade Gottes für sein Leben erwächst. In diesem Bewusstsein, so nach dem Heidelberger Katechismus, hält sich der Glaubende gern an die Zehn Gebote – aus Dankbarkeit.

Siller: Wie schätzen Sie das ein: kennen die Gemeinden den Katechismus der jeweils anderen Konfession?
Weinholt: Das ist eine schwere Frage. Ich denke, dass dort, wo der Katechismus eine Rolle spielt, auch wesentliche Elemente des anderen Katechismus bekannt sind. Die Frage 1 und ihre Antwort aus dem Heidelberger Katechismus wird in lutherisch geprägten Gemeinden ähnlich bekannt sein wie in reformierten – weil sie zu Herzen geht. In ähnlicher Weise geschieht das – unabhängig von der Konfession – z.B. auch durch die Auslegung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus Luthers.
Nicht umsonst sind ja beide Katechismen in der Beigabe des Evangelischen Gesangbuches für Rheinland, Westfalen, Lippe und der Evangelisch Reformierten Kirche abgedruckt.

Siller: Sie gehören in Ihrer Landeskirche zur Prüfungskommission und nehmen im Fach Reformatorische Theologie Zwischenprüfungen ab. Was müssen heutige Theologiestudierende unbedingt zum Heidelberger Katechismus wissen?
Weinholt: Sie sollten wissen, dass und in welcher Weise der Katechismus wie sein „lutherischer Bruder“ wichtige und grundlegende reformatorische Erkenntnisse darstellt, die ihre theologische Dignität bis heute nicht verloren haben. Sie sollten auch wissen, dass die in den Katechismen geronnenen Erkenntnisse nicht einfach zu haben waren, sondern oft um einen hohen Preis erkauft worden sind, der mit Verfolgung, Entbehrung, Schmerz und Trauer verbunden gewesen ist. Sie sollten natürlich auch die Grundlinien und wesentlichen Inhalte des Katechismus kennen, weil er die Grundlagen evangelisch-reformiert geprägten Glaubens in nuce beschreibt. Und ich habe natürlich die Hoffnung, dass am Ende das eine oder andere Lehrstück des Katechismus für die Theologin und den Theologen genauso zu einem Trostbuch wird, wie für viele Christinnen und Christen vor ihnen.

Siller: Wenn Sie an Ihre eigene Tätigkeit als Pfarrer und auch als Referent des Militärbischofs denken: ist Ihnen der Heidelberger dabei schon einmal eine Hilfe gewesen?
Weinholt: Ja, in beiden Funktionen als Pastor und auch ganz persönlich.

Siller: Und noch eine letzte Frage: Was wird in der Lippischen Kirche zum 450zigsten Jubiläumsjahr des Katechismus geplant?
Weinholt: Wir wollen schon im Jahr 2012 beginnen, uns im Kreis der Theologinnen und Theologen mit den reformatorischen Bekenntnissen in der Lippischen Landeskirche auseinanderzusetzen. Im Jubiläumsjahr möchten wir dann die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen, als Schätze in die Gemeinden bringen. Vielleicht wird es uns an manchen Stellen gelingen, den Menschen den Heidelberger Katechismus als Trostbuch näher zu bringen. Andere werden ihn vielleicht als Einstiegshilfe in den christlichen Glauben entdecken.
Die EKD überschreibt das Jahr 2013 im Rahmen des Zugangs auf das Reformationsjubiläum 2017 als „Jahr der Toleranz“. Reformation und Bekenntnis haben sicher auch viel mit Toleranz zu tun. Gerade die Geschichte der Begegnung von lutherischen und reformierten Christenmenschen in Lippe mit ihren je eigenen Prägungen gibt dazu einige Anstöße.

Siller: Herr Dr. Weinholt, ich danke Ihnen für das Interview!

 

 


A.S., 12.11.11