| 16 | 31 | 46 | 61 | 73 | 85 | 100 | 115 | |
| 17 | 32 | 47 | 62 | 74 | 86 | 101 | 116 | |
| 18 | 33 | 48 | 63 | 75 | 87 | 102 | 117 | |
| 19 | 34 | 49 | 64 | 76 | 88 | 103 | 118 | |
| 20 | 35 | 50 | 65 | 77 | 89 | 104 | 119 | |
| 21 | 36 | 51 | 66 | 78 | 90 | 105 | 120 | |
| 22 | 37 | 52 | 91 | 106 | 121 | |||
| 23 | 38 | 53 | 92 | 107 | 122 | |||
| 24 | 39 | 54 | 93 | 108 | 123 | |||
| 25 | 40 | 55 | 67 | 79 | 94 | 109 | 124 | |
| 26 | 41 | 56 | 68 | 80 | 95 | 110 | 125 | |
| 27 | 42 | 57 | 69 | 81 | 96 | 111 | 126 | |
| 28 | 43 | 58 | 70 | 82 | 97 | 112 | 127 | |
| 29 | 44 | 59 | 71 | 83 | 98 | 113 | 128 | |
| 30 | 45 | 60 | 72 | 84 | 99 | 114 | 129 | |
Frage 118
Predigt von Pastor Herbert Sperber, Osnabrück
Alles, was wir
für unser geistliches
und leibliches Leben
nötig haben,
wie es der Herr Christus
in dem Gebet zusammengefasst hat,
das er uns selber lehrt.
Liebe Gemeinde,
die heutige Predigt wird diesmal nicht direkt einen biblischen Text, sondern eine Frage des Heidelberger Katechismus zur Grundlage haben.
Eine Lehrpredigt sollte es früher sein, wenn man sich einer Frage des Heidelbergers zuwendete, denn ein Lehrbuch war ja der HK, und ein sehr beliebtes noch dazu, man mag es kaum glauben. Aber neben dem kleinen Katechismus war es eben ein Buch, das den normalen Leuten das Angebot machte, selber über den Glauben nachzudenken und zu verstehen, und nicht von den Worten und der Gnade der Priester abhängig zu sein. Ich glaube, diese Lehr- und Bekenntnisschrift trug in sich schon immer eine große Absicht: seid frei, zu denken und zu handeln nach eurem besten Wissen und Gewissen! Und das kam offensichtlich an. Und nun habe ich mich für die folgende sich gar nicht so nach der Freiheit eines Christenmenschen klingenden Frage und Antwort 118 entschieden:
Frage 118: Was hat uns Gott befohlen von ihm zu bitten? Alle geistliche und leibliche Notdurft, welche der Herr Christus begriffen hat in dem Gebet, das er uns selbst gelehret.
das ist eine zugegeben altmodische Formulierung aus dem 16.Jahrhundert, und es gäbe natürlich schönere, modernere Versionen. Aber mir hat es gerade die alte Form angetan.
Drei Stichworte bietet mir diese Frage, auf die ich mich konzentrieren will:
1. von Gott befohlen
2. alle geistliche und leibliche Notdurft
3. begriffen im Gebet, das er uns selbst gelehret
Zum ersten Stichwort: von Gott befohlen -
Ich denke, befehlen lassen wir uns heutzutage eigentlich kaum mehr etwas. Befehle werden noch in der Armee erteilt, im Polizeidienst; ansonsten gibt es zwar Anweisungen in Firmen oder Behörden, denen man Folge zu leisten hat, aber wegen der Hinterfragung oder gar Verweigerung einer Anweisung wird sicherlich heute niemand mehr erschossen oder ins Gefängnis geworfen. Und der Heidelberger sagt: wir haben von Jesus einen Gebetsbefehl erhalten: also, Helm - soweit vorhanden - ab und Hände gefaltet zum Gebet!? Ob uns sonst, wenn schon nicht der Kopf, so noch viel schlimmer: die Seligkeit verloren ginge? Nein, natürlich sehen wir uns heute zuerst und vor allem als Gottes geliebte Kinder und in Gott nicht den zu fürchtenden Herrn der Heerscharen, sondern den unendlich liebenden Schöpfer, uns zugewandt wie ein Vater, wie eine Mutter. Allerdings hat ja auch dieses Bild seine Tücken für uns: Wir die kleinen Kinder, er der große Vater - und dann noch dieser Befehl: sag bitte! - Der erinnert uns ja dann richtig an die Hinweise, die man als Eltern seinen kleinen Kindern gegeben hat oder gibt: sag „bitte“, wenn du etwas haben möchtest!
Oder, - wenn ich schon einmal das zweite Stichwort aufnehmen darf, - wir könnten hören: du kannst, du sollst mich immer um alles bitten, was du brauchst, ich bin immer für dich da! Gottvater, der zwar nicht immer freigebig alle schönen Dinge, nach denen man sich sehnt, verteilt, der aber doch als der große Hilfs-Organisator bereitsteht, wenn es not tut: Brot und Frieden für die Welt, Kindergottes-Notdienst und SOS Kindergottesdorf - unser Gott wird da sein, wenn wir ihn brauchen - ihr müsst ihn nur um Hilfe bitten! Liebe Gemeinde, sag bitte - und Gott wird sofort helfen - dies fände ich, eine gelinde gesagt problematische Einstellung zu Gott und zu mir selbst. Denn ich würde mich damit der Ebene eines Kleinkindes annähern, anstatt mich als von Gott zu meinem Leben berufenes, begabtes und im wahrsten Sinne groß sein sollendes Kind Gottes zu begreifen.
Würde ich Gott und mich selbst in diesem Kleinkind-großer-Vater-Verhältnis sehen, dann hätten meiner Meinung nach die Religionskritiker recht, mit ihrer Rede von der Religion als Krücke, als Gehhilfe - oder vielleicht gar als Laufkäfig für die sich ganz klein Machenden im Leben.
Sag bitte - so passt es nicht - weder als strenger Befehl, noch als Bedingung für das göttliche Wohlwollen, noch als freigebige Eröffnung eines Kleinkinderparadieses hier auf Erden.
Allerdings, es gibt für mich einen deutlichen Hinweis auf die Art Gottes zu befehlen, die zeigt eine gänzlich andere Sichtweise über den Befehlshaber, wie über den Befehlsempfänger: „Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft geführt hat: du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ - oder kurz gesagt: du sollst frei sein! Ich befehle dir: mach dich frei von allen Göttern und Menschen, die dich versklaven, geh raus aus der Knechtschaft, geh deinen Weg, in das gelobte Land deiner Freiheit! Sei groß, sei du selbst, frei von allen Zwängen, sei mein Kind, begabt dazu, dein Leben in Freiheit, in Frieden, in Liebe zu leben! - und: sag bitte zu mir! - Und nicht zu den Mächten oder Mächtigen, den Gewalten oder Gewalttätigen! Du brauchst nicht um dein Leben zu betteln, es soll, es darf nicht sein, dass du dich kleinmachen musst vor mir oder vor einem anderen Menschen, und um dein Heil oder um Erfolg in der Firma oder in einer Show oder um Gnade bei einer Verteilungs-stelle oder im Polizeirevier einer Diktatur betteln musst.
Sag bitte zu mir für all deine geistliche und leibliche Notdurft - und glaube nicht, dass irgendein anderer das Recht hat, über das zu bestimmen, was für dein geistliches und leibliches Leben not tut. Glaube nicht, dass irgendein, eine Andere das, was du zum Leben brauchst, in Händen hält, oder gar wunderbar aus seinen Händen in deine Hände zaubern kann!
Liebe Gemeinde, damit bin ich beim zweiten Stichwort: alle geistliche und leibliche Notdurft.
Ich gebe zu, das letzte Wort klingt in unseren Ohren etwas missverständlich, aber es sagt nichts anderes, als was man unbedingt, absolut nötig zum Leben bedarf. Und damit ist eben nicht nur das tägliche Essen und Trinken gemeint. Obwohl wir gerade da alle sagen werden, natürlich: jeder Mensch hat das Recht auf genug Nahrung zum Leben, zum Aufwachsen, und es ist schreiende Ungerechtigkeit, dass über 900 Millionen Menschen auf unserer Erde hungern, dass jedes Jahr über 3 Millionen Kinder an Unterernährung sterben. Und dass diese Menschen als Bittsteller dastehen, dass für sie und sei es von noch so honorigen Menschen und Organisationen um Spenden gebettelt werden muss, dies ist Unrecht, dies ist unwürdig, dies darf in Gottes Namen nicht sein! Und ich glaube, es darf schon gar nicht sein, wenn wir aus dem reichen Norden mit unserer Entwicklungshilfe und unseren großen Hilfsorganisationen die Rolle des strengen oder lieben Hilfspapas spielen, uns aufspielen als die Besserwisser und großen Retter der armen kleinen Menschen in den armen kleinen Entwicklungsländern oder Kriegs- oder Katastrophengebieten. Sag bitte zu mir, deinem Gott, und sage deinem Bruder und deiner Schwester und dir selbst erhobenen Hauptes, was du und er und sie in deiner, ihrer Würde als Mensch, als Kind Gottes erwarten können! Es steht für uns ja alle außer Frage, dass Gott jedem Menschenkind, dem er das Leben geschenkt hat, ihm damit auch alles Lebensnotwendige verheißen hat. Und dass wir mit dem Teilen der nötigen Lebensmittel nicht unsere Geschenke verteilen, sondern miteinander teilen, was Gott uns allen geschenkt hat. Wir können Gott nur ums tägliche Brot bitten, indem wir uns dessen bewusst werden: er hat uns das tägliche Brot gegeben - um es als unser aller tägliches Brot miteinander zu erarbeiten und zu brechen. Und Entwicklungshilfe ist meiner Meinung nach erst da wirksam, wo wir uns mit dem Selbstverständnis begegnen, dass wir uns gegenseitig helfen uns zu entwickeln: im kollegialem Miteinander Arbeiten und im fröhlichen Miteinander Essen.
Leider ist es bei uns ja oft anders: aus der Angst zu wenig abzubekommen, dem Ärger, dass der andere zu viel bekommen könnte, wird aus vielen Debatten um die Solidarität eine Neiddebatte um die Frage, was hat der oder die wirklich - oder eben nicht verdient. Dabei ist uns eben alle leibliche Notdurft des Lebens miteinander geschenkt.
Es gilt zu teilen, nicht zu streiten.
Aber, liebe Gemeinde, es geht ja nicht nur ums leiblich Lebensnotwendige, es geht ja auch um die Wahrnehmung unserer geistlichen Notdurft: es geht, so würde ich es jedenfalls zusammenfassen, um Glauben, Hoffnung und Liebe. Es geht um den gemeinsamen Glauben an den Grund unseres Lebens, den Glauben, dass diese Welt und unser Leben kein Zufall und kein Hauch im Wind ist. Es geht um die Vergewisserung: dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Wir brauchen den Glauben, daran, dass diese Welt Gottes Reich ist, dass ihr und uns sein Wille nicht nur zum Überleben, sondern zum wahren Leben innewohnt. Wir brauchen den Glauben, dass unsere Welt dem Himmel so nah sein kann, wie Gott dieser Welt nah sein konnte. Wir brauchen den Glauben an Gottes Menschwerdung und daran, dass wir Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen sind. Und wir brauchen die Hoffnung: Unser tägliches Brot gib uns heute: dass wir heute, dass wir jeden Tag aufs Neue von Gott die Lebenskraft und den heilenden Segen erhalten, um das, was uns täglich not tut zum Leben, im doppelten Sinn des Wortes zusammen zu bekommen! Es ist nicht nur die Hoffnung auf Zukunft, es ist die Hoffnung auf das Jetzt, den Tag, der vor uns liegt, den wir alle Tage neu zum Leben, nicht nur zum Überleben, sondern zum Wahr Leben brauchen. Und wir brauchen die Liebe: und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Wir vergewissern uns der Gabe Gottes an uns, nach jedem Verfehlen, nach jedem Verletzen, nach jeder Schuld gesagt zu bekommen: steh auf, lebe, liebe neu! -
Und wir erleben das Vergeben, Forgiveness, die absolute Vor-Gabe Gottes als Befreiung, als die Wahrheit, dass ich, genauso wie mein Nächster, wie meine Nächste, mich in allen Beziehungen einmal schuldig mache, etwas schuldig bleibe - und dass wir einander doch immer wieder noch viel mehr geben können, indem wir einander vergeben können. Und nicht der Versuchung erliegen, der perfekte Mann, die perfekte Frau sein zu wollen, der angebetete Gott, die angehimmelte Göttin, der, die dann nichts anderes werden kann, als dem Nächsten der Teufel, das Böse. Wir brauchen die Vergewisserung, dass wir erlöst davon sind, mehr als Menschen, mehr als wir selbst sein zu müssen. Wir brauchen die Liebe Gottes, um unsere eigene menschliche Liebe leben zu können. Liebe Gemeinde, sag bitte zu unserem Vater, so, wie es Jesus in diesen Worten uns begreiflich machte: mit diesem Gebet „bitte“ zu sagen zu unserem Vater im Himmel, dies bedeutet eigentlich, danke zu sagen. Dank dafür, dass Gott weiß, wessen wir bedürfen, bevor wir ihn bitten. Dank dafür, dass wir uns dessen im Gebet vergewissern können: dass wir gewollt sind, dass wir, indem wir Gott glauben, an uns selbst glauben können; dass wir hoffen können auf jeden neuen Tag unseres persönlichen Lebens, unseres Teilens und Mitteilens von allem Notwendigem als Mensch und Mitmensch; und dass wir lieben können, und einander diese Liebe geben, indem wir einander unsere Menschlichkeit geben und auch vergeben. Liebe Gemeinde, sag bitte zu Gott, - für mich ist diese Aufgabe eine im wahrsten Sinne dankbare. Von der Dankbarkeit sind deshalb zu Recht auch die Fragen und Antworten des HK zum Gebet überschrieben. Denn indem ich ihn um alles bitte, weiß ich, dass ich ihm und keiner anderen Macht im Himmel oder auf Erden alles verdanke. Ich bin frei. Ich bin Gottes begnadetes Kind. Ich bin sein Ebenbild. Ich bin Mensch. Ich bin es mit dir, meinem Bruder, meiner Schwester. Das ist alles, was ich zu meiner leiblichen und geistlichen Notdurft brauche. Was will ich mehr? Danke.
Amen.
Gehalten am 27. Februar 2011 in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Osnabrück


