Frage 27

Predigt von Pastorin Sabine Dreßler-Kromminga, Braunschweig

"Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?"

Frage 27

Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?

Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes,
durch die er Himmel und Erde
mit allen Geschöpfen
wie durch seine Hand
noch erhält und so regiert
dass Laub und Grass,
Regen und Dürre,
fruchtbare und unfruchtbare Jahre
Essen und Trinken
Gesundheit und Krankheit
Reichtum und Armut
uns alles andere
uns nicht durch Zufall,
sondern aus seiner väterlichen Hand
zukommt.


Liebe Gemeinde,
pendeln, Karten legen, Horoskope lesen, Blei gießen, die innere Stimme befragen... der Möglichkeiten sind viele, die Menschen ergreifen, um sich auf das Neue Jahr vorzubereiten. Und das eine oder andere davon zu tun ist auch für Christen nicht unbedingt ein Widerspruch. Alle haben ja dieselben Fragen:
Wie wird die Zukunft aussehen? Wird die neue Zeit bringen, was ich mir von ihr erhoffe? Werden meine Vorhaben gelingen?
Oder auch: Was kommt auf mich zu? Worauf muss ich mich vorbereiten, wofür gewappnet sein?
Und doch kommt von unserem christlichen Glauben, mindestens von unserer Tradition her, etwas quer dazu:
z.B. die Frage, was Gott mit uns vorhat. Zu welchen Zielen wir – auf Gottes Spuren – unterwegs sind. Und wo wir, mitten auf dem Weg in eine offene, ungewisse Zukunft, Gott entdecken, Gottes Gegenwart spüren – als die Kraft, die uns treibt, als die Hand, die uns hält, als der Ort, zu dem wir Zuflucht nehmen können, als der Kompass, der uns Richtung gibt.
Es geht uns heute, zu Beginn eines neuen Jahres, in der Beschäftigung mit einer Frage aus dem Heidelberger Katechismus um das, was nicht nur Theologen mit dem, allerdings etwas aus der Mode gekommenen Wort der „göttlichen Vorsehung“ benennen und versuchen, zu begreifen.
So fragt also der Heidelberger: Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?
Und gibt zur Antwort:
„Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen wie durch seine Hand noch erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.“
Fast 450 Jahre sind diese Gedanken alt – und obwohl wir alle wissen, dass die Welt von damals, im 16. Jahrhundert sehr anders aussah als die unsere; mit ihren Lebensbedingungen, mit ihren Glaubensfragen, mit ihren Gesellschaftsordnungen und dem politischen Gefüge – obwohl wir also in einer vollkommen anders geprägten Zeit und Umwelt leben, sind die Fragen damit noch längst nicht abschließend geklärt oder gar obsolet geworden.
Auch die Aufklärung samt der Entdeckung des Vernunftprinzips und der Forderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, als vernunftbegabtes Wesen, dass der Mensch ist, hat letztlich die Sehnsucht und die Bedürftigkeit, besser vielleicht: das Angewiesensein von uns Menschen nicht aufgehoben.
Wenn wir uns also mit dem, was göttliche Vorsehung meinen könnte, auseinandersetzen, und gleichzeitig mit dem, was Menschen als Schicksal oder Zufall erfahren mögen, dann genügt es nicht, über sich selbst etwas zu wissen oder erkannt zu haben in den Zusammenhängen, in denen wir leben und unter den Bedingungen, denen wir ausgesetzt sind.
Wir sind eben – zuweilen als Last, zuweilen als Glück empfunden – nicht nur vernunftbegabte Wesen, die willens und in der Lage sind, sich ihres Verstandes dann auch zu bedienen, sondern in all dem bleiben wir immer fragende, suchende, zweifelnde, gefühlsangetriebene, hoffende und oft genug auch verunsicherte Geschöpfe.
Außerdem sind wir ja, ob im 16. oder im 21. Jahrhundert, vor Überraschungen, vor Gefahren, vor Ereignissen, die wir uns nicht ausgesucht hätten oder solchen, die uns die eigene Begrenztheit erfahren lassen, weder gefeit noch oft genug bewahrt. Und immer noch gibt es – man sagt, heute mehr denn je – genügend Phänomene, die wir uns trotz aller Fähigkeiten eben nicht erklären können, zu denen wir nicht durchdringen noch dass wir sie uns verfügbar machen könnten, um sie zu beherrschen.
Aber sind das dann die Zufälle, die uns treffen oder ist damit die Vorsehung Gottes gemeint, zu der wir letztlich keinen Zugang haben, so sehr wir auch darum bemüht sind, die Geheimnisse der Welt zu erforschen, und den der Geschehnisse innewohnenden verborgenen Sinn zu entblättern?
Was wir definitiv wissen, ist mit Erich Kästner zu Jahresbeginn etwas launig wie folgt ausgedrückt:
„Wird’s besser, wird’s schlimmer?
So fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer lebensgefährlich.“

Und weil das nun mal so ist, möchten wir Sicherungen einbauen, die Chancen möglichst groß und die Risiken möglichst gering halten.
Wollen unser „Schicksal“ – was immer alles damit gemeint sein mag - selbst in die Hand nehmen, wollen nicht fremdbestimmt sein, sondern ganz autonom unser eigener „Herr“ sein.
In unserem von Individualismus geprägten Zeitalter tritt dieser Anspruch, so zu sein, so deutlich wie nie zuvor zutage. Und wir tun so, als läge darin nicht nur der eigentliche Zweck und Sinn unseres Lebens, sondern die Erfüllung schlechthin. Und fordern uns das ab in allen möglichen Lebensbereichen: im ganz Privaten wie im öffentlichen Gefüge.
Mit dem Diktum der Selbstverantwortlichkeit organisieren wir soziale und wirtschaftliche Räume, was zwar in der Folge eine gewisse Gleichgültigkeit, zuweilen eine Gnadenlosigkeit mit sich bringen mag, aber das scheint dazu zu gehören in einer Kultur, in der jeder seines Glückes Schmied und ansonsten selbst schuld ist. Die Welt, in der wir leben, ist an vielen Orten und für viele Menschen kalt geworden – und nicht nur die, die darin nicht mitkommen, zahlen einen hohen Preis für solche „Unabhängigkeit“ und „Selbständigkeit.“

An dieser Stelle kommt die Rede von der „Vorsehung“ quer: weil sie uns erinnert an ein Leben in Bezogenheit auf etwas und jemand anderen, in Angewiesenheit und Bedürftigkeit, die auch zu den Grundbefindlichkeiten des Menschseins gehören.
Dabei geht es nicht um eine falsch verstandene Abhängigkeit, die den einzelnen klein macht und klein hält – nicht vor anderen Menschen und schon gar nicht vor Gott.
Vielmehr: wenn unser Fühlen und Denken von der grundsätzlichen Annahme geprägt ist, dass wir uns nicht uns selbst zu verdanken haben, dann bedeutet das eine große Freiheit. Umgekehrt könnten wir auch etwas provokant sagen: das Ende des Vorsehungsglaubens bedeutet eine Überforderung des modernen Menschen, indem er meint, nicht nur für alles zuständig zu sein, sondern auch alles aus sich selbst heraus schöpfen zu müssen.
Wenn es heißt, dass
„Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere (kommt) uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zu.“
dann benennt das Geschehnisse, Phänomene, Bedingungen und Ereignisse, die wir eben nicht in der Hand haben, die wir nicht beeinflussen können, die wir nicht uns selbst und unserem Handeln oder unseren Leistungen verdanken und wofür wir an mancher Stelle keine Schuld oder Verantwortung tragen.
Sondern die wir nur annehmen können – und uns bewusst machen sollten, dass keineswegs alles selbstverständlich ist – und die wir zuweilen auch, was zugegebenermaßen das ungleich viel Schwierigere ist - mit Schmerzen und Angst, nur hinnehmen können, um sie in unser Leben zu integrieren, um daraus zu lernen, daran zu wachsen – und darin uns selbst auch verändern können.
Noch einmal: es geht nicht darum, zu allem Ja und Amen zu sagen, was uns widerfährt; aber es kann uns helfen, das Leben anzunehmen, wenn wir davon ausgehen, dass ein anderer, außerhalb unserer selbst, den wir Gott nennen, dieses unser Leben kennt und sieht und in seinen Händen birgt.

Wir haben vorhin im 139. Psalm ein großes Zeugnis des Glaubens an solches Angewiesensein und solche Bezogenheit auf diesen Anderen gehört: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Aber gleich darauf heißt es eben auch: „Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen... Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“
Der Widerspruch des Lebens, unsere Sehnsucht und unser Hoffen, unser Bangen und unser Zweifeln wird nicht aufgehoben – und damit auch die Fragen, was Gott mit uns vorhat und warum, nicht abschließend beantwortet.
Aber die Sicht auf dieses Leben, die Perspektive auf das, was mir geschieht, die ist eine andere, als blickte ich nur von mir selbst auf mich selbst und diese Welt: Weil ich mich unter die Augen Gottes gestellt begreife, der weiter und anders, großzügiger und gütiger mich Menschenkind in den Blick nimmt als unsere eigene Begrenztheit es je vermöchte.
„Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“
Solchermaßen in den Blick des liebenden Schöpfers genommen, der noch vieles für uns „vorgesehen“ hat, ist ein ganz guter Grund, von dem aus wir auf das, was im Neuen Jahr kommt, zugehen können, in der bergenden Gewissheit, dass, wo unsere Wege nicht weiter führen mögen, Gottes Augen für uns weiter sehen.
Amen.

Gehalten am  2.Januar 2011 in der ev.-ref. Bartholomäuskirche, Braunschweig