Frage 53

Predigt von Pastorin Brigitte Fenner, Lage-Heiden

"Was glaubst du vom Heiligen Geist?"

Erstens:
Der Heilige Geist ist gleich ewiger Gott
mit dem Vater und dem Sohn.

Zweitens:
Er ist auch mir gegeben
und gibt mir durch wahren Glauben
Anteil an Christus
und allen seinen Wohltaten.
Er tröstet mich
und wird bei mir bleiben in Ewigkeit.

 

Der Heilige Geist: Wer ist das, und was kann er?
Liebe Gemeinde, Ich stelle mir vor, wie es klingt, wenn eine heutige Firma eine Stellenausschreibung für ihn aufgibt. Großanzeige in der Zeitung:

Heiliger Geist gesucht.
Sein Aufgabenfeld erfordert Spontanität und Flexibilität. Unser Unternehmen sucht jemanden, der mobil einsetzbar ist. Seine Stärken sind: Begeisterung für Zukunftsprojekte und die Fähigkeit diese Begeisterung an ein Team weiterzugeben. Für seine Mitarbeitenden hat er ein offenes Ohr. Er arbeitet lösungsorientiert und verlässlich - auch unter schwierigen Bedingungen. „Zeitliche und räumliche Grenzen sind dazu da, um überwunden zu werden“. Wenn dies Ihre persönliche Devise ist, reichen Sie ihre Bewerbung unter folgender Adresse ein....

Liebe Gemeinde,
Was glaubst Du vom Heiligen Geist?
Der Heidelberger Katechismus hat vor 450 Jahren anlässlich des Pfingsttages genauso gefragt und ebenfalls eine Art Anforderungsprofil in die Antwort zu dieser Frage „gegossen“.
Das klang vor 450 Jahren dann allerdings so:

Was glaubst du vom Heiligen Geist?
Erstlich,
dass er gleich ewiger Gott
mit dem Vater und dem Sohn ist.

Zum anderen,
dass er auch mir gegeben ist,
mich durch wahren Glauben
Christi und aller seiner Wohltaten
teilhaftig macht,
mich tröstet
und bei mir bleiben wird bis in Ewigkeit.

Wer weiß – vielleicht haben einige der Älteren unter uns einzelne Fragen aus dem Heidelberger noch gelesen und gelernt. Den Jüngeren unter uns wird diese Sprache allerdings alles andere als vertraut sein.

Die Frage 53, die ich gerade gelesen habe, ist eine von 129 Fragen, die in einem kleinen Lehrbuch für die Gemeinde zusammengefasst wurden. Ein Katechismus: Das ist ein Frage- und Antwortbuch für die Getauften. Ein Buch für die Katechumenen und Konfirmanden – nur das unsere Katechumenen so gut wie gar nichts mehr damit zu tun haben. Die Sprache ist fern. Die Fragen klingen auf den ersten Blick nicht nach unseren Fragen. Darum ist die Vermittlung von Katechismuswissen aus heutiger Sicht eine schwierige, fast unlösbare Aufgabe. Für das Jubiläumsjahr 2013 hat sich die EKD – die Evangelische Kirche in Deutschland - tatsächlich einiges vorgenommen. Auf einer amtlichen Pfarrkonferenz der Lippischen Landeskirche wurden darum im Mai 2012 schon einmal alle Pfarrerinnen und Pfarrer auf dieses Vorhaben eingestimmt: Wie hältst Du es mit dem Heidelberger Katechismus?, wurden sie da gefragt. Das Spektrum der Antworten auf solcherlei Gretchenfrage reichte von „bloß weg damit“ bis zu „ein immer noch bemerkenswertes Buch – von Zeit zu Zeit“.
Insgesamt kam eher verhaltene Freude auf, auch unter den Expertinnen und Experten (wenn man denn studierte Theologinnen und Theologen als solche bezeichnen möchte).

Aber damals, liebe Gemeinde -
damals vor 450 Jahren – da war das ganz anders. Da war dieses kleine Lehrbuch höchst aktuell, super fortschrittlich und modern. Es war hoch angesehen - und zwar nicht nur bei den Theologinnen und Theologen. Lassen Sie mich davon zunächst ein wenig erzählen – bevor ich mich der Frage nach dem Heiligen Geist – sprich der Pfingstfrage - wieder zuwende.

Nachdem die Reformation von Martin Luther, von Zwingli und Calvin in Deutschland und der Schweiz eingeführt worden war, machte man sich recht bald Gedanken darüber, wie die evangelischen Christinnen und Christen in Glaubensfragen selbstständig Antwort finden könnten.

Selbstständig ...
Das war ein unglaublicher Gedanke!

Im Grunde sind die Katechismen (es entstanden damals viele davon) erste Schritte zu einer Beteiligungskirche, zur Demokratisierung der Christenheit, denn nun wird das christliche Wissen erstmals großzügig geteilt. Es wird nicht mehr von wenigen Gelehrten in weithin unverständlichen lateinischen Messen verborgen. Wenn es stimmt, dass Wissen Macht ist, dann lag in diesen Unterrichtsbüchern Sprengstoff. Über Dinge, über die man Bescheid weiß, kann sich der Mensch ein eigenes Urteil bilden. Er kann bewusst Ja oder Nein sagen. Er muss „nicht mehr alles schlucken“ und ist seinen Ängsten weniger ausgeliefert. Auch den Ängsten, die Kirchenleitungen in damaliger Zeit ganz brauchbar fanden: Teufel, Gericht und Fegefeuer. Das waren ganz reale Größen. Sie hielten Menschen klein und machten sie mundtot. Sie machten sie abhängig von einer mächtigen Kirche, die das Heil der Menschen durch Sakrament und Ablass im wahrsten Sinne des Wortes „verwaltete“.

Da kamen nun die Reformatoren und legten ihre Erkenntnisse über Gott und die Welt in die Hände der Gläubigen. Der Gottesdienst wird in deutscher Sprache gehalten. Der Buchdruck macht es möglich, Predigten, Traktate und eben Unterrichtsbüchlein in großer Zahl und zu günstigen Preisen zu drucken. In Zeiten von Facebook, Twitter und Co mag das lächerlich wirken. Aber das war es nicht. Es war eine gesellschaftliche und kirchliche Revolution, die sich da anbahnte. Und so lag dem Heidelberger als Ganzem eine Kraft inne, die sich in jeder Einzelfrage auf je ein Thema zugespitzt entfaltet. Kommen wir also zurück:

Was glaubst du vom Heiligen Geist?
Erstlich,
dass er gleich ewiger Gott
mit dem Vater und dem Sohn ist.

Zum anderen,
dass er auch mir gegeben ist,
mich durch wahren Glauben
Christi und aller seiner Wohltaten
teilhaftig macht,
mich tröstet
und bei mir bleiben wird bis in Ewigkeit.

Hören Sie dieses „Ich“, liebe Gemeinde?
Diesen ganz und gar persönliche Zuspruch, bzw. diese ganz und gar persönliche Aneignung der Kraft Gottes?

Was glaubst du vom Heiligen Geist?
Dass er auch mir gegeben ist!
Nimmt man den Vorspruch dazu, in dem unmissverständlich gesagt wird, dass der Heilige Geist nichts weniger als Gott selbst ist – gleich ewiger Gott mit dem Vater und dem Sohn –,
dann bekommt man eine Ahnung davon, was hier vor sich geht.

Was glaubst du vom Heiligen Geist?
Dass er auch mir gegeben ist!
mich durch wahren Glauben
Christi und aller seiner Wohltaten
teilhaftig macht,
mich tröstet
und bei mir bleiben wird bis in Ewigkeit.

Da gibt es keine Kirche und keine priesterliche Vermittlung mehr dazwischen.
Ich und Gott Vater
ich und Jesus Christus
ich und der Heilige Geist ...

Wir stehen in direkter Verbindung durch den Geist.
Gott ist um mich, bei mir und in mir ...
Nichts und niemand kann mich von ihm trennen ... außer … ja außer vielleicht ich selbst ..., wenn ich die Stimme des Glaubens in meinem Inneren ersticke ….


Was glaubst du vom Heiligen Geist?
Dass er auch mir gegeben ist!

Was tut er dann da, der Heilige Geist – und was kann er – in mir?.
Kommen wir auf unsere Stellenanzeige zurück.

Zunächst einmal tut er vieles von dem, was Theologen vom Heiligen Geist erwarten, gerade nicht.
Laut dem Heidelberger Katechismus ist er kein gewaltiges Brausen. Er ist nicht überall und nirgends. Seine vorrangigen Eigenschaften sind auch nicht Spontanität und Flexibilität ... obschon es ohne alle dem sicher nicht geht, wenn er sich in jedes Menschenherz „einnisten“ möchte. Menschen sind bekanntlich sehr verschieden. Da braucht man schon ein gewisses Maß an Flexibilität.
Zunächst vollbringt der Heilige Geist in der Frage 53 des Heidelbergers jedoch etwas anderes:

1) Er macht mich der Gaben Christi teilhaftig.
Das heißt, er vergewissert mich, dass Jesus auch für mich gestorben und auferstanden ist.
Er vergewissert mich, dass Gott mit meinen Fehlern und Schwächen fertig wird, kurz: dass meine Schuld vergeben ist – wie groß oder klein sie auch sei – es gibt keine Festlegung auf meine Unfertigkeit und mein Versagen. Diese „Gaben“ sollten wir nicht gering achten.
In einer Welt, die immer mehr Perfektion von jedem Einzelnen verlangt, ist dies bis heute ein Versprechen von unschätzbarem Wert. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen aufgrund überfordernder Ansprüche an sich selbst krank werden, ist dies wirklich ein Schlüssel zur Heilung. Es scheint nur manchmal so, als hätten wir Christinnen und Christen diesen Schlüssel verloren. Die Kraft des Geistes gibt ihn uns zurück.

2) Der Heilige Geist tröstet mich.
Der gesamte Heidelberger geht davon aus, dass wir trostbedürftige Wesen sind. Die Älteren erinnern sich an Frage 1: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“
Ja – wir alle sind aus uns selbst heraus eben nicht so stark und unantastbar, wie wir es nach außen immer wieder zu sein vorgeben. An vielen Wendepunkten meines Lebens brauche ich Trost – Zuspruch – Ermutigung – Orientierung. Eben Kraft von einer anderen Kraft. Der Heilige Geist ist diese Kraft.

3) Der Heilige Geist bleibt bei mir ... bis in Ewigkeit.
Der angeblich so Spontane entwickelt also eine erstaunliche Beständigkeit.
Die Kraft Gottes bleibt bei mir.
Sie verlässt mich nicht. Sie kennt kein: Bis dass der Tod uns scheidet.
Der Heilige Geist ist das Verlässlichste, was mir in meinem ganzen Leben gegeben wird.

Nach allem, was der Heidelberger Katechismus mir heute über den Heiligen Geist sagt, möchte ich gern eine neue Stelleanzeige für ihn aufgeben. Nun klingt sie so:

Heiliger Geist gesucht?
Sein Aufgabenfeld erfordert Einfühlungsvermögen und Durchhaltewillen. Seine Stärken sind: Begeisterung für die individuellen Bedürfnisse unserer „Kunden“. Zeitliche und räumliche Grenzen hilft er wahrzunehmen, anzuerkennen und vorsichtig zu erweitern. In seiner Umgebung bleibt der Mensch ein Mensch und genießt gerade darin alle christliche Freiheit.
Amen.

 

Gehalten am 27. Mai 2012 (1. Pfingsttag) in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Heiden.