Frage 1

Predigt von Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann, Saabrücken

"Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?"

Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre.

Er hat mit seinem teuren Blut
für alle meine Sünden vollkommen bezahlt
und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst;
und er bewahrt mich so,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.

Darum macht er mich auch
durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss
und von Herzen willig und bereit,
ihm forthin zu leben.


Die FRAGE

Wann wurde Ihnen, liebe Gemeinde, zum letzten Mal eine Frage gestellt? Eine Frage, die sich nicht nur auf die eher oberflächlichen Dinge unseres täglichen Lebens bezieht: Also nicht auf die Wettervorhersage, die Entwicklung der mich momentan beschäftigenden Wehwehchen, die Pläne für meinen nächsten Urlaub, das Ergehen der Tante in Amerika. Wann wurde Ihnen zum letzen Mal eine Frage gestellt, die Sie bis ins innerste Mark und Bein traf, die Sie selbst in Frage stellte?
Eine echte Frage, die nicht nur Stichworte für einen netten Plausch zwischendurch lieferte, eine Frage, die nicht schon die Antwort im Hinterkopf vorsortiert hatte?

„WAS?“ Das Fragewort „WAS?“ ist der Ausgangspunkt, das erste Wörtlein im Heidelberger Katechismus. Angesprochen sind wir, die wir zu allem und jedem schnelle Antworten parat haben, die wir uns stets geschickt aus der Affäre zu ziehen vermögen. Wir Menschen im 20. Jahrhundert meinen zu allem die rechten Antworten parat zu haben: „Wir bekommen die Probleme schon in den Griff, die Entwicklungsgeschichte der Menschheit beweist das“, so sagen wir. Aber – so meine ich – darauf kommt es gar nicht an, dass wir immer zu allem und jedem gleich die richtigen Antworten wissen. Entscheidender ist heute, dass wir uns in Frage stellen lassen, herabkommen von unserem hohen Ross der Selbstgefälligkeit und Selbstversichertheit und dann eben auch fragende Existenzen werden: Menschen, die sich in einer Gemeinschaft der Suchenden und Fragenden befinden, die sich ihrer Trostbedürftigkeit bewusst sind und die sich vom biblischen Wort zurückführen lassen zur Wegweisung Gottes, der mit uns durch die Geschichte geht.
Einer meiner Lehrer im Studium, ein Rabbiner, der durch die Hölle von Auschwitz gegangen ist, dessen ganze Familie dort umgekommen ist und der nach dem Krieg zutiefst erschüttert sich der Versöhnungsaufgabe zwischen Juden und Christen verschrieben hat, ward nicht müde, uns Studenten dies weiterzugeben: Es kommt nicht darauf an, auf alles Antworten vorweisen zu können, wichtiger ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Und ich füge hinzu: Dann werden wir auch von Gott zu Antworten geleitet werden, die uns wirklich existenziell betreffen, die uns unbedingt angehen. Ich erinnere nur an die Fragen Gottes im 1. Buch Mose: „WER bist du, Adam? Kain, wo ist Dein Bruder Abel? WAS hast du mit ihm gemacht?“ Sünde und Schuld Adams und Kains liegen allein durch diese Fragen Gottes offen zutage, ohne dass Antwort gegeben werden müsste.

Wir sind gefragt: „Dein“ heißt es ja in der Ersten Frage des Heidelbergers. Hier wird nicht abstrakt spekuliert über das Wesen Gottes, über ein An-und-für-sich-Sein Gottes oder über eine allgemeine Aufgabe des Menschengeschlechts. Nein, nein, DU bist gefragt, so wie Du Dich als Mensch in Deinen täglichen Verrichtungen präsentierst, wie DU mit anderen umgehst, wie Du Dein Leben gestaltest. Wir können hier nicht mehr auf die anderen weisen mit dem Zeigefinger, der bei unangenehmen Dingen und Fragen nie auf uns selbst, stets aber auf andere deutet.
Gott stellt uns eine Frage, und er stellt uns damit zugleich in Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“. Hier hört der muntere, unverbindliche Plausch auf. Wir sind in unserem Selbstverständnis gefragt: „Sag Du, was Dir wichtig im Leben und im Sterben ist, dann erkennst Du Dich selbst und gibst Dich vor Gott und anderen zu erkennen.“
„Einzig“ - dieses Wort weist darauf hin, dass wir vor eine letzte Alternative gestellt sind: Nichts anderes darüber hinaus ist nötig, wenn wir dieses Eine und Einzige haben, dann sind wir auf dem rechten Weg, werden getröstet von einem, der wie kein anderer das zu tun vermag. Nichts anderes hilft uns, keine Medizin und erst recht keine modernen Medizinmänner des 21. Jahrhunderts, die momentan wie Pilze aus dem Boden schießen und uns mit ihren Heilpraktiken und Wunderwässerchen das Geld aus der Tasche ziehen wollen, ohne dass sich an unserem ungetrösteten Zustand etwas ändern würde.

Es geht um den einzigen TROST, die entscheidende Lebenshilfe, die der Glaube geben will. Hier spielen keine theologischen Lehrsätze eine Rolle. Nein, gleich zu Beginn des Heidelbergers wird bei dem, was uns Menschen unbedingt angeht, eingesetzt: Wir leben ungetröstet, trostlos, sind der Seelsorge Gottes bedürftig – das ist der Ausgangspunkt. Das Wort TROST vertritt dabei die Summe dessen, was wir Menschen an Sinn, Halt und Hilfe in der Flüchtigkeit unseres Daseins nötig haben. TROST – damit ist in keinem Sinne ein geistliches Sonderangebot, kein Luxus religiös anspruchsvoller Seelen gemeint.
Es geht indes um die grundlegende Frage, wie der Mensch leben, woran er sich halten kann. Wie bei den Fragen im Buch Genesis: „Adam, wo bist Du, Kain, wo ist Dein Bruder Abel?“ - so ist auch hier durch diese erste Frage unsere ganze menschliche Situation vor Gott aufgerissen: Trost – lose Existenzen, das sind wir Menschen, wenn wir uns selbst überlassen sind, wenn wir unser Leben dirigieren und über anderer Leben regieren, aber dabei vergessen, dass unser Leben und alles, was wir haben, Geschenk Gottes ist, dass wir dafür dankbar sein und in der Antwort des Glaubens nun unsererseits unser Leben Gott zur Verfügung stellen dürfen. Das Wort TROST zeigt an, dass wir trostbedürftig sind, dass wir an Defiziten und Mangelerscheinungen leiden, dass wir zuwenig Leben haben, wenn wir uns nicht von Gott her begreifen.

Wir haben es im letzten Jahrhundert bitter erlebt, was passiert, wenn wir so tun, als wären wir selbst Herr über diese Welt: Wo die Furcht vor Gott fehlt, da fehlt auch die Ehrfurcht vor dem Leben. Albert Schweitzer hat darauf immer wieder hingewiesen und kämpfte gegen die Ausbeutung der Natur, von Mensch und Tier. Wo der Name Gottes nicht mehr genannt wird oder durch nationalistische Parolen ausgehöhlt wird, dort werden auch Namen von Menschen ausgelöscht: In den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges mit ihren Gaseinsätzen, in den Gaskammern in Auschwitz und Treblinka. Wo um den Geist Gottes nicht mehr gebetet wird, dort kommen die Ungeister aus der Tiefe: Die Menschenverachtung in den ausländerfeindlichen Parolen unserer Tage, das egoistische Festhaltenwollen an eigenen Besitzständen. Unser Leben, wir in unserer ganzen Existenz, sind trostbedürftig.
„HERR, woher kommt mir Hilfe?“

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ so lautet die Erste Frage.
Im Leben und im Sterben. Gewiss, auch im Sterben, wo so mancher vom Herrn ganz getröstet entschlafen ist, sich nicht vor dem Tod fürchtete, sondern im Blick auf Jesus sein Vergehen annahm und sein Leben bewusst in Gottes Hände zurücklegen konnte. Aber eben auch im Leben: Gott ist nicht nur Lückenbüßer in der Situation des Todes, wo er als letzte magische Kraft gegen die Todesmächte einzusetzen wäre, nein, wir können Gott nicht ein Reservat in unserem Leben zuweisen, wo er gefälligst drin zu bleiben und seine ihm von uns zugewiesene Rolle zu spielen hat. Gott begleitet uns durch die Zeit und leuchtet mit seinem Licht unsere Schattenseiten aus, aber er bietet uns mit seinem Sohn Jesus Christus eben auch jenen gewissen Trost an, den wir nötig haben, wenn wir vor ihm unsere trostlose, trostbedürftige Situation erkennen. Aus unserer Situation allein erwächst uns kein Trost, Frage 1 des Heidelbergers zielt auf Hilft.

Die ANTWORT

Die Antwort auf diese Frage fasst in sich den ganzen Inhalt des Katechismus zusammen: Sie steht vor uns wie ein majestätisches Portal, durch das wir in die Erkenntnis unseres Heils, in aller Herrlichkeit, die in der Gnade Gottes in Jesus Christus besteht, einzutreten eingeladen werden.

Die Antwort besteht aus drei Teilen:

a) „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Der Katechismus geht direkt aufs Wesentliche zu: Er stellt uns einfach einer umstürzenden und wirklich in unser Leben eingreifenden Aussage gegenüber: Wir gehören von jetzt an Jesus Christus. Die Frage 1 konfrontiert uns mit uns selbst und stellt damit unsere menschliche Selbstbezogenheit und Selbstverschlossenheit in Frage. Wer aufgrund dieser Frage das erkennt und nun wirklich getröstet werden will, der stimmt dem im Glauben zu, dass er nicht mehr sich selbst gehört, dass er auf diesen einzigen Trost angewiesen ist. Er wird mit Beschlag belegt und übernommen von dem Herrn, der uns vom Fluch unseres tödlichen Egoismus befreit. Wir befinden uns in der Lage eines Menschen, der am Ertrinken ist: Der Heiland wirft uns das Seil zu , an dem wir uns festklammern können. Wir gehören jetzt diesem Retter. Wir können in dieser Welt nur noch als Menschen leben, denen diese Rettung widerfahren ist. Diese Rettung erstreckt sich auf Leib und Seele. Kein Bereich unseres gesamten Wesens kann sich anmaßen, sich allein einer solch huldvollen Behandlung zu erfreuen: Nein, dem ganzen Menschen kommt dieses Rettungswerk zugute. Der Mensch gehört mit Leib und Seele, Herz und Geist seinem Heiland. Jeder Bereich darf also der Herrlichkeit Gottes dienen. Römer 14, Vers 7 ff. heißt es: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“

Was das konkret bedeuten kann, dass wir unserem Herrn Jesus Christus gehören, das ist mir besonders eindrücklich geworden am Zeugnis, das der „Prediger von Buchenwald“, Pastor Paul Schneider 1938 im Konzentrationslager gegeben hat: Ein Überlebender von Buchenwald hat nach dem Krieg erzählt, wie er auf dem Appellplatz im Lager Buchenwald gestanden hat – grenzenlos allein, unheimlich gefangen und ohne Glauben – entschlossen, in der nächsten Nacht in den elektrischen Zaun zu gehen und Schluss zu machen. Da hörte man an diesem Ort des Grauens und der Verzweiflung eine laute, klare Stimme über den Platz der 20.000 Gefangenen schallen. Diese Stimme rief aus dem Fenster einer Bunkerzelle heraus: „Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis.“ Das war die Stimme des rheinischen Pastors Schneider. Und der das im Nachhinein erzählte, sagte: „Er hat mich durch diesen Ruf gerettet! Denn von da an wusste ich, dass doch Einer bei mir ist!“
Pastor Schneider hat auf den einzigen Trost im Leben und im Sterben hingewiesen. Sein Leben hatte er Christus übergeben. Er wurde für seinen Ruf geschlagen und von den KZ-Schergen schließlich tot getrampelt. Aber er wusste, dass er im Leben und Sterben Jesus Christus eigen ist. In dieser Situation des Elends wurde er getröstet, so wie auch wir heute in – wohl weniger dramatischen, deshalb aber nicht weniger gefährlichen – Situationen des Elends getröstet werden.

b) „Jesus Christus hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.“

Hier sind wir im Zentrum von Gottes Handeln in Christus Jesus für uns Menschen! In Jesus Christus bezahlte Gott selbst die Schuld, die wir ihm gegenüber durch unseren Ungehorsam machten. Gott zahlt für zahlungsunfähige Schuldner. Das Kreuz Jesu Christi ist das Kreuz, das Gott auf die „Schiefertafel“ unserer Fehler schreibt. Wir sind von jetzt an frei von dieser Last. Sein Licht leuchtet unsere Schattenseiten aus, „stellt unsere unerkannte Sünde ans Licht“. Aber wir müssen deswegen nicht vergehen, Gott will, dass wir ohne Sünde leben und nach Umkehr und Buße von ihm fähig gemacht werden, in Seinem Licht zu wandeln. In 1. Johannes 1, 7 heißt es „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“

Freilich, dieses Loskaufen ist teuer erkauft: Mit dem Blute des Sohnes Gottes. Es ist keine billige Gnade – und somit auch kein billiger Trost, den Gott uns da schenkt. Nur wenn wir auf das Kreuz schauen, beginnen wir zu verstehen, was Gott da für uns getan hat. Unser ganzer Trost ist so gebunden an das objektive Werk Gottes in Jesus Christus. Wenn das Kreuz für uns etwas „das allergrößte Verbrechen der Geschichte“ oder nur „ein anstößiger Irrtum“ ist, wenn Jesus Christus für uns ein halt ungerecht verurteilter Mensch oder das bedauernswerte Opfer eines religiösen Fanatismus bleibt, ist überhaupt kein Trost möglich. Das Kreuz ist unser Trost, wenn wir es im Glauben fassen, dass Gott selbst in Jesus Christus kommt, um für uns „zu bezahlen“. Jetzt beginnt die neue Ordnung. Die Auferstehung Christi, die wir an Ostern feiern, ist das Zeichen des Reiches, das gekommen ist und kommt. Das ist unser Trost.

c) „Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss, und von Herzen willig und bereit, fortan ihm zu leben.“

Der Heilige Geist ist Gott, der kommt, um in uns das Werk zu bezeugen, das er für uns in Jesus Christus vollbracht hat. Das Kreuz bleibt nicht ein historisches Ereignis, von dem wir uns im Laufe der Jahrhunderte nur immer weiter entfernen könnten. Der Heilige Geist bringt es zustande, dass das Werk Gottes in Jesus Christus zu meinem Heil, zu meiner Gewissheit, zu meinem Trost wird. Er ist der Kraftbogen, die Brücke, die Gott von sich aus zu uns hinschlägt, um uns Anteil am Heil zu geben. Ja, auch mein Leben in der Zeit darf unter dieser Versicherung stehen: In meinem Leben, Arbeiten, Lieben und Handeln gilt diese Zusage, dass Gott mir Wegweisung geben will und dass ich herzlich eingeladen bin, auf ihn zu vertrauen, weil er der einzige Trost ist. Er schenkt uns die Kraft, „ihm forthin zu leben“.
Der Heilige Geist weist uns die Richtung, die wir in unserem Leben einschlagen sollen. 2. Kor 1, Vers 20 ff. steht: „Denn auf alle Gottesverheißungen ist ein Christus Jesus das JA. Darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zu Lobe. Gott ist es aber, der uns befestigt samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsere Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.“
Amen.