Frage 20 und 87

Predigt von Pastor Klaus Bröhenhorst, Hildesheim

"Werden denn alle Menschen wieder durch Christus gerettet, so wie sie durch Adam verloren gegangen sind?"

Frage 20

Werden denn alle Menschen 
wieder durch Christus gerettet,
so wie sie durch Adam verloren
gegangen sind?

Nein,
sondern nur diejenigen
die durch wahren Glauben
seinem Leib als Glieder eingefügt werden
und alle seine Wohltaten annehmen.
 

Frage 87

Können denn auch die selig werden,
die sich von ihrem undankbaren,
unbußfertigen Leben
nicht zu Gott bekehren?

Keineswegs;
denn die Schrift sagt:
kein Unzüchtiger, Götzendiener, Ehebrecher,
Dieb, Geiziger, Trunkenbold, Lästerer, Räuber
und dergleichen
wird das Reich Gottes erben.


Liebe Gemeinde... nein und keineswegs. Keineswegs können die, die sich nicht bekehren, selig werden. Keineswegs. Nein. Harte Wörter. Aber, so muss ich sagen: Ich habe Lust zu diesen Wörtern. Vermutlich ist das eine pastorentypische Lust. Vielleicht eine Lust, wie sie überhaupt für die sogenannten "helfenden Berufe" verständlich ist. Denn als Pastor muss man ja immerzu "Ja" sagen. Als Pastor macht man immerzu alles Mögliche noch möglich. Baut Brücken hier. Ist ausgleichend dort. Unmögliches wird sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger. Und wenn schier gar nichts mehr geht, ergeht zumindest die treuherzige Versicherung: Wir arbeiten dran. Denn der Grundtenor ist auf alle Fälle der: Wie hätten Sie´s denn gern? So oder doch anders? Ich will versuchen, was möglich ist. Hier sagt jemand "Nein". Sagenhaft! Hat der keine Angst, Menschen zu verschrecken? Hat der keine Angst, sich unbeliebt zu machen? Hält der sein Nein durch? Oder wird er doch einbrechen, wegknicken – um des lieben Friedens willen, um der Menschlichkeit willen, um einer weiteren gedeihlichen Zusammenarbeit willen? Bleibt der so stur? Ja, das tut der. Der da sein "Nein" sagt, hält das durch. Und er bekräftigt sein "Nein" mit einem "Keineswegs": Keineswegs können die, die sich nicht bekehren, selig werden. "Nein" und "keineswegs". Das ist allerhand. Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal in Kirche und Gemeinde ein "Nein" gehört haben. Wenn Sie eins gehört haben, dann mag es sich um eine Terminabsprache gehandelt haben – nach dem Motto: Am Montags geht´s nicht, aber am Dienstag. Oder: In der Woche ist es schlecht, geht es nicht eine Woche später? Oder vielleicht auch: Für private Feiern, nein, dafür stellen wir unser Gemeindehaus nicht zu Verfügung. Kurz: Vielleicht haben Sie ein Nein gehört... tatsächlich, aber dieses Nein war vermutlich nur in der Höhe, Breite und Tiefe menschlich-allzumenschlichen Interessenausgleichs angesiedelt. In Hinblick auf Ihr Heil, in Hinblick auf Ihre ewige Zukunft bei Gott, in Hinblick auf ein endgültiges Willkommensein in – wie Jesus sagt - in meines Vaters Hause, in dem bekanntlich viele Wohnungen sind... in Hinblick auf das Ziel Ihres Lebens haben Sie kein "Nein" gehört, wurde ein solches "Nein" als drohende Möglichkeit nicht in ihr Blickfeld gerückt. Das kann ich so sagen; da bin ich mir sicher. Zumindest so in den letzten 20, 30 Jahren – da haben Sie ein solches "Nein" nicht gehört. Schade, eigentlich. Oder? Oder nicht? Vielleicht sagen Sie: Nein, ist gar nicht schade. Das ist gut so. Denn das sei ja völlig unchristlich, was der Katechismus da sagt; das sei völlig unchristlich: eine solche Aufteilung: in Gerettete und in solche, die verloren gehen; in Erwählte und Verdammte; heißt es nicht im ersten Timotheusbrief, Gott wolle, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen? Schreibt Paulus nicht im 11. Kapitel des Römerbriefs, dass Gott alle eingeschlossen habe in den Ungehorsam, um sich aller zu erbarmen? Heißt der Heilandsruf Jesu nicht: Kommet her zu mir alle...? Nun, das stimmt. Es gibt sogar noch ein paar mehr Stellen. Schöne Stellen. In der Tat auffällig: dieses "alle". Aber ist es der Weisheit letzter Schluss? Gewiss: Für manche schon. Albert Schweitzer etwa fragt in einer Predigt aus dem Jahre 1907; Werden alle Menschen selig oder nur ein Teil? Und Schweitzer führt dann aus: Auf diese Frage antwortet Jesus, antwortet Paulus, antworten die Kirchenväter, antwortet Luther, antwortet Zwingli, antwortet Calvin: Nicht alle Menschen werden selig, sondern einige sind zum ewigen Leben bestimmt, andere zur ewigen Verdammnis. Wir aber (so Schweitzer) Wir aber, wir antworten gegen alle diese Autoritäten: Nein! Das ist unmöglich, das ist nicht Gottes Wille.
Wenn Gott ein Gott der Liebe ist, so kann keine einzige Menschenseele, die je auf Erden weilte und weilen wird, verloren sein. Nein, das ist unmöglich, dass es da welche geben sollte, die nicht gerettet werden. Es werden alle gerettet, so Schweitzer. Denn, so lautet der letzte Satz seiner Morgenpredigt aus St. Nicolai in Straßburg, vom 16. Juni 1907... denn: Es gibt keine ewige Verdammnis, es gibt nur eine ewige Erlösung. Also: alle? Tatsächlich: alle? Nach Schweitzer: Ja. Der Heidelberger Katechismus sagt: Nein. Es werden keineswegs alle Menschen, so wie sie durch Adam verloren waren, durch Christus gerettet, denn es können keineswegs die selig werden, die sich von ihrem undankbaren, unbußfertigen Leben nicht zu Gott bekehren. Ich sag ´mal: Leuchtet mir ein. Der Heidelberger Katechismus leuchtet mir ein, weil er die Geschichte nicht unterschlägt: dein und mein Verhalten, deine und meine Antwort, dein und mein Herz nicht.... wie es denn nun schlägt. Kann man doch nicht einfach so übergehen, oder? Ist doch sonst im Leben ungeheuer wichtig: wie sich jemand verhält, was er tut, was er unterlässt, ob er zu einem gedeihlicher Zusammenleben beiträgt oder ob er das nicht tut, ob ihm die Zukunft der zukünftigen Generation am Herzen liegt oder ob ihm alles ganz egal ist und die Religion seines Herzens nur aus den beiden Worten besteht: Hauptsache ich! Ist doch nicht egal, ob jemand "Ja" sagt oder "Vielleicht" oder "Nein"! Die Friedensbewegung etwa hat es jedenfalls noch mit Pathos zitiert: Sag Nein!... das Gedicht von Wolfgang Borchert: "Dann gibt es nur eins!" Du Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag Nein! Du Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins: Sag Nein! Du, Besitzer der Fabrik... Du, Forscher im Laboratorium... Du, Dichter in deiner Stube... Das Gedicht geht noch lange, lange so weiter... und immer heißt es: Sag Nein! Ist doch nicht einerlei, was wir tun... wie wir uns verhalten... von wem wir uns befehlen lassen... auf wen wir hören. Gewiss, Psychologen sagen uns: Du darfst aber nicht mit nackten Fingern auf angezogene Leute zeigen, denn ein Unzüchtiger, ein Götzendiener, ein Ehebrecher, ein Dieb, ein Geiziger, ein Trunkenbold, ein Lästerer, ein Räuber und dergleichen – das bist du alles auch. Es kann jeder zum Mörder werden, habe ich gerade in einer Fernsehsendung aufgeschnappt. Und Alexander Solschenizyn schreibt in Archipel GULAG: Das hat sich doch, ehrlich, bloß so ergeben, dass nicht wir die Henker waren, sondern sie. Stimmt. Stimmt alles. Aber dass es nun einmal so war, wie es war (und nicht etwa umgekehrt), das stimmt doch auch. Nicht wahr: Als die Schweizer-Witze Mode waren (nicht Albert Schweitzer, sondern die Landsleute von Wilhelm Tell sind damit gemeint)... als die Schweizer-Witze Mode waren, da gab es unter anderem diesen Witz, der erzählt, dass ein Schweizer vor Gericht steht, weil in seinem Keller ein Destilliergerät gefunden worden war. Der Anklage lautet auf Schwarzbrennerei. Der Schweizer verteidigt sich und sagt: Ich habe nicht schwarz gebrannt. Niemals. Der Richter freilich ist unerbittlich. Aber Sie haben die Vorrichtung, sagt er und verurteilt seinen Landsmann zu 50 Fränkli. Der verurteilte Schweizer bezahlt sogleich und drückt dem Richter 100 Fränkli in die Hand. Sie müssen nur 50 zahlen, sagt der Richter. Die zweiten 50 sind für mein Sexualdelikt, sagt der Schweizer. Aber Sie haben doch kein Sexualdelikt begangen, gibt der Richter zurück. Das nicht, sagt der Schweizer. Aber ich habe die Vorrichtung. Die Schrift sagt: Kein Unzüchtiger, Götzendiener, Ehebrecher, Dieb, Geiziger, Trunkenbold, Lästerer, Räuber und dergleichen wird das Reich Gottes ererben. Mag ja alles in uns sein: solcherlei Verfehlungen. Gewiss! Ist so. Wir haben die Vorrichtung, sind auch immer noch zu allem Bösen geneigt, wie der Heidelberger Katechismus das in Frage 60 behauptet, kommen über einen geringen Anfang des Gehorsams nicht hinaus (so Frage 114)... und doch – wer wollte das bestreiten? – die Summe der Fränkli, die Menschen auf den Tisch legen müssen, die fällt sehr unterschiedlich aus... die einen müssen viel mehr zahlen als die anderen. Es gibt "sonne und solche", wie meine ostwestfälischen Landsleute zu sagen pflegen: "sonne und solche". Es gibt Unterschiede. Die gibt es. Und ich meine: diese Unterschiede, die werden nicht von jenem "alle"... nämlich, dass Gott alle in den Ungehorsam eingeschlossen hat, um sich aller zu erbarmen... diese Unterschiede, die werden von jenem "alle" nicht einfach verschlungen. Ob jemand gemeinschaftsfördend ist oder ein Blutsauger, faul ist oder fleißig, konstruktiv um die Zukunft besorgt ist oder ob er denkt: Nach mir die Sintflut... das ist doch nicht einerlei, oder? Und das ist doch auch nicht einfach weg. Wenn es tatsächlich einen Gott gibt.. Vielleicht sagen Sie: Bitte nicht! So dermaßen hoch darfst Du nicht rechnen. Du begibst Dich in die Position des Himmels. Ja, noch mehr: Du machst Gott gnadenlos – als könnte es nicht von Gott her – auch gegenüber dem, was war – ein Neuschaffen geben. Ja, ein guter Einwand: Gott, der vergibt. Kann freilich kein billiges Sich-selbst-Vergeben seinn, nicht wahr. Kann kein "Gott" dabei herauskommen, der nicht mehr wäre als der oberste Gratis-Versicherer einer Vollkasko-Wunsch-Welt. Aber Sie haben recht: Ich will aufpassen. Ich will aufpassen, dass ich mich nicht in falscher Prophetie überhebe. Das wäre schlecht. Aber das, was der Heidelberger Katechismus an Unterschieden markiert, will ich deshalb nicht verwischen. Diese Unterschiede halten für mich die Spannung fest, die zum Unterwegssein in Gottes Zukunft gehört... just auch dieses: Nein; nein: nicht alle werden durch Christus gerettet, wie sie durch Adam verloren waren; keineswegs werden alle selig werden. Wer anderes lehrt, unterschlägt für mich die Geschichte, wie sie war und ist, unterschlägt für mich das gelebte Leben. Gewiss: jene Aufzählung in Frage 87... angefangen von "Unzüchtiger" bis "Räuber und dergleichen"... diese Aufzählung macht den Eindruck einer arg hausbackenen Biederkeit, die von der Kompliziertheit und Doppelbödigkeit des Lebens nichts weiß. Diese Aufzählung macht den Eindruck, dass das kleingeschriebene "man"... man tut dies nicht / man tut jenes nicht... einen Triumphzug antritt, der sehr rasch in geistiger Enge und in selbstverschuldeter Wirklichkeitsfremdheit enden könnte. So als wäre das, womit wir uns selbst empfehlen wollen, schon die Empfehlung Gottes für uns. Nein, so einlinig Moral-fixiert dürfen wir uns Gott nicht vorstellen. Aber ich will Ihnen ein Beispiel erzählen. Ich bin vor 2 Wochen mit meinem Auto einer Frau in ihrem Auto hinten draufgefahren. Bei mir war ein kleiner Blechschaden zu sehen. Am Auto jener Frau war nichts zu sehen. Einen Tag später rief die Frau an: Sie hätte ihren Wagen untersuchen lassen; es wäre an ihrem Auto tatsächlich kein Schaden entstanden. Menschen, denen ich das erzählte, versicherten mir, da hätte ich sehr viel Glück gehabt; und sie nannten mir etliche Beispiele, die für ein ganz anderes Verhalten standen, Beispiele, die schamlos betrügerisch waren, die aber offenbar gang und gäbe sind. Jene Frau aber war anständig gewesen. Nicht verkniffen moralisch, nicht kleinbürgerlich verbiestert. Einfach nur anständig. Darauf will ich hinaus. Nicht darauf, dass sämtliche sogenannten Sekundärtugenden schon das Jüngste Gericht wären (das wäre auch mir zu eng gedacht); wohl aber will ich darauf hinaus, welche Wohltat es ist, wenn Menschen verantwortlich leben. Denn – tatsächlich-: ich habe kein Geschichtsbild. Auch nicht, was die Ewigkeit angeht. Meinetwegen kann die Hölle leer sein. Ich bestehe nicht auf Einquartierung daselbst – weder aus Korrektheit noch aus Rache. Und dennoch würde ich die Fragen 20 und 87 niemals aus unserem Katechismus streichen, weil ich eben dies aus ihnen heraushöre: Lebe verantwortlich. Tu das. Es ist nicht einerlei, wie Du lebst. Dietrich Bonhoeffer schreibt einmal: Wer hält stand? Und er antwortet: Allein der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf. Allein der Verantwortliche. Und Bonhoeffer schließt mit der Frage: Wo sind diese Verantwortlichen?
Amen.

Gehalten am 15. August 2010 in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Hildesheim