Frage 54

Predigt von Pastor Hayno Akkermann, Bremen-Rekum

"Was glaubst du von der ‘heiligen, allgemeinen christlichen Kirche’?"

Ich glaube,
dass der Sohn Gottes
aus dem ganzen Menschengeschlecht
sich eine auserwählte Gemeinde
zum ewigen Leben
durch seinen Geist und Wort
in Einigkeit des wahren Glaubens
von Anbeginn der Welt bis ans Ende
versammelt, schützt und erhält
und dass auch ich
ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin
und ewig bleiben werde.

 

Liebe Gemeinde,

die Angst geht um in deutschen Kirchengemeinden: „Wir werden immer weniger! Unsere Gemeinde schrumpft!“ so hört man es landauf landab, wenn man mit Kirchenältesten und Pastorinnen oder Pastoren spricht. In sorgenvollem Ton wird diese Nachricht verbreitet: „Wir werden immer weniger!“
Ich selbst habe gerade in der letzten Woche die Gemeindegliederzahl für unsere Gemeinde bekommen. Diese Zahl ist wichtig, denn danach berechnet die Landeskirche die Geldzuweisung für unsere Gemeinde. Um 6 Personen hat die Zahl unserer Gemeindeglieder in diesem Jahr abgenommen. Mal sind es 6, mal sind es 10 - so geht das Jahr für Jahr. Auch wir in Bremen-Rekum werden immer weniger!
Da geht die Angst um in deutschen Kirchengemeinden. Aus verständlichem Grund: Weniger Gemeindeglieder zu haben bedeutet gleichzeitig, über weniger Geld für die Gemeindearbeit zu verfügen. Mancher Kirchenrat fragt sich mittlerweile: Wie sollen wir die laufenden Ausgaben der Kirchengemeinde bezahlen? Andere fragen sich sogar: Wann müssen wir uns mit der Nachbargemeinde zusammenschließen? Fusionieren sagt man dazu heute. Da geht die Angst um.
Und aufgeregte Geschäftigkeit setzt ein: Wir müssen was tun! Wir müssen wachsen – auch gegen den Trend! Neue Gemeindeglieder müssen her! Wir müssen als Gemeinde anziehender werden für die Menschen!
Dann wird geackert. Dann wird was auf die Beine gestellt. Mittlerweile bieten die Kirchengemeinden ganz tolle Dinge an: Wunderbare Gottesdienste mit Musik. Ausflüge und Reisen. Seelsorge und Lebensbegleitung. Lebendige Feste und Events, die Menschen in Scharen anlocken.
Und wenn dann im Herbst die Gemeindeglieder gezählt werden, dann ist die Zahl wieder ein bisschen kleiner als noch im Jahr zuvor.
„Wir müssen uns noch mehr anstrengen!“ heißt es dann. Wir müssen es machen wie die Geschäftleute. Wir müssen unsere Absatzförderung verbessern.
So geht das jetzt schon seit einigen Jahren: Immer bessere Angebote in den Kirchengemeinden. Gleichzeitig immer weniger Gemeindeglieder. Da hat die Angst leichtes Spiel. Es geht um Geld. Es geht um Einfluss in der Gesellschaft. Es geht darum, dass wir in der Kirche einfach nicht begreifen können, weshalb die Menschen nicht in unsere Gemeinden kommen und dazugehören wollen. Wir erreichen sie nicht. Trotz unserer guten Arbeit. Das macht Angst.

Vielleicht hätten wir in den letzten Jahren nicht so sehr in Handbüchern zur Unternehmensführung lesen sollen. Vielleicht hätten wir stattdessen ab und zu im Heidelberger Katechismus schmökern sollen. Der Heidelberger Katechismus ist das Bekenntnisbuch unserer reformierten Kirche aus dem Jahr 1563. Dort stehen alte, aber hilfreiche Sätze. Wie z.B. die Frage 54 mit ihrer Antwort, die ich in der letzten Woche ganz neu für mich entdeckt habe.
Der Heidelberger Katechismus fragt:
Was glaubst du von der Heiligen, Allgemeinen Christlichen Kirche?
Und der Katechismus antwortet auf diese Frage:
Ich glaube, dass der Sohn Gottes
sich aus dem ganzen Menschengeschlecht
eine Gemeinde zum ewigen Leben erwählt
und dass er sie durch seinen Geist und sein Wort
von Anbeginn der Welt bis ans Ende
in der Einheit des wahren Glaubens
versammelt, schützt und erhält.
Ich glaube, dass auch ich ein lebendiges Glied
dieser Gemeinde bin und ewig bleibe.

In dieser Frage 54 des Heidelberger Katechismus erhalten wir die Antwort auf unsere Frage: „Warum gelingt es nicht Menschen für die Gemeinde zu gewinnen?“
Ganz einfach, sagt der Heidelberger Katechismus: Es liegt gar nicht in eurer Hand, ob ein Mensch zur Gemeinde gehören will oder nicht. Jesus erwählt Menschen. Jesus führt Menschen in einer Gemeinde zusammen. Gemeindewachstum ist Gotteswerk, kein Menschenwerk.
Genau das deckt sich mit der Erfahrung, die viele Verantwortliche in den Kirchengemeinden immer wieder machen: Menschen, um die man sich außerordentlich bemüht, die finden nicht den Weg in die Gemeinde. Doch zur großen Überraschung kommen gerade die Menschen, die man eigentlich gar nicht im Blick hatte. Die kommen, die bleiben, und die leben in der Gemeinde.
Diese Menschen hat Jesus erwählt! sagt der Heidelberger Katechismus. Sonst wären die gar nicht in der Gemeinde. Kein Mensch ist Christ und kein Mensch gehört zu einer christlichen Gemeinde, den Jesus nicht auserwählt hat, sagt der Katechismus.

Trostworte gegen die Angst in den Kirchengemeinden sind das. Nichts anderes! Trostworte gegen die Existenzangst in der Gemeinde: Habt keine Angst! Die Gemeinde wird von Jesus selbst versammelt, von ihm geschützt und von ihm erhalten. Die Kirche geht nicht unter solange auf dieser Welt noch Leben ist. Das ist die Verheißung Gottes gegen die Angst in den Kirchengemeinden.

Wer Angst hat wird hektisch oder ist wie gelähmt. Jetzt hat die Angst verspielt. Das Leben ist zurück jenseits von Hektik oder Lähmung. Ruhig, gelassen und ohne Druck kann in der Gemeinde gelebt und gearbeitet werden. Jesus wird etwas Gutes aus dem machen, was wir in der Gemeinde vor Ort auf die Beine stellen.

Trostworte gegen die Angst in der Kirche bietet der Heidelberger Katechismus in der Frage 54. Die Angst hat verspielt. Wie befreiend ist das. Das Leben ist zurück. Ich bin mir sicher, dass man unseren Gemeinden diese Lebendigkeit – das ist etwas anderes als hektischer Aktionismus – anmerken wird.

Lebendigkeit hat nämlich mit Jesus zu tun. Lebendigkeit hat mit dem Glauben zu tun. Lebendigkeit ist ein besonderer Lebensstil, der in christlichen Gemeinden gepflegt wird.
„Ich glaube, dass auch ich ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin und ewig bleibe.“ sagt uns der Heidelberger Katechismus am Ende der Frage 54.
Ich sage ihnen, wie ich diese alten Worte des Heidelberger Katechismus heute verstehe. Ich verstehe diese Worte so: Ich bin lebendig, weil ich zu Christus gehöre. Ich weiß, was wichtig ist und was eigentlich auch richtig ist in meinem Leben. Meine Lebendigkeit zeige ich im Alltag als Christ. Ich zeige meine Lebendigkeit auch im Leben meiner Gemeinde.
Da werden mir vielleicht manche Christen widersprechen. Viele Christen sagen nämlich, sie haben es bestimmt auch schon zu hören gekriegt: “Ich bin keiner, der in die Kirche rennt. Und mit der Gemeinde hab’ ich es auch nicht so. Aber ich habe meinen Glauben!“
Wie zeigen Sie dann ihre christliche Lebendigkeit? möchte ich da fragen. Woran merkt man, dass sie ein Christ sind?
Ich weiß nicht, was man uns dann erzählt. Aber ich weiß, was der Heidelberger Katechismus uns berichtet. Er sagt: Als von Christus erwählter Mensch bin ich ein lebendiges Glied der Gemeinde. Für den Heidelberger Katechismus gehören der Glaube und die Beteiligung in der Gemeinde zusammen. Den Glauben kann man von der gelebten Gemeinschaft und dem Gespräch unter Christen nicht trennen.
Muss ein Christ also jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen? Als Pastor würde ich mich natürlich freuen. Dann wäre unsere Kirche jeden Sonntag zum Bersten gefüllt. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass der Sonntagsgottesdienst nicht für alle Christen der geeignete Ort ist um ihren Glauben zu leben. Da sind wir als Kirchengemeinde in der Pflicht neue Formen zu finden, wie Menschen ihren Glauben leben können (Bsp. Meditation, religiöse Einkehrwochenenden u.a.)
Ob Menschen sich dadurch ansprechen lassen, dass kann ich ihnen im Voraus nicht sagen. Aber wenn wir bei uns in der Kirchengemeinde von diesem Angebot überzeugt sind, dann sollten wir es anbieten. Dann sollten wir auf diesem Weg gehen.
Und wenn es nicht angenommen wird? Was ist dann?
Dann war es den Versuch wert. Dann lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen und versuchen etwas anderes. Denn Scheitern macht uns jetzt keine Angst mehr. Denn wir wissen ja: Jesus Christus versammelt, schützt und erhält seine Gemeinde bis ans Ende dieser Welt. Was soll uns da schon passieren?
Amen.

 

Gehalten am 24. Oktober 2010 in der Ev.-ref. Kirche in Bremen-Rekum