Frage 54

Konfirmationspredigt von Pfarrer Holger Pyka, Köln

"Was glaubst du von der ‘heiligen allgemeinen christlichen Kirche’?"

Ich glaube,
dass der Sohn Gottes
aus dem ganzen Menschengeschlecht
sich eine auserwählte Gemeinde
zum ewigen Leben
durch seinen Geist und Wort
in Einigkeit des wahren Glaubens
von Anbeginn der Welt bis ans Ende
versammelt, schützt und erhält
und dass auch ich
ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin
und ewig bleiben werde.
 

Eine Wahl, ein Kreuz, ein Name
 
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
Ihr seht heute so anders aus als sonst! Anders als sonst, wenn Ihr in diesen Reihen sitzt. Anders als bis letzte Woche, wenn Ihr dienstags nachmittags abgekämpft und aufgedreht von der Schule zum Konfirmandenunterricht gekommen seid. Ganz anders als vor einem halben Jahr auf der Nachtwanderung durch die Wälder in Wemlighausen. Ihr seht heute anders aus. Auch Eure Eltern nehmen das wahr, manche gucken Euch vielleicht heute anders an als sonst.

Eure festliche Kleidung, die manche von Euch vielleicht total schön, mancher noch etwas ungewohnt findet, ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass dieser Tag heute etwas mit Erwachsenwerden zu tun hat.

Früher war das bei der Konfirmation noch deutlicher, als die Meisten mit vierzehn auch die Schule beendeten und in die Lehre gingen. Das steht Euch noch bevor, aber Ihr und vor allem die Menschen um Euch herum werden merken, wie es ab jetzt ganz schnell und unaufhaltsam Richtung Erwachsenwerden geht. Ihr werdet noch mehr wachsen, Euer Körper verändert sich, Ihr nehmt Euch selbst und andere anders wahr, irgendwann, vielleicht bald, vielleicht nicht so bald, werdet Ihr zum ersten Mal abends richtig viel später als verabredet nach Hause kommen. Ihr werdet noch oft in den nächsten Jahren den Satz hören - und er wird euch nerven, aber doch großen Respekt vor dem Wunder des Lebens ausdrücken: „Mensch, was bist Du groß geworden!"

In vier Jahren, so Gott will, wird jeder und jede von Euch eine Riesenparty feiern, Ihr werdet volljährig und dürft endlich richtig Autofahren, Eure eigenen Entschuldigungen unterschreiben - und dann etwas tun, was für uns Ältere in zwei Wochen dran ist: Ihr dürft wählen gehen. Ich hoffe, Ihr werdet das wirklich tun, denn Ihr habt hoffentlich aus dem Konfirmandenunterricht auch mitgenommen, dass wir als Christinnen und Christen unsere Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen müssen.

Dann werdet Ihr vor eine Liste mit Namen stehen und vor einem Namen ein Kreuz machen.

Eine Wahl, ein Kreuz, ein Name. Damit sind wir mittendrin in dem, was Konfirmation bedeutet. Ihr habt heute die Wahl, oder besser gesagt: Ihr nehmt eine Wahl an, Ihr bestätigt, dass jemand vor Euren Namen ein Kreuz gemacht hat.

Vor vierzehn, bei manchen vor dreizehn Jahren haben Eure Eltern beschlossen, dass Ihr einen bestimmten Namen tragen sollt. Und vor zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren haben Eure Eltern stellvertretend für Euch beschlossen: Dieses Kind soll getauft werden. Vor diesem Namen soll ein Kreuz gemacht werden, der Mensch, der diesen Namen trägt, wird gewählt. Hineingewählt in die unermesslich große Menge derer, die Gottes Kinder heißen, die Schwestern und Brüder von Jesus Christus sind.

Heute nehmt Ihr diese Wahl an. Und jetzt wird's kompliziert, aber großartig: Ihr bestätigt heute zwar offiziell die Entscheidung Eurer Eltern damals, als sie euch taufen ließen. Aber eigentlich nehmt Ihr eine andere Wahl an. Denn noch bevor Eure Eltern überhaupt an Euch gedacht haben, hat jemand anderes Euch gewählt und SEIN Kreuz vor Euren Namen gesetzt. Bevor Ihr das Licht der Welt erblickt habt, hat Gott gesagt: Laurenz, Malte, Fabian, Oliver, Jan-Philipp, Hendrik, Arabella, Luca, Katharina, Frederik, Philipp, Tim, Johannes, Laurens, Lena, Alexander, Helena, Lukas - fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Nicht ihr habt mich gewählt, sondern ich habe euch erwählt, dass ihr viel Frucht bringt (Jes 43,1; Joh 15,16).

Wenn Ihr ein paar Jahrzehnte älter wärt, hätte Euer Konfiunterricht ein bisschen anders ausgesehen. Dann hättet Ihr Fragen und Antworten über den christlichen Glauben auswendig gelernt, dann hätten wir dienstags mit strenger Miene jemanden aufgerufen und gesagt:

„Wir haben über das Glaubensbekenntnis gesprochen, da heißt es: ich glaube an die heilige, christliche Kirche - nun sag mal: Was glaubst du von der »heiligen [...] christlichen Kirche«?"

Und Ihr hättet geantwortet, so wie Ihr es vorher auswendig gelernt hättet: Ich glaube, dass der Sohn Gottes aus dem ganzen Menschengeschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und Wort in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält und dass auch ich ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin und ewig bleiben werde. (Heidelberger Katechismus, Frage 54).

So hat man es vor fast 450 Jahren formuliert. Ihr habt hoffentlich nach Eurem Konfirmandenunterricht nicht das Gefühl, dass wir Euch vorgefertigte Antworten aufgezwungen haben. Aber ich hoffe, dass Ihr mit Euren eigenen, nicht ganz so altmodischen, vielleicht weniger hochtrabenden Worten, trotzdem diese Wahl annehmt. Vor Eurem Namen steht ein Kreuz, als Zeichen dafür, dass Gott Euch erwählt hat - deswegen sitzt Ihr hier. Vor Eurem Namen steht ein Kreuz, als Abkürzung für den Namen Jesus Christus, als Erinnerung daran, dass Ihr alle durch Eure Taufe untrennbar mit Christus zusammengehört. Wer Euren Namen nennt, nennt seinen Namen mit. Wer sich über Euren Namen lustig macht, macht sich über seinen Namen gleich mit lustig. Wer Euch etwas Böses will, vergreift sich an Christus selbst.

Das bedeutet für Euch auch eine Verantwortung - denn wenn ein Kreuz vor Eurem Namen steht, wenn neben Eurem Namen immer auch der Name Jesu steht, dann ist es gut, wenn Ihr überlegt, was Ihr in Eurem Leben so alles unterschreibt. Das kann das Kleine sein, sei es die Frage, ob Ihr bestimmten Videos und Fotos bei Facebook den Daumen hoch zeigt, wenn dort andere Menschen lächerlich gemacht werden. Und das wird im Laufe der Zeit immer mehr werden, wenn Ihr immer älter werdet und immer mehr Entscheidungen treffen müsst. Ihr merkt: Das Leben wird nicht einfacher, je älter man wird.

Aber Ihr seid nicht allein. Nichts, was Ihr tut oder lasst, nichts, was Andere mit Euch machen, ändert etwas daran, dass Gott „Ja" zu Euch gesagt hat. Und ich wünsche Euch, dass Ihr immer wieder von der Neugier gepackt wird, was das konkret für Euer Leben heißt. Niemand kann das Kreuz vor Eurem Namen wegradieren. Christus spricht: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt, dass Ihr hingeht und viel Frucht bringt.
Amen.


Gehalten am 29.4.2012 in der Stadtkirche Kaiserswerth.