Frage 103

Predigt von Pastor Uwe Wiarda, Leer

"Was will Gott im vierten Gebot?"

Liebe Gemeinde,

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.
Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes.
Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter,
dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht, und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

So steht dieses Wort als 4. Gebot im 2. Buch Mose (Kapitel 20, 8 - 11).

Ich möchte Sie heute einladen, mit mir einen ganz besonderen Blick auf dieses Gebot zu werfen, und ich möchte dabei auf die Erklärung des Heidelberger Katechismus zu diesem Gebot eingehen.

In Frage 103 heißt es:

Was will Gott im vierten Gebot?

Gott will zum einen, dass das Predigtamt
und die christliche Unterweisung erhalten bleiben und
dass ich, besonders am Feiertag, zu der Gemeinde Gottes fleißig komme.
Dort soll ich Gottes Wort lernen, die heiligen Sakramente gebrauchen,
den Herrn öffentlich anrufen und in christlicher Nächstenliebe
für Bedürftige spenden.
Zum andern soll ich an allen Tagen meines Lebens von meinen bösen Werken feiern und den Herrn durch seinen Geist in mir wirken lassen.
So fange ich den ewigen Sabbat schon in diesem Leben an.

Liebe Gemeinde,

was will Gott im vierten Gebot? - Die Antwort auf diese Frage überrascht.
Sie mag zunächst gar nicht passen. Vieles, was in der Katechismus - Frage steht, finden wir im 4. Gebot und seiner Begründung nicht. Das muss man sagen....

Im 4. Gebot steht nichts vom Predigtamt, nichts von christlicher Unterweisung, nicht einmal, dass ich zur Gemeinde Gottes fleissig kommen möge.
Auch, dass ich Gottes Wort lernen, die heiligen Sakramente - also Taufe und Abendmahl - gebrauchen soll, ist nicht Thema des 4. Gebotes.
Schließlich weiß das Gebot auch nichts von christlicher Nächstenliebe und ewigem Sabbat.

Also - was fangen wir mit dieser Frage 103 an? –
Wir könnten sagen: „Thema verfehlt“ , und diese Katechismusfrage beiseite legen.
Wir könnten die Erklärung des Heidelberger Katechismus aber auch als eine Auslegungshilfe verstehen. Vielleicht schießt die Antwort der Heidelberger Frage über`s Ziel hinaus. – Letzlich kann sie aber doch für die Menschen damals - und auch für uns heute - von großem Wert sein.

Als der Heidelberger Katechismus 1563 geschrieben wurde, da war er gedacht als Glaubens- und Lebenshilfe, als pädagogische Orientierung zur christlichen Erziehung.
Und ich versuche mir ein wenig vorzustellen, wie die Menschen damals gelebt haben. Mit welchen Freuden, aber auch mit welchen Sorgen? - Wie wird z. B. das Familienleben ausgesehen haben, etwa in Leer? - Wie war das mit der Wirtschaft? - Wie sah es in der Politik aus? - Wie bei der Kirche? - Vieles kann man heute nachlesen.
Leer war damals noch ein kleiner Ort. Erst wenige Jahrzehnte war es her, dass diesem Flecken an Leda und Ems das Marktrecht zugestanden wurde. Die Leineweber - vor allem - trugen zu einer wirtschaftlichen Belebung bei, und längst waren in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Unruhen der Reformationszeit ausgestanden. Aber nach wie vor war vieles unklar.
Die einfachen Bauern, Handwerker und Kaufleute werden sich nur schwer bei den theologischen Zwistigkeiten zwischen den Reformierten und Lutheranern ausgekannt haben.
Aber irgendwie war das doch wichtig! - Wie ist das nun mit der Bibel? - Wer sagt, was richtig ist?- Wer sagt, was gilt? - Oder ganz einfach: Was ist mein Trost? - Wem kann ich vertrauen? -
Schon zeigte dann auch noch die katholische Kirche in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, dass sie nicht einfach ihren Einfluß aufzugeben bereit war. Von einer Gegenreformation war die Rede. Die Menschen , ob nun in Leer oder in der Pfalz in Heidelberg...suchten und brauchten Orientierung.

Ich verstehe darum, dass so ein Lehrbuch wie unser Katechismus wichtig war, warum er von Heidelberg ausgehend irgendwann auch Leer erreichen konnte.
Ich verstehe auch, warum er zum Feiertagsgebot in seiner Begründung einen ganz anderen Ton anschlägt als das Gebot selbst.

Das 4. Gebot ist nach dem 2. Buch Mose denkbar einfach zu verstehen. Es erinnert an die Schöpfungsgeschichte. So wie Gott am Ende der Schöpfung am 7. Tag ruhte, so soll es auch der Mensch halten. Der Mensch soll nicht arbeiten, nicht seine Familienmitglieder, nicht Angestellte und Bedienstete, nicht Knechte und Mägde, nicht einmal das Vieh, und auch der Fremde soll nicht arbeiten. Denn der Sabbat ist ein heiliger Tag. -

Lassen wir einmal außer Acht, dass bei uns der Sonntag zum Feiertag wurde und der nach alter Zählung nicht der letzte, sondern der erste Tag der Woche ist, so möchte ich für mich feststellen:
Dieses Gebot - es ist einfach wunderbar.
Es erinnert an Gottes Schöpfung und dass zur Arbeit auch dieser eine freie Tag gehört. Es hilft, uns zu bewahren. -
Damit wir nicht untergehen in Terminen und Pflichten, Arbeit und Heraus-forderungen, dafür ist dieses Gebot unerlässlich.

Am letzten Wochenende – auf unserer Gemeindefahrt nach Borkum - haben wir noch einmal nachgehakt. Wie ist das mit der Zeit? - Wie viel haben wir davon ? - Wie gehen wir damit um? - Für mich hängen diese grundlegenden Fragen mit dem 4. Gebot zusammen. In allem geht es doch schließlich um die Frage: was braucht der Mensch - zu einem Leben in Würde und Freiheit? Was ist nötig? -

Es stimmt: Arbeit gehört zum Leben, aber es gehört auch die freie Zeit dazu. So wie ich mich manchmal anstrengen muss, muss ich mich auch ausruhen können. Wir brauchen diesen Rhythmus von Anspannung und Entspannung....Ohne Aufgaben und Herausforderungen wird das Leben öde und leer, langweilig, wird zur nicht enden wollenden Warteschleife. Ohne Arbeit und auch die damit verbundene Anerkennung werden Menschen krank. Wir brauchen den Alltag, Tage für die Arbeit. Doch ebenso brauchen wir den Feiertag.
Ohne das Verschnaufen können, ohne Zeit zum Innehalten, Nachdenken und Feiern wird Leben entwertet, oberflächlich und auch gefährlich.

Vielleicht wundert Sie dieses letzte Wort. Ich muss das erklären: Wir erleben, dass sich das Leben unwahrscheinlich beschleunigt hat. Alles muss sofort, vieles gleichzeitig erledigt werden. Ein herrscht ein Tempo, das wahnsinnig ist.

Ich kann nur über die Politiker staunen, die an sieben Tagen in der Woche von einem Termin zum nächsten hetzen und ständig neu auftretende Probleme lösen sollen. Und das alles eben in kürzester Zeit. Das eben ist gefährlich. - Ob nun in der Politik, in der Wirtschaft oder wo auch immer...wenn Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen, wenn sie ganz und gar vom Zeitdruck beherrscht werden, dann wachsen die Fehler.

Liebe Gemeinde!
Mit Entsetzen schauen wir jetzt auf Japan...und sind uns dabei durchaus bewusst, dass wir im Umgang mit der Technik nicht weniger riskiobereit sind als die Japaner. – Jetzt begreifen wir: wir zahlen einen hohen Preis für das, was wir Fortschritt nennen.....
Das 4. Gebot könnte helfen, dass wir wieder unterscheiden lernen zwischen wichtig und unwichtig, zwischen dem, was zu tun ist und was zu lassen.

Von alledem lesen wir nun in Frage 103 aus dem Heidelberger Katechismus nichts.
Man könnte den Eindruck bekommen, dass hier einer eine sehr enge christliche Brille aufgesetzt hat, als wäre der Feiertag allein für Gottesdienst, Predigt, Gebet gegeben....zwar steht da auch noch etwas über christliche Nächstenliebe, Spenden an Bedürftige, aber auch das ändert nichts daran, dass dies alles von dem 4. Gebot weit entfernt ist.

Also bleibt es dabei - Thema verfehlt? -

Ich sehe es anders. Ich sehe in der Hervorhebung christlicher Lebens- und Gottesdienstpraxis eine sinnvolle, vielleicht notwenige Ergänzung zu dem, was wir gerade über das 4. Gebot gehört haben.
Für die Menschen im 16. Jahrhundert war das jedenfalls eine Einheit. Feiertag, das hieß nicht einfach nur frei haben und faul sein. Sie sahen in diesem Tag ein Geschenk, durch das die Menschen Gott ganz nah erfahren durften. Gottes Wort lernen...das hieß Lebensbewältigung, das brachte Trost, das brachte Hoffnung.

Sehen wir in dem 4. Gebot die Chance zum Innehalten, zum Ausruhen , aber auch zum Nachdenken, dann ist es gut, wenn uns im Gottesdienst, in der Feier der Sakramente – (so wie heute durch die Taufe von N.N.) – Gottes Freundlichkeit erfahrbar wird, aber auch Gottes Hilfe und Weisung
zu einem Leben, dem Entschleunigung gut tut, zu einem Leben, bei dem wir auch unsere Nächsten nicht vergessen dürfen. Der Heidelberger Katechismus legt Wert darauf.
Und wenn ich nun Gottes Geist in mir wirken lasse, dann beginnt der „ewige Sabbat“ schon in diesem Leben. Für mich ist das nichts anderes als der Vorgeschmack auf Gottes Reich, auf Gottes Frieden. Schon jetzt darf ich das erleben und feiern, an jedem Sonntag neu. 
Amen

 

Gehalten am 27. März 2011 im Taufgottesdienst der Ev.-reformierten Gemeinde Leer.