Frage 117

Predigt von Pastorin Ilse Landwehr, Osnabrück

"Was gehört zu einem Gebet, damit es Gott gefällt und von ihm erhört wird?"

Erstens,
dass wir allein den wahren Gott,
der sich uns in seinem Wort geoffenbart hat,
von Herzen anrufen
um alles, was er uns zu bitten befohlen hat.

Zweitens,
dass wir unsere Not und unser Elend
gründlich erkennen,
um uns vor seinem göttlichen Angesicht
zu demütigen.

Drittens,
dass wir diesen festen Grund haben,
dass er unser Gebet
trotz unserer Unwürdigkeit
um des Herrn Christus willen
gewiss erhören will,
wie er uns in seinem Wort verheißen hat.


Liebe Gemeinde!
„Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen miteinander zugrunde.“

Das ist keine Beschreibung der Katastrophe in Japan, liebe Gemeinde, die wohl jeden und jede von uns seit mehr als zwei Wochen nicht mehr losläßt. Es sind Worte von Goethe – mehr als 200 Jahre alt. Rückblickend schreibt er über das große Erdbeben, das am 1. November 1755 Lissabon zerstört hat.
Die Ereignisse ähneln sich in bedrückender Weise. Auch damals gab es durch die Verschiebung von Erdplatten ein außerordentlich starkes Erdbeben, dem eine Überschwemmung durch eine riesige Flutwelle folgte. Unzählige Gebäude in Portugal und insbesondere in Lissabon wurden zerstört, Zehntausende starben. Der wichtigste Unterschied: Damals gab es noch keine Atomkraftwerke!

Noch immer hält die Welt den Atem an und sieht erschrocken und betroffen auf die Bilder und Nachrichten aus Japan... noch immer ist das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht wirklich abzusehen, noch immer die nukleare Gefahr in keiner Weise gebannt.
Erdbeben, Tsunami und der GAU an den Atomkraftwerken haben den Betroffenen schon unsagbares Leid gebracht. Und von Tag zu Tag erleben wir, dass die radioaktive Verseuchung immer schlimmer wird.

Für das, was in diesen Tagen und Wochen in Japan geschieht, fehlen uns einfach die Worte.
Die Menschen, wir alle, sind aufgerüttelt, erschüttert – Hilfsmaßnahmen werden getroffen, Sammlungen laufen wie die, an der auch unsere Kirche beteiligt ist, durch die Diakonie-Katastrophenhilfe, Benefiz-Veranstaltungen werden abgehalten so wie gestern Abend das Konzert des Osnabrücker Domjugendchores.
Gleichzeitig gehen auf allen Ebenen die Diskussionen grundsätzlicher Art wieder los um Nutzen und Gefährlichkeit von Kernkraftwerken – die Politik reagierte schnell, wir wissen nicht, ob nur aus ernsthafter Sorge oder auch aus politischem Kalkül.
Unsere eigene Angst um unser Leben mag dadurch vielleicht im Augenblick gefühlt anders werden... durch das Gefühl, die Diskussion bewegt etwas.
Doch wir wissen auch, das Leid unzähliger Menschen läßt sich so schnell nicht lindern und die Dinge, auch menschliche Fehler, sind nicht mehr rückgängig zu machen.
Was passiert ist, ist passiert.
Und nicht genug damit... als würde Japan als globale Katastrophe nicht schon reichen, kommt nun die militärische Konfrontation in Lybien dazu. Und in den letzten Tagen mehren sich auch die Nachrichten aus Syrien, dem Jemen oder Bahrain. Und auch in Israel werden die Unruhen wieder stärker.

Überall kommen Menschen ums Leben, verlieren ihre Habe, trauern um Menschen, haben Angst vor den Auswirkungen der Katastrophen, der Gewalt.

Keine Situation, die uns schnelle Antworten geben läßt, auch keine christlichen.
Menschen suchen und fragen, fragen auch nach Gott in dieser Zeit, in der Krise, zum Teil in tiefer Traurigkeit, Angst und Verzweiflung.

Wie wird christlicher Glaube dem gerecht, in dieser Lage helfen und trösten zu können, zuerst die Menschen, die so hart betroffen sind, aber auch uns selbst, die wir genauso suchend und fragend sind, auch wenn die Gefahren und die akute Bedrohung nicht so unmittelbar nahe ist wie in Japan oder im Nahen Osten?

Und nun der Predigttext für den heutigen Sonntag: eine alte Katechismus-Frage, vor Monaten schon ausgewählt für unsere Osnabrücker Predigtreihe über den Heidelberger Katechismus.
Ich hätte mir nicht träumen lassen, welche brennende Aktualität sie auf einmal durch diese unvorhersehbaren Ereignisse haben kann.
Lassen Sie mich diese Katechismusfrage und die dazugehörigen Antwort zunächst lesen.

FRAGE 117:
Was gehört zu einem Gebet, damit es Gott gefällt, und von ihm erhört wird?

Erstens,
dass wir allein den wahren Gott , der sich in seinem Wort geoffenbart hat, von Herzen anrufen um alles, was er uns zu bitten befohlen hat.

Zweitens,
dass wir unsere Not und unser Elend gründlich erkennen, um uns vor seinem göttlichen Angesicht zu demütigen.

Drittens,
dass wir diesen festen Grund haben, daß er unser Gebet trotz unserer Unwürdigkeit um des Herrn Christus willen gewiß erhören will, wie er uns in seinem Wort verheißen hat.“

Drei Schritte sind es, die der Katechismus mit uns geht. Diesem Dreischritt will ich auch in der Predigt versuchen nachzugehen.

1. Das Gebet richtet sich an Gott, der sich in seinem Wort geoffenbart hat und den wir um alles bitten dürfen, was er uns zu bitten befohlen hat.
2. In diesem Gebet erkennen wir unsere Lage unsere Situation, unser Leben mit allem, was es ausmacht, mit all seinen Nöten und schwierigen Seiten.
3. Gott verspricht uns Gebetserhörung, nicht weil wir es verdient hätten, sondern allein um Jesu Christi willen.

Lassen Sie uns zunächst über den ersten Teil nachdenken.

Unser Gebet hat eine Adresse – „allein den wahren Gott“ nennt der „Heidelberger Katechismus“ sie.
Wir brauchen keine Mittler, weder Heilige noch Maria, die Mutter Gottes, sondern dürfen uns direkt und unmittelbar selbst an ihn, an Gott, wenden mit unserem Bitten und Beten.
Wir dürfen ihn anrufen – und zwar „um alles, was er uns zu bitten befohlen hat“.

Das klingt vielleicht auf das erste Hören etwas merkwürdig in unseren Ohren.
Denn was heißt das: “ was er, Gott, uns zu bitten befohlen hat“? Klingt das nicht viel zu sehr nach Befehl und Unfreiheit, als gäbe es genau festgelegte Gebete und Bitten, aber nicht die Freiheit eines jeden Menschen, Gott anzurufen, wie und auf welche Art er möchte? Und vor allem, ihm vorzutragen, was jedem/ jeder ganz persönlich am Herzen liegt?

Wenn ich mir allerdings die für unsere Ohren so ungewohnte Formulierung im Zusammenhang mit dem vorher Gesagten anschaue, wo es heißt „dass Gott sich in seinem Wort geoffenbart hat“, dann bedeutet das doch: Dieses geoffenbarte Wort zeigt uns den Weg, auch den Weg des Gebetes.
Das geoffenbarte Wort, das Evangelium, die frohe Botschaft, eben das biblische Wort, erzählt uns in Geschichten und Texten immer wieder neu davon, wie Gott mit den Menschen umgeht, wie er sich ihnen zuwendet, ihnen nahe kommt - ganz wie ein Vater auf sein Kind mit offenen Armen zugeht und es sich vertrauensvoll in seine Arme werfen kann mit allem, was ihm auf der Seele lastet, was es ängstet und auch an Schuld bedrückt.

Eines der schönsten Beispiele bleibt für mich das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“, das genau diesen Wesenszug Gottes im Bild vom Vater und dem Sohn auf so plastische, konkrete Weise darstellt.
Da ist der Sohn, der nicht nur gute Wege gegangen ist, der umkehrt, der sich auf den Weg zurück zu seinem Vater macht, der hofft und wartet, ob der Vater ihn erhören wird und ihm die Schuld verzeiht.
Und da ist der Vater, für den es nichts Schöneres gibt, als dass der Sohn den Weg wieder zu ihm zurückfindet und sich vertrauensvoll in seine Arme wirft. Er wartet auf ihn und als er endlich kommt, strahlt sein Gesicht vor Freude und es wird ein großes Fest gefeiert.
Das ist Beten, liebe Gemeinde - wissen, dass Gott da ist, dass er uns hört, dass er seine Arme für uns öffnet und wir uns hineinwerfen dürfen, egal wie es uns geht… wissen, dass Schuld Vergebung erfährt und aus Traurigkeit wieder Freude werden darf.
Bei Dietrich Bonhoeffer fand ich Worte dazu, die mich besonders angesprochen haben:
Sie stammen aus seinem Gedicht „Christen und Heiden“
Dort heißt es in der ersten Strophe:

„Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.“

Angesichts großer Not werden alle Menschen zu Bittenden, ganz egal welcher Religion sie angehören, sogar wenn sie „Heiden“ sind, wie Bonhoeffer sagt.
Auch wer an nichts glaubt, lernt durch die Not Beten, denn Beten ist erst mal nichts anderes als Flehen und Bitten, Hoffen und Bangen, Suchen nach Glück und Brot, Gesundheit und Leben.

Auch wenn die Ausdrucksformen sich unterscheiden mögen und wohin auch immer sich andere wenden, wir dürfen wissen, unsere Bitten haben ein Wohin: Gott!
Er ist unser Ansprechpartner, unsere Klagemauer, unser fragendes Gegenüber in Schuld und zugleich der liebende und verzeihende Vater, der uns sieht und hört, dem wir nicht gleichgültig sind und bei dem wir unter keinen Umständen verloren gehen, auch wenn alle Äußerlichkeiten dagegen sprechen.

Der Heidelberger Katechismus sagt in seinem zweiten Teil der Antwort auf die Frage nach einem gottgefälligen Gebet, dass wir „unsere Not und unser Elend vor Gott gründlich erkennen sollen und uns demütigen vor dem göttlichen Angesicht“.

Beten hilft die Gedanken sortieren, die Gefühle zuzulassen, ist wie ein Ventil, damit das Fass nicht auseinanderfliegt... das, was ist, alle Not, alles Elend darf seinen Platz im Gebet haben... wir können und sollen dies alles vor Gott bringen – mit oder ohne Worte.
Wir können ihm sagen, wie fassungslos wir sind, unser Mitgefühl für die Betroffenen, vielleicht auch unsere eigene Angst oder unsere Wut herausschreien, ihm mit all‘ dem in den Ohren liegen und um seine Hilfe und Unterstützung bitten.

Wir können ihn fragen, warum Menschen immer neu Krieg anfachen, Blutvergießen und Leiden so vieler hinnehmen, warum Machtgier und Berechnung, die Angst um Rohstoffe und das eigene Noch-Besser-Ergehen das Leben anderer auslöscht oder für immer vergiftet.
Wir dürfen zweifeln: Wo bist du, Gott, in alle dem? Gibt es Dich überhaupt?
Wo bist du, wenn die Kernstäbe in Fukushima doch noch schmelzen? Wo bist du, wenn an der japanischen Ostküste durch die Wassermassen ganze Ortschaften weggeschwemmt werden und Hunderttausende obdachlos sind?
Wo bist Du, wenn Menschen ihr Leben lassen in kriegerischen Auseinandersetzungen und weil sie sich einsetzen für Freiheit und Demokratie?
Wo bist Du, wenn wir uns fragen, wie es mit uns und dieser Welt, die Du uns doch anvertraut hast, bloß weitergehen soll und ob unsere Kinder und Kindeskinder auf ihr auch noch gut leben können?

Das ist das eine – doch beim Weiterlesen im Katechismus habe ich wieder meine Probleme.
Denn da stoße ich erneut auf eine harte Formulierung, nämlich, dass wir uns „demütigen vor ihm“.

Das klingt auf Anhieb negativ. Es klingt nach Willkür und Unterdrückung, danach, dass ich meine Würde, ja das Menschsein regelrecht verliere und ruft deshalb meine Abwehr hervor.

Hat der Katechismus das gemeint? Ich glaube es nicht.
Ich würde das Wort „Demut“ in diesem Zusammenhang eher mit „Ehrlichkeit“ übersetzen, damit für uns verstehbar wird, was hier gemeint sein könnte.
Ich verstehe den Katechismus so, dass wir uns und unsere brüchige Welt, unser Elend und unsere Schwierigkeiten vor Gott erkennen und benennen dürfen, dass wir ehrlich sein können, nichts verheimlichen müssen.
Nicht, dass Gott, nicht auch ohne unser Gebet sehen könnte, wie es um uns steht.
Nicht er hat es nicht nötig, sondern wir haben
das Gebet nötig... damit sich ein Weg und Zukunft eröffnet, damit wir nicht in Not und Elend stecken bleiben.
Da ist sowohl das biblische Zeugnis wie z.B. das eben schon mal zitierte „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ als auch der Katechismus gar nicht weit entfernt von der modernen Psychologie heute.
Sie sagt, dass erst die Situation benannt, das Leiden gesehen und das Problem ausgesprochen werden muss, damit es zu einer Lösung bzw. Heilung kommen kann.

Für uns könnte das in der aktuellen Situation bedeuten, dass auch wir erkennen und bekennen, wo wir mit unserer Technik und unserem Wahn der scheinbaren Beherrschbarkeit derselben gelandet sind. Kernenergie ist nicht sicher und sie gefährdet Menschen nicht nur in Japan, sondern weltweit akut jetzt und auf alle Generationen nach uns – wir haben viel zu lange geduldet, dass sie eingesetzt wird, weil es für uns so bequem war, weil sie als sauber und billig galt und weil wir in unserem Teil der Welt übermäßigen Gebrauch von Energie machen. Ob zu einem gottwohlgefälligen, demütigen Gebet heute nicht auch gehört, Gott und die, die schon Opfer geworden sind, um Verzeihung zu bitten, um Verzeihung dafür, was wir der Schöpfung, den jetzt schon Leidenden und den nächsten Generationen schon angetan haben? Und auch, dass wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen und dem Nachdenken auch Taten folgen lassen, wie es anders und hoffentlich noch besser werden kann?

Der Katechismus beschließt seine Antwort auf die Gebetsfrage mit einem dritten Teil über Jesus Christus als den einzigen Grund der göttlichen Gebetserhörung.
Auch dazu möchte ich das Gedicht von Bonhoeffer noch einmal heranziehen und die 2. und 3. Strophe zitieren:
"Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden."

Der in Jesus Christus Mensch gewordene Gott hilft als ein Gottes des Leides und des Leidens.
Diese so paradox und anstößig klingende Botschaft tritt uns in der Passionszeit so deutlich vor Augen und ist immer wieder etwas, womit wir zu kämpfen und um Glauben zu ringen haben.

Wie kann das sein, dass Gottes Macht und Herrlichkeit im Leiden zu Tage treten kann? Ist das nicht genau wie in Japan und überall auf der Welt, wo Menschen leiden, das endgültige Scheitern? Ist Jesus, der am Kreuz stirbt, nicht der offensichtliche Beweis dafür, der menschgewordene Gott, der sich aus Liebe hingibt? Wie kann er uns helfen, wo er sich selbst doch nicht mal helfen konnte?
Der christliche Glaube bedient keine Allmachtsphantasien. Er bietet keine einfache Lösung der Welträtsel und unserer Probleme.

Der Gott der Liebe in Jesus Christus ist ohnmächtig. Er begegnet uns gerade im Leiden überall auf der Welt. Aber er ist dennoch nicht macht- und wirkungslos. Er ist da, wo Menschen leiden, an ihrer Seite.
Er kann zu ihrer Kraftquelle werden, der einzigen vielleicht, die ihnen noch geblieben ist.
Sie dürfen rufen und flehen, hoffen und bitten so wie wir alle das dürfen und können gewiss sein: Gott wird die Gebete erhören, wird sich anrühren lassen vom ernsthaften Bitten. Und er wird in allem Leiden und durch das Leiden hindurch einen neuen Weg eröffnen – diesen Weg können wir sehen, schon jetzt, indem wir auf Jesus schauen „gekreuzigt, gestorben und auferstanden von den Toten“!
Amen.

 

Gehalten am 27. März 2011 in der Ev. reformierten Kirchengemeinde Osnabrück