Frage 60

Predigt von Pfarrer Dieter Krabbe, Nürnberg

"Wie bist du gerecht vor Gott?"

Der Prophet Habakuk schreibt: „Der Gerechte wird durch seinen Glauben leben.“
Und Paulus schreibt an die Christengemeinde in Rom: „Wir gehen davon aus, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke (allein) durch den Glauben.“

"Wie bist du gerecht vor Gott?"
Allein durch wahren Glauben an Jesus Christus. Zwar klagt mich mein Gewissen an, dass ich gegen alle Gebote Gottes schwer gesündigt und keines je gehalten habe und noch immer zu allem Bösen geneigt bin. Gott aber schenkt mir ganz ohne mein Verdienst aus lauter Gnade die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi. Er rechnet sie mir an, als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat, wenn ich allein diese Wohltat mit gläubigem Herzen annehme. 

Liebe Gemeinde!

Wenn wir als Kinder zu Hause voll aufdrehten und es allzu hoch her ging, dann schritt unser Vater nach einer Weile ein und meinte: „Was ist denn hier los? Ihr habt wohl einen kleinen Mann im Ohr!“ Diesen berühmten kleinen Mann bin ich sehr lange nicht losgeworden, er fühlte sich offenbar sehr wohl bei mir, und er saß nicht nur in meinem Ohr, um mich anzutreiben. Dieses unsichtbare nervige Wesen trieb bis vor gar nicht so langer Zeit sein Unwesen mit mir – indem es mir immer wieder einflüsterte: „Leiste etwas, sonst bist Du nichts wert. Du musst perfekt sein, sonst wirst Du nicht geliebt. Zeige bloß keine Schwäche, sonst bist Du schnell weg vom Fenster. Du musst Dir Deine Anerkennung, Deine Würde verdienen.“
Den kleinen Mann, diesen emsigen Antreiber, kennen wir vermutlich alle zur Genüge, liebe Gemeinde: Wenn wir uns nur über das definieren, was wir können und leisten oder uns leisten können – dann sitzt dieser kleine Mann nicht nur in unserem Ohr, er sitzt uns im Nacken. Redet uns ein schlechtes Gewissen ein: „Du tust nicht genug. Eigentlich solltest Du doch noch… Streng Dich an, sonst kannst Du nicht mithalten.“ Dieser kleine Störenfried hat übrigens noch einen Zwillingsbruder, den „Kleinen Häwelmann“, und der schreit dauernd: „Mehr, mehr, mehr!“ Auch der stellt uns unter einen Leistungsdruck, von dem wir uns nur mühsam befreien können.

Liebe Gemeinde, das ist die Kernfrage unserer Existenz: Wer bin ich? Bin ich nur das, was ich leiste? Wie stehe ich da vor anderen Menschen, wie stehe ich da vor Gott? Dietrich Bonhoeffer war von dieser Frage umgetrieben, als er im Gefängnis saß. Aus Berlin-Tegel schreibt er in sein Tagebuch 1944:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss… Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe… Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?“ (WE 179).

Dietrich Bonhoeffer fragt: So wie wir immer aufs Neue fragen – nach dem, was uns als Menschen ausmacht, was uns umtreibt. Aber Bonhoeffer klammert in seinem Gedicht Gott aus, zunächst jedenfalls. Und darin klingt er sehr modern. Denn ganz anders als noch ein Martin Luther oder ein Zacharius Ursinus, dem wir ja hauptsächlich den „Heidelberger“ verdanken, geht es heutzutage weniger um die Frage nach Gott – geschweige denn, wie wir vor ihm dastehen. Und ob wir uns einmal vor ihm verantworten werden, uns vor ihm rechtfertigen müssen, ist inzwischen selbst unter Theologen strittig. Gott ist zu einem lieben, netten Onkel von nebenan geworden, den man nicht groß vermissen wird, wenn er mal nicht mehr da ist.
Den Reformatoren aber brannte noch die Frage nach Gott auf den Nägeln. Martin Luther ließ es keine Ruhe, er fragte inständig: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Und kurz darauf fängt der „Heidelberger“ den Ball auf und fragt ganz ähnlich: „Wie bist Du gerecht vor Gott?“ Ja, gewiss, wir fragen heute anders. In einer Gesellschaft, die Gott offenbar mehr und mehr verdrängt und vergisst, da drängt sich die Frage nach dem Hier und Jetzt in den Vordergrund – die Frage: „Wie bekomme ich mein Leben auf die Reihe?“

Vorbei die Zeiten, da ein Martin Luther gegen die frommen und guten Werke wetterte: Mit denen Menschen versuchten, sich besondere Verdienste bei Gott zu erwerben, mit denen sie ihn gnädig stimmen, mit denen sie sich den Himmel verdienen wollten. Wer von uns will sich noch durch viel Beten, durch Spenden oder dadurch, dass er möglichst häufig zur Kirche geht, besondere Verdienste bei Gott oder gar das Seelenheil erwerben? Nein, wir versuchen nicht mehr mit Gott zu handeln, dafür ist er uns zu fern und zu fremd geworden.
Und doch, glaube ich, hat unsere Frage: „Wie bekomme ich mein Leben auf die Reihe?“ mehr mit Gott zu tun, als wir vielleicht meinen. Denn wir können auf die Frage nach dem Sinn, nach dem Woher und Wohin, nach dem Tiefgang unseres Lebens auf Gott stoßen, auf das innerste und letzte Geheimnis allen Lebens.
Unsere Gefahr heute besteht darin, dass wir uns von dem kleinen Mann im Ohr beherrschen lassen, diesem Antreiber: Dass wir uns allein über das definieren, was wir können, was wir haben oder leisten. Es kann einem nur Angst und Bange werden, wenn wir sehen, welche Rolle das „Leistungsprinzip“ mittlerweile unter uns spielt, angefangen bei unseren Kleinsten im Kindergarten. „Wer ist denn der Kleine da vorne?“ fragt eine Mutter in der KiTa. „Das ist der Herr Professor von morgen!“ – „Aha. Und das Mädchen neben ihm?“ – „Die wird Rechtsanwältin, wir haben ihr schon einen Studienplatz reserviert!“ – Du bist, was Du leistest. Und unser Nachwuchs wird immer früher auf die Karriereleiter gesetzt und damit um seine Kindheit betrogen. Wir wollen auf allen Gebieten vollkommen sein: Ein toller Ehemann mit gut bezahltem Beruf, flottem Auto und zweimal Urlaub im Jahr. Die perfekte Mutter, die wir einmal im Jahr besonders bedenken mit Blumen und Pralinen. Die „Quotenfrau“, die den Mannsbildern nacheifert. Die attraktive Partnerin, der man ihr wahres Alter nicht ansehen soll. Wir leben so, als hinge unsere Würde von dem ab, wie wir uns geben und was wir zu leisten imstande sind.

Der Prediger Salomo sagt: „Es ist alles ganz eitel. Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind. Ein jegliches hat seine Zeit“ (Pred 1,2+14 + 3,1). Auch unser Kampf um Anerkennung und Liebe, auch unsere Leistungsfähigkeit hat nur eine bestimmte Zeit. Und was dann; wenn uns die Kräfte verlassen; wenn wir alt und schwach werden; sind wir dann nichts mehr wert? Der kleine Mann im Ohr macht ständig Überstunden. Gewiss, ohne Leistung gelingt nichts, weder in der Schule noch im Beruf. Aber es kommt darauf an, ob die Leistung als alleiniger Maßstab für unser Leben und Zusammenleben gilt.

„Wer bin ich?“ Und: „Wie bekomme ich mein Leben auf die Reihe?“ Kein Mensch kann leben von dem, was er leistet oder sich leisten kann. Am deutlichsten wird mir das an kleinen Kindern: Sie können nicht leben von dem, was sie schaffen; sie leben einfach davon, dass sie geliebt werden, bejaht werden, ohne Wenn und Aber – bedingungslos. Nicht von Ungefähr stellt uns Jesus die Kinder als Vorbild hin: Sie können sich noch beschenken lassen, ohne an eine Gegenleistung zu denken. Ihr unbedingtes Vertrauen in die Güte ihrer Eltern und damit wohl auch in die Güte ihres himmlischen Vaters – sie sind darin unschlagbar. Und in einem Punkt bleiben sie uns Erwachsenen wohl stets überlegen: Sie werden durch nichts so aktiviert und erfreut wie durch gute Geschenke. Der Satz: „Ich habe Dir was Schönes mitgebracht!“ – löst jedes Mal neue Freudenstürme aus. Kinder spielen mit den Geschenken, zeigen sie stolz einem jeden, führen sie vor, und sie sind von ihnen nicht mehr loszukriegen, wenn wir sie ins Bett bringen wollen.

Liebe Gemeinde, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt – die können wir uns nicht verdienen, mit all unserem Leisten und Schaffen nicht erzwingen. Die Gerechtigkeit Gottes ist so wie ein Geschenk, das ein Kind fröhlich und vielleicht sogar etwas unverschämt annimmt – ohne gleich das Zauberwort „Danke“ über seine Lippen zu bringen. Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, hat uns allein Jesus, Gottes Liebe in Person, erworben: Durch seine Lebenshingabe, durch sein Leiden, durch sein Sterben und Auferstehen. Wir dürfen dieses Geschenk auch mit schmutzigen Händen und schmutzigen Herzen annehmen – es wird uns verwandeln, es wird uns gewiss machen, dass wir Gott recht sind: Dass er uns annimmt und wir vor ihm dastehen zwar als Bettler, aber die wissen, wer sie „mit allem versorgt, was sie für Leib und Seele nötig haben“ (HK 26).
Die Gerechtigkeit Gottes bringt Dein verkorkstes Leben zurecht, bringt Dein Leben auf die Reihe – und plötzlich kannst Du glauben und lieben und hoffen. Kannst den kleinen Mann abschütteln und fällst nicht länger auf ihn herein. Denn Gott schenkt Dir über die Maßen, was Du Dir niemals verdienen könntest. Er schenkt bedingungslos, einfach so, aus lauter Liebe. Wie solltest Du da noch auf das schielen, was Du leisten oder Dir leisten kannst? Du bist beschenkt – und damit wirst Du bereit, zu teilen und zu verzichten, damit auch andere etwas von Gottes Barmherzigkeit und Liebe spüren. Am Ende unseres Lebens, so sagte Pfarrer Wenzel oft auf dem Friedhof, am Ende kommt es nicht darauf an, was wir alles geleistet haben, ob wir immer Recht gehabt haben – am Ende zählt allein, was wir aus Liebe empfangen und weitergegeben haben.

„Wer bin ich?“ – so fragt Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis. Gerechtfertigt bin ich, Gott recht, er bringt mein Leben auf die Reihe – und nun bin ich zu einem Leben in Freiheit und Verantwortung bestimmt. Jesus steht mir bei, sein Geist macht mich des ewigen Lebens gewiss. Er sorgt dafür, dass ich diese „Wohltat mit gläubigem Herzen annehme“ (HK 60) und Gott unter allen Umständen vertrauen kann.

Liebe Gemeinde, lasst uns daran festhalten: Jeder Mensch, jedes Geschöpf dieser Erde, hat bei Gott eine unverlierbare Würde, für die nur Gott selbst ihm die Augen öffnen kann. Eine Würde, ganz unabhängig von jeder menschlichen Leistung.

Dietrich Bonhoeffer schließt sein Gedicht „Wer bin ich?“ mit der tröstlichen Gewissheit: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ (WE 179).
Er hätte auch sagen können: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre“ – das ist und bleibt mein einziger Trost. Mehr braucht es nicht, wirklich nicht.
Amen.

Predigt gehalten am 12. Mai 2013 zu Habakuk 2,8,  Römer 3,28 und HK 60 in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Nürnberg.