| 16 | 31 | 46 | 61 | 73 | 85 | 100 | 115 | |
| 17 | 32 | 47 | 62 | 74 | 86 | 101 | 116 | |
| 18 | 33 | 48 | 63 | 75 | 87 | 102 | 117 | |
| 19 | 34 | 49 | 64 | 76 | 88 | 103 | 118 | |
| 20 | 35 | 50 | 65 | 77 | 89 | 104 | 119 | |
| 21 | 36 | 51 | 66 | 78 | 90 | 105 | 120 | |
| 22 | 37 | 52 | 91 | 106 | 121 | |||
| 23 | 38 | 53 | 92 | 107 | 122 | |||
| 24 | 39 | 54 | 93 | 108 | 123 | |||
| 25 | 40 | 55 | 67 | 79 | 94 | 109 | 124 | |
| 26 | 41 | 56 | 68 | 80 | 95 | 110 | 125 | |
| 27 | 42 | 57 | 69 | 81 | 96 | 111 | 126 | |
| 28 | 43 | 58 | 70 | 82 | 97 | 112 | 127 | |
| 29 | 44 | 59 | 71 | 83 | 98 | 113 | 128 | |
| 30 | 45 | 60 | 72 | 84 | 99 | 114 | 129 | |
Frage 21
Predigt von Pfarrerin Dr. Ilka Werner, Neuss
Was ist wahrer Glaube?
Wahrer Glaube ist nicht allein
eine zuverlässige Erkenntnis,
durch welche ich alles für wahr halte,
was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat,
sondern auch ein herzliches Vertrauen,
welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt,
dass nicht allein anderen, sondern auch mir
Vergebung der Sünden,
ewige Gerechtigkeit und Seligkeit
von Gott geschenkt ist,
aus lauter Gnade,
allein um des Verdienstes Christi willen.
Lesung: Mt 15, 21-28: Die kanaanäische Frau
Liebe Gemeinde,
wir haben als Lesung von der Frau gehört, die Jesus dazu bringt, ihr zu helfen, auch, wenn er es anfangs gar nicht will.
Am Ende sagt er zu ihr: ‚Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst.’
‚Dein Glaube ist groß’. An anderer Stelle sagt er einmal: ‚Dein Glaube hat dir geholfen’. Oder er schimpft über die Jünger: ‚Ihr Kleingläubigen’. Oder er fragt: ‚Glaubst du das?’
Wenn ich in der Schule meine Schüler und Schülerinnen, meist am Anfang des Schuljahres, frage, was für ein Verhältnis zu Religion sie haben, dann sagen viele: ‚An Gott glaube ich schon, aber nicht so richtig’, oder: ‚nicht so wie die Kirche’, oder: ‚nur ein bisschen’, oder einfach: ‚irgendwas muss es ja da geben’.
Und mich hat letztens nach einem Vortrag jemand gefragt: ‚Glauben Sie eigentlich, was Sie da sagen?’ ‚Ja’, habe ich gesagt, ‚Ja, ich glaube das’, aber nachher habe ich überlegt, was das eigentlich genau bedeutet.
Was ist Glaube? Muss ich alles schlucken, was die Kirche, oder die Bibel sagt? Darf ich manches falsch finden? Oder altmodisch und überholt? Wie viel davon muss ich mindestens glauben? Was ist richtiger, was ist wahrer Glaube?
Ich nehme mal an, ab und zu stellen wir uns alle solche Fragen, in Gesprächen, im Nachdenken allein, im Gebet. Und die Antworten – zumindest die traditionellen – finden wir in Katechismen, diesen kleinen handlichen Lehrbüchern, die die Älteren von uns in ihrer Konfirmandenzeit auswendig lernen mussten. In einem von ihnen, im Heidelberger Katechismus, kommt diese Frage nach dem Glauben vor. Sie steht auch auf der Postkarte, die Sie zum Beginn des Gottesdienstes bekommen haben – oder hinten im Gesangbuch, wo fast der ganze Katechismus abgedruckt ist.
Ich lese Ihnen die Frage und die Antwort vor, und möchte dann mit Ihnen überlegen, was wir heute damit anfangen können.
„Was ist wahrer Glaube?
Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis, durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.“
Zwei Worte sind fett gedruckt auf der Karte, Erkenntnis und Vertrauen. Gucken wir uns die also mal genauer an:
Wahrer Glaube, so heißt ist, ist eine zuverlässige Erkenntnis, durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat.
Also doch alles für wahr halten? Von Adam und Eva bis hin zu dem Buch mit den sieben Siegeln in der Offenbarung ganz hinten in der Bibel? Wortwörtlich?
Nein, wortwörtlich nicht, das würde wohl kaum jemandem von uns gelingen, wir sind schließlich Menschen des 21. Jahrhunderts und haben so viel gelernt durch unsere Wissenschaften, z.B. über die Entstehung der Welt und die Evolution, einfach sagen: Die Geschichte der Menschheit beginnt mit Adam und Eva, das geht kaum. Nein, darum geht es auch nicht: Die Erkenntnis soll uns dazu führen, alles für wahr zu halten, was Gott in seinem Wort geoffenbart hat. Und das, was geoffenbart ist, kann durchaus ein bisschen anders sein, als das, was da steht. In der Bibel steckt Gottes Wort im Menschenwort. Darum steht im Katechismus ‚Erkenntnis’. Glauben ist nicht einfach alles für wahr halten, sondern eine Erkenntnis, durch die wir alles Geoffenbarte für wahr halten. Und eine Erkenntnis ist das Ergebnis sorgfältigen, methodischen, ja wissenschaftlichen Nachdenkens.
Wie kriegen wir also raus, was in der Bibel Offenbarung, und was Geschichte ist? Darüber sind dicke Bücher geschrieben worden – wenn wir das erschöpfend behandeln wollten, würden wir drei Wochen hier sitzen -, aber mit drei einfachen Regeln kommt man schon ganz schön weit:
1. Wenn wir nicht wissen, wo in der Bibel die Offenbarung steckt, müssen wir sie überall vermuten. Darum lautet die erste Frage an jeden Text: ‚Was ist da Wahres dran?’ Wenn wir z.B. nicht daran glauben, dass Adam und Eva die ersten Menschen waren, kann uns die Frage ‚Was ist denn Wahres dran an dem Text?’ dazu führen zu erkennen, wer die Menschen im Verhältnis zu Gott und zueinander sind bzw. sein sollen, und was sie daraus gemacht haben. Sie sollen, so sagt die Schöpfungsgeschichte, Gottes Ebenbilder sein und einander zugewandt. Aber sie misstrauen Gottes Anordnungen, emanzipieren sich und treffen eigene Entscheidungen, die dazu führen, dass sie fern von Gott leben und untereinander Herrschaftsverhältnisse entstehen lassen. So gelesen, hat uns die Schöpfungsgeschichte eine Menge Wahres über das Menschsein zu verraten. Zuerst also fragen: ‚Was ist Wahres dran?’
2. Offenbarung, wenn sie von Gott her kommt, ist das, was wir uns nicht selber sagen können. Wenn wir sie suchen, müssen wir sie also da vermuten, wo uns Texte nicht sogleich einleuchten oder sogar gegen den Strich gehen. Wir fragen also: ‚Was stört mich auf?’ So stoßen wir z.B. auf das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die von ihrem Arbeitgeber abends alle gleich viel, nämlich genug zum Leben bekommen, egal, wie lange sie gearbei-tet haben. Die meisten von uns können da nicht so ohne Weiteres mit, wir finden das erst mal ungerecht. Aber das Nachdenken darüber bringt uns auf die Spur des Gerechtigkeitsverständnisses, das Gott uns offenbart: offensichtlich ist es wichtiger, dass al-le genug haben, als dass jeder bekommt, was er verdient. Als zweites also fragen: ‚Was stört mich auf?’
3. Wenn es Offenbarung gibt, dann deshalb, weil Gott uns nicht nur geschaffen hat, sondern auch etwas mit uns zu tun haben will. Wenn wir sie suchen, dann also da, wo die Bibel an uns appelliert. Die dritte Frage lautet also: ‚Was will der Text von mir?’ bzw. ‚Was will Gott von mir?’. Wir finden in der Bibel Gebote, oder Gleichniserzählungen, die etwas von uns wollen, die uns Gottes Willen erkennen lassen. Und wir sollen das tun. Z.B. die 10 Gebote halten. Wenn wir fragen, was wir tun – oder lassen – sollen, erkennen wir dann oft, was daran Offenbarung ist – etwa, wenn wir uns um Gottes Gerechtigkeit bemühen und dafür sorgen, dass Menschen bekommen, was sie brauchen. Als drittes also fragen: ‚Was will Gott von mir?’
Drei Fragen also für die Erkenntnis dessen, was Gott offenbart hat: Was ist da Wahres dran? Was stört mich auf? Was will Gott von mir?
Das ist fast schon die Hälfte des Glaubens.
Fast? Was fehlt denn noch? Die Zuverlässigkeit der Erkenntnis: ich kann mich ja immer noch irren. Darum kommt der Austausch mit anderen, das darüber reden, das miteinander in der Bibel forschen dazu: die Gemeinde. Gemeinsam kommt man der zuverlässigen Erkenntnis näher. Gemeinsam kann man ehrlicher sein mit der Erkenntnis, gemeinsam kann man eigene Lieblingsideen entlarven. Gemeinsam gelingt zwar keine perfekte, aber eine bessere, zuverlässigere Erkenntnis.
Aber die Erkenntnis allein können wir nicht schon Glauben nennen. Sie ist erst das eine. Es muss das zweite dazukommen: Vertrauen.
In der Katechismus-Antwort heißt es: ‚Wahrer Glaube ist auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir alles von Gott geschenkt ist.’
‚Dass nicht allein anderen, sondern auch mir’: das ist das Entscheidende. Zum Glauben gehört das Vertrauen, dass die gute Botschaft mir gilt!
Erinnern wir uns noch einmal an die Lesung: Die fremde Frau, nicht Jüdin, erhofft von Jesus die Heilung ihrer Tochter, sie glaubt fest daran, dass er ihr helfen kann und wird. Aber er sagt: ‚Ich bin für dich nicht da’. Und sie? Sie gibt nicht auf, lässt sich nicht entmutigen, sie vertraut darauf, dass das nicht sein kann. Und sie überzeugt ihn. ‚Frau, dein Glaube ist groß’, sagt Jesus. Und heilt ihre Tochter, holt sie zurück ins Leben. Was groß ist an ihrem Glauben, das ist das Vertrauen darein, dass das, was sie erkannt hat – Jesus ist der, der helfen kann -, dass das auch ihr gilt.
‚Nicht allein anderen, sondern auch mir’.
Und wir wiederum, wenn wir ihre Geschichte hören oder lesen und vielleicht unsererseits denken, ‚Ach, für mich gilt das nicht’, oder: ‚Für mich ist der nicht gekommen’, wir werden durch die Vertrauensgeschichte dieser Frau in das Vertrauen hineingezogen, dürfen uns an ihr ein Beispiel nehmen: wie sie dürfen wir uns hineinglauben in die Geschichte Jesu. ‚Nicht allein anderen, sondern auch mir’.
Mit dem Vertrauen ist es anders als mit der Erkenntnis, das können wir nicht methodisch erwerben, nicht wissenschaftlich-denkend entstehen lassen. Das machen wir nicht. Das haben wir nicht in uns. Das entsteht nicht aus uns.
Das Vertrauen, so sagt der Katechismus, wirkt der heilige Geist in uns, durchs Evangelium, also etwa durch diese Geschichte der Frau aus Kanaan. Es kommt also von außen, von Gott, wird in uns hineingepflanzt und wächst dann in uns. Und verwandelt die Erkenntnis über Gottes Offenbarung in Glauben. Den Glauben nämlich, dass mir alles, was das Evangelium verspricht, also dass Jesus für mich zuständig ist, - klassisch gesagt: Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit, - dass mir das aus lauter Gnade, ohne jede Gegenleistung meinerseits, geschenkt ist.
Soweit der Katechismus. Zwei Elemente hat der Glaube demnach: die Erkenntnis, die mir sagt, was ich glauben soll, und das Vertrauen, das macht, dass ich das, was ich erkannt habe, für mich glaube.
Und das scheint mir, auch wenn es vor bald 450 Jahren so geschrieben wurde, gar nicht so unmodern:
Dass die Erkenntnis dazugehört, antwortet auf unsere moderne Frage, ob man denn alles wörtlich einfach so glauben soll. Nein, wird deutlich, das soll man nicht, es braucht im Gegenteil eine Menge Gedankenarbeit, um das herauszufinden, was Inhalt des Glaubens sein soll. Unsere Fragen um das ‚Wieviel davon muss ich eigentlich glauben?’ gehören also in den Bereich der Erkenntnis. Da können wir zu Antworten kommen, vor allem im Gespräch miteinander in der Gemeinde, und auch in der theologischen Wissenschaft.
Um diese Erkenntnis aber in Glauben zu verwandeln, das spüren wir auch heute, dazu braucht es noch etwas, was wir eben nicht machen können, worüber wir nicht verfügen, was uns geschenkt werden muss und geschenkt wird vom Heiligen Geist, das Vertrauen, dass das, was zu erkennen ist, auch uns persönlich gilt. Dieses Vertrauen entdecken wir nicht im theologischen Seminar oder im Gesprächskreis, jedenfalls in der Regel nicht. Das kommt von Gott. Und wenn es kommt, wirkt es:
Denn das Vertrauen, das Gott es mit mir zu tun haben will, so, wie es die kanaanäische Frau hatte, dieses Vertrauen nimmt mir die Lebensängste und die Todesangst, es hebt die Distanz auf zwischen mir und Gott, die irgendwann einmal mit den ersten Menschen entstanden ist. Ohne diese Distanz kommt Gott uns ganz schön nah. Er verwandelt uns und macht, dass wir seinen Willen tun und seinen Verheißungen vertrauen.
Ob Glaube ‚groß’ ist oder ‚klein’ oder ‚wahr’, das liegt an diesem Vertrauen, das wir nicht in der Hand haben. Wir haben es also nicht in der Hand, den Glauben zu vergrößern oder richtiger zu machen. Und damit wird deutlich, dass wirklich alles Geschenk Gottes ist: Glaube wird nicht zum Werk, zur Leistung, zur Bedingung, wir müssen uns nicht an der Vergrößerung des Glaubens abarbeiten. Wir können uns um große Erkenntnis bemühen, das ja, aber der Glaube wird uns geschenkt, ganz und gar, und wenn wir es bekommen, dieses Vertrauen, dass Gottes Liebe nicht allein anderen, sondern auch mir gilt, dann vollendet sich die Erkenntnis, dass Gott uns alles schenken will.
Die Frau aus Kanaan hat Jesus erkannt als den Gott, der helfen kann, und hatte das Vertrauen, ihm diese Hilfe abzutrotzen, und als ihr Vertrauen erfüllt wurde, wusste sie, dass ihre Erkenntnis richtig war. So wie ihr, so geht es auch uns, denn der Heilige Geist verspricht: Nicht allein anderen, sondern auch uns. Amen.
Gehalten m 23., 29. und 30. Oktober 2011 in Neuss


