Frage 58

Predigt von Pastorin Christiane Borchers, Emden

"Was tröstet dich die Verheißung des ewigen Lebens?"

Schon jetzt empfinde ich
den Anfang der ewigen Freude
in meinem Herzen.
Nach diesem Leben aber werde ich
vollkommene Seligkeit besitzen,
die kein Auge gesehen,
kein Ohr gehört hat
und in keines Menschen Herz
je gekommen ist,
Gott ewiglich darin zu preisen.
 

Liebe Gemeinde!

Wie wunderbar ist das Paradies. Ein Ort des vollkommenen Glücks und des Friedens, ein Ort der überfließenden Fruchtbarkeit und Fülle. Mangel existiert nicht. Das erste Testament beschreibt im Bild eines üppigen Gartens vollkommene Verbundenheit mit Gott und seiner Schöpfung. Im Garten grünt und blüht es in Hülle und Fülle. Die Bäume tragen schwere Früchte, Wasser befeuchtet die Erde, Quellen entspringen dem Garten und bewässern die ganze Welt. Der Garten hat einen Namen: Eden. Eden steht sinnbildlich für umfassendes Glück, vollkommene Seligkeit und verbundenes Einssein.

Paradies, Freude, Fülle, die Bibel kennt noch andere Bilder, die für vollkommene Freude, vollkommenes Glück, vollkommene Seligkeit stehen, z. B. wenn Jesus vom Himmelreich erzählt. Er benutzt dabei vertraute Bilder aus der bekannten Lebenswelt und überträgt sie auf das Reich Gottes, das jetzt schon angebrochen ist, aber endgültig noch aussteht. In irdischen Bildern beschreibt Jesus himmlische Zustände. Das Himmelreich gleicht einer kostbaren Perle, die ein Kaufmann auf dem Bazar findet. Der Kaufmann setzt sein ganzes Vermögen dafür ein, damit er diese einzigartige wunderschöne Perle besitzt. Er ahnt, dass er hier etwas ganz besonderes entdeckt hat. Eine kostbare Perle spiegelt etwas wider von Schönem und Vollkommenem. Eine Perle ist rund und schön, ein Bild für Harmonie und Vollkommenheit.

Jesus vergleicht das Himmelreich mit einer Hochzeit, die gefeiert wird. Auf der Hochzeit zu Kana füllen die Diener die großen steinernen Krüge randvoll mit Wasser, plötzlich ist aus dem Wasser ein kostbarer Wein geworden. Die Hochzeitsfeier selbst und der funkelnde, wieder überreichlich vorhandene Wein sind Bilder für die übergroße Freude, die im Himmelreich sein wird.
In der Offenbarung ist vom himmlischen Jerusalem die Rede, dem Ort, an dem es keinen Schmerz, keine Tränen, kein Leid mehr gibt. Die Menschen sind glücklich, in Gemeinschaft, umstrahlt von Glanz und Licht.

Obwohl kein Mensch an dem Ort der vollkommenen Freude, des Friedens und des Lichts je gewesen ist, fehlt es nicht an Bildern für diese wunderbare Welt, in der der Mensch glücklich und selig ist.

Kein Auge hat je gesehen die vollkommene Seligkeit, die ich nach diesem Leben besitzen werde, lehrt der Heidelberger Katechismus und kein Ohr hat sie je gehört. In der vollkommenen und neuen Welt Gottes herrscht keine Totenstille, es gibt einen Klang. Kein Ohr hat ihn je gehört. Himmlische Musik und Gesang der Engelschöre erfüllen das Himmelreich. Das Rauschen der Bäume, das Plätschern des fließenden Wassers, der Gesang der Vögel, die Geräusche der Tiere erfüllen das Paradies. Jerusalem, die hoch gebaute Stadt, die ihr Abbild im Himmel hat, feiert eine prächtige Hochzeit. Auf einer Hochzeit ist Musik und Tanz.

Die vollkommene Seligkeit ist in keines Menschen Herz je gekommen und doch hat das menschliche Herz eine tiefe Sehnsucht und eine Ahnung davon, was es heißen könnte, nach diesem Leben die vollkommene Seligkeit zu besitzen. Niemand würde von einem vollkommenen Zustand des Glücks
träumen und sich danach sehnen, wenn in ihm nicht ein tiefer Wunsch nach vollkommener Verbundenheit existierte. Tief in unserem Innern liegt ein Wissen um die Weisheit verborgen, dass es über alles irdisch Erleb- und Erfahrbare hinaus einen vollkommenen Heilszustand gibt.

Die Verfasser des Heidelberger Katechismus haben ihre Aussagen in den Fragen und Antworten stets mit Bibelstellen untermauert. „Kein Auge hat je gesehen, kein Ohr hat je gehört und in keines Menschen Herz ist je gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in seinem ersten Brief an die Korinther (1. Kor 2,9) und zitiert dabei den Propheten Jesaja aus dem Ersten Testament. Fast wörtlich hat der Heidelberger Katechismus diese Formulierung des Paulus, die ursprünglich aus dem ersten Testament stammt, aufgenommen.

Ich habe Sehnsucht nach dem Paradies, nach der Fülle und Freude und dem Einssein mit Menschen, mit Gott und seiner ganzen Schöpfung. Ich wünsche mir vollkommene Seligkeit und vollkommenes Glück. Ich möchte eins sein mit den Tieren und der Natur, von der wir lernen können, wie Leben perfekt ineinander greift, wie empfindlich die Lebenssysteme sind und dennoch robust, dass das Leben sich trotz großer und grober Zerstörung erneuert. Die Erneuerung ist nicht unerschöpflich, sie kommt zu ihrem Ende, wenn die Zerstörung im drastischen Maß überhand nimmt.

Ich habe Sehnsucht nach dem Paradies, dem Garten Eden, der Quelle der Freude und der Schönheit, der Quelle und dem Ursprung des Lebens, die hineinfließt bis in unsere Tage und in mein kleines persönliches Leben. Ich habe Sehnsucht nach dem Paradies, das mir die Fülle vor Augen führt, die mich sehnen lässt nach vollkommener Entfaltung wie eine Blume, die ihre Blüte entwickelt. Ich habe Sehnsucht nach dem Himmelreich, das mit Jesus in diese Welt hereingebrochen ist, aber in Vollkommenheit noch aussteht. Schon jetzt, hier auf Erden, empfinden Menschen den Anfang der ewigen Freude, die kommen wird.

Ich habe Sehnsucht nach dem Himmelreich mit seinem Glanz und Licht, weil meine Tage oft nicht glanzvoll und licht verlaufen. Ich habe Sehnsucht nach dem Himmelreich mit seinem funkelnden Wein, weil ausgelassene Freude und edle kostbare Stunden oft zu wenig vorkommen. Ich habe Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem, dem Ort der Freude und des Glanzes, dem Ort, an dem kein Schmerz und kein Leid mehr sein wird, eben weil es in der Welt viel Schmerz und Leiden gibt.

Die Verfasser des Heidelberger Katechismus sind davon überzeugt, dass nach diesem Leben Gottes neue Welt kommt, die voller Freude und vollkommener Seligkeit ist. Solange wir auf Erden leben, seufzen wir und ängstigen uns und mit uns die gesamte Kreatur und Schöpfung. Alle sehnen, und alles sehnt sich nach Erlösung (Röm 8,22f). Solange wir in unserer irdischen Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, schreibt der Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth (2. Kor 5,2-3). Diese Bibelstelle ziehen die Verfasser des Heidelberger Katechismus in unserer Frage 58 heran, als sie von der Freude reden, die ein jeder Mensch schon jetzt in seinem Herzen verspürt, die ihn erwartet einst nach dieser Zeit. Das Seufzen und Beschwertsein weckt und nährt die Sehnsucht nach der ewigen Freude. Wer im Dunkeln wohnt, sehnt sich nach Licht. Wer keine Hoffnung hat, wünscht sich, dass ein neuer Tag anbricht und mit ihm eine neue Hoffnung. Ewige Freude erwartet den Glaubenden im Reich Gottes. Ewig bezeichnet neben andauernd und ohne Ende, etwas, was der zukünftigen Welt angehört.

Uns ist das ewige Leben verheißen. Gott bereitet uns Menschen ewige und vollkommene Seligkeit. Das ist zu wunderbar, um es zu begreifen. Unvorstellbar groß ist Gottes Liebe, unvorstellbar groß ist seine Zuwendung, unvorstellbar groß ist seine Treue. Uns ist Hoffnung gegeben, unser Leben endet nicht im Nichts, sondern wir sind aufgehoben in Gottes guter Hand. Nach diesem Leben werden wir die vollkommene Seligkeit besitzen.

Der Heidelberger Katechismus ist in Fragen und Antworten aufgegliedert, die Fragen und Antworten sind so formuliert, dass wir direkt als Person angesprochen werden. Was tröstet dich die Verheißung des ewigen Lebens, lautet unsere Frage 58. Die Antwort ist in der ersten Person gehalten: Schon jetzt empfinde ich den Anfang der ewigen Freude in meinem Herzen. Also nicht bloß andere sind gemeint, mit denen ich nichts zu tun habe, sondern ich bin persönlich angesprochen, mir gilt die Verheißung, ich bin in Gottes Liebe einbezogen. Damit sind andere nicht ausgeschlossen, auch ihnen wird die Seligkeit verheißen, aber wir sollen uns persönlich mit der Zusage Gottes durch die persönliche Formulierung identifizieren. Gottes Wille und Werk betreffen mich, gehen mich ganz persönlich an.

Die Frage 58 und ihre Antwort erläutern den letzten Teil des Glaubensbekenntnisses. Das Glaubensbekenntnis ist im Heidelberger Katechismus unter der Frage 23 aufgeschrieben. Wir vergegenwärtigen uns: Das Glaubenbekenntnis gliedert sich in drei Artikel: Artikel 1: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden, Artikel 2: und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn. Es folgen Aussagen über Jesus, sein Leben, seinen Tod, seine Auferstehung, Artikel 3: Ich glaube an den Heiligen Geist. Der dritte Artikel endet mit dem Bekenntnis: Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Auferstehung und ewiges Lebens sind Konsequenzen des Glaubens, die Frage 58 und ihre Antwort thematisieren nicht explizit den Glauben, sondern setzen ihn voraus. Wer an Gott, an Jesus Christus und den Heiligen Geist glaubt, dem wird die vollkommene Seligkeit verheißen, der wird den Ort der Freude und der Fülle sehen, der wird an der Hochzeit teilnehmen und am gedeckten Tisch im Reich Gottes das große Fest feiern. Wer glaubt, dem wird verheißen, dass er nach diesem Leben an einen Ort geführt wird, an dem es keinen Mangel und keinen Schmerz mehr gibt.

Nicht alle haben erkannt, dass Jesus Gottes Sohn ist, nicht alle haben erkannt, dass in Jesus Gott selbst gekreuzigt wurde, nicht alle haben erkannt, dass uns durch Jesus Christus das ewige Leben verheißen wird. „Denn das ist das ewige Leben“, schreibt der Verfasser des Johannes-Evangeliums, der Heidelberger Katechismus zitiert diese Bibelstelle in der Antwort auf Frage 58: „Denn das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3). Die Erkenntnis, dass Gott und Jesus Christus ewiges Leben haben und geben, führt zu dem Bekenntnis: Gott ist der Allmächtige im Himmel und auf Erden, Jesus Christus ist sein Sohn, durch ihn haben wir das ewige Leben, der Heilige Geist bewirkt, dass wir dieses erkennen können. Die einzig angemessene Haltung für das Gottesgeschenk der vollkommenen Seligkeit ist, Gott dafür zu preisen ewiglich. Der Lobpreis beginnt jetzt, in meinem irdischen Leben, endet aber nicht mit dem Verlassen der irdischen Hülle, sondern geht weiter in Ewigkeit. Der Lobpreis wird fortgesetzt und hört niemals auf.

Uns ist das ewige Leben verheißen. Was tröstet dich die Verheißung des ewigen Lebens? fragt der Heidelberger Katechismus in unserer Frage 58. Die Antwort ist schon in der Frage enthalten. Dass wir das ewige Leben erhalten, tröstet. Kann die Verheißung auf das ewige Leben Trost sein? Ich meine wohl. Uns ist Hoffnung gegeben. Das Licht und der Glanz, der uns verheißen wird, scheinen schon jetzt in unsere Welt hinein. Jesus ist das Licht der Welt, die Welt ist nicht der Finsternis überlassen. Die Verheißung auf die vollkommene Seligkeit lässt Bilder vom Paradies aufkommen. Die Vorstellung vom Paradies führt zu den Ursprüngen, in denen ein vollkommener Heilszustand herrscht. Auch wir waren in unserem Ursprung verbunden, geborgen im Mutterleib, ungetrennt und vereint.

Was tröstet dich? Gemeinschaft, Verbundenheit, Annahme, dass ich Hoffnung habe. Ein Auge, das sieht und wahrnimmt, ein Ohr, das hört und zuhört, ein Menschenherz, das liebt und wärmt. Am Ende der Tage, am Ende der Zeit, wird Gottes Verheißung vollkommene Wirklichkeit werden. Unrecht gehört der Vergangenheit an, Gerechtigkeit setzt sich durch, die Dunkelheit schwindet, das Böse hat keine Macht mehr, Unrecht wird gesühnt. Das ganz große Fest des Lebens findet statt. Wir werden die vollkommene Seligkeit besitzen. Amen.

EG-Nr. 147: Wachet auf, ruft uns die Stimme
 

Predigt gehalten am 27. Januar 2013 in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Surrhusen