| 16 | 31 | 46 | 61 | 73 | 85 | 100 | 115 | |
| 17 | 32 | 47 | 62 | 74 | 86 | 101 | 116 | |
| 18 | 33 | 48 | 63 | 75 | 87 | 102 | 117 | |
| 19 | 34 | 49 | 64 | 76 | 88 | 103 | 118 | |
| 20 | 35 | 50 | 65 | 77 | 89 | 104 | 119 | |
| 21 | 36 | 51 | 66 | 78 | 90 | 105 | 120 | |
| 22 | 37 | 52 | 91 | 106 | 121 | |||
| 23 | 38 | 53 | 92 | 107 | 122 | |||
| 24 | 39 | 54 | 93 | 108 | 123 | |||
| 25 | 40 | 55 | 67 | 79 | 94 | 109 | 124 | |
| 26 | 41 | 56 | 68 | 80 | 95 | 110 | 125 | |
| 27 | 42 | 57 | 69 | 81 | 96 | 111 | 126 | |
| 28 | 43 | 58 | 70 | 82 | 97 | 112 | 127 | |
| 29 | 44 | 59 | 71 | 83 | 98 | 113 | 128 | |
| 30 | 45 | 60 | 72 | 84 | 99 | 114 | 129 | |
Frage 129
Predigt von Pastorin Christiane Borchers, Emden
Amen heißt:
Das ist wahr und gewiß!
Denn mein Gebet
ist von Gott viel gewisser erhört,
als ich in meinem Herzen fühle,
dass ich dies alles von ihm begehre.
Liebe Gemeinde!
Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Gebete erhört werden? Trauen sie dem Gebet eine Kraft zu? Glauben Sie, dass Gott Sie hört, wenn Sie ihn anrufen im Gebet? Nicht jedes Gebet ist mit einer Bitte verbunden. Nicht jedes Gebet erwartet eine Veränderung des Bestehenden. Nicht jedes Gebet erhofft die Erfüllung von Wünschen, die uns auf dem Herzen liegen. Aber wenn es doch so ist, dass wir eine Bitte aussprechen, dass wir uns an Gott wenden mit dem Wunsch, er möge uns und der Welt Frieden verschaffen und wir erleben, dass sich nichts ändert, so können uns Zweifel beschleichen, ob Gott unser Gebet erhört. Die Frage 129 des Heidelberger Katechismus will uns gewiss machen, dass wir fest daran glauben dürfen, dass Gott unser Gebet hört und erhört. Die Frage 129 mit ihrer Antwort geht geradezu von menschlichen Zweifel aus und will uns fest machen im Glauben, dass wir Gott von ganzem Herzen vertrauen können, auch wenn die erlebte Wirklichkeit dagegen spricht. Amen, das soll wahr und gewiss sein, so sei es, mein Gebet wird erhört. Amen beschließt im Heidelberger Katechismus das Unser Vater-Gebet und ist die letzte Frage, mit der sich der Heidelberger Katechismus auseinandersetzt. Es bekräftigt insbesondere das Unser Vater Gebet.
Wo hat das Amen seine Ursprünge, woher stammt dieser Begriff? Amen ist ein altes Wort mit einer langen Tradition, das über Jahrhunderte gesungen, gesprochen, gebetet wurde. Im Ersten Testament steht der Begriff אָמֵןֶ - Amen - im Zusammenhang von Fluch- und Segensworten, Bekenntnissen, Gebeten und Lobpreisungen oder auch am Schluss einer Schrift. Die griechische Bibelübersetzung des Ersten Testaments, die Septuaginta, gebraucht für das hebräische אָמֵן – Amen - die Umschreibung γένοιτο – genoito – so sei es, so geschehe es oder άληθινός - alethinos – wahr, wahrhaftig. An wenigen Bibelstellen ( 1. Chr 16,36, Neh 5,13, Neh 8,6) gibt die Septuaginta das hebräische אָמֵן Amen mit der Transkription, der direkten Übertragung, άμην – amen – wieder. Die Grundbedeutung des hebräischen אָמֵן Amen heißt: fest, zuverlässig, treu, sicher, gewiss, als Substantiv Wahrheit, Treue. Amen verbindet drei große Weltreligionen: das Judentum, Christentum und den Islam. Die Aussprache differiert. Im Arabischem, Russischem und Neugriechischem sagen die Menschen Amin.
Im Ersten Testament dient Amen als Zustimmung nach der Rede eines anderen, als Bekräftigung eines Bundes oder Eides, es beschließt einen Lobpreis und ein Gebet. Im Zweiten Testament stoßen wir bei den Evangelien auf einen völlig neuen Gebrauch des Begriffs Amen. In den Evangelien steht es am Anfang einer Rede, führt eine Aussage ein. Άμήν – Amen-, λέγω ύμϊν – lego hymin, sagt Jesus. „Wahrlich, ich sage euch“, und dann folgt ein Ausspruch Jesu, auf den besonderes Gewicht liegt. Das besondere ist, dass das Amen, das Wahrlich, keine Bestätigung des Vorherigen ist. Es ist keine Antwort, hat keinen respondierenden Charakter wie im Ersten Testament. Amen wird in den Evangelien mit wahrlich übersetzt und ist eine Einleitungsformel. In den Briefen im Zweiten Testament wird das Amen ähnlich wie im Ersten Testament verwendet. Im Gottesdienst in der Synagoge und in den christlichen Gemeinden antwortete die Gemeinde mit Amen, wenn der Vorbeter ein Lobpreis oder ein Gebet gesprochen hatte oder wenn der Liturg Briefabschnitte z.B. von Paulus vorlas. Der Vorleser schloss selbst mit Amen, um den Inhalt für sich zu bestätigen. Die Gemeinde wiederholte das Amen. Dadurch bestätigte auch sie den Inhalt des Vorgelesenen. Einen ganz anderen Sprachgebrauch des Wortes Amen findet sich in der Offenbarung. Der verbannte Johannes auf Patmos hat von Gott den Auftrag, der kleinasiatischen Gemeinde Laodizea einen Brief zu schreiben. Er soll mit den Worten beginnen: „Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes“ (Off 3,14). Christus wird hier als „der Amen“ bezeichnet. Amen wird ein Substantiv und personifiziert mit Christus. Christus ist der Amen. Das klingt in unseren Ohren fremd. Damit sich der Bibeltext für uns heute besser erschließt, wäre es nicht falsch, wenn wir statt: "der Amen heißt" übersetzten: "der treue oder der wahrhaftige Christus". Im Ersten Testament wird an einer wichtigen Stelle das Amen ebenfalls als Substantiv gebraucht. „Wer sich segnet auf Erden, segne sich in dem Gott des Amens. Wer schwört auf Erden, schwöre in dem Gott des Amens“ (Jes 65,16). Damit will der Prophet Jesaja, der diese Worte sagt, zum Ausdruck bringen, dass Gott selbst die Treue und die Wahrheit ist. Gott ist das Amen meint: Gott ist der treue, wahrhaftige Gott. Jesaja wehrt damit jegliche anderen fremden Götter ab. Der Gott Israels ist der wahre Gott, der Treue hält, andere Götter sind treulose Götzen, denen keine Wahrheit, Treue und Wahrhaftigkeit anhaftet..
Die erste Stelle, an der in der Bibel Amen vorkommt ist ein Fluchwort (Num 5,1-31). Mose erhält Anweisung von Gott darüber, wie bei einem Ehebruch, bei einem bloßen Verdacht oder bei Eifersucht des Mannes, ob begründet oder unbegründet, vorgegangen werden soll. Die Sanktionen beziehen sich ausschließlich auf die Frau. Der Priester soll sie mit einem zweifachen Fluch belegen, worauf sie zweimal Amen sprechen soll (Num 5,22). Das zweimalige Amen entspricht dem doppelten Fluch. Mit dem Sprechen des Amens erkennt die Frau die Macht des Fluchwortes an und akzeptiert die Strafe. Die Strafe ist so grausam, dass sie dabei unfruchtbar werden kann. Der Mann ist befreit von seiner Schuld. Dieses grausige Fluchritual erinnert an die Zeit der Verzweiflung, der Hexenverfolgung, in späteren Jahrhunderten in Europa. Amen steht in der mosaischen Tradition für Bestätigung und Bekräftigung eines geforderten Gebotes. Von Bedeutung sind die zwölf Fluchworte im 5. Buch Mose (Dtn 27,15-26). Inhaltlich richten sich die Verfluchungen gegen Vergehen wie Herstellung eines Gottesbildes, Elternverachtung, Verrücken von Grenzen, Beugung des Rechts von Witwen und Waisen, Irreleitung von Blinden, sexuelle Verfehlungen, Bestechung, Tötung eines Menschen. Nach jedem Fluch soll alles Volk die Flüche durch ein Amen bestätigen. Hier spricht keine Einzelperson wie bei der Verfluchung der Frau, sondern eine Gruppe. Das Amen des Volkes ist mehr als eine persönliche Bestätigung des Fluchs. Es ist eingebunden in einen sakral-rechtlichen Raum. Durch das Amen wird der Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass das Volk die Verurteilung des Rechtbrechers akzeptiert und legitimiert. Das Amen des Volkes ist gleichzeitig ein Bekenntnis zu Gottes Willen und Gesetz. Die Fluchworte stärken den Einfluss und die Durchsetzung des Gottes Israels gegenüber anderen einheimischen Göttern. Das Volk Israel hat einen anderen Gott und andere Gesetze. Die neuen Gesetze werden durch das öffentliche Amen eingeführt. Durch das gesprochene Amen grenzt sich das Volk Israel gegen die Verehrung von anderen Gottheiten ab. Gesetze und religiöses Ritual sind eng mit einander verflochten, sie fallen nicht auseinander, sondern gehören zusammen.
Ein bedeutendes bekräftigendes Amen liegt bei der rituellen Inthronisation Salomos vor (1. Kön 1,1-2,46). Es kommt zum Streit darüber, welcher Sohn der Nachfolger von König David werden soll. Es bilden sich zwei rivalisierende Parteien mit jeweiligen Priestern und Feldherrn. Bei der Inthronisation von Salomo spricht der Priester Benaja, der diesen an die Macht verholfen hat: „Amen, so möge Jahwe, der Gott meines Königs, sagen“ (1. Kön 1,36). Der Priester Benaja spricht zwar selbst Amen, aber er legt das Amen, die Bestätigung der Thronfolge, beinahe Gott in den Mund. Er möchte seinen Thronfolgerfavoriten als den von Gott Auserwählten legitimiert und anerkannt haben. Gott selbst soll Amen dazu sagen, was Benaja initiiert hat. Benajas Versuch, seine eigenen politischen Ziele als gottgewollt zu legitimieren bleibt nicht ohne Widerspruch und erregt Anstoß.
Amen ist darüber hinaus eine beliebte Schlussformel in Doxologien, in Lobpreisungen. Gelobt sei der Gott Israels von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und alles Volk sagte: Amen (1 Chr. 16,36). Und Esra lobte Jahwe, den großen Gott. Und alles Volk antwortete: Amen! (Neh 8,6). Die Psalmen sind voll von göttlichen Lobpreisungen und Ehrbezeugungen. Sie loben Gottes Taten, rühmen seinen Namen. Das Amen bildet den feierlichen Abschluss. Es bestätigt das, was zuvor gesagt wird und bringt das Gotteslob abschließend machtvoll zum Leuchten. Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden. Amen! Amen! (Ps 72,19). Rhythmische kurze Hymnen schließen mit einem doppelten Amen. Gelobt sei der Herr ewiglich. Amen! Amen! (Ps 89,53) Amen ist ein Begriff aus der gottesdienstlichen rituellen Sprache, stammt nicht aus der Alltagssprache, ist nicht im Alltag verankert. Der Sitz im Leben ist Flüche, Segen, Eide, Königsinthronisation, Bekenntnis, Lobpreisungen, die Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Der Begriff Amen taucht neben der Bibel an zentraler Stelle im Gottesdienst auf. Ein Gottesdienst, in dem Amen nicht vorkommt, ist undenkbar. Amen finden wir in den althergebrachten Gesängen im Evangelischen Gesangbuch … Lobende schließe mit Amen (EG –Nr. 317) und in neueren Liedern: … schön sind deine Namen, Halleluja, Amen (EG-Nr. 664 Refrain). Musiker aus verschiedenen Kunstepochen haben sich inspirieren lassen. Das Amen wurde sowohl in der klassischen Musik z.B. von Bach, Bruckner und Haydn als auch in der modernen Musik z.B. in Gospels, in der Jazz- und Beatkultur auf vielfältige Weise vertont.
Der Begriff Amen wird wie kein anderer mit dem christlichen Glauben und der Kirche identifiziert. Neben dem Kreuz gehört es zum kirchlichen Markenzeichen. „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“ ist sprichwörtlich geworden. Ein anderes Sprichwort: „Zu allem Ja und Amen sagen“ verwendet das Wort allerdings in einem negativen Sinn. Ein Mensch, der zu allem Ja und Amen sagt, hat kein Rückgrat, hängt sein Fähnchen nach dem Wind.
Mit Amen schließt jedes Gebet, im Heidelberger Katechismus wird es im Rahmen des Unser Vater-Gebets in der letzten Frage erklärt. Amen ist Antwort, Bestätigung, Vergewisserung. Amen ist ohne Glauben nicht zu haben, Amen ist ein Glaubenswort. Das Amen nach einem Gebet weckt Vertrauen, stärkt die Hoffnung, macht fest im Glauben und spendet Trost. Gott hört und erhört unser Gebet. Er lässt uns nicht im Stich und wandelt die dunkle Welt einst in einen hellen Morgen. Das ist gewisslich wahr. Amen.
Gehalten am 8. Juli 2012 in der Ev.-reformierten Kirche in Dykhausen


