Frage 59 und 60

Predigt von Pastor Klaus Bröhenhorst, Hildesheim

"Wie bist du gerecht vor Gott?"

Liebe Gemeinde … vor Gott gerecht … ist das überhaupt nötig …? Oder anders gefragt: Können sich mit dieser Frage nicht nur Menschen herumschlagen, die religiös in einer Art Selbstverdächtigung, Selbstmisstrauen ansprechbar sind? Spaltet diese Frage die Menschheit nicht von vornherein auf?
Aber sind denn die, die diese Frage nicht bewegt, von vornherein die Verdammten?
Ich frage das, weil mir manchmal etwas durch den Kopf geht, etwas Ketzerisches … etwas auch evangelisch Ketzerisches … die Frage nämlich, ob die Reformation wirklich das katholische Denkmuster überwunden hat … oder ob das insgeheim doch nicht der Fall ist …
Gewiss: überall wird einem versichert, dass die Reformation – ausgelöst durch den Ablasshandel und andere Missbräuche – (dass die Reformation) die Geschäftemacherei mit dem Himmel und so dann auch den Verdienstgedanken … dass du dir den Himmel verdienen musst … dass die Reformation damit aufgeräumt habe … dass eben alles viel freier und viel gelöster sei bei uns … was dann später zu den vier „allein“ geführt hat: allein Christus … er hat für dich genug getan … da muss nichts ergänzt werden von dir … allein die Schrift und nicht etwa das, was als Kirchengesetz … oder Kirchenerfindung (das Fegefeuer zum Beispiel, die Fastengebote) was dir da aus der Tradition vorgeschrieben werden soll … (halte dich damit nicht auf) allein der Glaube … und nicht etwa Glaube und Werke als eine Art unzertrennliches Tandem … wie Plisch und Plum … Asterix und Obelix … Hermann und Dorothea … nein: allein der Glaube … steht da zwar nicht bei Paulus in Römer 3 … steht da nicht … so halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke aus Glauben … steht da … nicht allein aus Glauben …aber in der Lutherbibel steht es eben doch so: allein aus Glauben … da sieht man, was Martin Luther besonders wichtig war … und Calvin hat es ihm nachgesprochen: allein aus Glauben … und alles zusammengefasst dann mit „allein durch Gnade“, allein als Geschenk … als Geschenk des Herrn … des in Gnade freien Herrn für seine aus Gnade freien Kinder …
Hört sich gut an. Ist auch gut.
Aber Glaube – dein und mein Glaube – muss doch sein, oder? Er muss doch auch evangelisch sein, oder? Er ist doch unerlässlich, nicht wahr. Glaubst du, so hast du, sagt Luther.
Wie bist du gerecht vor Gott?, fragt der HK in Frage 60 und antwortet: allein durch wahren Glauben an Jesus Christus. Und Frage 59 bereits ganz ähnlich: Was hilfst es dir aber nun, wenn du das alles glaubst? Antwort: Ich bin dadurch in Christus vor Gott gerecht und ein Erbe des ewigen Lebens.
Dadurch … durch Glauben … vielleicht sogar allein aus Glauben, wie Luther Römer 3 übersetzt … aber eben doch: durch Glauben … Was aber, wenn der Glaube fehlt? Was, wenn jemand sagt: Ich kann nicht glauben? Käme dieser jemand dann evangelisch nicht genauso in die Hölle (aus Mangel an Glauben, nämlich) wie jemand im 16. Jahrhundert (aus Mangel an guten Werken) katholisch in die Hölle kam?
Was wäre dadurch gewonnen? Wärest du nicht hier wie dort auf einen Mangel zurückgeworfen? Auf etwas, was du nicht hast. Auf etwas, was du nicht bieten kannst? Und darum meine Frage: Hat die Reformation … wirklich einen Fortschritt gebracht? Sie hat Dinge vergeistigt, gewiss. Sie hat mit vielem aufgeräumt, was sie für abergläubisch hielt, gewiss. Sie hat denen, die weltlich leben mussten, gesagt: Ja, du darfst auch weltlich leben. Du musst deshalb kein schlechtes Gewissen haben. Du bist kein schlechterer Christ deshalb. Aber im entscheidenden Punkte … in Hinblick auf dein ewiges Geschick … hat sie da wirklich eine bessere Antwort gegeben, wenn sie alles auf den Glauben stellt? Wie viel praktischer war da doch die katholische Antwort im 16. Jahrhundert … denn gute Werke, die kann ich tun … oder ich kann sie lassen … aber Glaube … der muss mir geschenkt werden, nicht wahr … der muss mir gegeben werden … und wenn er mir nicht gegeben wird …?
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor …
so sagt es Dr. Faustus zu sich selbst …
Hat alles nicht geholfen: Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie … hat alles nicht geholfen … und darum hat er sich der Magie ergeben … damit er erkennt, was die Welt im Innersten zusammenhält … so formuliert Goethe zu Beginn seiner Tragödie „Faust“.
Das Selbstgespräch des Dr. Faustus wird dann unterbrochen … unter anderem durch den Osterchoral: Christ ist erstanden …
Diese Botschaft aber erschließt sich Dr. Faustus nicht. Er sagt: Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Glaube ist Dr. Faustus nicht gegeben. Nach Frage 59 des HK ist Dr. Faustus darum kein Erbe des ewigen Lebens. Er ist nicht gerecht vor Gott. Er hat am Jüngsten Tag keinen Freispruch zu erwarten. Er gehört zu denen, die zwar durch Adam verloren, aber nicht durch Christus gerettet sind. Denn – so der HK in Frage 20: Nur diejenigen werden gerettet, die durch wahren Glauben Christi Leib eingefügt werden und alle dessen Wohltaten annehmen.
Dr. Faustus also nicht … und andere auch nicht … die meisten nicht, nicht wahr … fast alle nicht … fast alle …
Da stimmt was nicht, oder? Ich meine: Da stimmt was nicht. Das kann´s nicht sein. Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll. (so heißt es doch in der Weihnachtsgeschichte) Machet zu Jüngern alle Völker … (so der Schluss des Matthäusevangeliums) Gott hat alle in den Ungehorsam beschlossen, um sich aller zu erbarmen … so Paulus im Römerbrief …
Allem Volk. Alle Völker … alle … muss das alles durchs enge Tor … durchs Nadelöhr des Glaubens hindurch …? Wirklich? Ist Vorschrift Vorschrift? Wirklich?
Das wäre ja wie bei jenem Mann, der vom Verdursten bedroht durch die Wüste krabbelt, kaum noch vorankommt und auf einen Krawattenverkäufer stößt … Krawatten: lange, kurze, bunte, einfarbige … brauche ich nicht, sagt der Mann, der kurz vorm Verdursten ist und schleppt sich weiter … hinter einer Sanddüne ist da dann doch ein Gebäude … der Mann atmet auf … er denkt: Ich bin gerettet … er klopft … jemand in einem schicken Livree, also eine Art besserer Diener, öffnet … und fragt: Was wünschen, der Herr?
Lassen Sie mich rein; ich verdurste. Mein Herr, sagt da der Diener. Hier ist ein Casino. Ohne Krawatte kommen Sie nicht herein.
Wollen wir so sein, als Kirche? Nein, nicht wahr. Wollen wir nicht.
Aber wie dann? Wie wollen wir dann sein? Wie kann es gelingen, weder Gott zu verharmlosen, weder zu unterschlagen, dass für uns mit Ihm alles auf dem Spiel steht … alles … Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten … Wie kann es gelingen, dass wir das nicht unterschlagen … und dass wir doch nicht irgendwie … so insgeheim protestantisch lächelnd und versichernd, dass wir es nur gut meinen … eben doch zu geistlichen Erpressern werden … Du musst aber glauben … du musst es … sonst … sonst sieht´s schlecht aus.
Ich habe keine Antwort … keine neue Antwort … keine Antwort von heute … ich habe auch wenig Mitstreiter, Mitsuchende …
Der einzige … darum zitiere ich den auch so gern und oft … der einzige … der da nach neuen Antworten … ja sogar nach einer neuen Sprache gesucht hat, ist für mich Dietrich Bonhoeffer … er schreibt 1944: Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte – sagen konnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d.h. eben die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen …
Dieser These Bonhoeffers ist heftig widersprochen worden … seitdem seit den 60er Jahren Räucherstäbchen in europäische Bürgerstuben einzogen … große evangelische Landeskirchen wegen erhöhter Nachfrage Pilgerpfarrer einstellen … Versandhäuser (wenn nichts ausgesprochen Christliches) so doch zumindest eine Buddha-Figur im Angebot haben … (mit und ohne Beleuchtung) … und Klöster sich vor gestressten Managern, die dort eine Auszeit suchen, kaum noch retten können … seitdem scheint Religiöses mehr denn je im Schwange … Ja, das stimmt … in dem Sinne ist die von Bonhoeffer erwartete völlig religionslose Zeit nicht angebrochen … Aber das beruhigt mich nicht … und das darf mich (wenn ich Bonhoeffer recht verstehe) auch nicht beruhigen … denn Bonhoeffer will ja auf die hinaus, die durchs hergebrachte religiöse Schema fallen … und das sind doch heute: die allermeisten …
Bonhoeffer fragt, ob wir uns denn wirklich auf die beschränken wollen, die er “letzte Ritter” nennt … auf die, die als intellektuell unredlich bezeichnet und bei denen wir deshalb religiös noch landen können. Er fragt: Sollten das etwa die wenigen Auserwählten sein? Sollen wir uns eifernd, pikiert oder entrüstet ausgerechnet auf diese zweifelhafte Gruppe von Menschen stürzen, um unsere Ware bei ihnen abzusetzen? Sollen wir ein paar Unglückliche in ihrer schwachen Stunde überfallen und sie sozusagen religiös vergewaltigen? Wenn wir das alles nicht wollen … was für eine Situation entsteht dann für uns, für die Kirche? Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen werden?
Ja, das ist die Frage: Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen werden? Wie? Er kann es. Gewiss. Denn er ist es. Aber wie können wir Ihm da Wegbereiter sein?
Was hilft es dir aber nun, wenn du das alles glaubst? Ich bin dadurch in Christus vor Gott gerecht und ein Erbe des ewigen Lebens.
Gute evangelische Antwort. Klassisch. Reformatorisch. Und heute ist ja Reformationstag. Wir feiern ihn. Aber populär ist er nicht. Populär ist Halloween.
Ja, ja ... die Menschen sind religiöser, als Bonhoeffer das für möglich hielt, aber sie sind nicht kirchlicher … und gemeindlich, in eine Art Gemeinde-Disziplin eingebunden … sind sie schon gar nicht. Bonhoeffer hat nach einer neuen Sprache gesucht. Nicht nach Zeitgeistjargon, sondern nach einer Sprache, die öffnend ist. Er hat sie nicht gefunden. Ich habe sie auch noch nicht gefunden. Solange das nicht der Fall ist, mag es schon viel sein, wenn die alte Sprache zu rechter Zeit erklingt. Manchmal gelingt das.
In den letzten Jahren, wenn ich zu Verstorbenen gerufen wurde zum Abschied, dann standen wir um das Bett herum; und am En-de sagte ich dann: Kommt, wir halten uns jetzt alle bei der Hand. Und jetzt sprecht mir nach: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.(Amen)
Nein, das ist keine neue Sprache; das ist der letzte Vers des 2. Korintherbriefes; dennoch: trotz der alten Sprache und trotz des bunten Kreises von Menschen, die religiös sehr unterschiedlich sortiert waren - ich hatte immer das Gefühl … jetzt, jetzt geht´s mit dem Abschied und mit der Beerdigung und mit der Chaos der Gefühle … jetzt … nachdem wir uns das gegenseitig gesagt haben.
Du bist nicht allein. Wir sind nicht allein. Am Anfang nicht. Und am Ende auch nicht. Vielleicht eine erste Antwort auf eine erste Frage eines Katechismus, der noch zu schreiben ist. Amen.

Gehalten am 31. Oktober 2013 in der Ev. reformierten Kirchengemeinde Hildesheim