Die Gnade Jesu Christi ist mit uns

Predigt über Galater 6, 11-18 von Jörg Schmidt, Generalsekretär des Reformierten Bundes

''Was bleibt am Ende eines Gesprächs, eines Jahres, eines Lebens? ... Die Gnade Christi bleibt ... Wo bleibt denn die Gnade, wo hat sie ihren Raum? ... in der versammelten Gemeinde Jesu Christi''.

Predigt über Galater 6, 11-18, im Rahmen der Predigtreihe „Der einfache Gottesdienst“ am 12.12.2010 in der Antoniterkirche in Köln

11 Seht, mit welch grossen Buchstaben ich euch schreibe, mit eigener Hand! 12 Alle, die vor der Welt eine gute Figur machen wollen, nötigen euch zur Beschneidung - einzig um wegen des Kreuzes Christi keine Verfolgungen erleiden zu müssen. 13 Denn selbst die, die sich beschneiden lassen, halten sich nicht an das Gesetz, wollen aber, dass ihr euch beschneiden lasst, um den Ruhm einzuheimsen, den euer Leben im Fleisch einbringt. 14 Mir aber soll es nicht einfallen, auf irgendetwas anderes stolz zu sein als auf das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. 15 Denn weder Beschnittensein bedeutet etwas noch Unbeschnittensein - hier ist vielmehr neue Schöpfung. 16 Allen, die sich nach diesem Maßstab richten werden: Friede über sie und Barmherzigkeit, auch über das Israel Gottes! 17 In Zukunft soll mir niemand Schwierigkeiten bereiten! Denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leib. 18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder und Schwestern. Amen.
Galater 6, 11-18 (in der Übersetzung der Zürcher Bibel)

Was bleibt, liebe Gemeinde, am Ende eines langen und schwierigen Briefes? Am Ende eines Briefes, in dem Konflikte zu benennen und zu besprechen waren, auch der Versuch, sie vielleicht zu bewältigen?
Was bleibt, am Ende eines intensiven und vielleicht ebenfalls schwierigen Gesprächs? Was bleibt, wenn es um Spannungen ging dabei? Wenn es etwas anderes und deutlich mehr war als ein „Schön, dass wir drüber geredet haben“? Wenn es uns nahe ging, so oder so?
Was bleibt, liebe Gemeinde, am Ende eines Jahres, am Ende des Lebens? Am Ende eines langen oder kurzen, eines mühsamen oder  eines „normalen“ Lebens?
Oder – ganz einfach: Was bleibt am Ende einer Predigtreihe? Am Ende einer Predigtreihe über den Galaterbrief im Rahmen des „Einfachen Gottesdienstes“ in der Antoniterkirche in Köln?
Vielleicht sollte ich zuerst sagen: Was bleibt zu sagen am Ende eines Briefes, eines Gesprächs, des Lebens, der Predigtreihe? Was bleibt zu sagen?

Für  Paulus ist das klar: Er schreibt das, was er in vielen Briefen am Ende geschrieben hat: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch, oder wie er hier schreibt: sei mit eurem Geiste. Das findet sich im Korintherbrief, im Philipperbrief, im Thessalonicherbrief, das findet sich fast als Regel am Ende seiner Briefe. Das bleibt zu schreiben und zu sagen: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch.

Aber gerade weil es so oft, so regelmäßig vorkommt am Ende der Briefe, die Paulus geschrieben hat, könnte man ja meinen: Das ist eine Art Formel. Und das meint Paulus auch wie eine Formel. Das ist so, wie wir oft Briefe beschließen: Mit freundlichen Grüßen also. Oder, wenn uns der Adressat, die Adressatin näher steht: Mit herzlichen Grüßen.
Das meinen wir schon so, aber klar ist auch: Das ist die Grußformel am Ende des Briefes, das schreibt man eben so. Und Paulus schreibt eben so: Die Gnade unseres Herrn Christus sei mit euch.
Denn das wissen wir auch inzwischen, dass Paulus seine Briefe so geschrieben hat, wie man sie vor fast 2000 Jahren eben schrieb: mit einem fest geprägten Anfang und einem fest geprägten Ende, mit Grüßen, und bei ihm dann mit dieser Zusage. Die Gnade unseres Herrn Christus sei  mit euch. Das bleibt zu sagen, weil man es so sagt.

Fast könnte man meinen, Paulus habe das geahnt: dass die Leserinnen und Leser dieses Ende nicht so Ernst nehmen könnten, vielleicht auch würden. Dass sie es als übliche Schluss-Formel missverstehen würden. Vielleicht hat er geahnt: Am Ende eines schwierigen Briefes, eines schwierigen Gesprächs, da bleiben andere Dinge im Kopf: die Spannungen, die Gefahr der Trennungen vielleicht, die Gefahr der gegenseitigen Verzeichnung. Und den letzten Satz, die Zusage der Gnade Christi, die lesen wir kaum, die hören wir kaum: am Ende eines Briefes, eines Gesprächs, vielleicht auch am Ende des Lebens, wenn die Sorgen bleiben, die Angst, manchmal vielleicht auch die Unversöhntheit und mancher Streit.
So als hätte Paulus das geahnt, dass seine Leserinnen und Leser im Streit bleiben könnten, mit ihm, mit denen, die für ihn falsche Propheten sind in der Gemeinde, untereinander, als hätte er das geahnt, schreibt er am Ende dann noch: „Amen“. Nirgendwo sonst in seinen Briefen ist das so. Nur hier. Amen.
Und das heißt doch wohl nichts anderes als: So ist es, so meine ich es. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen! Und ich bin versucht zu sagen, er meint: So ist es auch, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus ist mit euch allen. Da kommt ihr nicht raus, nicht aus dieser Gnade. Die könnt ihr nicht vergessen. Die gilt euch. Da seid ihr drin. Ihr alle. Jetzt.
Und sicher auch: Wir alle. Da sind wir drin.
Das bleibt es zu sagen am Ende eines Briefes, eines Gespräches, des Lebens: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus ist mit uns allen. Die bleibt: die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Mit uns allen.

Liebe Gemeinde, wir wissen nicht, wie es weiter gegangen ist mit den Galaterinnen und Galatern, mit den Gemeinden, in denen sein Brief vorgelesen worden ist. Wir wissen nicht, wie die Hörerinnen und Hörer reagiert haben auf den Brief des Paulus. Was er ausgelöst hat mit seinem Brief. Und mit seiner Zusage am Ende des Briefes.
Ich weiß wohl von mir selbst und von anderen, dass Briefe viel auslösen können, und Gespräche natürlich auch. Dass sie mich oft lange beschäftigt haben, gerade wenn sie Spannungen angesprochen haben. Gefühle, Bilder, Assoziationen, die sind geblieben, auch über freundliche Grüße hinweg. Angesprochene Konflikte etwa, oder auch nur Erinnerungen, die ausgelöste wurden, die gingen weiter. Oder auch die Bilder am Ende eines Jahres. Die gehen weiter. Ich erlebe oft, bei mir und bei anderen, dass die Bilder, Gefühle, Erinnerungen weitergehen, eben auch jenseits aller freundlichen Abschieds- oder Schlussworte.
Wenn ich wegkommen will von den Bildern und den Konflikten, den Erinnerungen und den Schwierigkeiten, dann versuche ich es eher mit wegtun, mit wegdrängen. Und das erlebe ich auch bei vielen anderen: Ich lege den Brief weg. Oder ich suche mir etwas anderes. Oder vielleicht auch: Ich träume mich weg in eine Welt jenseits der Auseinandersetzungen, jenseits der Schwierigkeiten.
Was wir gerade in der Zeit dieses ökonomisierten Advents erleben, das ist ja etwas Ähnliches. Kollektives Wegwärmen am Ende eines Jahres. Die Gnade Gottes, deren Kommen wir in ein paar Tagen erinnern, die wird ja eher zugeschüttet mit warmem Lichtschein, mit Geborgenheit und Heimeligkeit, die wir uns selber machen. Oder besser noch: die wir uns verkaufen lassen.
Die Gnade Christi ist mit uns – in dieser Perspektive ist diese Zusage dann wie der letzte Tupfer des Wegwärmens. Die Gnade Christi – die Steigerung des Verdrängens, der freundliche Gruß, der freundliche Wunsch vielleicht im Gottesdienst, mit dem unsere Leben „geht“.
Darum noch einmal: Ich weiß nicht, wie die Galaterinnen und Galater reagiert haben damals. Als sie den Brief zu Ende gelesen oder zu Ende gehört hatten. Und als sie den Schluss-Gruß gelesen und gehört hatten: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist.

Dass damit kein Wegwärmen gemeint war, das wird ihnen klar gewesen sein. Dass das nicht billige Gnade war, von der Paulus da schreibt, mit netten Worten Konflikte zuschütten, das war deutlich. Dazu ist auch der letzte Teil des Briefes zu klar bis in die Zusage der Gnade hinein.
Dort heißt es ja – in einem weitern Unterschied zu anderen Briefschlüssen: Die Gnade Christi sei mit eurem Geist. Damit erinnern sich die Hörerinnen und Hörer natürlich an die Auseinandersetzungen, die am Anfang des Briefes eine Rolle gespielt haben: ob sie denn, die im Geist zum Glauben gefunden haben, meinen, den Weg des Fleisches, des Gesetzes, zu brauchen, um im Glauben zu bleiben. Und in den Versen 12 bis 14 spricht Paulus noch einmal sehr deutlich an, welche Auseinandersetzungen aus seiner Sicht noch einmal angesprochen werden müssen.
Da geht es noch einmal richtig zur Sache. Da hat Paulus noch einmal deutlich den Konflikt benannt und nicht geschwiegen zu dem, was er für grundfalsch hält.

Die Zusage der Gnade, die Gewissheit, dass sie mit uns ist, die verdeckt nicht, die heißt nicht einfach: Jesus hat dich lieb. Und die heißt auch nicht einfach: Gott nimmt dich an wie du bist, auch mit deinen Sünden. Und sie heißt nicht, am Ende eines Briefes, eines Gespräches, eines Lebens: Nur das Gute erinnern. Oder sich etwas Gutes herbeiträumen. Oder sich Wegwärmen in eine heimelige Geborgenheit.
Die Schwierigkeiten sind nicht weg, am Ende eines Briefes, eines Gesprächs. Und schon gar nicht Sünde und Schuld oder falsche Lehre. Das gehört beides zusammen: realistisch hinsehen und: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus ist mit eurem Geist.
Für Paulus spielt dabei eine große Rolle, was er in Vers 15 von der „neuen Schöpfung“ schreibt. Mit diesem Bild versucht er zu beschreiben, was sie gemeinsam neu verbindet. Es ist, als sähe er seine Adressatinnen und Adressaten in einem anderen Licht. Aus einer anderen Perspektive. Und dann sind sie, im Geist zum Glauben gekommen, eben das: neue Schöpfung. Neue Schöpfung Gottes.
So als wenn wir das Kategoriensystem unserer Wahrnehmungen um ein paar Grad vielleicht nur verschieben. Nach einem Brief, nach einem Gespräch. Und die wir gerade angeredet oder angeschrieben haben, die sind dieselben, mit denselben Konflikten, und sind doch andere: neue Schöpfung Gottes.
Genau das tut Paulus am Ende des Briefes: Sich selbst und die anderen daran erinnern, dass ihnen Friede und Erbarmen gilt, dass sie im Bereich der Gnade Christi leben, sie, das Israel Gottes, wir.
Und er erinnert damit, eben auch die anderen anders zu sehen. Im anderen Blickwinkel, in der Perspektive Gottes. Neue Schöpfung seid ihr. Durch die Gnade Christi.

Ich habe zu Anfang gefragt: Was bleibt, liebe Gemeinde, am Ende eines Gesprächs, eines Jahres, eines Lebens? Was bleibt am Ende einer Predigtreihe im Rahmen des „Einfachen Gottesdienstes“ in der Antoniterkirche in Köln? Und die Antwort war: Die Gnade Christi bleibt.
Zum Ende will ich jetzt nur noch fragen: Wo bleibt denn die Gnade, wo hat sie ihren Raum?

Wir haben vorhin als Glaubensbekenntnis die Frage 54 des Heidelberger Katechismus gebetet:
Was glaubst du
von der »heiligen allgemeinen
christlichen Kirche«?

Ich glaube,
dass der Sohn Gottes
aus dem ganzen Menschengeschlecht
sich eine auserwählte Gemeinde
zum ewigen Leben
durch seinen Geist und Wort
in Einigkeit des wahren Glaubens
von Anbeginn der Welt bis ans Ende
versammelt, schützt und erhält
und dass auch ich
ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin
und ewig bleiben werde.

Diese Sätze sind auch der Versuch einer Antwort auf die letzte Frage „Wo hat die Gnade Gottes ihren Raum“: Hier, jetzt, in der versammelten Gemeinde Jesu Christi ist dieser Raum. Immer wieder neu. Immer wieder zerbrechlich. Und doch da, wenn wir in seinem Namen den Gottesdienst feiern. Dann ist es diese Gemeinde, nicht nur diese Gemeinde, aber eben auch diese Gemeinde: der Raum seiner Gnade.
Der Raum, in dem wir einander anders sehen: als neue Schöpfung Gottes. Und in dem wir einüben, auch andere anders zu sehen: als neue Schöpfung Gottes. Die Konflikte werden nicht verschwinden, und die Trennungen nicht einfach übersprungen. Was uns manchmal schwer fällt in unserem Leben, in Briefen und Gesprächen, ist nicht einfach weg.
Und wir sind andere. Lebendige Glieder seiner versammelten Gemeinde.

Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus ist mit uns allen. Amen

Liturgische Elemente

Lieder: eg 622,1-5; eg 39,1-7; eg 171,1-4; eg 266, 1-5

Credo: Heidelberger Katechismus, Frage 54

Lesung: Psalm 103


Pfr. Jörg Schmidt, Generalsekretär des Reformierten Bundes, 12. Dezember 2010

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog wird erneut verliehen

Ausschreibung zum 80. Jahrestag der Ermordung am 12. August
Zum 80. Jahrestag der Ermordung von Werner Sylten am 12. August schreibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zum siebten Mal den Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog aus.

Quelle: EKMD