Frage 54 und 55

Predigt von Pastorin Sabine Dreßler-Kromminga, Braunschweig

"Was glaubst du von der ‘heiligen allgemeinen christlichen Kirche’?" "Was verstehst du unter der Gemeinschaft der Heiligen?"

Frage 54

Was glaubst du von der ‘heiligen allgemeinen christlichen Kirche’? 

Ich glaube,
daß der Sohn Gottes
aus dem ganzen Menschengeschlecht
sich eine auserwählte Gemeinde
zum ewigen Leben
durch seinen Geist und Wort
in Einigkeit des wahren Glaubens
von Anbeginn der Welt bis ans Ende
versammelt, schützt und erhält
und dass auch ich
ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin
und ewig bleiben werde.

 

Frage 55

Was verstehst du unter der ‘Gemeinschaft der Heiligen’?

Erstens:
Alle Glaubenden haben als Glieder
Gemeinschaft an dem Herrn Christus
und an allen seinen Schätzen und Gaben.

Zweitens:
Darum soll auch jeder seine Gaben
willig und mit Freuden
zum Wohl und Heil der anderen
gebrauchen.

 

„Kirche hat Zukunft!“ – Liebe Gemeinde,
diese Überschrift, zumal mit einem Ausrufungszeichen versehen, hört sich an wie das mehr oder weniger hilflose Protestieren gegen den Trend:
den Trend, dass die Kirche im Schwinden begriffen ist, jedenfalls die herkömmlichen und ehedem großen Kirchen in Europa;
gegen den Trend, dass die Institution Kirche als sinnstiftende und kritische Instanz angesichts einer mehr und mehr säkularisierten Gesellschaft an Position und Einfluss deutlich verloren hat;
dass sie aufgrund ihrer Verfehlungen (denken wir nur an die Offenbarungen des letzten Jahres) die eigene Glaubwürdigkeit verspielt hat;
dass sie innerhalb der Gemengelage anderer, religiöser und nicht-religiöser Heilsanbieter ihre Überzeugungskraft eingebüßt hat –
die Liste ließe sich fortsetzen.
Und ja, alles ist irgendwie richtig; das sind die Realitäten, mit denen wir uns in der Tat auseinander zu setzen haben. Und weil „die Kirche“ das seit längerem weiß, versucht sie mit ganz unterschiedlichen Mitteln und Arzneien dem entgegenzuwirken, sei es durch Gebet und theologische Reflexion, sei es durch Aktualisierung ihrer Arbeitsfelder und mittels eines veränderten Anforderungsprofils für ihre Mitarbeiter/innen; sei es mit Hilfe teurer Beraterfirmen, die unter marktwirtschaftlicher Perspektive Strukturen von Organisation, Strategie und Marketing auch für die Kirche kompatibel machen sollen.
Auch diese Liste der ergriffenen Maßnahmen ließe sich um vieles ergänzen.
Fest steht: Kirche verändert sich, deutlich und massiv; zwar kann sie sich noch „Volkskirche“ nennen, wenn immerhin noch zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland einer christlichen Kirche angehören. Aber bestimmte Selbstverständlichkeiten, wie es sie noch vor Jahrzehnten gab, gibt es nicht mehr; die Tradition setzt sich nicht ungebrochen fort (was allerdings ja auch kein Wert an sich ist; immerhin sprechen wir von der Ecclesia reformata, semper reformanda. Und beileibe nicht jede kirchliche Tradition war den Menschen dienlich).
Trotzdem: Die erwähnten großen Umbrüche und Abbrüche und die damit einhergehenden Veränderungen mögen wir als schlimm und bedrohlich empfinden – wobei wir uns durchaus der kritischen Frage stellen sollten, ob es uns mehr um Theologie und die Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft und für die Welt geht oder ob unser Denken mehr von der Sorge um schwindende Finanzen bestimmt ist - nicht zuletzt, weil unser ganzes System, Stichwort: Kirchensteuern, darauf ausgerichtet ist, dass unsere Volkskirche eine wohlhabende Einrichtung ist – und wenn sie es nun nicht mehr ist, dann sieht es um ihre Zukunft schwarz aus, so fürchten wir jedenfalls. Sicher wird Kirche an vielen Stellen nicht mehr so arbeiten und präsent sein können wie bisher gewohnt – und wir werden uns an ein weit weniger komfortables Dasein mit viel weniger Sicherheiten gewöhnen müssen.
Damit wächst an vielen Stellen der Druck und die Angst - welche bekanntermaßen jedoch schlechte Ratgeber sind und keine günstigen Bedingungen, um wirklich Neues zu denken.
Das bekannte Bild vom Hamster im Laufrad passt durchaus: denn solange wir die alten institutionellen Strukturen behalten und versuchen, auch mit allen Umstrukturierungen und Kürzungen diesen Gebäude noch aufrecht zu erhalten – und auch dieses: kürzen, streichen, wegrationalisieren funktioniert ja nur bis zu einem gewissen Grad, der mit einem Minimum die Arbeitsfähigkeit einer Organisation möglich macht, aber irgendwann geht auch das nicht mehr - solange wir also an diesem System festhalten oder gar darin gefangen sind, solange kann nichts wirklich Neues entstehen.
Das, liebe Gemeinde, scheint mir das Dilemma der Kirche in Deutschland unter heutigen Bedingungen zu sein. Das wusste, so ließe sich denken, schon Matthäus, wenn es in seinem Evangelium heißt: „Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.“ (Mt 9,17)
Und was weiß nun der Heidelberger Katechismus, immerhin auch schon fast 450 Jahre alt, dazu zu sagen?
Wir werden dort keine Modernismen zum Thema Umstrukturierung finden und auch nichts über mögliches „Wachsen gegen den Trend“ (dies eine Formulierung aus einem berühmt gewordenen Impulspapier der EKD);
wir finden beim HK noch nicht einmal die Bestätigung dafür, dass unsere Bemühungen überhaupt richtig und sinnvoll sind;
aber wir könnten etwas entdecken, das uns zurückführt an den Grund, zum Fundament hin für all unsere Überlegungen und unsere wie auch immer gestalteten Versuche, Kirche zu sein.
Wir können nämlich unseren Katechismus dahingehend verstehen, dass Kirche durchaus Zukunft hat – um auf den Titel für heute zurückzukommen – und das, weil gerade nicht wir es sind, die diese Zukunft herbeiführen, sei es durch Gebet oder welche Aktivitäten auch immer.
Weil gerade nicht wir es sind, die das Wohl und Wehe der „Gemeinschaft der Heiligen“ in der Hand haben.
Und Gott sei’s gedankt, dass das nicht so ist, dass wir nicht darüber verfügen können.
Denn der Herr der Kirche war und ist und bleibt Christus selbst – und der ruft seine Gemeinde zusammen „von Anbeginn der Welt bis ans Ende“.
Und er tut das auf besondere Weise: indem er seine Gemeinde „aus dem ganzen Menschengeschlecht“, also über allen Grenzen, alles Menschen Trennende hinweg, „versammelt, schützt und erhält“.
Liebe Gemeinde, machen wir uns doch deutlich, was diese Worte ausdrücken; versammelt zu werden, geschützt zu sein, erhalten zu werden:
Erstens ist das etwas, was uns geschieht, d.h. dass wir also zunächst nicht in die Aktion gerufen sind, sondern dazu, etwas geschehen zu lassen, einen anderen an uns handeln zu lassen.
Zweitens ist alles Tun Christi für die Kirche auf Gemeinschaft ausgerichtet, d.h. da wir uns schlechterdings nicht als einzelne mit uns selbst versammeln können, sind wir in den Augen des Herrn der Kirche immer in Beziehung zu anderen und zu ihm selbst gesetzt; also nicht isoliert, nicht allein, nicht auf uns selbst gestellt.
Es gibt genug Zeiten, in denen wir darauf angewiesen sind, genau dieses Aufgehobensein zu spüren. Und in aller Suche, oft genug in unserer Verwirrung, in aller Heimatlosigkeit, die uns befallen kann, werden wir daran erinnert, dass es Christus ist, der uns mit der Kirche und in ihr ein Zuhause gibt; einen Ort der Geborgenheit, einen geschützten Raum, in dem er auf uns achtgibt.
Die Verfasser des Katechismus haben sich dabei etwas gedacht, wenn sie genau zu diesen Worten als Referenzstellen aus der Bibel auf Johannes 10,28ff verweisen:
Dort ist von Jesus als dem guten Hirten die Rede, diesem Urbild der Geborgenheit, und dieser Hirte weiß, was die ihm Anvertrauten brauchen und welches Schutzes sie bedürfen: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“
Schließlich: dass diese Gemeinde und also die Kirche insgesamt Zukunft hat, ist daran gebunden, dass sie sich gerade nicht selbst erhält und dies gar nicht kann, d.h. nicht sich selbst begründet, nicht sich selbst bestätigt, nicht sich selbst rechtfertigen kann und nicht über die ihr gegebene Zeit verfügt. Vielmehr: Kirche hat Zukunft, weil der, den wir als den Anfang und das Ende glauben und erkannt haben, der das A und das O ist, weil der auferstandene Jesus Christus es ist, der seine Kirche erhält, bis er wiederkommt.
Die größte und sinnvollste Aktivität, die wir an den Tag legen können und sollen, ist zuerst schlicht die des Aufmerksamseins, des Hörens und Achtens auf diesen Herrn der Kirche und auf das, was er sagt. Und darin uns ihm anzuvertrauen. Mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger.
Vielleicht ist das ja gerade eine der schwersten Übungen für uns, die wir Kirche sind: zu vertrauen, zu lassen, uns etwas geschehen zu lassen – um es mit Rilke zu sagen: „einmal sich alles geschehen lassen und zu wissen: was geschieht, ist gut.“

Und dann, aber erst dann, wenn das klar ist, folgt im HK etwas darüber, was uns aufgegeben ist, zu tun und zu sein, nämlich mit der folgenden Frage 55:

„Was verstehst du unter der Gemeinschaft der Heiligen?
Erstens: Alle Glaubenden haben als Glieder Gemeinschaft an dem Herrn Christus und an allen seinen Schätzen und Gaben.
Zweitens:
Darum soll auch jeder seine Gaben willig und mit Freuden zum Wohl und Heil der anderen gebrauchen.“

Liebe Gemeinde,
das ist ja nun nicht Neues, was Sie hören – und doch scheint mir in der derzeitigen Lage diese Erinnerung notwendig:
weil ich angenommen bin, geliebt und erwählt und geheiligt, als eine Existenz, die sich nicht sich selbst verdankt, habe ich einen festen Grund; sicheren Boden, auf dem ich stehen kann. Erinnert daran, dass ich und die Gemeinschaft, zu der ich gehöre, Zukunft haben werden, was auch kommen mag. Die Entscheidung darüber trifft ein anderer.
Aber weil das so ist – und wenn wir dies in unser Denken und Überlegen und unser Handeln integrieren kann, indem wir uns diesem anderen überlassen – werden wir in den Stand versetzt, tatsächlich etwas zu tun, mit unseren Talenten, mit unseren Kraft, mit den uns gegebenen Möglichkeiten, aber auch mit unseren Begrenzungen, damit Kirche sichtbar, erlebbar, spürbar wird für andere, für die Welt.
Und dann können wir leben, auf Zukunft hin, und tun, was jetzt „dran ist“, ohne falschen Druck, ohne sinnlose Hektik, ohne uns von Sachzwängen bestimmen zu lassen, vielmehr getröstet, gestärkt und in großer Gelassenheit.
Weil Kirche Zukunft hat – durch den, der sie auch durch unsichere Zeiten sicher führt.
Amen.

Gehalten am 16. Januar 2011 in der ev.-ref. Bartholomäuskirche, Braunschweig