Frage 49

Predigt von Pfarrer Heiner Montanus, Dormund

"Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?"

Erstens:
Er ist im Himmel
vor dem Angesicht seines Vaters
unser Fürsprecher.

Zweitens:
Wir haben durch unseren Bruder Jesus Christus
im Himmel die Gewissheit,
dass er als das Haupt uns, seine Glieder,
auch zu sich nehmen wird.

Drittens:
Er, sitzend zur Rechten Gottes,
sendet seinen Geist zu uns,
der uns die Kraft gibt,
zu suchen, was droben ist,
und nicht das, was auf Erden gilt.


Liebe Gemeinde,
was wird wohl in den Jüngern vorgegangen sein, als sie das erlebten, was wir „Himmelfahrt“ nennen? Was werden sie gedacht und gefühlt haben in jenem Augenblick, als Jesus „zusehends aufgehoben wurde und eine Wolke ihn vor ihren Augen aufnahm“ (Apg 1,9), wie es in der Apostelgeschichte erzählt wird.
Schon da lesen wir ja etwas davon, dass sie verwundert und bestürzt sind, als sie sehen, dass Jesus nun nicht mehr mitten unter ihnen ist. Wie gebannt schauen sie in den Himmel, dorthin, wo sie ihn haben hin entschwinden sehen. Und es muss ein Engel kommen, um ihren Blick vom Himmel abzulösen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“ (Apg 1,11) Und wir vermuten: Es wird nicht gerade Faszination gewesen sein, die die Elf dort nach oben schauen lässt. Nein, begeistert sind sie nicht, als sie mit eigenen Augen zusehen müssen, wie Jesus sich von ihnen entfernt.
Und sie tun, was sie schon nach der Kreuzigung getan haben: Die Jünger gehen nach Jerusalem und schließen sich dort in einer Wohnung ein.
Denn damit, dass Jesus fehlt, ist ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Das, worauf sie gebaut haben, ist plötzlich zerstört und nicht mehr tragfähig. Sie sind im höchsten Maße verunsichert. Denn wie soll es nun weiter gehen mit ihnen? Schließlich war Jesus mit ihnen über Jahre hinweg unterwegs gewesen und hatte sie geführt. Er war im wahrsten Sinn des Wortes vorangegangen und hatte ihnen neue Wege gezeigt. Zum einen natürlich richtige Fußwege, indem er sie durch Galiläa und nach Jerusalem geführt hatte. Aber auch ganz andere Wege hatten sie mit ihm entdeckt. So hatte er mit ihnen zum Beispiel in neuer Eindrücklichkeit entdeckt, was es heißt, an den Gott zu glauben, der sich den Menschen vorbehaltlos in Liebe zuwendet. Und er war mit ihnen auf andere Menschen zugegangen, gerade auch auf solche, die sonst eher außen vor standen und denen nachgesagt wurde, sogar Gott hätte sich von ihnen abgewandt.
Und als Jesus nun vor ihren Augen gen Himmel aufgehoben wird, da bricht all das, was eben noch sicher gewesen war, plötzlich wie ein Kartenhaus zusammen. Worauf sollen sie jetzt noch ihre Hoffnung setzen? Hat es jetzt überhaupt noch Sinn, den mit Jesus eingeschlagenen neuen Weg weiterhin zu gehen? Oder wäre es nicht besser, wieder die altbekannten ausgetretenen Pfade einzuschlagen? Sollten sie sich nicht von all dem abwenden, was sie in den letzten Jahren geprägt hat – genau so, wie Jesus sich gerade von ihnen abgewendet hat?
Dieses schreckliche Gefühl, von Jesus im Stich gelassen zu sein und vor Angst und Enttäuschung nicht mehr weiter zu wissen, kennen sie ja schon. Es hatte sie ja schon an Karfreitag befallen, als sie aus der Nähe oder Ferne mit ansehen mussten, wie Jesus ans Kreuz geschlagen worden war und starb. Auch da waren sie allein. Doch damals war der Schrecken nach drei Tagen vorbei gewesen, als die Engel und die Frauen ihnen erzählten: „Jesus lebt! Gott hat ihn von den Toten auferweckt!“ Und dann war er ja sogar persönlich in ihre Mitte getreten, und es hatte so ausgesehen, als würde alles wieder gut und so normal wie zuvor.
Der Schrecken von Karfreitag saß ihnen also noch in den Gliedern, als sie vierzig Tage später das gleiche erneut erlebte: Jesus war nicht mehr bei ihnen. Und sie bleiben alleine zurück. Ohne ihn, auf sich selbst gestellt.
Was die Jünger da erleben, was sie in sich spüren, können wir gut nachvollziehen. Denn ihre Gedanken, ihre Gefühle sind auch uns vertraut. Dass Gott nicht mehr da ist, dass wir im Stich gelassen und auf uns selbst gestellt sind, das überfällt uns ja auch manchmal, wenn unser Leben zu misslingen scheint und wir denken, allein auf der Welt zu sein, von den Menschen und – schlimmer noch – von Gott im Stich gelassen.
Warum also diese „Himmelfahrt“, die uns die Not der Jünger und unsere eigene vor Augen führt; unsere Not damit, dass Gott eben nicht mit Händen zu greifen und in unserer Mitte wie mit einem Fingerzeig aufzuzeigen ist?
Der Heidelberger Katechismus stellt die Frage auch. Er sieht unsere Not mit dem, was zu Himmelfahrt erzählt wird. Und diese Not nimmt er ernst. Doch er bestätigt nicht unser Gefühl, dass Gott sich von uns entfernt haben könnte. Er sagt nicht: So ist es nun mal. Ihr habt Jesus eben nicht mehr greifbar in eurer Nähe, und damit müsst ihr leben. Sondern er wendet sich dem zu, was in der Himmelfahrt Tröstliches erzählt wird und geschieht.
Er fragt nicht sachlich: Was ist da eigentlich passiert? Und er findet sich mit der verängstigten Grundstimmung nicht ab, die behauptet, Gott sei eben auf Distanz gegangen und von uns abgerückt. Und schließlich: Er versucht uns auch nicht das Geschehen als solches fragwürdig zu machen. Etwa dadurch, dass es doch nun eine alte und überholte Vorstellung sei, die für uns heute so nicht mehr nachzuvollziehen, nicht mehr zu glauben sei.
Nein, der Heidelberger Katechismus bleibt ganz bei uns und unserer Not. In ihr will er uns helfen. Also als Seelsorger redet er zu uns. Und darum fragt er: „Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?“
Eine seltsame Frage: Was nützt das.? Was bringt es uns? Worin liegt der Gewinn für uns? – Wo wir dich eher dazu neigen, vom Verlust zu reden: Jesus ist weg. Oder von der Angst: Wir sind verunsichert.
Nein, der Heidelberger fragt nach dem Nutzen. Nach dem Guten, dem Tragfähigen und Zuverlässigen, das uns in der Geschichte von Jesu Himmelfahrt erzählt wird.
Und ich glaube: Er sucht nicht nach irgendwelchen Kleinigkeiten, die an dieser Geschichte vielleicht auch noch irgendwie nützlich sein könnten. Also etwa nach dem Motto: Was gibt es in dieser Geschichte, die eigentlich doch nur von Verlust und Gottes Ferne erzählt, doch noch an nicht ganz so Schlimmem zu entdecken?
Sondern wenn er vom Nutzen redet, dann spricht er damit von der Mitte, vom Zentrum, vom überwältigenden Kern der Himmelfahrt. Also davon, dass wir eine durch und durch tröstliche und in diesem Sinn nützliche Geschichte hören.
Diesen Trost und Nutzen der Himmelfahrtserzählung bringt der Katechismus dreimal auf den Punkt.
Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?
Erstens:
Er ist im Himmel
vor dem Angesicht seines Vaters
unser Fürsprecher.
Wenn das stimmt, dann hat Himmelfahrt bei aller Entfernung, die wir auf den ersten Blick sehen, vor allem mit Nähe zu tun. All das, was wir verloren glauben, wenn wir die Last spüren, die es bedeutet, Gott nicht greifbar an der Hand zu haben, ist in Wirklichkeit gesichert. Wir sind nicht alleine. Und wir müssen uns mit den Lasten unseres Lebens und unseres Glaubens nicht alleine herumschlagen. Unsere Not ist bei Gott nicht in Vergessenheit geraten. Sondern gerade jetzt ist garantiert, dass wir mit dem, was uns bewegt und bedrückt, bei Gott gut aufgehoben sind. Denn, so erzählt der Heidelberger Katechismus: Jesus hat sich ja nicht zur Ruhe gesetzt. Sondern er führt nun genau das fort, was die Jünger schon zuvor von ihm kannten. Er tritt für sie ein. Er sorgt dafür, dass sie vor Gott zu ihrem Recht kommen. Das ist die Aufgabe des Fürsprechers. Das ist ein Anwalt, unser Anwalt bei Gott. Er bringt uns mit allem, was uns beschäftigt, bei Gott immer wieder in Erinnerung. Indem Jesus nun bei Gott ist, sorgt er dafür, dass wir mit unserem Leben, mit seiner Last und seiner Freude, bei Gott einen Platz haben und in gutem Ansehen stehen. So ist er der Garant dafür, dass alles, was uns bewegt, bei Gott vorkommt und beachtet wird.
Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?
Zweitens:
Wir haben durch unseren Bruder Jesus Christus
im Himmel die Gewissheit,
dass er als das Haupt uns, seine Glieder,
auch zu sich nehmen wird.
Damit wird eine neue, eine andere Form der Nachfolge beschrieben. Nicht nur, dass wir hier im Leben im Sinne Jesu unterwegs sind und er sich zu uns hält. Sondern diese Nachfolge greift weiter, sozusagen bis in die Ewigkeit. Denn sie findet an der Grenze des Todes nicht ihr Ende. Wenn Gott hier schon zu uns steht, dann wird er es auch nach unserem Tod tun. Denn auch der wird uns nicht von ihm trennen können. Und den Weg, den Jesus uns vorausgegangen ist, werden wir auf seiner ganzen Strecke nachgehen. Da kommt es nicht mit dem Tod zu einem Abbruch. Sondern mit Christus werden auch wir auferstehen und leben. Denn Gott bricht unsere Nachfolge nicht an unserem Lebensende ab. Sondern er führt sie fort.
Wir haben unseren Platz bei Gott. Hier im Leben. Und dann einmal auch nach unserem Tod. Wie Jesus diesen Weg vorausgegangen ist, so werden wir ihm nachfolgen. Bis wir das Ziel erreichen, an dem er jetzt bereits ist.
Denn, so das Argument des Katechismus: Wie sollte man die Gemeinde auseinander reißen können? Wie sollte man die Gliedmaßen vom Kopf trennen können. Denn unsere Geschichte ist untrennbar verbunden mit der Geschichte Jesu.
Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?
Drittens:
Er, sitzend zur Rechten Gottes,
sendet seinen Geist zu uns,
der uns die Kraft gibt,
zu suchen, was droben ist,
und nicht das, was auf Erden gilt.
Damit kommt Pfingsten in den Blick. Denn dieses Fest ist untrennbar mit der Himmelfahrt verbunden. So lässt der Engel die gen Himmel starrenden Jünger nach vorne blicken auf das, was sie erleben werden zehn Tage, nachdem Jesus ihren Blicken entzogen worden ist. Und als die Jünger dann den Heiligen Geist empfangen, da wandeln sich ihre Angst und Verunsicherung in Freude.
Was der Heidelberger nun als Folge des Heiligen Geistes beschreibt, scheint wenig mit der Erde zu tun zu haben und viel mit dem Himmel: „zu suchen, was droben ist, und nicht das, was auf Erden gilt.“ Doch gerade darin liegt die Kraft für unser Leben hier. Für ein Leben nämlich, das sich nach dem ausrichtet, was Jesus uns aufgetragen hat: Zeugen zu sein für die Menschenfreundlichkeit Gottes. Für diese sollen wir eintreten mit Wort und Tat. So sollen wir in der Nachfolge Jesu stehen.
Wir sollen hier unten uns für das einsetzen, was droben gilt. Wir sollen andere Maßstäbe in den Blick nehmen, uns nach anderem ausrichten, auf anderes achten, als es rings herum eigentlich üblich ist. Die Sache Gottes soll unsere Sache sein. Als seine Zeugen sollen wir auftreten in dem was wir sagen, wie wir handeln, wie wir leben. Seine Menschenfreundlichkeit sollen wir bezeugen in den Herausforderungen unserer Welt.
Keine leichte Aufgabe. Eine echte Herausforderung. Unsere Erfahrungen damit, wie schwer und umstritten da eine christlich verantwortete Haltung und Lebensweise sein kann, sollen wir nicht so deuten, als sei Gott uns ferne. Nein, Gott steht zu uns. Nicht er ist uns ferne. Sondern manchmal sind eben die Maßstäbe dessen, „was droben“ ist, und dessen, „was auf Erden ist“, himmelweit voneinander getrennt. Und dann steht das, was bei Gott gilt, dem entgegen, was sonst noch Geltung beansprucht.
In dieser Auseinandersetzung, im Streit um das, was hier auf Erden zu gelten hat und getan werden soll, sollen wir uns einbringen. Um das nach menschlichem Ermessen Richtige zu tun.
So liegt in der Himmelfahrt Christi ein dreifacher Nutzen. Denn sie sichert uns Gehör bei Gott. Sie sichert uns unsere Zukunft auch über den Tod hinaus. Und sie sichert uns in unserem Engagement für die Welt, in der wir leben.
Amen.

Predigt gehalten Himmelfahrt 2011 in der Evangelischen Kirchen Siegen-Weidenau