Frage 103

Predigt von Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker, Laar

"Was will Gott im vierten Gebot?"

Gott will zum einen,
dass das Predigtamt und
die christliche Unterweisung
erhalten bleiben
und dass ich, besonders am Feiertag,
zu der Gemeinde Gottes fleißig komme.
Dort soll ich Gottes Wort lernen,
die heiligen Sakramente gebrauchen,
den Herrn öffentlich anrufen
und in christlicher Nächstenliebe für
Bedürftige spenden.

Zum andern soll ich
von meinen bösen Werken feiern
und den Herrn durch seinen Geist
in mir wirken lassen.

So fange ich den ewigen Sabbat
schon in diesem Leben an.
 

 

Liebe Gemeinde,

der Sonntag ist die Probe aufs Exempel. Der Sonntag zeigt unser Christsein oder er verleugnet es. Der Sonntag zeigt uns Gott – oder er verneint Gott. Der Sonntag ist der Tag des Herrn – oder er ist der Tag, der uns zu unserer freien Verfügung steht. Der Sonntag zeigt, ob wir unsere eigenen Herren sind – oder ob Gott unser Herr und Heiland ist.
Wir feiern entweder den Sonntag – oder wir machen uns ein freies Wochenende. Entweder geht es an diesem Tag noch einmal wieder um uns, so wie es die ganze Woche schon - oder es geht an diesem Tag nicht zuerst um uns, sondern um Gott.
Ich sage nicht, an unserem Verhältnis zu diesem Tag entscheidet sich unser Christ-sein. Unser Christ-sein entscheidet sich an unserem Verhältnis zu Jesus Christus. Das alles Entscheidende ist, dass wir Jesus Christus annehmen und anerkennen als unseren Heiland und Retter und als den Herrn und Erlöser der Welt und unseres Lebens.
Aber ob wir erlöste Menschen sind, ob wir um Erlösung wissen, zeigt sich nicht zuletzt an unserem Umgang mit dem Sonntag. Unsere Erlösung durch Jesus Christus wird sozusagen sichtbar in der Gestaltung des Sonntags! Unseren Glaube an Jesus Christus, unser Vertrauen auf ihn, zeigen oder verleugnen wir in der Art und Weise, wie wir den Sonntag feiern, begehen, erleben und gestalten.

Dabei geht es hier nicht nur um diesen einen Sonntag, sondern es geht an diesem einen Tag um die Grundeinstellung des Lebens. Dieser Tag und wie wir ihn gestalten, zeigt unser Vertrauen, unser grundsätzliches Vertrauen auf Gott – oder unser Misstrauen ihm gegenüber.
Gott sagt: Sechs Tage gehören dir, Mensch – und der siebte Tag gehört mir, deinem Gott. Sechs Tage ist deine Arbeit dran, Mensch – aber am siebten Tag ist meine, Gottes, Sache dran. Sechs Tage gehören dir, Mensch, aber der siebte Tag gehört mir, deinem Gott
Da entscheidet sich nun, ob wir Gott geben, was Gott gehört, und dem Kaiser, was dem Kaiser gehört. Da entscheidet sich nun, ob wir ganz und gar dem Kaiser dienen, der Welt und den weltlichen Mächten, dem Geld und der Leistung, uns selbst, unserem Einkommen und Fortkommen – und keine Zeit mehr haben und keine Zeit mehr nehmen für Gott – oder ob wir den Freiraum, den Gott uns schenkt, wahrnehmen, annehmen und verteidigen.

Liebe Gemeinde es geht – ohne Übertreibung – am Sonntag um die Versklavung des Menschen und um die von Gott geschenkte Freiheit. Der Markt und die Wirtschaft sagen: Sieben Tage lang, 24 Stunden kaufen und verkaufen, rund um die Uhr, sieben Tage lang, 24 Stunden produzieren und arbeiten.
Sind wir Arbeitssklaven oder Geldsklaven? Ist der Mensch ein Sklave seiner Arbeit?
Sind wir nicht vielmehr durch Jesus Christus befreit aus der Knechtschaft der Sünde? Ist Gott nicht ein Gott, der Freiheit schenkt? Gott befreit sein Volk doch aus dem Sklavenhaus. Das heißt: Auch du bist befreit. Du bist Gott unendlich viel wert, auch wenn du nichts hast und nichts leistest.

Die Knechtschaft der Sünde degradiert den anderen Menschen zur Ware. Dann geht es nur darum: Was bringt der andere mir – oder was verdiene ich? Da geht es immer nur um mich, und was mir nützt – und der andere ist mir eigentlich egal. Der kümmert mich nicht.
In diesem System ist sich jeder selbst der Nächste. Da bekommt jeder Schläge: Du leistest nicht genug. Du musst noch mehr, du musst noch schneller, du musst noch länger arbeiten – für noch weniger Geld.
Das Rad der Sklaverei spüren heute viele Menschen, die überfordert sind, die gemobbt werden, die sich verzehren und kaputt machen zwischen Familie und Beruf.
Das Rad der Sklaverei spüren besonders Menschen in Asien und Afrika, die 12 Stunden am Tag, sechs Tage, manchmal sogar sieben Tage lang – unsere Kleidung, unsere Schuhe und unsere elektronische Geräte herstellen.
Sieben-/achtjährige Kinder, die in Indien mit dem Hammer aus Steinbrocken Schotter schlagen für den Straßenbau oder die Grabsteine für Deutschland aus den Felsen sprengen! Kinder müssen die in Indien Teppiche knüpfen, Mädchen werden in China verkauft für die Arbeit in unmenschlichen Textilfabriken.
Und das alles, weil bei uns die Ware noch billiger werden soll, als sie schon ist.
Ist das die Welt, die wir wollen?

Wir erfahren doch schon am eigenen Leibe: immer noch billiger geht nicht. Eine noch billigere Pflege geht nicht – und kostendeckend und wirtschaftlich kann die Pflege von kranken und alten Menschen am Ende auch nicht sein.
Wirtschaftlichkeit ist nicht der höchste Wert, sondern Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit. Schauen wir hin, welche Waren wir kaufen – wo sie gemacht sind und unter welchen Umständen sie hergestellt wurden. Schauen wir hin!

Wo wir den Sonntag feiern, verändert er unsere Einstellung und unsere Haltung. Er verändert uns selbst und unser Verhältnis zur Arbeit, zur Welt, zu den Menschen, zu Gott und zu allen Dingen. Der Sonntag verändert uns – wo wir ihn annehmen und feiern und anders leben als sonst.

Gott schenkt sich selbst diesen Tag, und er schenkt ihn uns. Gott macht sich selbst ein Geschenk: Er segnete den siebten Tag und er heiligte ihn. Er schaut an alles was er gemacht hat, und er erfreut sich daran. Dieser siebte Tag überstrahlt die ganze Schöpfung. Bei allen anderen Tagen heißt es: Da ward aus Abend und Morgen der so und so vielte Tag. Aber von einem Ende des siebten Tages wird nicht mehr gesprochen in 1. Mose 2. Er überstrahlt alles Nachfolgende.
Gott schenkt diesen Tag nicht nur seinem eigenen Volk. Er soll für alle gelten, auch für die Knechte und Mägde, und für den Fremden, der in deiner Stadt lebt. Gottes Heil, Gottes Freiheit gilt allen.
Der Sonntag ist der Tag der Freiheit. Sechs Tage gehören dir – der siebte gehört mir, sagt Gott. Nicht weil Gott auch noch was haben will von unserer kostbaren Zeit, von der wir immer zu wenig haben. Nicht, weil Gott uns die Freude am Leben, Spaß oder Feiern verderben will. Sondern weil er uns eine andere Art von Feiern und Leben schenken möchte.
Weil Gott uns ein anderes Leben schenken will, als wir es normalerweise führen.

Gedenke des Sabbattages, der göttlichen Freiheit, der himmlischen Ruhe.
Darum segnete der HERR den Sabbat und er heiligte ihn.
Gedenke des Sabbats – und heilige ihn.

Dieser Tag ist etwas ganz Besonderes, jede Woche wieder. Nach der Arbeit – die Freiheit.
Nach der Qual und der Last – das Fest und die Freude.
Der Sonntag ist ein Fest, er ist ein Tag, der in die Zukunft weist.
Mensch, das ist deine Bestimmung, das hat Gott dir zugedacht.
Du sollst dich nicht auffressen lassen von deinen Sorgen und Ängsten,
von deiner Arbeit und Mühe, von deiner Krankheiten und Traurigkeiten.
Sechs Tage kümmere dich um dich selbst – aber am 7. kümmere dich um Gott.

Und wenn du am 7. Tag Gottesdienst feierst – und die Freiheit Gottes erfährst – wie er alles regiert und führt – dann werden von dort her die anderen sechs Tage erleuchtet und hell.
Dann findest du von hier aus – eine neue Art zu leben, zu lieben, zu hoffen, zu glauben.
Dann erstrahlt die Welt und dein Leben – in einem neuen Licht, im Licht der Herrlichkeit Gottes, im Licht von Ostern und Wiederkunft Jesu.

Dann ist der Sonntag ein Stück Himmel auf Erden. ein Stück vorweggenommene Ewigkeit.
Dass ich den ewigen Sabbat in diesem Leben anfange –
dass ich Gott durch seinen Geist in mir wirken lasse und die bösen Werke bleiben lasse - das ist Sonntag.
Sonntag ist, wo wir uns um Gott kümmern, wo wir Gottes Fürsorge wahrnehmen.
Sonntag ist, wo wir beten und Gott anrufen – wo wir ihn und sein Wort hören und tun.
Sonntag ist, wo ich Bedürftige wahrnehme und ihnen helfe.
Sonntag ist – wo wir die Kerze anzünden – zur Ehre Gottes und zur Erinnerung an das ewige Licht Gottes.
Sonntag ist – wo wir Abstand nehmen von uns selbst, von aller Mühe und Plackerei, auch von aller Krankheit und Angst und Sorge – wo wir uns bergen in Gottes Schutz und Fürsorge – und diese auch anderen gewähren: „...auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleich wie du!"
Sonntag ist nicht alle Tage. Der Sonntag ist ein besonderer Tag - und das soll so bleiben.
Deshalb gilt es heute, den Sonntag zu schützen.
Mensch, bleib einmal stehen, sagt Gott, und renn nicht dauernd weiter – ohne mich.
Bleib stehen – und schau dich um – und sieh, was wirklich wichtig ist. Ohne Sonntag gibt es nur Arbeit – und Arbeitstage.
Jeden Samstag Abend wird in ganz Deutschland der Sonntag eingeläutet, weil schon der jüdische Sabbat am Vorabend mit Einbruch der Dunkelheit beginnt. Schon der Vorabend entscheidet bis heute darüber, ob der Sonntag gelingt oder nicht. Ob er uns einen Vorgeschmack geben kann von Gottes Herrlichkeit – oder ob er – nur dem Schlaf und dem Vergessen dient.
Der Sonntag schlägt sozusagen den Takt für die Woche.
Liebe Gemeinde, wie wir den Sonntag leben und erleben, so werden in der Woche arbeiten. Gott schenkt dem Menschen einen freien Tag, einen guten, einen heiligen Tag. Ob der Mensch ihn hält und bewahrt und schützt – das liegt nun ganz in in der Hand des Menschen.
Ohne Geld, ohne Uhr – darfst du dich freuen an Gott und an seiner Natur, an der Schöpfung, an den Kindern, an den Eltern, Gemeinschaft suchen und fördern, einander besuchen und Gott besuchen. Wir gehen Gott besuchen, jeden Sonntag. Und er besucht uns!
Wir spüren am Sonntag: Wir sind nicht unabkömmlich. Die Welt dreht sich weiter – auch wenn wir nichts tun. Wir können Abstand gewinnen von uns selbst. Wir finden Gott und bekommen uns selber ganz neu wieder zurück. Der Sonntag verändert uns. Er bringt ein Stück Ewigkeit in die Zeit. Er bringt Ruhe in die Arbeit. Er bringt Gott in die Welt. Deshalb können und wollen wir unter keinen Umständen auf den Sonntag verzichten. Gott sei Dank: Es ist Sonntag und es wird immer wieder Sonntag.
Amen.
 

 

Gehalten am 4. Juli 2010 in der Ev.-altreformierten Kirche Laar